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Was ist eigentlich, wenn die Inflation gar nicht auf 2% steigt?

Hat darüber eigentlich schon mal jemand bei der EZB nachgedacht? Was passiert eigentlich, wenn die Inflation in der Eurozone gar nicht auf 2% oder nahe 2% ansteigt? Was, wenn die hohen Inflationsraten der...

Von Claudio Kummerfeld

Hat darüber eigentlich schon mal jemand bei der EZB nachgedacht? Was passiert eigentlich, wenn die Inflation in der Eurozone gar nicht auf 2% oder nahe 2% ansteigt? Was, wenn die hohen Inflationsraten der Vergangenheit einfach nicht mehr erzielt werden können? Denn eines ist anders als früher. Amazon und Co sorgen für gnadenlosen Konkurrenzkampf und Preisdruck für den stationären Einzelhandel. Das dämpft die Verbraucherpreise, also die Inflation.

Daher ist es durchaus nachvollziehbar, wenn die Inflation gar nicht mehr so kräftig ansteigt. Irgendeine der großen Notenbanken hatte sich vor Jahren mal diese Zielmarke von 2% Inflation ausgedacht, und alle anderen übernahmen exakt dieses Ziel. Nun beharrt die EZB seit Jahren darauf, dass auch in der Eurozone die Inflation in der Headline (aber auch die sogenannte Kernrate) auf 2% oder nahezu 2% steigen müsse, womit man wohl 1,8% oder 1,9% meint.

Nun hängen die Zinsen seit Jahren bei 0, und seit mehr als zwei Jahren druckt die EZB Monat für Monat gigantische Milliardensummen, womit der europäische Kapitalmarkt immer weiter aufgebläht und verzerrt wird. Was passiert, wenn das Inflationsziel einfach gar nicht nachhaltig (!) erreicht werden kann? Nicht in ein, nicht in zwei oder drei Jahren von heute aus gesehen? Dann hat die EZB ein verdammtes Glaubwürdigkeitsproblem. Denn die derzeitigen Anzeichen einer Wende der Geldpolitik deuten auf ein Ende des lockeren Geldes im 1. Halbjahr 2018 hin.

Wenn die Preise bis dahin ihr Ziel nicht erreichen, dann müsste die EZB eigentlich sagen, dass man sein Inflationsziel aufgibt, und zum Beispiel 1,5% auch OK sind. Damit gäbe man dann aber zu, dass man all die letzten Jahre falsch lag mit seiner Zielmarke. In einem aktuellen Interview mit der WiWo sagt beispielsweise der hoch angesehene ehemalige Bundesbanker Otmar Issing, dass der Ausstieg aus der aktuellen Geldpolitik immer schwieriger werde, wenn man ihn immer länger hinauszögere. Die EZB-Politik sei derzeit sogar noch expansiver als direkt nach der Finanzkrise, so Issing.

Er spricht von einer Kommunikationsfalle, in welche die EZB gerate, wenn sie ständig eine höhere Inflation als Ziel ausrufe, diese aber nicht erreichen könne. Das beschädige ihre Reputation. Laut Issing gibt es keinen Grund die Inflation „auf Teufel komm raus“ nach oben treiben zu müssen. Außerdem hätten sich die Notenbanken generell in eine gefährliche Abhängigkeit von den Finanzmärkten begeben. Dort habe man sich auf dauerhafte Niedrigzinsen eingestellt. Und die Notenbanker fürchteten einen Absturz der Finanzmärkte, wenn man die Zinsen wieder anhebe.

Also, was ist das Fazit? Je länger man mit der Zinswende wartet, desto größer könnte möglicherweise die Fallhöhe der Märkte werden. Nach vielen anderen Stimmen ist auch Issing also der Meinung, dass dieses starre und stumpfe Festhalten am Ziel von 2% recht sinnlos ist. Unsere Meinung ist: Die EZB hatte zuletzt immer wieder betont, dass die Deflationsgefahren in der Eurozone nicht mehr existieren. Und genau das war doch eigentlich (!) das Ziel der ganzen Geldsause, nämlich die Deflation zu verhindern. Also, worauf wartet die EZB noch?


Das Logo der EZB. Grafik gemeinfrei.



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2 Kommentare

  1. oder QE forever!

    Schon das Ziel 2% ist doch willkürlich festgelegt worden. Und damit werden Eingriffe in den Markt gerechtfertigt, die viel schlimmere Auswirkungen und Verzerrungseffekte haben als eine Inflation von 1%.

    1. Die 2% sind eher ein Korrekturfaktor gegen statistische Fehlerfassungen, welche sich nicht ganz ausschließen lassen. Man nimmt somit die Nase etwas höher, damit die Bugwelle nicht über die Reling schwappt.

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