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Was hat die EZB-Politik denn mit meinem Bausparvertrag zu tun? Ist doch alles so weit weg…

Das mag sich so mancher Kleinsparer oder Bausparer auch heute noch denken, wenn er etwas hört von der großen EZB-Politik, von Nullzinsen, von Negativzinsen und dem Kampf um die große...

FMW-Redaktion

Das mag sich so mancher Kleinsparer oder Bausparer auch heute noch denken, wenn er etwas hört von der großen EZB-Politik, von Nullzinsen, von Negativzinsen und dem Kampf um die große Zinswende. Was geht mich das schon an? Letztes Jahr war es dann der große Skandal: Bausparkassen kündigen reihenweise Ansparverträge von langjährigen Kunden, die oft mit Kleinstbeträgen seit langer Zeit Kapital ansparen. Das ist die sogenannte Ansparphase, in der man sich einen gewissen Sockel anspart, damit man beim Start seiner Hausfinanzierung nicht 100% des Hauses auf Pump finanziert, sondern vielleicht nur 90% oder 80%. Nach Aussagen der Bausparkassen benutzten viele Bausparer aber die jahrelang guten Zinsen als besseres Sparbuch, und hatten niemals vor ein Haus zu bauen.

Ein offenes Geheimnis: Alle wussten, dass es so war, und alle waren damit glücklich – auch die Bausparkassen, die so jede Menge Geld in ihre Kassen bekamen. Dann aber wurden diese „Sparkonten“ reihenweise gekündigt mit der Begründung die Kunden würden sie ja zweckentfremden. Die Bausparkassen hielten die Beschwerden und Klagen aus und bekamen von Gerichten recht. Die Kunden waren ihre Altverträge mit den schönen hohen Zinsen los. Das war wie gesagt letztes Jahr ein großer Aufreger. Heute scheint das keine große Nummer mehr zu sein. Abseits von Gerichtsentscheidungen steht nämlich fest, dass Kunden mit Festzinsversprechen ihre Konten gekündigt wurden, nur weil den Bausparkassen die eigenen eigegangenen Verpflichtungen nicht mehr passten.

Man stelle sich vor Kreditkunden bei Banken würden ebenso sagen „die hohen Zinsen passen mir nicht mehr, ich kündige den Vertrag.“ Die Bausparkassen reichten den schwarzen Peter natürlich weiter an die EZB, die in der Tat der letztlich Schuldige für dieses Desaster ist. Würden die Bausparkassen nicht kündigen, kämen sie in erste finanzielle Schwierigkeiten, weil sie mehr Zinsen zahlen als sie bei Krediten einnehmen würden – nach und nach würde sich dieser Effekt bemerkbar machen. Ganz aktuelle Äußerungen aus der Branche zeigen, wie selbstverständlich dieses skandalöse Vorgehen von Massenkündigungen in 2016 geworden ist.

So sagte Reinhard Klein, Vorstand der größten deutschen Bausparkasse Schwäbisch Hall der WamS im Zusammenhang mit anstehenden Kündigungen von Altverträgen (letztes Jahr 50.000 Stück): Was möglich und zulässig sei, werde man angesichts der Niedrigzinsen, die durch die Maßnahmen von der EZB quasi vorgegeben werden, nutzen müssen. Die jüngsten Verträge, die jetzt dran sind, sind aus dem Jahr 2001, die meisten sind aber älter – der Schnitt liegt bei 22 Jahren. Die Kündigung solcher alten Verträge sei angemessen, denn wer über einen so langen Zeitraum die Zuteilung eines Baudarlehens ablehne, sei nach Auffassung von Schwäbisch Hall wohl nicht mehr daran interessiert einen Kredit aufzunehmen. Also kräftig weiter kündigen, keine Rücksicht mehr bei den Formulierungen!

Wenn man jetzt denkt, dass bei Nullzinsen das Neugeschäft für die Ansparphase schlecht laufe, täuscht man sich gewaltig. Laut Schwäbisch Hall wurden in 2015 Neuverträge über Bausparsummen von 35 Milliarden Euro abgeschlossen – für 2016 rechnet man mit 30 Milliarden Euro. Als Grund führt man den Wunsch vieler Bürger an gerade „in diesen Zeiten“ eine Immobilie als Altersvorsorge anschaffen zu wollen. Wir fragen uns: Was ist denn in 15 oder 20 Jahren, wenn die Zinsen deutlich gestiegen sind? Dann bekommen neue Bausparkunden vielleicht 3, 4 oder 5% Zinsen auf in ihrer Ansparphase. Dann aber beginnen viele Kunden, die heute abschließen, ihre Darlehensphase mit traumhaft niedrigen Kreditzinsen, und die Bausparkassen haben erneut ein Problem. Verweigert man dann den Altkunden (die jetzt gerade anfangen anzusparen) den Start ihrer Kreditphase, mit der Begründung der fest vereinbarte Kreditzins sei einfach zu niedrig?

Noch eine Anmerkung: So viel aktuelles Neugeschäft, das ist nicht schlecht, wirklich. Natürlich wird ein guter Teil davon Kunden zuzurechnen sein, die in der Tat etwas ansparen wollen für einen künftigen Hausbau (Investieren in Betongold). Aber der informierte Beobachter weiß: Beim Erreichen solche schönen großen Summen im Neugeschäft soll es doch tatsächlich auch den Grund geben, dass Vertrieblern (Agenturen, Banken usw) massiv Druck gemacht wird, oder auch mit kräftigen Boni Anreize geschaffen werden Neugeschäft reinzuholen. Natürlich beziehen wir diese Äußerung explizit nicht auf die Schwäbisch Hall – wir wollen hier ja nichts unterstellen!



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