Zum Start ins Jahr 2026 steht die Aktie des weltweit wertvollsten Unternehmens Nvidia auf wackeligem Fundament. Seit dem Rekordhoch am 29. Oktober hat das Papier rund 8% eingebüßt und den S&P 500 damit deutlich unterperformt. Anleger zweifeln zunehmend an der Nachhaltigkeit der KI-Investitionswelle – und daran, ob der Chipkonzern seine Dominanz im Markt dauerhaft verteidigen kann. Da die Konkurrenz wächst und die Zweifel am KI-Boom zunehmen, könnte die Aktie nun vor ihrem größten Prüfstein stehen.
Nvidia-Aktie vor großem Prüfstein
Streng genommen ist die laufende Konsolidierung gar nicht so bemerkenswert – schließlich war die Nvidia-Aktie bis zum Tag des letzten Allzeithochs seit Ende 2022 bereits um mehr als 1.300% gestiegen. Die Marktkapitalisierung lag am Rekordhoch bei über 5 Billionen Dollar. In wenigen Monaten büßte der Konzern nun rund 460 Milliarden Dollar an Börsenwert ein; der Dreijahresgewinn liegt dennoch bei fast 1.200%. Am Dienstag legte der Aktienkurs zwischenzeitlich um 1,5 % zu.
Parallel steigt der Wettbewerbsdruck: Rivalen wie Advanced Micro Devices (AMD) holen auf, zugleich entwickeln die größten Nvidia-Kunden – darunter Alphabet und Amazon – zunehmend eigene KI-Chips, um die hohen Kosten von Nvidia-GPUs zu umgehen, die teils mehr als 30.000 Dollar pro Stück kosten. Zudem wächst an der Wall Street die Skepsis gegenüber Nvidias Beteiligungen und Investitionen bei mehreren Kunden, die als künstliche Stütze der Nachfrage interpretiert werden könnten. „Die Risiken sind eindeutig gestiegen“, sagt JoAnne Feeney, Partnerin und Portfoliomanagerin bei Advisors Capital Management.
Ein deutlicher Nvidia-Abschwung hätte Signalwirkung für den Gesamtmarkt: Seit Beginn des Bullenmarkts im Oktober 2022 entfallen laut Bloomberg-Daten rund 16% des S&P-500-Anstiegs auf Nvidia – mehr als doppelt so viel wie auf den nächstgrößten Treiber Apple (rund 7%).

Wachstum trifft auf Gegenwind
Trotz der Sorgen bleibt die Nachfrage nach der Aktie hoch – auch weil Nvidia im Vergleich zu vielen Big-Tech-Werten günstiger bewertet ist, obwohl die Gewinn- und Umsatzprognosen weiter „heiß laufen“. Für das nächste Geschäftsjahr (Ende Januar 2027) erwarten Analysten 57% Gewinnwachstum bei 53% Umsatzplus. Apple soll dagegen in beiden Kennziffern nur um etwa 10% zulegen.
Auch die Analystenmehrheit bleibt klar bullish: 76 von 82 Experten empfehlen den Kauf der Aktie, nur ein Analyst rät zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel impliziert ein Potenzial von 37% in den nächsten zwölf Monaten – was den Börsenwert über 6 Billionen Dollar treiben würde. „Nvidia dürfte weiterhin eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen an den Aktienmärkten sein“, sagt Feeney. „Will man das besitzen? Ja.“
Operativ setzt Nvidia auf Innovation: Die nächste Chipgeneration „Rubin“ soll noch in diesem Jahr an den Start gehen, Kunden könnten die Technologie bald testen, erklärte CEO Jensen Huang am Montag auf der CES in Las Vegas. „Die Nachfrage nach Nvidia-GPUs schießt durch die Decke“, sagte Huang. „Sie schießt durch die Decke, weil die Modelle um den Faktor zehn wachsen – eine Größenordnung in jedem einzelnen Jahr.“
Vor diesem Hintergrund rücken 2026 für Nvidia drei Themen in den Fokus: Wettbewerb, Margen und Bewertung.
Chip-Wettkampf wächst
Nvidia gilt weiterhin als Primus bei KI-Beschleunigern und kontrolliert mehr als 90% des Marktes. Doch Konkurrenten gewinnen an Momentum. AMD konnte große Rechenzentrumsaufträge von OpenAI und Oracle sichern; der Rechenzentrumsumsatz soll 2026 laut Bloomberg-Daten um rund 60% auf nahezu 26 Milliarden Dollar steigen. Gleichzeitig bauen Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft – zusammen für über 40% von Nvidias Erlösen verantwortlich – eigene Chips, um unabhängiger von Nvidia zu werden. „Die Leute werden günstigere Chips nutzen, wenn sie können“, sagt Michael O’Rourke, Chefmarktstratege bei Jonestrading. „Eines ist klar: 90% Marktanteil zu halten, wird eine Herausforderung.“
Alphabet arbeitet seit über einem Jahrzehnt an Tensor Processing Units (TPUs) und optimiert Produkte wie den Gemini-Chatbot für diese Architektur. Im Oktober meldete Alphabet zudem einen Chip-Deal mit Anthropic im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar. Laut The Information soll Meta mit Google Cloud über Chip-Mieten für 2026 sprechen – mit Einsatz in Rechenzentren ab 2027. Profiteur dieser „Custom-Chip“-Welle ist Broadcom: Das ASIC-Geschäft (Application-Specific Integrated Circuits) hat den Konzern in die Liga der wertvollsten Unternehmen katapultiert – mit 1,6 Billionen Dollar Börsenwert inzwischen größer als Tesla.
Nvidia reagiert: Die Lizenzierung von Technologie sowie das Abwerben von Führungskräften des Start-ups Groq am 24. Dezember kann als Eingeständnis gewertet werden, dass spezialisierte, günstigere Chips an Bedeutung gewinnen. Künftig will Nvidia Elemente der Groq-Architektur integrieren, um sogenannte Low-Latency-Halbleiter als Alternative zu ASIC-Ansätzen anbieten zu können.
Gleichzeitig bleibt der Gesamtbedarf enorm: Trotz eigener Chips „saugen“ Big-Tech-Konzerne weiterhin Nvidia-Hardware in großem Stil auf. Bloomberg-Intelligence-Analysten erwarten daher, dass Nvidias Marktanteil auf absehbare Zeit weitgehend stabil bleibt. Morgan-Stanley-Analyst Joseph Moore schreibt: „Der Markt unterschätzt Nvidias Position.“ Und weiter: „Wir glauben weiterhin, dass Nvidia die Lösung mit dem höchsten ROI in der Cloud sein wird.“
Capex-Boom trifft Preisdruck
Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta dürften ihre Kapitalausgaben 2026 auf über 400 Milliarden Dollar steigern – ein Großteil für Data-Center-Equipment. Hinzu kommen hunderte Milliarden Dollar für langfristige Rechenzentrumsanmietungen. OpenAI hat sogar Investitionen von 1,4 Billionen Dollar in den kommenden Jahren in Aussicht gestellt, auch wenn Zweifel bestehen, ob das verlustreiche Unternehmen die Kosten tragen kann.
Mit wachsendem Konkurrenzdruck achten Investoren besonders auf Nvidias Bruttomarge. Diese lag 2024 und 2025 „in den mittleren 70ern“, sank jedoch 2026 wegen höherer Kosten beim Hochlauf der Blackwell-Chips. Erwartet werden 71,2% im Geschäftsjahr 2026 (Ende 31. Januar), bevor Nvidia für 2027 wieder „rund 75%“ anpeilt. Eine Enttäuschung bei den Margen könnte daher schnell Alarm an der Wall Street auslösen.
Ein stabilisierender Faktor bleibt die Bewertung: Mit rund dem 25-Fachen des erwarteten Gewinns der nächsten zwölf Monate handelt Nvidia günstiger als alle „Magnificent Seven“ außer Meta – und sogar preiswerter als mehr als ein Viertel der S&P-500-Werte. Bank-of-America-Analyst Vivek Arya sagt: „Nvidia wird bewertet, als ob der Zyklus vorbei ist, als ob niemand mehr KI einsetzen wird, als ob es viele Stolpersteine geben wird.“ Und ergänzt: „Das ist die Chance aus Investorensicht – und natürlich ganz anders als am Höhepunkt des Internet-Booms.“
FMW/Bloomberg
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