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Warum Russland lieber Gas nach Europa liefert

Warum Russland lieber Gas nach Europa liefert? Hier der Blick auf russische, amerikanische und europäische Interessen.

Russland-Fahne

Die beschworene Gasfreundschaft mit China in Zeiten des Krieges gegen die Ukraine ist für Russland technisch gesehen noch Zukunftsmusik. So wie Deutschland bis zum kommenden Winter seine Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen schwerlich in den Griff bekommt, sind die Lieferkapazitäten nach China mit Kraft Sibiriens überschaubar. Damit lässt sich aktuell kein Euro verdienen, der die enormen Investitionen zum Gasförderzentrum auf der nordsibirischen Halbinsel Jamal und Aufbau des Transportkorridors Nord bis nach Lubmin an der deutschen Ostseeküste refinanziert. Da mag es für Russland günstiger sein, den Gashahn offen zu halten, um Mitnahmeeffekte an den hohen Gaspreisen in Europa zu erzielen. Das signalisierte der Generaldirektor vom Nationalen Energiesicherheitsfonds Konstantin Simonow laut russischer Nachrichtenagentur Prime am 7. Juli.

Russland mit dem Gebot zu Gas aus Langfristverträgen

„Die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 wäre ein wichtiger wirtschaftlicher und politischer Sieg für Russland, aber er lohnt sich nur für die Erfüllung langfristiger Verträge. Einerseits ist es für uns nicht rentabel, die Gasleitung vorübergehend in Betrieb zu nehmen, um Deutschland die Möglichkeit zu geben, seine Reserven aufzufüllen. Andererseits sollten wir nicht in die Extreme gehen und dem Prinzip nachgehen, Europa vom Gashahn zu kappen“, gab Simonow zu Bedenken. Die Ostseegasleitung „Nord Stream 2 ist faktisch eine Kopie von Nord Stream 1 mit fertiger Infrastruktur“, so der Spezialist für die Struktur der Exekutive Russlands und wirtschaftlichen Interessen der politischen Eliten weiter. „Wir sind für langfristige Verträge. Das alles stimmt. Und die werden wir erfüllen.“

Damit reagierte Simonow zugleich auf den jüngsten Vorschlag von Klaus Ernst, Nord Stream 2 zeitlich befristet in Betrieb zu nehmen, den der Vorsitzende des Energieausschusses im deutschen Bundestag Medien zufolge ins Gespräch gebracht hatte. Ein Abgeordneter der russischen Staatsduma wies in diesem Kontext darauf hin, dass das nicht ginge, weil die Gasleitung mit Sanktionen der USA belegt sei. Simonow seinerseits rückte das Erfüllen der langfristigen Verträge als oberstes Gebot in den Fokus, ob mit Nord Stream 1 oder Nord Stream 2 für Europa, sei dahingestellt.

USA als Nutznießer aus Lieferstopp

Als eine Art „Gas-Pragmatiker“ teilt Simonow nicht die Idee, dass Russland Europa sofort von seinen Lieferungen abschneiden und damit dort maximalen wirtschaftlichen Schaden verursachen sollte. Diese Position habe mehrere Schwachstellen. Daher empfiehlt er Russland, nicht einseitig auf eine vollständige Einstellung der Gaslieferungen nach Europa zu drängen. Davon würden nur die Vereinigten Staaten profitieren. „In all den fünfzig Jahren unseres Gashandels mit der EU haben die Vereinigten Staaten alles getan, um diese Zusammenarbeit zu zerstören“, erklärte Simonow. Wenn Russland sich einseitig weigere, Erdgas nach Europa zu liefern, werde dies zur Umsetzung des amerikanischen Plans führen. Der US-Plan sei für Europa durchaus nachvollziehbar. Die amerikanische Seite verspreche hier, den dritten Investitionszyklus für die Branche einzuleiten. „Wir werden LNG-Terminals bauen. Halten Sie ein paar Jahre durch, und Sie werden ohne russisches Gas sein“, erklärte Simonow.

Die Kosten für die europäische Wirtschaft würden jedoch kolossal sein. Denn der Preis für Gas werde nicht nur auf 2.000 Dollar pro 1.000 Kubikmeter steigen, sondern sogar noch mehr. Die aktuellen Preisunterschiede zwischen dem amerikanischen Henry Hub und der European Title Transfer Facility (TTF) seien jetzt schon zehnmal so groß. Gleichzeitig werde es für Russland äußerst schwierig, einen neuen Käufer für 150 Milliarden Kubikmeter Gas zu finden, die bis vor kurzem an den europäischen Markt geliefert wurden. „Wenn in europäischen Hauptstädten Vernunft vorherrscht, könnten wirtschaftliche Interessen in Europa und Russland obsiegen“, schlussfolgerte Simonow. Ob der russische Präsident Wladimir Putin diese Vernunft auf seiner Rechnung hat, kann Simonow vermutlich nicht einschätzen. Dass Putin bereit ist Wirtschaftsgüter zu verspielen, hat er mit seinem Angriff der Ukraine mehr als deutlich gemacht. Insofern ist Ungewissheit für ihn Trumpf, um die Schwächen seiner Gegner – darunter Deutschland – zu entlarven.

Deutschland muss viel mehr Gas einsparen

Zu den Folgen von wegfallenden Gasimporten aus Russland stellte das Jülicher Institut für Techno-ökonomische Systemanalyse aktuelle Berechnungen an, nachdem das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz am 23. Juni 2022 die zweite Stufe – die Alarmstufe – des Notfallplans Gas ausgerufen hatte. Als Entscheidungsgrundlage dafür dienten Szenariorechnungen der Bundesnetzagentur. „Fallen die Gasimporte aus Russland vollständig weg, kann die Gasversorgung für den nächsten Winter und das Frühjahr nur durch erhebliche Herabsetzung des Verbrauchs sichergestellt werden. Die hierfür notwendigen Verbrauchsreduktionen gehen deutlich über die Szenario-Annahmen des Bundesnetzagentur hinaus“, erklärten die Analysen des Instituts jetzt im Juli. Bereits im frühen Herbst müssten Einsparmaßnahmen erfolgen. Mit dem eingesparten Gas könnten die Erdgasspeicher für die Winterbevorratung aufgefüllt werden. Für den Winter wären allerdings zusätzliche Sparmaßnahmen notwendig.

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Gaslieferungen sollen wieder steigen

Indes signalisierte laut russischen Medien Kremlsprecher Dmitri Peskow, dass die Gaslieferungen über Nord Stream 1 wieder steigen sollen, wenn eine Turbine aus der Reparatur zurück ist. Pikant an der Sache ist, dass sie aus dem Werk in Kanada zunächst zu Siemens nach Deutschland ausgeliefert werden sollen. So verstößt Kanada gegen keine Sanktionen und spielt diesen Ball dem deutschen Technologiekonzern zu. Schließlich hatte sich die deutsche Bundesregierung für die Auslieferung stark gemacht. Damit steht sie im Kreuzfeuer, Sanktionen aus Eigennutz zu unterlaufen. Zugleich gibt es in Europa Befürchtungen, dass ein Gasmangel in Deutschland Domino-Effekte nach sich ziehen könnte. Zu den jährlichen Instandsetzungsmaßnahmen an Nord Stream 1 sagte Peskow, dass diese nach Vorschrift erfolgen sollen und nicht darauf abzielten, die Lieferungen von Gas nach Europa zu beschränken. In einer Video-Ansprache schwor Bundeskanzler Olaf Scholz am 9. Juli die Bevölkerung auf eine Energiemangellage ein, die Wochen, Monate aber auch Jahre andauern könne.



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11 Kommentare

  1. Frau Bollinger-Kanne, ich schätze ihre profunden Artikel sehr.

    Ich gehe davon aus, dass Russland Gas durchleiten wird. Doch es wird ein „Nervenspiel“ geben.

    Russland wird einen Preis aufrufen – es wird eine Schritt für Schritt- Strategien werden.

    Es wird uns sehr weg tun und viele Nerven kosten. Zumal wir Mental eher schwach sind…

  2. ES MUSS EIN WUNDER GESCHEHEN.

    UND ÜBERHAUPT HABEN WIR WAS VERPASST?
    HAT UNS DIE BUNDESRGIERUNG VOR JAHRZEHNTEN ERKLÄRT,
    FÜR DIE ÖKOLOGISCHE WENDE,
    WERDEN WIR UNS ABHÄNGIG MACHEN VON GAS?
    HAT UNS JEMAND ERKLÄRT, ÜBER JAHRZEHNTEN HAT DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT VOM RELATIV BILLIGEN RUSSGAS, IN SAUS UND BRAUS GELEBT?
    SIND UNSERE DIVIDENTENKONZERNE, NICHT DIE BESTEN MELKKÜHE FÜR DAS AMERIKANISCHE FINANZWESEN.
    Z.B. B L A C K R O C K.
    Vielleicht denkt Amerika an seine deutschen melkkühe………………..

  3. Entscheidend ist meiner Meinung nach,dass die Ukraine verhindern will,daß die Gasturbine wieder
    nach Russland kommt.Nach Aussagen den Ukraine verstöße es gegen die Russlandsanktionen,daß
    die überholte Gasturbine wieder nach Russland geht.Die Absicht ist meiner Meinung nach eindeutig.
    Die Ukraine versucht erpessungsartig Deutschland mit in den Krieg zu ziehen.
    Ich kann schon allein aus diesem Grund nicht verstehen,warum Deutschland Waffen liefert,ganz abgesehen
    davon,daß diese Waffen den Krieg verlängern,noch mehr Ukrainer sterben und noch mehr Infrastruktur zerstört wird.Hier in Deutschland werden ukrainische Frauen und Kinder versorgt und die Ukraine erpesst Deutschland,
    und anscheinend ist diesem Land auch noch egal,daß ihre Landsleute hier frieren oder Hunger leiden.

    1. @franco33. Wieso kapiert von den Ukraine-Kritikern keiner Ursache und (Aus)Wirkung? Putin hat wochenlang mit 150.000 Soldaten an der Grenze der Ukraine üben lassen, den Regierungschefs von Frankreich und Deutschland aber Tage zuvor noch stundenlang ins Gesicht gelogen, es gebe keinen Angriff. Es ist ein Angriffskrieg, gegen den sich das Land im Sinne des Völkerrechts und der Notwehr verteidigt. Putin hat das Existenzrecht der Ukraine negiert und die völlige Zerstörung des Systems angedeutet. Die Ukraine kämpft verzweifelt im Sinne des Völkerrechts und des uralten Rechts der Notwehr: Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren. Was würden Sie tun, wenn Einbrecher an Ihrem Haus dabei wären die Fenster auszuhebeln? Aus dem Haus rennen und schreien, nehmt mein Geld, meinen Schmuck, mein Haus, aber lasst mir mein Leben? Sie würden wohl eher nach Waffen suchen und um Hilfe rufen.
      In jeder modernen Gesellschaft gilt: Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.
      Welches angegriffene Land hat sich ohne Widerstand ergeben?

      1. Die Russen wollen keine US- und NATO-Stützpunkte vor ihrer Haustür, das ist verständlich, und eine militärisch neutrale Ukraine wäre für alle Seiten akzeptabel gewesen.
        Die USA wollen auch keine russischen oder chinesischen Militärstützpunkte auf Kuba oder in Mexiko oder Grönland. Sie regen sich sogar über ein Militärbündnis zwischen China und den Salomonen auf, eine kleine Inselgruppe knapp 2000 km westlich von Australien. Und die Souveränität anderer Staaten interessiert sie nicht im geringsten, siehe Libyen, Irak, Afghanistan, oder Lateinamerika.
        Als sie letrztens einen Putsch in Bolivien organisierten schrieb Elon Musk in einem Tweet: „Wir putschen, wo und wann wir wollen. Gewöhnt euch daran!“
        Die USA führen in der Ukraine einen Stellvertreter-Krieg, für den die Ukrainer bluten und wir Deutsche bezahlen.

        1. @Frido

          Niemand wollte US- und NATO-Stützpunkte in der Ukraine etablieren, noch einen NATO-Beitritt. Bestenfalls war ein EU-Anwärterstatus im Gespräch, mit einem eventuellen Beitritt in 20 bis 30 Jahren, wenn alles gut läuft. EU, NATO, zwei verschiedenen Paar Schuhe, oder sehen Sie das anders?

          1. Selbstverständlich sind EU und NATO etwas anders, aber Russland wollte lediglich Garantien für eine militärische Neutralität und keine weitere NATO-Erweiterung, und das wollte der Westen nicht verbindlich garantieren. Dazu ein Autonomie-Status (keine Unabhängigeit) der beiden Republiken Donezk und Luganzk, wie es das Minsker Abkommen vorsieht.
            Das ist Realität, auch wenn es in unseren Staatsmedien nicht kommuniziert wird. Und zu den jahrelangen kriegerischen Aktivitäten der Ukraine gegen diese beiden Gebiete mit reichlich zivilen Opfern hat der Westen geschwiegen.
            Der Westen hat Russland in die Enge getrieben bzw. wurde von den USA dazu gedrängt.
            Das ist die Realität.

          2. Niemand will eine Mauer bauen.

    2. @franco33

      Wir sollten die Kirche schon im Dorf belassen und diplomatische Protestnoten nicht gleich als Erpressung bezeichnen. Wenn jemand Deutschland erpresst, ist es doch der Kreml. Beispielsweise mit der Lieferung einer Turbine, die aus technischer Sicht nicht einmal benötigt wird. Zudem gäbe es andere Pipelines, über die man liefern könnte, und dabei rede ich nicht von N2.

  4. Das ist mir eine Spur zu naiv. Studieren einfach mal sie Sicht der BRICS+-Staaten. Die südafrikanische Außenministerin ist da eine gute Reverenz. Ach ja, fragen sie mal in Pakistan nach, wie diese zu Russlan und zur G7 stehen? Sie werden sich wundern….

    1. @Peter

      Sollen wir uns jetzt ein Beispiel an Südafrika und Pakistan nehmen? Vielleicht auch gleich noch an Brasilien!

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