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Wells Fargo-Skandal: DAMIT HABE ICH NICHTS ZU TUN. Aber Sie sind doch der Chef der Bank? JA…

Nein, das hier ist nicht die Muppet-Show, nicht die Benny Hill-Show, und auch nicht die Fortsetzung von Stromberg, das ist nur der Bankenausschuss im US-Senat. Gestern war Wells Fargo-Chef John Stumpf vorgeladen und durfte Senatoren und Presse...

FMW-Redaktion

Nein, das hier ist nicht die Muppet-Show, nicht die Benny Hill-Show, und auch nicht die Fortsetzung von Stromberg, das ist nur der Bankenausschuss im US-Senat. Gestern war Wells Fargo-Chef John Stumpf vorgeladen und durfte Senatoren und Presse erklären, wie ohne sein Wissen 5.300 Bankmitarbeiter für bestehende Kunden 2 Millionen Konten und Kreditkartenkarten eröffnen konnten um hohe Vertriebsziele erfüllen zu können. Bei seinen Ausführungen wurde Stumpf noch nicht mal rot, und musste auch nicht ein Mal lachen. Nicht schlecht.

Von mehreren Senatoren wurde er nacheinander befragt. Mehrfach wurde er gefragt ob er (in Personalunion Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender, in den USA möglich und üblich) sich denn darum kümmern werde, dass die ehemalige zuständige Leiterin des Privatkundengeschäfts Carrie Tolstedt sanktioniert werde. Hierbei geht es vor allem um das Rentenpaket von 125 Millionen Dollar, mit dem sich Tollstedt vor Kurzem natürlich als freien Stücken in den Ruhestand verabschiedet hatte. Es geht darum, ob Teile dieser enormen Abfindung von Wells Fargo zurückgehalten oder zurückgefordert werden. Die Antwort von Stumpf:

Damit habe ich nichts zu tun. Darum kümmert sich der „Gehalts-Ausschuss“ innerhalb des Aufsichtsrats, dem ich nicht angehöre. Senator-Frage: Aber Sie sind doch der Chef der Bank, richtig? Antwort: Ja!
Auf mehrmalige Nachfragen zum selben Thema konnte er immer wieder nur sagen, dass er diesem Ausschuss nicht reinrede, er keinen Einblick habe, was dort besprochen wird usw. Aber ja, er glaube dieser Ausschuss werde die Rentenabfindung von Frau Tollstedt möglicherweise prüfen. Er selbst sei kein Experte für Gehälter, das sei wie gesagt alles Sache dieses Ausschusses. Er sei zwar Chef im Aufsichtsrat und im Vorstand, aber er respektiere die Unabhängigkeit dieses Ausschusses (Lachnummer).

Frage: Sie sagen die letzten Tage immer Sie sind als Chef verantwortlich. Sind Sie wirklich verantwortlich? Antwort: Ja
Frage: Aber sind Sie zurückgetreten? Antwort: Nein
Haben Sie selbst Teile ihrer Gehälter zurückgezahlt? Nein
Haben Sie aufgrund dieses Skandals hochrangige Führungskräfte entlassen? Nein

Frage: Wann haben Sie die Vorfälle an die Börsenaufsicht gemeldet? (wohl gemerkt: das sind extrem wichtige Pflichtmitteilungen)
Antwort: Weiß ich jetzt nicht genau, kann ich mich nicht dran erinnern, da muss ich intern nachfragen lassen.

Immer wieder betonte Stumpf, dass die 5.300 entlassenen Mitarbeiter von Wells Fargo mit ihren „fehlerhaften Verkaufspraktiken“ gegen die ethischen Grundsätze der Bank verstoßen hätten, und deswegen entlassen wurden. Das Wort Betrug vermied er tunlichst.
Frage: Was anderes ist das hier als Betrug?
Antwort: Ich bin kein Anwalt, ich kann das alles nicht genau definieren!
Senator: Ich bin auch kein Anwalt, und ich wie die meisten anderen Amerikaner, die auch keine Anwälte sind, können diese Machenschaften eindeutig als Betrug identifizieren.

Nach mehrmaliger Nachfrage bestätigte Stumpf, dass er seit 2013 von diesem „Fehlverahlten“ seiner Mitarbeiter gewusst habe. Aufsichtsrat und Behörden seien dann auch informiert worden (wann genau, ist wie gesagt unklar).

Stumpf zählte diverse Maßnahmen auf, die Wells Fargo in den letzten Jahren nach und nach ergriffen habe um Fehlverhalten abzustellen. Aber all das habe leider nicht geholfen. Daher schaffe man jetzt jegliche Vertriebsziele komplett ab. Unsere Anmerkung: Es ist doch ein ziemliches Armutszeugnis für eine Bank, wenn kriminelles Verhalten von tausenden Mitarbeitern auch nach mehreren Jahren nur ganz abgestellt werden kann durch das völlige Abschaffen von Vertriebszielen!

Frage: Viele der entlassenen Mitarbeiter waren Geringverdiener mit 16 oder 17 Dollar pro Stunde und vielen Arbeitsstunden – die in Rente geschickte Privatkundenchefin Carrie Tollstedt wurde aber mit mehr als 120 Mio Dollar abgefunden. Will er als Aufsichsrats- und Vorstandschef eine „Empfehlung“ an sein Board aussprechen, dass man einen guten Teil der Abfindung von Frau Tollstedt zurückfordert?
Antwort: Die Gehälter der entlassenen Mitarbeiter hätten im Schnitt bei von 35-60.000 Dollar pro Jahr gelegen. Wie schon gesagt, sei der Gehaltsausschuss im Aufsichtsrat unabhängig, darauf hat er keinen Einfluss (was für ein Witz). Er selbst will keine Empfehlung an seinen „Gehaltsausschuss“ geben, was zu tun ist.

Laut Stumpf sei Carrie Tolstedt aus einer Vielzahl von Gründen freiwillig in den Ruhestand gegangen.

Frage: Wenn tausende Bankmitarbeiter auf die ganzen USA verteilt mit den selben Methoden betrügen, ist es schwer zu glauben, dass das ein Zufall ist?
Antwort: Das weiß ich nicht. Man habe aber auch Bankmanager und deren Vorgesetzte gefeuert. Aber die überwiegende Anzahl der Bankmitarbeiter habe ja nicht an diesem Fehlverhalten teilgenommen.

Frage: Stellen Sie sich vor Sie sind ein kleiner Filialmitarbeiter, verdienen knapp 30.000 Dollar im Jahr, müssen damit eine Familie ernähren, haben brutale Vertriebsvorgaben, müssen sich gegenüber Vorgesetzten beim Nicht-Erreichen rechtfertigen, und erhalten bei Nicht-Erreichen danach noch höhere Vorgaben. Vergessen Sie höhere Bezüge oder Bonus-Anreize, es geht um den Erhalt ihres Jobs. Das soll eine tolle Atmosphäre gewesen sein um im besten Interesse der Kunden zu handeln?
Antwort: Wir haben ja schon vorher die Vertriebsziele reduziert… (häääh? Was für eine Antwort…)

Frage: Haben Sie oder ein anderer Vorstand durch diese Enthüllungen irgendwelche finanziellen Nachteile zu befürchten?
Ja ja, möglicherweise. Er sprach dann aber nur von mittel-hohen Führungskräften.

Und so ging es immer weiter. Die Hauptthese von Johm Stumpf: Vorstand und Aufsichtsrat haben natürlich nichts von all dem gewusst, und seien total entsetzt, wie diese 5.300 entlassenen Mitarbeiter die ethischen Regeln der Bank missachten konnten. Hier zwei Video-Auszüge von gestern.

Hillary Clinton hat sich im bester Wahlkampfmanier gestern mit einem offenen Brief an die Wells Fargo-Kunden gewandt. Hier weist sie darauf hin, dass sie die US-Verbraucherschutzbehörde, die unter anderem diesen Skandal aufgedeckt und letztlich auch sanktioniert hat, in Zukunft weiter stärken will. Und sie will dafür sorgen, dass Banken zukünftig Boni von Managern zurückholen müssen, wenn Betrug oder Fehlverhalten nachgewiesen wird. Und sie betont auch, dass Donald Trump und Lobbyisten der Wall Street alles dafür tun diese Verbraucherschutzbehörde abzuschaffen. Also der klassische Kampf „Gut gegen Böse“? Dabei hat doch noch nie ein Präsidentschaftskandidat in den USA so viel Geld von Wall Street-Banken erhalten wie Hillary Clinton!?! Hier auszugsweise aus ihrem Brief:

„First, we need to defend the Consumer Financial Protection Bureau. The unfair and abusive practices at Wells Fargo remind us that we need tough watchdogs looking out for customers. The CFPB worked with local authorities and enforced the law – assessing its highest penalty ever, and bringing the bank’s illegal activity into the national spotlight.

Donald Trump, the Republican Party, and Wall Street lobbyists are desperate to dismantle this effective agency, which is dedicated solely to protecting consumers from unfair and deceptive practices. I won’t let them put the CFPB under their thumb. I’ll protect the CFPB and make sure it can continue its essential work on behalf of the American people.

Second, we need real consequences when firms on Wall Street break the law. This past week, we learned that one of the Wells Fargo executives that oversaw the division that ripped off its customers left the bank – not with a pink slip, but with a $125 million payout. It’s hard to imagine that top executives were unaware of a problem that involved thousands of the firm’s employees. After all, they imposed sales targets and compensation incentives in ways that led to this behavior. And it’s frustrating that a bank can simply pay a fine and keep doing business as usual – with massive compensation for the executives responsible. That compensation should be clawed back.“



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2 Kommentare

  1. mit 120 mio usd hätte man die entlassenen 5300 Mitarbeiter jeweils mit ca. 22.500 usd abfinden können. Das wäre fair gewesen. Stattdessen bekommt eine einzelne Person 120 Mio usd.

  2. Ich habe mir die Theateraufführung von Chief Executive Officer und Chairman John Stumpf auch angesehen. Er ist aalglatt und die Benennung seines Handelns als Gutless Leadership durch Senator E. Warren ist noch schmeichelhaft.

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