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Warum eine fortgesetzte Zinswende in den USA zur Katastrophe für die Schwellenländer werden kann

Die Zinswende in den USA hat vor einem halben Jahr begonnen. Mehrere Schritte gab es bereits, und weitere Zinsanhebungen stehen bevor. Die Frage ist, ob die Federal Reserve stumpf die Zinsen weiter anhebt, obwohl die US-Konjunktur immer...

FMW-Redaktion

Die Zinswende in den USA hat vor einem halben Jahr begonnen. Mehrere Schritte gab es bereits, und weitere Zinsanhebungen stehen bevor. Die Frage ist, ob die Federal Reserve stumpf die Zinsen weiter anhebt, obwohl die US-Konjunktur immer schwächer wird. Was aber hat das mit den Schwellenländern zu tun? Nun, eine konkrete Aussage der „Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ (BIZ) in der Schweiz hilft da weiter. Sie ist die Zentralbank der Zentralbanken. Mitglied in der BIZ kann nur eine Zentralbank werden. Sie ist systemtechnisch sozusagen eine zentrale Schaltstelle des globalen Finanzwesens.

Wenn jemand globale Finanz-Kennzahlen kennen sollte, dann doch wohl die BIZ (und der IWF?). Die BIZ sagt in ihrem gerade frisch erschienenen Jahresbericht, dass für den Zeitraum von 2009 bis 2016 die Summe aller Kredite in US-Dollar, die außerhalb der USA an Nicht-Banken vergeben wurden (also an Verbraucher und Unternehmen), um 50% auf 10,5 Billionen Dollar angestiegen ist. 3,6 Billionen Dollar davon entfallen auf Schwellenländer. Damit liegt ihr Anteil doppelt so hoch wie zum Ende der Finanzkrise.

Was bedeutet das konkret? Je weiter die Zinsen in den USA angehoben werden, desto stärker wird der US-Dollar gegenüber anderen Währungen. Ein steigender Dollar gegen schwache kleine Währungen von Schwellenländern, was bedeutet das? Richtig, die Währungen der Schwellenländer fallen – im Umkehrschluss wird der US-Dollar für Verbraucher und Unternehmen in diesen Ländern immer teurer. Da man dort ja viel mehr Schulden in US-Dollar hat als vor der Finanzkrise, wird die Schuldenrückzahlung somit drastisch teurer. Die Folgen könnten dramatisch sein, wenn dann immer mehr Schuldner nicht mehr zahlen können – und das nur wegen dem starken Dollar.

Natürlich ist das Kernproblem vorher in der Kreditaufnahme zu suchen. Dort hätte die neue Verschuldung in Dollar verhindert werden müssen. Jetzt aber darf man nur noch bangen, wie oft die Amerikaner anheben, und wie stark der Dollar sich in Regionen wie Südamerika, Afrika und vor allem Asien verteuert für die dortigen Schuldner. Aufgrund dieser Schulden hält die BIZ die Dominanz des US-Dollar für einen „neuralgischen Punkt“ im globalen Finanz- und Währungssystem.

Und sonst? Was hat man sonst noch Interessantes zu sagen? Hier die BIZ auszugsweise im Zitat:

Der gegenwärtige Wirtschaftsaufschwung bietet eine Chance zur Stärkung der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit. Unter anderem muss die Fähigkeit der Weltwirtschaft verbessert werden, Schocks zu verkraften und sich neuen Trends anzupassen. Zudem muss dem Entstehen neuer Ungleichgewichte vorgebeugt werden. Auf internationaler Ebene muss der multilaterale Ansatz, der das Wirtschaftswachstum in den vergangenen sechzig Jahren unterstützt hat, entschlossener verfolgt werden. Auf nationaler Ebene gilt es, wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum zurückzugewinnen, Reformen umzusetzen, die das Wachstum langfristig ankurbeln, und Maßnahmen zur Minderung der mit grundlegenden Veränderungen verbundenen Anpassungskosten zu ergreifen. Solche Anpassungskosten ergeben sich zum Beispiel aus der Globalisierung und dem technologischen Wandel.

Handels- und Finanzintegration haben weltweit zu einer enormen Verbesserung des Lebensstandards geführt. Gleichzeitig waren die Gewinne nicht immer gleichmäßig verteilt. Anpassungskosten und finanzielle Risiken bedürfen einer sorgfältigen Steuerung; die Integration wieder rückgängig zu machen, ist aber nicht die Lösung, so die BIZ in einem gesondert veröffentlichten Kapitel. Die Globalisierung – genau wie der technologische Fortschritt – stellt eine unschätzbare gemeinsame Ressource dar, die enorme Chancen bietet. Nun gilt es sicherzustellen, dass sie auch als Ressource wahrgenommen wird, nicht als Hindernis, und dass ihre Chancen genutzt werden, so der Jahresbericht.

Was sind laut BIZ die vier zentralen Risiken für die Weltwirtschaft?

1)
Ernsthafter Stress im Finanzsystem könnte entstehen, weil der finanzielle Zyklus in seiner Abschwung-Phase ankommt. FMW-Anmerkung: Die Bullen-Phase an den Börsen dauert schon extrem lange an! Viel länger als üblich, wenn man an Konjunkturzyklen denkt!

2)
Ein deutlicher Anstieg der Inflation könnte die Zentralbanken dazu bewegen ihre bisherigen Lockerungen stärker einzudampfen als bisher gedacht.

3)
Die Konsumausgaben könnten unter der Last der bis dato angehäuften Schulden einbrechen. Investitionsausgaben könnten als Ersatz-Stimulus für das Wirtschaftswachstum scheitern.

4)
An Anstieg des Protektionismus könnte die globale ökonomische Ordnung ändern.

Als Kern-Fazit kann man aus dem Bericht der BIZ herauslesen, dass sie von den Zentralbanken eine geldpolitische Wende wünscht (Zinsanhebungen), damit man bei der nächsten Rezession Spielraum hat sie wieder senken zu können. Was bedeutet das? Der Junkie (Wirtschaft und Finanzmärkte) hat sich jahrelang an die Droge gewöhnt. Wenn man jetzt keinen Entzug macht, bringt die Erhöhung der Dosis (Negativzinsen noch weiter ins Minus drücken) wenig bis gar nichts. Also sollten die Zinsen jetzt spürbar steigen. Wenn vielleicht in Europa in zwei drei Jahren die nächste Rezession da ist, dann kann man ja die Zinsen von Pluszinsen wieder ins Negative drücken, also einen „neuen Stimulus“ erzeugen. So ist die Aussage der BIZ wohl sinngemäß zu deuten.

Der gesamten Bericht der BIZ ist hier zu finden.


Die Zentrale der BIZ in Basel. Foto: Taxiarchos228 / Wikipedia (FAL)



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