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Die Angst, die Rally zu verpassen Warum FOMO die Aktienmärkte stärker bewegt als Fakten

Warum FOMO die Aktienmärkte stärker bewegt als Fakten
Händler arbeiten auf dem Parkett der New York Stock Exchange. Foto: Bloomberg

Während Donald Trump mit dem Ablauf seiner Zollpause am 9. Juli erneut Druck auf die globale Handelspolitik ausübt, zeigen sich die Aktienmärkte unbeeindruckt. Der S&P 500 klettert weiter auf neue Allzeithochs, obwohl konkrete Handelsabkommen fehlen und neue Zölle drohen. Anleger scheinen die Risiken auszublenden – oder setzen bewusst darauf, dass Trump wie so oft zurückrudert. Zudem überwiegt die Angst, die Rally zu verpassen (FOMO). Doch wie lange hält dieser Balanceakt zwischen politischer Unsicherheit und Börseneuphorie noch an?

Aktienmärkte von FOMO getrieben

Trotz der nahenden Frist zur möglichen Wiedereinführung von Zöllen durch Donald Trump am 9. Juli zeigen sich die Aktienmärkte unbeeindruckt. Der S&P 500 eilt von Rekord zu Rekord, während die Volatilität weiterhin niedrig ist. Die Anleger scheinen sich eher von der Angst treiben zu lassen, Kursgewinne zu verpassen, als sich von Sorgen über Trumps Zollpolitik beeinflussen zu lassen. Einem Bericht von Bloomberg zufolge setzen viele Marktbeobachter darauf, dass der US-Präsident erneut zurückrudern wird – ein bekanntes Muster, das Analysten inzwischen mit dem Kürzel „TACO“ – Trump Always Chickens Out umschreiben.

Die Erwartung, dass Trump letztlich keine Eskalation der Handelsspannungen riskiert, trifft auf eine starke Marktstimmung. Die wirtschaftliche Lage bleibt überrasschend robust, Unternehmensgewinne stabilisieren sich, und die Risikobereitschaft der Anleger wächst. „Es gibt weiterhin einen gewissen Fokus auf den 9. Juli, aber es stehen mittlerweile viele andere Faktoren im Vordergrund“, kommentiert Michael Kantrowitz, Chefstratege bei Piper Sandler. „Solange es keine deutlichen Anstiege bei Zinsen, Inflation oder Arbeitslosigkeit gibt, werden die Aktien weiter steigen.“

Der S&P 500 hat gerade sein bestes Quartal seit Dezember 2023 abgeschlossen und erstmals in der Geschichte die Marke von 6.200 Punkten überwunden. Der technologielastige Nasdaq 100 verzeichnete sein bestes Quartal seit März 2023, da die üblichen Spitzenreiter der Aktienmärkte – die großen Tech-Werte – wieder die Kurse antrieben.

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Smart Money treibt die Rally

Im zweiten Quartal erzielte der S&P 500 seine beste Performance seit Dezember 2023 und überwand zwischenzeitlich sogar die Marke von 6.200 Punkten. Auch der Nasdaq 100 verzeichnete das stärkste Quartal seit März 2023. Nach einer Schwäche im ersten Quartal kehren die Marktführer aus dem Technologiesektor wieder an die Spitze zurück. Während die jüngste Kursrally zunächst vor allem von Privatanlegern getragen wurde, beginnt nun auch das sogenannte „Smart Money“, also institutionelle Investoren, zunehmend zu investieren. „Was als Erleichterungsrallye begann, entwickelt sich zu etwas Reellem – und das zieht Anleger langsam, aber sicher an“, erklärt Steven Chiavarone von Federated Hermes.

Daten der Deutschen Bank zeigen, dass systematische Strategien ihre Aktienpositionen zuletzt deutlich erhöht haben, wenngleich die Gewichtungen in vielen Sektoren noch unter dem historischen Durchschnitt liegen. Laut Kantrowitz haben die Aktienmärkte inzwischen 84 % der makroökonomischen Risiken eingepreist. Trotz geopolitischer Spannungen im Nahen Osten, Unsicherheit über den Zinspfad der Fed und der Sorge über Trumps Handelspolitik bleibt angesichts eines Kursanstiegs im S&P 500 um über zehn Billionen Dollar seit April weiteres Aufwärtspotenzial bestehen.

Verhaltene Begeisterung

Doch nicht alle Experten teilen den anhaltenden Optimismus. Auch wenn Trump seine Zölle erneut aussetzt, drohen dennoch neue Abgaben, die sowohl Unternehmen als auch Verbraucher belasten könnten. „Wir werden letztlich mit hohen Zollsätzen enden und diese Kosten irgendwann absorbieren müssen“, warnt Alexander Altmann von Barclays. Da die Prognosefähigkeit für längerfristige Entwicklungen aktuell eingeschränkt ist, steigen die Aktienmärkte derzeit im Blindflug.

Nach geltendem Stand sollen alle Länder ohne bilaterales Handelsabkommen ab dem 9. Juli mit höheren Zöllen belegt werden – diese übersteigen die bisherige „reziproke“ Basisrate von 10 % deutlich. Zwar hat das Vereinigte Königreich ein Rahmenabkommen geschlossen, der einige Abgaben reduziert, jedoch bleiben etwa 25 %-Zölle auf Stahl bestehen. Auch mit China wurde ein grundlegendes Abkommen abgeschlossen, doch laut US-Handelsminister Howard Lutnick bleiben zentrale Punkte offen. Japan und die EU hingegen sehen sich weiterhin mit neuen Zollandrohungen konfrontiert. „Wir haben keine bedeutenden Handelsabkommen – nur einige Absichtserklärungen und lose Übereinkünfte“, erklärt Kate Moore von Citigroup. „Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass die Aktienmärkte das nicht stärker beachten.“

Gleichzeitig stützt sich die derzeitige Marktdynamik auf positive Impulse jenseits der Zollpolitik. Der Technologiesektor profitiert nach wie vor stark vom KI-Boom, Banken von regulatorischen Lockerungen und Trumps jüngst verabschiedetes Steuer- und Ausgabenpaket im Umfang von 3,3 Billionen US-Dollar sorgt für zusätzliche fiskalische Impulse. Die knappe Zustimmung des US-Senats – mit der entscheidenden Stimme von Vizepräsident J.D. Vance – dürfte allerdings im Repräsentantenhaus noch auf Hürden stoßen.

Bullishes Setup für die Aktienmärkte

Die Handelsabteilung von JPMorgan bleibt indessen optimisitsch: Die Aktienmärkte befinden sich in einem „bullishen Setup“, das durch positive Gewinnentwicklungen gestützt werde. Erwartete Handelsabkommen könnten die Stimmung weiter heben. Andrew Tyler, Leiter der globalen Marktanalyse der Bank, verweist auf den am Donnerstag anstehenden US-Arbeitsmarktbericht. „Solange die Zahl über 100.000 liegt, erwarten wir neue Rekordstände an den Aktienmärkten“, prognostiziert er. Laut einer Bloomberg-Umfrage erwarten Analysten ein Zuwachs von rund 110.000 Stellen.

Für viele Investoren steht daher weniger die Zollpolitik Trumps im Fokus als vielmehr die anhaltende Marktdynamik. „Der Markt wird für den Moment über mögliche Risiken hinwegsehen“, so Tyler. „Wir glauben zudem, dass die Frist für den 9. Juli erneut verschoben wird, um Marktvolatilität zu vermeiden.“

Ungeachtet der Unsicherheit über Trumps nächste Schritte bleibt festzuhalten: Der S&P 500 und die Aktienmärkte insgesamt profitieren derzeit von einem Momentum, das stärker ist als jede handelspolitische Drohung. Oder wie Kate Moore es zusammenfasst: „Es fühlt sich nicht wie ein fundamental getriebener Markt an – obwohl Technologie und künstliche Intelligenz Stärke zeigen.“ Anleger handeln aus der Angst heraus, Gewinne zu verpassen (FOMO) – und nicht aus Überzeugung über langfristige Fundamentaldaten. Doch solange dieser psychologische Treiber wirkt, bleibt selbst die Aussicht auf neue Zölle eher ein Randthema in einem Markt, der nach oben strebt.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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1 Kommentar

  1. Ich sehe kein Erpressungspotential der EU, weshalb ich nicht glaube das Trump diesmal einknicken wird. Die US-Börsen sollte das nicht belasten. Warum auch? Weniger Wettbewerb heißt höhere Gewinne für US-Unternehmen. Und Digitalsteuern zu erheben wird die EU sich nicht trauen, alleine weil man Angst hat was Trump dann in Bezug auf Putin machen könnte.

    Aus dem Grund hoffe ich auf Kaufkurse für EU-Aktien.

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