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Warum Kredite in der Coronavirus-Krise allein nicht helfen

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

In Deutschland gibt es über 5 Millionen Selbstständige und Freiberufler, denen allein mit Krediten in der aktuellen Krise nicht geholfen ist. Gerade bei Einzelunternehmern, zu denen auch die quasi scheinselbstständigen Ich-AGs gehören, reicht das Liquiditätspolster oft nur für wenige Wochen. Statt zeitaufwendig und bürokratisch Kredite über die KfW zu vermitteln, sollten schnell und unbürokratisch Notgelder direkt an die Betroffenen ausgezahlt werden.

Wie kommen Millionen Bedürftige schnell an Kredite der KfW?

Angestellte und Arbeiter werden im Notfall durch Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld (ALG 1) finanziell aufgefangen. Doch das gilt nicht automatisch für Selbstständige. Allein die Zahl der Einzelunternehmer mit 0-9 Angestellten umfasst in Deutschland über 2.000.000 Kleinstbetriebe. Dazu gehören neben relativ gut situierten Steuer- und Unternehmensberatern auch Anwälte und Notare.

Aber in vielen Fällen handelt es sich um quasi zwangsselbstständige Ich-AGs. Diese Selbstständigen generieren Einkünfte auf dem Niveau von Mindestlöhnen und können sich Verdienstausfälle von mehreren Wochen nicht leisten. Aufgrund der geringen Einkünfte haben diese Pseudo-Unternehmer auch keine freiwillige Arbeitslosenversicherung abgeschlossen oder nennenswerte Rücklagen bilden können. Der Zweck der Ich-AG ist lediglich, die Zahl der Hartz IV Empfänger in der Statistik zu schmälern, in dem diese Menschen ganz normale Tätigkeiten, die sonst im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses erfolgen, auf selbstständiger Basis durchführen (ohne Lohnnebenkosten). Bei wegbrechenden Einnahmen werden diese Menschen binnen kürzester Zeit auf Hartz IV (ALG II) zurückfallen. Der Regelsatz beträgt hier aktuell 432 Euro pro Monat, wird aber erst zum Monatsultimo nach der Bewilligung erstmals ausbezahlt.

Besonders insolvenzgefährdet sind Freiberufler und Einzelunternehmer aus dem Dienstleistungssektor. Die Einnahmen von Darstellern und Schauspielern, Uber-Fahrern, Putz- und Sicherheitskräften, Eisverkäufern, Schwimmlehrern, Pflegepersonal bis hin zu selbstständigen Vertriebsmitarbeitern leiden signifikant unter den Eindämmungsmaßnahmen gegen das Coronavirus, die nicht selten zu kompletten Einnahmeausfällen führen.

Zwar hat Finanzminister Olaf Scholz am 13. März der deutschen Wirtschaft unbegrenzte Kredite zugesagt, die über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ausgegeben werden sollen. Hier der Link zur KfW-Corona-Hilfe: Kredite für Unternehmer. Doch erstens handelt es sich wiederum um Kredite, also noch mehr Schulden, und zweitens müssen diese Kredite bei der jeweiligen Hausbank beantragt werden, die oft noch gar keine entsprechenden Prozesse etabliert hat.

Schon jetzt sind viele Filialen von Banken und Sparkassen geschlossen oder arbeiten nur mit personeller Notbesetzung. Es gibt keine praktisch funktionierende Infrastruktur oder Prozesse für die zügige Beantragung, Bewilligung und Auszahlung von Millionen Überbrückungskrediten von der KfW an Selbstständige über deren Hausbank oder Sparkassen.

Besser geeignet wären schnellere und v. a. direktere finanzielle Hilfen für Selbstständige, die ein wichtiger Teil für das Funktionieren unserer Volkswirtschaft sind. Andernfalls drohen auch im Inland Lieferketten und die Versorgung mit essenziellen Gütern und Dienstleistungen Schaden zu nehmen.

Kredite: 40 Milliarden Euro für „Solo-Selbstständige“

Am heutigen Donnerstag tagte der Corona-Ausschuss des Bundeskabinetts und plant offenbar ein Hilfspaket im Volumen für 40 Mrd. Euro für Einzelunternehmer. Die Umsetzung soll zeitnah erfolgen und in Form von Darlehen, also Krediten, sowie in Form von direkten Zuschüssen erfolgen. Besonders Letzteres klingt interessant, wurde aber noch nicht spezifiziert. Auch ist noch völlig unklar, wo und wie diese Hilfsgelder beantragt werden können und welche Voraussetzungen man als „Solo-Selbstständiger“ erfüllen muss, um in den Genuss von Hilfsgeldern zu gelangen.

Mittlerweile überbieten sich Politiker der verschiedenen Parteien in Deutschland bei den Größenordnungen der Hilfspakete: So fordert der CSU-Chef Markus Söder ein mindestens 100 oder sogar 150 Mrd. Euro schweres Hilfsprogramm für die deutsche Wirtschaft.

Dabei spielt Geld bei einem Refinanzierungssatz für den Bund von unter null im Krisenfall keine Rolle, viel wichtiger ist die Art der finanziellen Hilfe zur Aufrechterhaltung der Wirtschaftsstrukturen und Lieferketten. Noch mehr Kredite und damit eine noch höhere Verschuldung der Wirtschaftssubjekte ist dabei nicht zielführend und auch nicht nachhaltig. Es ist auch die Überschuldung von Unternehmern, Selbstständigen und Freiberuflern, die mit zu der jetzt schnell eintretenden finanziellen Notlage in der aktuellen Krise beigetragen hat.

Macht es wie Amerika!

Wie heißt es so schön: Die Amerikaner tun lange das Falsche – bis sie merken, dass es nicht funktioniert. Dann jedoch tun sie sehr schnell und sehr pragmatisch das Richtige.

Das gilt auch für den Umgang in den USA mit Menschen in finanzieller Not in dieser aktuellen Krise. Natürlich gibt es in den USA kein vergleichbares soziales Sicherheitsnetz wie in Deutschland, aber der o. g. Hartz IV Regelsatz reicht selbst zuzüglich der Übernahme der Mietkosten und Zuschüssen zu Kleidung und Möbeln nicht aus, um ein Gewerbe aufrecht zu erhalten – und sei es auch nur ein Solo-Gewerbe. Denn mit jeder Selbstständigkeit gehen auch Kosten einher, die man als Unternehmer vorstrecken muss.

Der Vorschlag des US-Finanzministers Steven Mnuchin vom Dienstag, allen US-Haushalten die keine Einkommensmillionäre sind binnen 14 Tagen mindestens 1.000 US-Dollar und bis Mitte April pro Haushalt im Schnitt 4.000 US-Dollar Steuerrückerstattungen (Tax Refunds), also keine Kredite, zukommen zu lassen, ist genau die richtige Maßnahme für den jetzigen und wohl noch einige Zeit andauernden wirtschaftlichen Ausnahmezustand – auch für Deutschland.

Fazit und Ausblick

Hoffentlich bedarf es nicht erst dramatischer Szenen verzweifelter Bürger, die ihrem Frust öffentlich und unkontrolliert Luft machen oder sich nehmen, was sie zum Überleben brauchen.

Neben der Sicherstellung der medizinischen Versorgung ist v. a. die Versorgung mit Lebensmitteln, Energie, Hygieneartikeln und Geld für die von der Kanzlerin in ihrer pathetischen Fernsehansprache beschworenen Solidarität und Zusammengehörigkeit (mit zwei Metern Abstand) entscheidend.

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie gut Deutschland und seine politische Führung tatsächlich auf eine Krise vorbereitet ist. Man kann nur hoffen, dass sämtliche Banken-Stresstests und sonstigen Notfallpläne nicht nur der Beruhigung der Bevölkerung dienten.

Den Notenbanken kann man spätestens seit den jüngsten All-In-Maßnahmen keinen Vorwurf mehr machen, nicht in ausreichendem Maße geholfen zu haben. Es ist jetzt an den demokratisch gewählten Volksvertretern, die Krise zu meistern und sicherzustellen, dass eine möglichst große Anzahl an Selbstständigen und Freiberuflern auch nach der Krise noch wirtschaftlich existieren.

Kredite alleine werden nicht reichen, um viele Freiberufler und Selbständige über Wasser zu halten

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    schwarze_pille

    19. März 2020 19:03 at 19:03

    Das was die Amerikaner machen ist Wahnsinn. Die Leute werden das Geld bekommen und damit in die Läden rennen. Dann geht die Panik erst richtig los. Sie müssen die Massnahmen zurücknehmen und ein Statement abgeben, dass alles BS ist. Bei der Gelegenheit am besten auch die WHO auflösen. Und was machen die Geheimdienste, können sie nicht ein paar der gekauften Journalisten aufnehmen wie sie sich insgeheim darüber kaputtlachen?

  2. Avatar

    Michael

    19. März 2020 21:26 at 21:26

    Super-Krisenminister Markus Söder, der sich derzeit besonders hinsichtlich Entschlossenheit und Tatkraft hervortut, hat erste aktionistische Maßnahmen erlassen:

    https://www.stmwi.bayern.de/soforthilfe-corona/?fbclid=IwAR3OjbOjlfFunm8kG5sKCZIVo62ARZle9Z9GywQz267fBl-R_0SL1cKv_pc

    Wer genauer unter dem Punkt Antragsberchtigte schaut, sieht sofort, dass man kein Geld für die Altersvorsorge gespart haben darf, es muss in Aktien, Immobilien, Lebensversicherungen, etc. angelegt sein. Etc. klingt dabei besonders spannend, Alters- und Zukunftsvorsorge auf Geldkonten scheint weiterhin nicht genehmigt. Gold ist prophylaktisch gar nicht definiert ;)

    Noch spannender wird es beim Punkt oder Mittel, die für den Lebensunterhalt benötigt werden. Das riecht auf einmal nach erlaubtem Bargeld oder Geld auf Girokonten. Benötige ich als Selbständiger 300 EUR oder 2500 EUR, wie es die Finanzbehörden, gesetzlichen Krankenkassen und Zwangskammern gerne bei Selbständigen ansetzen? Der Durchschnittspolitiker benötigt mindestens 4000 EUR für den Lebensunterhalt. Gibt es also nun doch ein paar magere Kröten, die man haben darf? Oder sind damit die allerletzten Reserven beim Disopkredit gemeint?

    Ich denke, gut gemeint, Herr Söder. Wie immer leidenschaftlich, aber leider mehr als schwammig formuliert, unverbindlich, mit höchsten Risiken verbunden. Und mit noch viel mehr bürokratischem Prüfaufwand für beide Seiten. Reicht noch nicht ganz für meine Stimme zur nächsten Wahl.

    P.S. Ich muss zum Glück diesen blinden und undurchdachten Aktionismus (noch) nicht in Anspruch nehmen und unterstütze bereits seit einigen Wochen Subunternehmer und freie Mitarbeiter, indem ich ihnen die zugesagten Aufträge entgelte, obwohl diese von Kundenseite aufgrund der Coronakrise storniert wurden. Wir sollten jetzt alle etwas näher zusammenstehen und gemeinsam helfen. Egal, wie grün, kommunistisch und sozialistisch das alles klingen mag.

    • Avatar

      Segler

      20. März 2020 07:39 at 07:39

      Danke für Deinen Beitrag.
      Eine Beschwichtigungsmaschinerie kommt in Gang.
      Wie bei allen Schnellschüssen solcher Art stellt sich meist heraus, dass es entweder heisse Luft ist oder so viele Bedingungen und Fallstricke enthält, dass das Wohlgemeinte in der Realität garnicht umgesetzt werden kann. Und falls doch, entsteht einmal mehr ein bürokratisches Monster.
      Zusammenstehen und gemeinsam helfen – Das ist der richtige Ansatzpunkt.
      Vor allem im Kleinen. Vor allem im persönlichen und betrieblichen Umfeld.
      In dieser Hinsicht bin ich positiv überrascht von den Reaktionen der Menschen.

  3. Avatar

    marcos

    10. April 2020 08:12 at 08:12

    Benötigen Sie finanzielle Unterstützung? oder Benötigen Sie einen Kredit jeglicher Art? Wenn ja, hier ist Ihre Hilfe, wir sind hier, um Ihre Träume zu verwirklichen und einen Kredit zu erhalten. Wir vergeben alle Arten von Darlehen wie Bildungsdarlehen, Geschäftsdarlehen, Wohnungsbaudarlehen, Agrarkredite, Privatdarlehen, Autokredite und andere gute Gründe mit einem erschwinglichen Zinssatz von 3%. Kontaktieren Sie uns jetzt unter (marcosrobertloanfirm@gmail.com) für weitere Details.

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Immobilien: Der Boom läuft immer weiter – aktuelle Daten

Claudio Kummerfeld

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am

Innenansicht eines Einfamilienhauses

Es ist wirklich erstaunlich. Auch wir bei FMW hatten zu Ausbruch der Coronakrise und im brutalen wirtschaftlichen Absturz im Frühjahr erwartet, dass auch der Markt für Immobilien beeinträchtigt sein wird. Schließlich haben derzeit ja zahlreiche Menschen massive Existenzängste, leben dank Kurzarbeitergeld auf Kante, oder haben als Selbständige ihre Existenz gleich ganz verloren. Da müssten die Preise für Immobilien doch eigentlich einbrechen? Die Nachfrageseite für Häuser und Eigentumswohnungen müsste so schwach sein, dass man spürbare Rückgänge bei den Preisen sehen müsste?

Nichts da. Offenbar bringt die große Gelddruck-Orgie der Notenbanken und die Alternativlosigkeit zu Aktien und Immobilien immer noch genug Anleger und Kaufwillige dazu, die Preise für Immobilien immer weiter klettern zu lassen. Und die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung sind wohl derart umfangreich, dass genug Menschen in prekären Situationen (Arbeiter in der Autoindustrie etc) noch nicht ihre Häuser verlieren, welche auf dem Markt folglich auch nicht für ein Überangebot an Häusern und Eigentumswohnungen sorgen können.

Preise für Immobilien weiter am Steigen

Aktuelle Zahlen der Anbieter F+B sowie Dr. Klein zeigen weiter steigende Preise für Immobilien. Der F+B-Wohn-Index Deutschland als Durchschnitt der Preis- und Mietentwicklung von Wohnimmobilien für alle Gemeinden in Deutschland stieg im 3. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,6 Prozent. Wie gesagt, diese Steigerung von +5,6 Prozent kommt zustande, weil ich auch Mieten enthalten sind. Und die sind dank Corona doch tatsächlich leicht rückläufig mit -0,9 Prozent im Quartalsvergleich (und noch +0,1 Prozent im Jahresvergleich).

Mieten bremsen nur den Gesamtschnitt aus Immobilienpreisen + Mieten

Im Bundesdurchschnitt gehören damit exorbitante Mietensteigerungen laut F+B endgültig der Vergangenheit an. Auch die Betrachtung der Top 50-Standorte in Deutschland mit dem höchsten Mietenniveau lege eine ähnliche Interpretation für diesen Trend nahe. So seien im Vergleich zum Vorquartal in 28 der 50 teuersten Städte Deutschlands die Mieten bei der Neuvermietung gesunken (im Vergleich der Quartale Q2/2020 zu Q1/2020 betraf dies 18 Städte). Im Vergleich zum Vorjahresquartal 2019 gab es reale Mietpreisrückgänge in 10 der teuersten 50 Städte. Nach Beobachtungen von F+B hätten die Corona-bedingten wirtschaftlichen Verwerfungen als Nachwirkungen des ersten Lockdowns vom Frühjahr 2020 zu noch stärkeren Rückgängen bei den Mieten geführt, wenn es die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nicht gegeben hätte. Wir möchten ergänzen: Hunderttausende Wohnungen in Berlin sind vom dortigen Mietendeckel betroffen, was die Mietpreisentwicklung bundesweit ebenfalls beeinflusst. F+B bespricht dieses Thema in seiner Veröffentlichung ebenfalls.

Nachfrageschub

Im Vergleich zum dritten Quartal 2019 liegen die Preissteigerungen bei Eigentumswohnungen laut F+B mit 5,5 Prozent weiterhin deutlich hinter den Ein- und Zweifamilienhäusern mit 8,6 Prozent. Eigenheime dominieren damit endgültig die Gesamtperformance des Wohn-Index von F+B. Man sei der Auffassung, dass die Corona-Pandemie hier einen zusätzlichen und offenbar auch nachhaltigen Nachfrageschub – bei gleichzeitig beschränktem Angebot – erzeugt hat, so F+B. Im Chart sehen wir seit dem Jahr 2004 die Preisentwicklung verschiedener Arten von Immobilien seit dem Jahr 2004. Eigentumswohnungen liegen langfristig klar in Führung.

Entwicklung der Preise für Immobilien seit dem Jahr 2004

Preise in Nordrhein-Westfalen steigen weiter

Der Anbieter Dr. Klein berichtete erst vor wenigen Tagen, dass das Volumen pro Immobilienkredit neue Rekordhochs erreicht hat (hier die Details). Heute berichtet Dr. Klein über die neuesten Preisentwicklungen für Immobilien in Nordrhein-Westfahen. Der bis 2015 zurückreichende Chart zeigt auch jetzt keinen Abknick bei der Preisentwicklung. Im mondänen Düsseldorf dürfe es gerne ein bisschen mehr sein – auch bei den eigenen vier Wänden: Der Trend gehe hin zu mehr Exklusivität und Geräumigkeit. Köln und Dortmund vermelden indessen neue Rekorde bei den Immobilienpreisen. Die Details finden Sie beim Klick an dieser Stelle.

Preise für Immobilien in Nordrhein-Westfalen

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BioNTech, Pfizer und Moderna, erfüllen sich die Impfstoff-Erwartungen?

Wolfgang Müller

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Erfüllen sich die hohen Erwartungen an die Impfstoffe von BioNTech und Pfizer sowie Moderna? Die Börsen sind im Jahresendspurt: Immer wieder werden derzeit die aktuellen Wirtschaftsdaten als Indikatoren herangezogen, verbunden mit dem großen Optimismus vieler Investoren, die nach Korrektur schreien. Aber dies ist neben dem monetären Faktor nicht der entscheidende Treiber für Börsenkurse. Es zählt die mittelfristige Aussicht, auch wenn man in einer Rezession oder in einem Lockdown etwas anderes verspürt. Was die Märkte antizipieren, sind die Fortschritte in der Impfstoffentwicklung und deren Anwendung. Dies kann man auch aus einem Interview schlussfolgern, welches eine Reporterin der Welt am Sonntag aktuell mit dem Chef von Moderna, Stéphane Bancel, geführt hat.

BioNTech & Co: Die große Wende bis zum Sommer 2021

Bei aller Skepsis über die Geschwindigkeit und Validität der Entwicklung eines Impfstoffes ist es nicht zu übersehen: Die Nachrichten über den Fortgang des Kampfes gegen Covid-19 überschlagen sich, Unternehmen für Unternehmen berichtet von den Ergebnissen aus der klinischen Studie-3 und der baldigen Beantragung für eine Zulassung des eigenen Vakzins. Es ist daher sicher interessant, was der langjährige Chef eines der Unternehmen an vorderster Front dazu zu sagen hat, auch unter Berücksichtigung der subjektiven Darstellung des eigenen Unternehmens. Hier die Kernaussagen des CEOs von Moderna:

Der Chef von Moderna fühlt sich von der Erstmeldung von BioNTech und Pfizer nicht überfahren. Man bräuchte mindestens vier oder fünf Unternehmen, um die Welt mit 7,6 Milliarden Menschen impfen zu können.

Bemerkung: Fraglich, ob es zur Impfung von so vielen Menschen durch westliche Impfstofffirmen kommt. China impft sich selbst (1 Mio. Chinesen wurden schon geimpft), ebenso Russland. In Indien sind 750 Millionen Menschen unter 25 Jahre alt, ein ähnliches Verhältnis dürfte auch für den Milliardenkontinent Afrika gelten. Und wie viele Menschen werden sich einer Impfung verweigern?

Zur Frage, warum BioNTech/Pfizer schneller waren: Pfizer sei100-mal größer als Moderna, man habe vorher noch nie eine Studie mit 30.000 Menschen durchgeführt. Zudem wurde das Vakzin gemeinsam mit der US-Gesundheitsbehörde NIH entwickelt und mit staatlichen Stellen dauere es etwas länger, sich untereinander abzustimmen.

Der US-Staat hat Moderna mit einer Milliarde Dollar unterstützt, aber man brauche das Geld, um im kommenden Jahr eine Milliarde Impfstoffdosen herzustellen. Für die Beschaffung von Grundmaterialien.
Zum Impfstoffpreis: Man werde zwischen 25 und 37 Dollar aufrufen, je nachdem, wie viel die Regierungen bei Moderna bestellen. Damit liege man im Bereich wie bei einer Grippeimpfung, die zwischen 10 und 50 Dollar kostet. Das sei ein fairer Preis, wenn man bedenkt, wie hoch die Kosten für das Gesundheitssystem sind, wenn ein Mensch schwer an Covid-19 erkrankt. Die teuerste Impfung der Welt sei derzeit Pfizers Impfstoff Prevnar gegen Pneumokokken mit 300 Dollar je Dosis.
Zur Dauer der Impfung: Das hänge davon ab, wie viele Impfstoffe das Rennen machen. Wenn es beim Impfstoff von BioNTech und Moderna bliebe, würde es bis zum nächsten Sommer dauern, bis allein die Menschen in Europa und den USA geimpft sind. Für den Rest der Welt würde es vermutlich bis Ende 2022 dauern.
Bemerkung: Reichlich optimistisch, so viele Menschen (mehr als eine halbe Milliarde, auch wenn sich viele verweigern) innerhalb von sechs Monaten zu impfen.

Zur Hektik bei der Notzulassung: Bancel betrachtet jede Morgen die Zahlen der John-Hopkins-Universität. Es gebe täglich weltweit 11.000 Coronaopfer und dies dürfte sich im nächsten Monat noch steigern. Die Impfung habe bereits bewiesen, dass sie wirke und sicher sei. mRNA werde innerhalb von 48 Stunden nach der Impfung im Körper abgebaut, das Lipid als Trägerstoff ebenfalls. Danach sei man geschützt vor Covid und den teilweise schlimmen Langzeitfolgen. Deshalb sei seine Entscheidung klar.

Beim Vergleich mit Biontech-Chef Ugur Sahin: Bancel bezeichnet sich selbst als nicht besonders guten Verkäufer. Was er aber könne sei komplizierte Wissenschaft einfach zu erklären. Zum Beispiel warum mRNA die größte medizinische Revolution seit der Erfindung von kleinen Molekülen wie Aspirin sei.
Zum Stand der Genforschung: Man lebe im Zeitalter der Sequenzierung. Es würde nur fünf Dollar und ein paar Stunden Zeit kosten, bis man das Genom eines Virus entschlüsselt habe, dank mRNA habe man jetzt die Möglichkeit, sehr schnell wirksame Medikamente zu machen. Dies katapultiere die analoge Medizin in das Zeitalter der Digitalisierung. Dieser Erfolg sei aber nicht über Nacht gekommen, wie viele Leute denken. BioNTech und Moderna arbeiten daran seit zehn Jahren.
Bei der ultimativen Frage nach dem eigenen Impfzeitpunkt sagt Bancel: Er könne es gar nicht abwarten, hätte das gern schon vor Monaten getan, denn er wolle sein altes Leben zurück.

Fazit

Egal, wie man die Aussagen eines Unternehmensvorstands zum eigenen Produkt bewertet. Es ist schon erstaunlich, wie konkret die Informationen zu dem Jahrhundertprojekt Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 bereits gediehen sind. Sollte es tatsächlich keine gravierenden Nebenwirkungen des Impfstoffes geben, so könnte man tatsächlich von einer Normalisierung der Verhältnisse im Hinblick auf die Pandemie bereits im Jahre 2021 rechnen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre es ein neuer Meilenstein in der Entwicklung des medizinischen Fortschritts der Menschheit. Noch ist Vieles im Konjunktiv.

Erfüllen die Impfstoffe von BioNTech oder Moderna die hohen Erwartungen?

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Warum für Deutschland im Winter eine technische Rezession ansteht

Claudio Kummerfeld

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Leere Restaurants im zweiten Lockdown befeuern die Rezession

Die Industrie liefert wieder, und China als Abnehmer deutscher Waren hilft kräftig mit bei der Erholung der Konjunktur. Aber es ist klar. Die Dienstleistungen vermasseln derzeit der deutschen Wirtschaft die tiefgreifende Erholung. Die Rezession steht bevor oder startet wohl gerade wieder, und das Bruttoinlandsprodukt könnte schrumpfen. Und das nicht nur, weil die Dienstleistungen wie Gastronomie wegen dem aktuellen „kleinen“ Corona-Lockdown zu großen Teilen gar nicht stattfinden. Nein, da ist noch ein Faktor, der auf den ersten Blick übersehen werden kann.

Bevorstehende Rezession befeuert durch höhere Mehrwertsteuer

Eine aktuell womöglich schon gestartete technische Rezession für diesen Winter dürfte ab Anfang Januar verschärft werden. Denn ab 1. Januar wird die seit Juli 2020 geltende Mehrwertsteuersenkung wieder rückgängig gemacht. Dann dürften die Verbraucherpreise wieder steigen. Wer schon lange Zeit vor hatte einen neuen Fernseher, Küche, Auto oder sonstige hochpreisige Einrichtungsgegenstände anzuschaffen, hat dies wohl schon in den letzten Monaten getan, und dabei nette Mehrwertsteuerbeträge gespart. Umso kräftige dürfte der Konsumrückgang ab Januar ausfallen. Oder darf man mutmaßen, dass die Politik in Berlin dem noch schnell entgegenwirkt, und die Mehrwertsteuer bis zum Sommer 2021 auf reduziertem Niveau belässt? Die Kurzarbeiter-Regelung hat man ja schließlich auch gerade erst bis Ende 2021 verlängert.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bringt es in einer aktuellen Kurzanalyse auf den Punkt. Warum er sich gerade jetzt äußert? Heute um 10 Uhr wurde mit dem ifo-Index das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer veröffentlicht (hier die Details). Er fiel von 92,5 auf 90,7 Punkte. Die Zahlen waren zwar leicht besser als gedacht, aber eben doch schlechter als im Vormonat. Wie der Chart (geht bis 2016 zurück) zeigt, geht es aktuell wieder leicht bergab mit dem Geschäftsklima in Deutschland.


source: tradingeconomics.com

Experte spricht von bevorstehender technischen Rezession

Deutschland droht eine technische Rezession, das Winterhalbjahr wird hart. Das kann durch die robuste Entwicklung in der Industrie kaum verhindert werden. Erst die wärmeren Temperaturen im Frühling und die Impfungen werden die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen, so Jörg Krämer. Ein Monat Lockdown koste fast ein Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt. Krämer erwartet eine technische Rezession im Winterhalbjahr, auch wenn sich das verarbeitende Gewerbe super halte. Im folgenden Chart der Commerzbank sehen wir, wie die Industrie in gelb weiter ansteigt, während die Dienstleistungen wieder abschmieren.

Chart zeigt Tendenz der Rezession dank schwachen Dienstleistungen

Laut Jörg Krämer ist ein Abwärtstrend bei den Corona-Neuinfektionen noch nicht erkennbar. Die Bundesländer dürften den Lockdown nach seiner Meinung bis mindestens Weihnachten verlängern und die Kontaktbeschränkungen verschärfen. Sehe man von möglichen Lockerungen rund um Weihnachten ab, dürfte der Lockdown mindestens bis Ende Dezember gelten. Weil die kalte Jahreszeit die Infektionen begünstigt, erwarte man, dass Restaurants, Kneipen, Hotels, Fitness-Center etc auch während des ersten Quartals überwiegend geschlossen bleiben.

Basierend auf dem Anteil der betroffenen Branchen an der gesamten Wertschöpfung drücke ein Monat Lockdown das quartalsweise Bruttoinlandsprodukt wie gesagt um fast 1 Prozent. Entsprechend dürfte laut Jörg Krämer das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 2 Prozent schwächer ausfallen als ohne Lockdown – es werde vermutlich schrumpfen. Das dürfte die robuste Entwicklung in der Industrie nicht verhindern. Auch im ersten Quartal, das ohnehin durch die Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar belastet wird, sei kaum mit einem Plus zu rechnen. Deutschland drohe eine technische Rezession. Die Wirtschaft gehe durch ein hartes Winterhalbjahr, bevor die wärmeren Temperaturen und die Impfungen die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen.

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