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Warum sich eine Wette gegen die Türkische Lira jetzt lohnen könnte

Türkische Lira kurzfristig im Aufwind - aber nicht nachhaltig

Präsident Erdoğan schaffte es über Nacht, die Türkische Lira um fast 40 Prozent aufwerten zu lassen. Dabei wurden die Short-Seller hart gegrillt. Aktuell beträgt das Kursplus seit gestern Abend noch gut 30 Prozent. Lohnt sich auf dem jetzigen Niveau eine Wette gegen die Türkische Lira?

US-Dollar vs. Türkische Lira drei Minuten Chart
Grafik: US-Dollar-Türkische Lira 3-Minuten Chart

Wie es Recep Tayyip Erdoğan schaffte, die Türkische Lira massiv zu pushen

Seit Mitte November befindet sich die Türkische Lira mit kurzen Unterbrechungen im freien Fall. Allein in den letzten zwei Monaten büßte der Kurs der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar bis gestern Abend gut zwei Drittel seines Wertes ein.

US-Dollar vs. Türkische Lira Tageschart
Grafik: US-Dollar-Türkische Tageschart

Für diesen Crash gab es gute Gründe: Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei betrug im Jahr 2020 gemessen am Bruttoinlandsprodukt -5,1 Prozent. Die Leistungsbilanz umfasst alle Transaktionen, außer jene, die in den Finanz- und Kapitalposten enthalten sind. Der Fokus der Leistungsbilanz liegt auf den Transaktionen zwischen einer Volkswirtschaft und der übrigen Welt von Waren und Dienstleistungen. Durch das Defizit flossen 2020 knapp 37 Milliarden US-Dollar aus dem Land ab.

Gleichzeitig fraß die Inflation die Binnenkaufkraft der Lira auf, zuletzt 21,3 Prozent auf Jahresbasis. Das führte zu massiver Kapitalflucht in Euro und US-Dollar. Eine große Rolle spielte dabei auch die hohe Fremdwährungsverschuldung der Türken in Höhe von ca. 450 Mrd. US-Dollar bei einer Wirtschaftsleistung von insgesamt 720 Mrd. US-Dollar. Mit jedem Prozentpunkt Aufwertung stiegen die Fremdwährungsschulden der Türken in Lira an.

Um die Schuldenlast zu senken, befahl Präsident Erdoğan der Türkischen Zentralbank (TCMB) die Zinsen und damit die Kreditkosten für Lira-Kredite zu reduzieren. Das tat die Zentralbank in Anbetracht der hohen Inflation zunächst nur widerwillig. Nachdem der türkische Präsident zwei Gouverneure und etliche Beamte der TCMB austauschen ließ, folgte die Bank seinen Anweisungen blind. Durch das Auseinanderlaufen von Inflation und Zinsen vergrößerte sich aber die negative Realverzinsung der Lira, die aktuell bei -7,3 Prozent p. a. liegt.

Die fortgesetzte Abwertung der Lira rief zunehmend Devisenspekulanten und Hedge-Fonds auf den Plan, die den ohnehin vorhandenen Abwärtsdruck auf die Türkische Lira noch verstärkten. Unternehmen im In- und Ausland versuchten zudem ihre Handelsgeschäfte über den Devisenterminmarkt abzuhedgen, was zusätzliche Lira-Verkäufe zur Folge hatte.

Die Rechnung Erdoğans, seine Landsleute und die heimische Wirtschaft durch Zinssenkungen zu entlasten, ging damit nicht mehr auf – im Gegenteil: Die Importpreise explodierten und befeuerten die Binneninflation zusätzlich. Die Zins- und Tilgungslasten in Euro und US-Dollar wurden für türkische Schuldner untragbar. Eine Pleitewelle bei den Unternehmen ist bereits in vollem Gange.

Wie Erdoğan einen monströsen Lira-Short-Squeeze auslöste?

In einer Fernsehansprache nach einer Kabinettssitzung verkündete Erdoğan gestern Abend Maßnahmen, um die Sorgen der Bürger „abzumildern“, dass ihre Lira-Ersparnisse entwertet werden. Er versprach einen vollen finanziellen Ausgleich für Wechselkursverluste, sofern diese die Verzinsung des Bankguthabens übersteigen: „Unsere Bürger müssen ihre Einlagen von nun an nicht mehr von der türkischen Lira auf ausländische Währung umtauschen, weil sie befürchten, dass der Wechselkurs höher wird“, so der türkische Präsident.

Zusätzlich werde die Regierung Exporteuren helfen, die unter den hohen Wechselkursschwankungen leiden. Gleichzeitig versprach der Präsident durch die Inflation entwertete Transferleistungen zu erhöhen. Was die Inflation noch weiter anheizen dürfte.

Mit diesen Ankündigungen und Versprechen setzten am Devisenmarkt sofort Gewinnmitnahmen ein, die wiederum eine Kaskade an Kauf-Limiten auslösten und damit einen klassischen Short Squeeze in der Türkischen Lira verursachten.

Reine Verbalintervention oder „Gamechanger“?

Die Probleme der Türkischen Lira und der türkischen Wirtschaft vor Augen bringen die gestern Abend von Erdoğan verkündeten Maßnahmen keine grundsätzliche Besserung. Es ist kein „Gamechanger“.

Die nun verkündeten Maßnahmen könnten die ohnehin stark abgeschmolzenen Fremdwährungsreserven der TCMB in Höhe von 76,4 Mrd. US-Dollar überfordern. Allerdings hält die TCMB noch Goldreserven im Wert von ca. 40 Mrd. US-Dollar. Von denen sich Erdoğan aber nur sehr ungern trennen würde.

Der türkische Präsident ist wie beim Pokern mit seinen angekündigten Maßnahmen All-In gegangen. Wenn die Türken, die Unternehmen und die Spekulanten ihm nicht glauben und Erdoğan der TCMB auch weiterhin nicht gestattet, die Inflation zu bekämpfen, verpufft diese Devisenmarktintervention so wie alle zuvor.

Das stark gesunkene Vertrauen der Türken in ihren Präsidenten ist ein Problem für die Erfolgschancen dieses Coups. Erdoğan hat den Nimbus des ewigen Siegers längst eingebüßt. Zu stark ist der Wohlstand bereits gefallen und die Frustration der Türken gestiegen.

Die Maßnahmen kommen auch deshalb wahrscheinlich zu spät, weil die US-Notenbank (Fed) den genauen Gegenkurs zur TCMB eingeschlagen hat. Der US-Dollar bekommt auch von der Geldpolitik Rückenwind. Bei der türkischen Landeswährung ist das genaue Gegenteil der Fall.

Ein wesentlicher Punkt hat sich bei Erdoğan nicht geändert: die Argumentation, dass hohe Zinsen Inflation verursachen. Er hat geschworen, die Zinsen niedrig zu halten und Wachstum, Exporte und Beschäftigung zu priorisieren. Erdoğan wörtlich: „Mit dem Sinken der Zinsen werden wir in einigen Monaten gemeinsam erleben, wie die Inflationsrate zu sinken beginnt“. Diese fatale Fehleinschätzung, an der er unbeirrt weiter festhält, könnte seinen Bluff schnell auffliegen lassen. Die Türkische Lira würde dann rasch wieder in Richtung der alten Tiefststände abrutschen.

Wer darauf wetten möchte, kann an einer erneuten Abwertung mit verschiedenen Finanzinstrumenten partizipieren, z. B. mit CFDs oder mit Hebelzertifikaten auf US-Dollar vs. Türkische Lira etc.

Aber Achtung! Aufgrund der hohen Volatilität in den Währungspaaren USD/TRY sowie EUR/TRY sind viele Derivate, auch Optionsscheine, aktuell teuer (Aufgelder, Volatilität, Spreads etc.) und mit hohen Risiken bis hin zum Totalverlust versehen.

Außerdem ist ein angeschossener Tiger unberechenbar. Weitere solcher Coups aus dem türkischen Präsidentenpalast könnten jederzeit folgen.



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3 Kommentare

  1. Ergänzung zum Artikel: Präsident Erdoğan plant offenbar, die Kompensationen möglicher Verluste durch eine Abwertung der Türkischen Lira via Kreditaufnahme bei der türkischen Zentralbank aus der Notenpresse zu bezahlen (Refinanzierung der Staatsschulden durch die TCMB). In diesem Fall würde die Lira-Geldmenge ansteigen, bei gleichzeitig weiter sinkenden Leitzinsen. Ob das die Spekulanten überzeugt, die Lira nun besser zu bewerten, darf bezweifelt werden.

    Allein der Tagesumsatz an der Forex in der türkischen Lira (TRY) beträgt das Vielfache des türkischen Bruttoinlandsprodukts. Erdoğan muss also primär die Spekulanten überzeugen. Den Schaden, den der Präsident mit dem Auslösen dieses Monster-Short-Squeeze bei seinen Mitbürgern und türkishen Unternehmen (Thema Hedging) verursacht hat, sind noch nicht bezifferbar.

    Es war wohl ein Akt der Verzweiflung. Die Vertrauensabstimmung über die Zukunft des türkischen Präsidenten und den Erfolg seines Coups findet ab sofort am Devisenmarkt statt.

    1. Erdonomics…die neue Form der Volkswirtschaftslehre.

      Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt man besser echte Ökonomen und nicht Erdogan ;-)

  2. Erdogan sollte Jeff Snider als Finanzberater mit an Bord nehmen – dann könnte es mit Niedergang noch einen Zacken schneller gehen… ;-)

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