China: Ein Datenleck in Zhangjiakou enthüllt die flächendeckende Spionage gegen ausländische Gäste. Detaillierte Überwachungsprofile treffen dabei auf gravierende Sicherheitslücken.
Spionage im Skigebiet: Wie China Ausländer überwacht
In Zhangjiakou zeigt eine offen zugängliche Datenbank, wie akribisch ausländische Touristen im Umfeld der olympischen Skipisten erfasst werden. Die Region nahe Peking geriet 2022 durch die Winterspiele und die markante Skischanze „Snow Ruyi“ weltweit ins Rampenlicht.
Snow Ruyi: Vom olympischen Skandal-Ort zum Wintersport-Hotspot
Sie war ein Wahrzeichen der Olympischen Winterspiele 2022, die Skischanze „Snow Ruyi“ in der Nähe der Vier-Millionen-Stadt Zhangjiakou rund eine Stunde mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Peking entfernt.
Nachgebildet ist die Anlage einem Ruyi-Zepter, einem zeremoniellen Gegenstand, der Macht, Perfektion und Kontrolle symbolisieren soll. Allerdings waren die Ski-Sprung-Wettbewerbe eher eine Ansammlung von Chaos und Unfähigkeit und standen für einen der größten Skandale bei Skisprungwettbewerben. Denn die Schanze ist berühmt-berüchtigt für ihre heftigen Böen und vor allem für ihre eisigen Temperaturen, die bei den Athleten für heftige Kritik sorgen. Für den Skandal waren aber nicht die chinesischen Gastgeber zuständig, sondern das olympische Komitee selbst, das mit seinen umstrittenen Entscheidungen den Mixed-Wettbewerb zur Farce werden ließ.
Die Nähe zur Hauptstadt macht die Stadt im Winter zu einem beliebten Ausflugsziel am Wochenende für die geplagte chinesische Mittel- und Oberschicht, um sich auf den Skipisten zu erholen. In China ist es eines der wenigen Skizentren. Die Region verfügt zwar über hochmoderne Lifte und riesige Hotelkomplexe, hat aber aufgrund der Geografie eine bescheidene Höhendifferenz. Es lässt sich eher mit Saalbach-Hinterglemm, Winterberg oder der Hunter Mountain in Vermont vergleichen, statt mit Zermatt, Chamonix oder, um in Asien zu bleiben, Niseko in Japan. Selbst innerhalb von China kann es sich mit der Ski-Hochburg Yabuli nicht messen. Die Attraktivität liegt eher in der besseren Erreichbarkeit.
Kein Wunder also, dass sich skibegeisterte Ausländer aus der Hauptstadt, der benachbarten Stadt Tianjin nach Zhangjiakou aufmachen. Aber selbst aus Shanghai kommen sie in die Provinz, um zu entspannen.
Einkauf, Konto und TV-Verhalten: Die vollständige Akte aller Fremden
Vielleicht wären sie weniger entspannt, wenn sie wüssten, dass sie potentiell Teil einer Datenbank sind, deren einzige Aufgabe die Überwachung der wenigen Ausländer ist, die in Zhangjiakou leben: Touristen und Journalisten. Dabei finden sich in der Datenbank nicht nur die üblichen Details, wie Name, Pass- und Telefonnummer, Wechat-Account und Zahlungen vom Konto, sondern über das landesweite „Sharp-Eyes“, dessen Teil das Überwachungssystem von Zhangjiakou ist, finden sich auch Bewegungsprofile. So wissen die Überwacher, nicht nur mit welchem Zug, sondern auf welchem Platz der Besucher saß, wann er welche Lifte im Skiresort benutzte, sondern auch, wo er wann was in einem Supermarkt einkaufte, wie hoch seine Stromrechnung ist, und welche Krankheiten er hat. Erfasst ist, wer wen wie oft trifft und welche Fernsehserie er abends via Smart-TV schaut. Und dabei ist es völlig egal, ob er in Zhangjiakou lebt, nur zu Besuch ist, oder gar nie einen Fuß in die Stadt oder Umland gesetzt hat.
Der Sammlungswut steht die geringe Anzahl von Einträgen gegenüber. Insgesamt sind in der Datenbank nur 12.000 Einträge vorhanden, davon etwas mehr als 700 Vollprofile, zumeist die wenigen internationalen Studenten aus Pakistan oder Indien, die an der in der gelegenen Hebei North University studieren.
Chabudwellian: Die fehlerhafte Überwachung durch Behörden
Deswegen spricht Fergus Ryan vom Australian Strategic Policy Institute auch vom „Chabudwellian.“ Dieses Kofferwort verbindet die orwellschen Überwachung mit dem chinesischen Begriff „cha bu duo“, was dem deutschen „passt schon“ entspricht. Es zeigt den chinesischen Widerspruch zwischen ungezügelter Datenansammlung und gleichzeitiger Unvollkommenheit des Systems, erkennbar an den für ein Sicherheitssystem ungewöhnlich schwachen Zugangssicherungen. Sein Entdecker, der Journalist Marc Hofer, fand die Zugangsseite schon komplett ausgefüllt mit Benutzername und Passwort vor. Er brauchte also nur „Enter“ drücken und konnte sich durch die Einträge klicken.
Von den etwa 12.000 Datensätzen sind 300 Journalisten gewidmet, die wie Sophia Yan vom Daily Telegraph, nie in Zhangjiakou waren. Daneben fanden sich Profile von gesuchten Personen aus Hong Kong und Taiwan. Die übrigen Ausländer waren in unterschiedlichen Risikogruppen unterteilt: Staatsbürger aus den USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada werden in einer gemeinsamen Kategorie gebündelt, benannt nach dem Geheimdienstverbund „Five Eyes“. Eine weitere Kategorie bilden die Schlüsselländer, Ägypten, Iran, Israel, Marokko, Pakistan und Sudan. Mit Ausnahme von Israel also islamische Staaten. In separaten Ordnern werden Menschen aus Hongkong, Macau und Taiwan, sowie ausländische Studenten, Ehepartner chinesischer Staatsbürger und sogenannte „Schlüsselpersonen“, ein Begriff, der für Aktivisten und Gesuchte verwendet, geführt.
An lückenlose Überwachung haben sich Ausländer in China längst gewöhnt. Allerdings gibt die Datenbank von Zhangjiakou einen seltenen Einblick, wie tief die Sammelwut der chinesischen Behörden ist, aber auch wie unsystematisch und teilweise amateurhaft die Überwachung ist. Aus anderen Städten sind ähnliche Überwachungssysteme bekannt. Vor zwei Jahren offenbarte das Datenleak der Firma I-Soon, wie die Daten benutzt werden, um auch Menschen im Ausland zu überwachen. Expats, wie z.B. der Autor dieses Artikels, die jahrelang in China verbracht haben, müssen also damit rechnen, dass sie auch nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland weiter unter Beobachtung stehen, insbesondere, wenn sie Journalisten oder Aktivisten sind.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken













Siehe Usa. Da geht man wieder und zahlt noch ein paar Jahre Steuern. Datenzentren gibt es in der Usa oder in Europa natürlich nicht. Nur in China oder Russland.
Wie war da noch, @Helmut?
„Kein Wunder, dass Sie sich hier hinter einem Pseudonym verstecken müssen.“
Manche Menschen sollten sich einfach schämen, was sie für Unverschämtheiten schreiben (zumal es glatte Lügen sind)
„“Expats, wie z.B. der Autor dieses Artikels, die jahrelang in China verbracht haben, müssen also damit rechnen, dass sie auch nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland weiter unter Beobachtung stehen, insbesondere, wenn sie Journalisten oder Aktivisten sind“
Die Chinesen werden es wohl ganz anders machen.
Auf die Bevölkerung umgerechnet gegenüber Deutschland, würde es sonst in China etwa 440.000 Messer-Attacken im Jahr geben und abertausende von Massenvergewaltigungen.
Man stelle sich nur vor, in China wären, wie in Deutschland, etwa 50 % der Gefängnissinsassen Ausländer.
Nach meinen Informationen befinden sich in China unter 1 % ausländische Straftäter im Gefängnis.
Und ich glaube auch kaum, dass in China ein Messerstecher und Vergewaltiger zumindest bis zum Prozessbeginn wieder auf freien Fuß gelangt oder eine Bewährungsstrafe bekommt.
Viele Grüße aus Andalusien
Helmut