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Warum Ökostrom nicht vor der Pleite schützt

Anbieter von Ökostrom gehen reihenweise Pleite

„100 Prozent nachhaltiger Strom und erneuerbare Energien für Ihr Zuhause!“ – mit diesem Slogan warb die Neckermann Strom AG deutschlandweit um Kunden: Der vielfach ausgezeichnete Anbieter von Ökostrom und Gas versorgte zuletzt mehr als 13.000 Haushalte und Unternehmen. Am Freitag letzter Woche meldete der Energiehändler Insolvenz an. Damit gewinnt die Pleitewelle in der Branche vor allem unter „grünen“ Anbietern weiter an Schwung.

Warum vor allem Anbietern von Ökostrom der Saft ausgeht

Die Energiekrise ist seit Herbst dieses Jahres bei den Versorgungsunternehmen in Deutschland angekommen. Besonders kleinere unabhängige Anbieter scheitern reihenweise mit ihrem Geschäftsmodell. Mitte Oktober traf es die Otima AG. Kurz darauf erwischte es das Hamburger Energieunternehmen Smiling Green Energy mit der Marke „natürlich grün“, gefolgt von der Berliner Lition Energie, der Fulminant Energie GmbH aus Garching bei München sowie dem Brandenburger Strom- und Erdgaslieferanten Otima Energie AG. Die in Sachsen beheimatete Dreischtrom GmbH musste kürzlich ebenfalls Insolvenz anmelden.

Die im Jahr 2013 in Hamburg gegründete Neckermann Strom AG hatte sich auf Ökostrom-Tarife für Privathaushalte, Nachtspeicher- und Elektroheizsysteme sowie für Elektrofahrzeuge fokussiert. Außerdem warb man mit „Gewerbestrom aus 100 Ökostrom – grün & günstig“.

Prämierungen durch Focus Money, Welt und CHIP sollten die Solidität des Unternehmens unterstreichen. Im Oktober wurde Neckermann Strom noch als Branchengewinner in der Kategorie „Stromversorger – bundesweit“ mit dem Siegel „Service-Champion im erlebten Kundenservice“ ausgezeichnet. Am 17. Dezember folgte dann der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Norderstedt.

Letztendlich scheiterte auch der Hamburger Ökostrom-Anbieter an einem Geschäftsmodell, das nicht auf starke Preissteigerungen eingestellt ist. Unabhängige und vor allem kleinere Anbieter haben alle das gleiche Problem: Ihre Margen werden durch die hohen Kostensteigerungen zerstört, da sie an den Energiebörsen kurzfristig grünen Strom (und zwar nur diesen) teuer einkaufen müssen, um den Lieferverpflichtungen ihren Kunden gegenüber gerecht zu werden. Auf der anderen Seite bestehen mit den Kunden aber längerfristige Verträge mit festen Preisen. Die gestiegenen Beschaffungskosten können nicht weitergegeben werden. Sobald die Liquiditätsreserven aufgebraucht sind, gehen die Anbieter Pleite, noch bevor sie die Tarife für ihre Kunden anheben konnten.

Vor diesem Dilemma schützen auch der Bezug und der Weiterverkauf von Ökostrom nicht. Wenn das Angebot an nachhaltig erzeugter Energie witterungsbedingt zurückgeht, steigen die Ökostrompreise sogar noch schneller als die für Energie aus Kohlekraftwerken oder Atomreaktoren. Da die Ökostrom-Anbieter nicht auf konventionelle Energiequellen ausweichen können, wie zum Beispiel Stadtwerke, gehen auffällig viele Anbieter Pleite, die sich auf „grüne“ Energieprodukte spezialisiert haben. Mit der zum Teil künstlichen Verteuerung der Energiepreise frisst die „Energiewende“ in Deutschland ihre eigenen „grünen“ Kinder.

Mehr Transparenz und höhere Flexibilität sind gefragt

Um sich „wetterfester“ aufzustellen, müssten die kleineren Anbieter von Ökostrom erstens größere Liquiditätspolster vorhalten und zweitens im Notfall bei den Bezugsquellen flexibler sein. Beides sollte im Interesse der Kunden transparent gemacht werden. Damit diese bereits im Vorfeld einen wirklich soliden und überwiegend „grünen“ Versorger auswählen können.



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1 Kommentar

  1. Vielleicht haben wir die Energiewende einfach nicht richtig verstanden.

    Energiewende = Früher hatten wir günstige Energie. Zukünftig bekommen wir keine günstige Energie. Das ist doch eine gelungene Wende in der Energieversorgung.

    Und die schlauen Sparfüchse sind bald wieder im Grundtarif ihrer Stadtwerke ;-)

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