Devisen

Warum die türkische Lira weiter brutal abstürzt

Türkei Flagge

Die türkische Lira wertet immer weiter ab. Was ist hier los? Erst vor wenigen Tagen hatte die türkische Zentralbank ihren Leitzins noch weiter gesenkt, womit die Inflationsrate noch weiter oberhalb des Zinsniveaus lag. Aber halt! Erst gestern hatten die staatlichen Statistiker in der Türkei die Inflationsrate für April veröffentlicht mit „nur noch“ 10,94 Prozent nach 11,86 Prozent im März. Also hat die Türkei wie viele andere Länder auch aktuell den Vorteil, dass die Coronakrise und der Ölpreis-Crash eher inflationsdämpfend wirken. Tja, „nur noch“ 10,94 Prozent, das ist immer noch verdammt viel. Aber für die Zentralbank bietet das Luft für weitere Zinssenkungen?

Türkische Lira fällt immer weiter

Aber: Trotz dieser rückläufigen Inflation fällt die türkische Lira derzeit weiter gegen US-Dollar und Euro. Das macht die aktuelle Lage umso dramatischer. Gestern vor Veröffentlichung der Inflationsrate lag US-Dollar vs Lira noch bei 7,02, jetzt aktuell notiert der Wechselkurs bei 7,08. Damit rückt man immer näher an das historische Allzeittief für die türkische Lira, das im Jahr 2018 bei 7,23 Lira für 1 US-Dollar erreicht wurde. Im Chart sieht man den steigenden US-Dollar gegen die fallende Lira im Verlauf der letzten zehn Jahre. Im August 2018 erlebte die Lira ihren großen Crash. Und nun macht sich der Markt auf, dieses Tief zu unterschreiten?

Die Gründe für den Lira-Absturz sind vielschichtig. Die ständigen Zinssenkungen in der Türkei, die auch schon lange vor der Coronakrise schrittweise vollzogen wurden, schwächen die türkische Lira immer weiter. Dazu kommt vermutlich (?) ein grundlegendes Misstrauen ausländischer Investoren gegen die Regierung Erdogan, Thema Rechtsstaatlichkeit etc? Und natürlich aktuell die Coronakrise. Die in den Augen der globalen Investoren-Community am Schwächsten angesehenen Währungen sind derzeit am Anfälligsten, und können dann auch immer weiter abstürzen. So geschieht es derzeit auch mit der Lira. Am 21. April erwähnten wir den Lira-Absturz zusammen mit einigen anderen Schwellenländer-Währungen.

Der US-Dollar „gibt ihnen den Rest“, so betitelten wir den Artikel. Denn in Krisenzeiten fliehen die Anleger in die vermeintlich sicheren Häfen. Und neben dem Schweizer Franken ist das als übergroßer Währungsraum auch der US-Dollar. Einige Kommentatoren wie beispielsweise die Commerzbank (siehe hier) erwähnen derzeit, dass schon länger die Möglichkeit bestanden habe, dass eine plötzliche Abwertung der türkischen Währung jederzeit möglich sei, auch ohne besondere fundamentale Gründe. Und ja, die gesamte Gemengelage macht die türkische Lira nun mal anfällig. Hauen genug Zocker am freien Devisenmarkt dann noch drauf, kann sich ein Move leicht verselbständigen.

Aber schaut man auf die letzten Monate, dann ist es ein lange anhaltender gleichmäßiger Absturz. Zum Jahresanfang sah man bei Dollar vs Lira noch einen Kurs von unter 6, im letzten Sommer von 5,60. Das große Problem dieser immer schwächeren Lira ist ihr Gegenpart, der Euro, aber vor allem der US-Dollar. Denn viele Verbraucher und vor allem Unternehmen in der Türkei sind in US-Dollar verschuldet. Je tiefer die Landeswährung gegen den Dollar fällt, desto mehr türkische Lira müssen die Schuldner Monat für Monat aufbringen, um die gleich hohe Kreditrate in US-Dollar bedienen zu können. Volkswirtschaftlich gesehen ist das ein stetig wachsendes Problem, dass schon vor der Coronakrise existierte, jetzt aber noch beschleunigt wird.

US-Dollar vs Türkische Lira seit dem Jahr 2010



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