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Warum nicht der „Deutsche Michel“? 54% der Dividenden der Dax-Konzerne fließen ins Ausland

FMW-Redaktion

Nein, gleich vorweg. Wir haben nichts gegen Ausländer, und schon gar nichts gegen ausländische Investoren. Ganz im Gegenteil. Andersrum ist die Betrachtungsweise viel interessanter. Wo bleibt der „Deutsche Michel“ mit seinem Spargroschen? Immerhin hatte EZB-Chef Mario Draghi eben jenen deutschen 0815-Kleinsparer letztes Jahr dazu aufgefordert doch einfach Aktien zu kaufen, wenn er mit den nicht mehr vorhandenen Zinsen ein Problem habe.


Der Deutsche Michel. Foto: Andreas Praefcke/Gemeinfrei

Zu Ende 2016 waren von den 30 Dax-Konzernen 54% der Aktien in ausländischem Besitz. Ein Jahr zuvor waren es mit 54,7% fast genau so viel, wie es jüngst die Unternehmensberatung EY veröffentlicht hat. Wenn man annimmt, dass dieser Prozentsatz jetzt immer noch dort liegt, gehen mehr als die Hälfte der Dividenden dementsprechend an ausländische Aktionäre. Oft sind dies keine Kleinanleger, sondern große Kapitalsammelstellen wie Pensionsfonds, wo vor allem in angelsächsischen Ländern Sparer ihre Altersvorsorge mit Aktien statt dem „Sparbuch“ vornehmen.

So fließt die Ertragskraft der deutschen Großindustrie in deren Rentenvorsorge ein, und eben nicht beim deutschen Michel. Von aktuell 31,7 Milliarden Euro Dividenden der Dax-Konzerne (+8,6% gegenüber dem Vorjahr) fließen laut EY 17,5 Milliarden Euro an ausländische Aktionäre. Neben den Kleinsparern im Ausland werden darunter auch mehr denn je arabische und chinesische Investoren sein, die vor allem hochwertige Geldanlagen suchen, die in einem „rechtssicheren“ Rahmen stattfinden.

Wie gesagt, ausländische Investitionen wie die von diversen Einzelinvestoren sind uns herzlich willkommen, zumal sie erkennbar reine Geldanlagen sind, die Rendite abwerfen sollen. Problematisch sind vor allem die strategischen kompletten Firmenaufkäufe gerade aus China, die gemäß der dortigen Staatsraison zum Technologietransfer genutzt werden sollen. Aber zurück zu den Dax-Werten. Bei Bayer, Deutscher Börse, Adidas und Infineon liegt der Anteil ausländischer Aktionäre bei mehr als 70%. Henkel weist den geringsten Anteil ausländischer Aktionär auf mit 26%. Langfristig gesehen ist der Trend klar, und der Anteil ausländicher Eigentümer bei Dax-Werten nimmt weiter zu. Zitat dazu von EY:

Vor allem im Mehrjahresvergleich wird deutlich, wie stark das Interesse ausländischer Anleger an einem Engagement im DAX-Segment gestiegen ist: Bei den 22 Unternehmen, von denen vergleichbare Angaben für das Jahr 2005 vorliegen, stieg der Anteil ausländischer Anteilseigner von durchschnittlich 45 Prozent im Jahr 2005 auf 57 Prozent im Geschäftsjahr 2016. „Wir haben im vergangenen Jahrzehnt starke Veränderungen in der deutschen Unternehmenslandschaft gesehen, die geprägt waren von der weiteren Entflechtung der sogenannten „Deutschland AG“, aber auch von mehreren großen Abspaltungen und dem Entstehen neuer Global Player“, sagt Meyer. „Gleichzeitig stieg im Zuge der Globalisierung das Engagement deutscher Unternehmen im Ausland, so dass insgesamt die weltweite Sichtbarkeit der deutschen Top-Konzerne zunahm. Entsprechend stieg auch das Interesse an einem finanziellen Engagement.“

Dass der einzelne deutsche Kleinaktionär (der Michel) nur minimal persönlich in Dax-Werte investiert, ist sehr traurig und zeigt sich in dieser Zahl: Nur 12% der Dax-Werte gehören im Schnitt Privatanlegern. Erstaunlich: Bei der Lufthansa liegt diese Quote bei 46%! Familien mit großen Vermögen oder Unternehmen mit großen strategischen Anlagen halten weitere 12% der Dax-Werte. Institutionelle Anleger wie Fonds, Versicherungen und Banken halten 64%. Weitere Anteile liegen bei speziellen Gruppen wie dem Bund oder seiner Förderbank KfW. Die Deutsche Börse hat mit 94% den höchsten Anteil institutioneller Investoren, was eine große Gefahr sein kann, wenn sich eine Hand voll Fondsmanager zusammentun um beispielsweise den Verkauf eines Konzerns an einen feindlichen Investor einzuleiten.

Gut, die paar deutschen Anleger, die in Dax-Werte langfristig investieren, tun dies oft auch über Fonds, die dann als institutionelle Anleger gezählt werden. Von daher kann die Zahl von 12% Privatinvestoren auch etwas täuschen, aber im Großen und Ganzen ist die Tendenz dennoch so, dass auf lange Sicht ein immer größerer Teil der Gewinne der großen Konzerne ins Ausland abfließen, und eben nicht beim deutschen Kleinsparer landen. Der beschwert sich eben weiter über ausbleibende Zinsen auf dem Sparbuch.

Tja, ist es jetzt ratsam Dax-Werte zu kaufen, wo der Dax selbst auf einem Rekordstand notiert? Extrem langfristig gesehen ist es natürlich eine gute Anlage in Aktien zu investieren, die hohe Dividendenrenditen abschmeißen, vor allem wenn sie noch deutlich über den Sparzinsen liegen. Wann denkt der deutsche Michel um? Vielleicht nie? Er hat eben eine gänzlich andere Mentalität als der angelsächsische „Michel“.



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2 Kommentare

  1. Möönsch, FMW.
    Ihr hättet bei den Deutschen mal seit Jahren ein bisschen mehr die Werbetrommel für deutsche Aktien rühren müssen.

  2. Der „Michel“ ist ganz besonders clever, das darf man nie vergessen. Er kauft Daxwerte, und wie, aber er wartet schlauerweise den richtigen Zeitpunkt ab. Er kauft den Dax, wenn der ganz, ganz oben ist und dies auch in der „BILD“ oder im „STERN“ steht und wenn sein Friseur schon gekauft hat. Dieser Zeitpunkt könnte zum Beispiel jetzt sein oder in einigen Wochen, je höher der Dax, desto besser. Wenn der Dax dann runterfällt, dann wartet er schlauerweise bis der verdammte Dax ganz unten ist und alle über Aktien schimpfen. Dann verkauft er. In der Statistik scheinen dann wenig „Michels“ als Aktienbesitzer auf. Logisch.

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