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Was denkt die EZB denn über den Finanzmarkt? 2017 kurz vorm Inflationsziel?

Von Claudio Kummerfeld

Die EZB gewährt seit Kurzem (verzögerte) Einblicke in ihre geldpolitischen Sitzungen. Schauen wir doch mal, wie die Damen und Herren die Finanzmärkte während ihrer Sitzung Mitte Juli wahrgenommen haben.

EZB sieht Inflationsziel ab 2017 in greifbarer Nähe

Die EZB ist der Ansicht, dass 2017 die Inflation in der Eurozone 1,6% erreichen wird. Dann wäre man fast bei seinem Ziel von 2% – man müsste demnach nur das QE (Quantitative Easing) um 6-12 Monate verlängern, um die Konjunkturmaschine von September 2016 bis ins Jahr 2017 hinein zu verlängern. U.a. den niedrigen Ölpreis sieht die EZB als positiven Faktor für mehr Konsum in Europa. Auszüge aus dem EZB-Text zu ihren Inflationserwartungen:

„Was die jüngsten Prognosen zur HVPI-Inflation im Eurogebiet betrifft, so wurde die jährliche HVPI-Inflation für das laufende Jahr in der SPF-Umfrage zum dritten Quartal 2015 auf 0,2% und für das kommende Jahr auf 1,3 % leicht nach oben revidiert, während jene für 2017 mit 1,6% nahezu unverändert blieb. Mit Blick auf die langfristigen Inflationserwartungen im Euroraum wiesen sowohl die umfrage-als auch die marktbasierten Messgrößen einen leichten Anstieg auf. Die erwartete Inflation in fünf Jahren wurde in der jüngsten SPF-Umfrage auf 1,86% nach oben korrigiert gegenüber einem Wert von 1,84% im zweiten Quartal…

Der Konsum dürfte weiterhin die Haupttriebfeder der Erholung im Euroraum darstellen, wobei die rückläufigen Ölpreise die Kaufkraft der privaten Haushalte voraussichtlich stützen werden. Das Wachstum der real verfügbaren Einkommen beschleunigte sich im ersten Quartal 2015 im Eurogebiet als Ganzes  kräftig auf 2,2% gegenüber dem Vorjahr. Dieser Anstieg war über die größten Volkswirtschaften des Euroraums breit angelegt, doch sind mit Blick auf die längerfristige Entwicklung des Realeinkommens nach wie vor beträchtliche Unterschiede zwischen den Ländern zu verzeichnen. Auch von der Investitionstätigkeit gingen zunehmend Impulse für die Konjunkturerholung aus. Eine weitere Belebung der Investitionen dürfte angesichts günstiger Finanzierungsbedingungen und niedrigerer Energiepreise zu einem späteren Zeitpunkt zu erwarten sein, während die einbehaltenen Gewinne in Relation zur Wertschöpfung per saldo weiterhin auf einem hohen Stand liegen.“

Wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone

Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone entwickelt sich laut EZB auf breiter Front. Sie nennt es einen „moderaten Wirtschaftsaufschwung“. Gut, man muss der EZB zu gute halten, dass der China-Crash (an der Börse) da noch nicht akut war! Zitat aus dem Bericht der EZB:

Die jüngsten Daten bestätigten weitgehend, dass sich das moderate Wachstum im zweiten Quartal 2015 fortgesetzt habe. Unsicherheiten aufgrund des Fortgangs der Verhandlungen zum griechischen Hilfsprogramm und der sich verschlechternden wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen in einigen Schwellenländern (vornehmlich in China) schienen keine erkennbaren Auswirkungen auf die Konjunktur im Euroraum gehabt zu haben. Dies weise auf eine gewisse Robustheit der anhaltenden Wirtschaftserholung hin, wie sie durch einige länderspezifische Entwicklungen belegt werde. Zugleich sei weiterhin Vorsicht geboten, denn einige aktuelle Daten seien schwächer als erwartet ausgefallen. Vor allem der im Mai 2015 beobachtete Rückgang der Industrieproduktion im Eurogebiet um 0,4% gegenüber April deute auf eine nach wie vor bestehende Schwäche und Unsicherheit im Zusammenhang mit der momentanen Wirtschaftsentwicklung hin, obschon zur Kenntnis genommen worden sei, dass diese Daten wie üblich sehr volatil sind und möglicherweise durch saisonale und statistische Effekte beeinflusst werden. Darüber hinaus stünde diesen Ergebnissen der kräftige Zuwachs beim Auftragseingang in der Industrie vom April gegenüber, wodurch sich die Aussichten für die Industrieproduktion in den kommenden Monaten aufhellen dürften.

Mit Blick auf die Zukunft gingen die Ratsmitglieder allgemein davon aus, dass der Wirtschaftsaufschwung im Euroraum nach und nach weiter an Breite gewinnen werde. Es werde erwartet, dass die günstigen Finanzierungsbedingungen, Fortschritte bei der Haushaltskonsolidierung und den Strukturreformen sowie die seit Kurzem wieder sinkenden Ölpreise zusammen mit den verzögerten Auswirkungen vorangegangener Rückgänge die Binnennachfrage kräftigten. Gestützt durch eine bessere preisliche Wettbewerbsfähigkeit und niedrigere Energiepreise sei auch in Bezug auf den Außenhandel davon auszugehen, dass dieser zur Konjunkturbelebung beitrage, obschon dessen Impuls für das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2015 negativ gewesen sei. Insgesamt wurde erwartet, dass der Aufschwung im Euro-Währungsgebiet weiterhin moderat und schrittweise verlaufen werde, was sowohl aus einer längerfristigen als auch einer internationalen Perspektive heraus enttäusche, da das reale BIP im Euroraum aktuell nur in der Nähe seines Niveaus von 2008 liege, während es sich in den Vereinigten Staaten wieder kräftig erhöht habe.

Die EZB ist überzeugt: Das QE wirkt!

Die EZB gibt sich selbstsicher: Ihr seit März und noch bis September 2016 laufendes Anleihekaufprogramm zeige in allen Bereichen die erwünschte Wirkung, Zitat:

Die Wirksamkeit der geldpolitischen Sondermaßnahmen der EZB wurde sowohl hinsichtlich der Programme zum Ankauf von Vermögenswerten als auch der GLRGs weitgehend als planmäßig erachtet; die Maßnahmen hätten das Vertrauen merklich gestärkt, das Wirtschaftswachstum gestützt und zu einem Abbau der wirtschaftlichen Unterauslastung sowie zum Geldmengen-und Kreditwachstum beigetragen. Die aktuellen Informationen stünden trotz der jüngsten Finanzmarktentwicklungen und der Transmissionsverzögerungen nach wie vor mit der Einschätzung im Einklang, dass die geldpolitischen Maßnahmen weiterhin auf die Kosten und Verfügbarkeit von Krediten an Unternehmen und private Haushalte durchwirkten. Dies gehe auch aus den Ergebnissen der jüngsten Umfrage zum Kreditgeschäft der Banken hervor, die darauf hinwiesen, dass sich die Kreditbedingungen insgesamt gelockert hätten und dass die zusätzliche Liquidität aus den GLRGs zur Kreditvergabe eingesetzt werde.

Die Anleihekäufe der EZB könnten deutlich über September 2016 hinaus laufen, wenn bei den Inflationsdaten nichts so voran geht wie erhofft, Zitat:

So sollten die monatlichen Wertpapierkäufe im Umfang von 60 Mrd€ bis Ende September 2016 und in jedem Fall so lange fortgeführt werden, bis eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennbar sei, die mit dem Ziel des EZB-Rats im Einklang stehe, mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2 % zu erreichen. Zugleich seien, wie Herr Cœuré in seiner Einführung darlegte, saisonale Marktentwicklungen zu berücksichtigen, um der in den Sommer- und Wintermonaten geringeren Markttiefe und Liquidität Rechnung zu tragen. Zu diesem Zweck wurden seit Mai Käufe in moderatem Umfang vorgezogen.



Hier der gesamte Bericht der EZB-Ratssitzung aus Juli als deutscher Text auf der Webseite der Bundesbank.



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1 Kommentar

  1. und ich sehe in greifbarer Nähe, dass man die politiker zum teufel jagt wenn der Bürger weiter ausgepresst wird und die EZB weiter Inflation will wo keiner mehr Geld hat, gell?

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