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Neue Dynamik in China Wie China High-Tech-Industrien aufbaut – das „Hefei-Modell“

Vorbild für Deutschland?

China Hefei Industrie
Foto: Bloomberg

Hefei entwickelt sich zur High-Tech-Metropole in China. Mit gezielten Investitionen baut die Stadt Zukunftsindustrien auf – und könnte zum Vorbild für die Wirtschaftspolitik werden.

China und das „Hefei-Modell“

Das „Hefei-Modell“ zeigt, wie China gezielt High-Tech-Industrien aufbaut. Wenn westliche Manager an die wirtschaftlichen Boomregionen Chinas denken, fallen meist dieselben Namen: Shenzhen, Shanghai, Peking. Doch eine Stadt, die bislang wenig Beachtung fand, hat sich in den letzten Jahren zu einem der spannendsten Wirtschaftsstandorte des Landes entwickelt: Hefei.

Während Volkswagen und andere westliche Hersteller auf dem chinesischen Markt zunehmend unter Druck geraten, hat sich Hefei als Modell für Chinas wirtschaftliche Transformation etabliert. Die Stadt hat mit klugen, strategischen Investitionen bewiesen, dass staatliche Zuwendungen und privates Unternehmertum keine Gegensätze sein müssen – sondern gemeinsam ganze Industrien formen können.

Wirtschaftswandel: Hefei setzt auf kluge Investitionen

Noch vor 15 Jahren war Hefei eine eher unauffällige Provinzhauptstadt in Anhui. Heute ist sie ein Symbol für eine neue Form chinesischer Industriepolitik. Das „Hefei-Modell“ basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Die Stadt agiert wie ein Venture-Capital-Fonds. Statt Subventionen wahllos zu verteilen, beteiligt sich die lokale Regierung gezielt an Unternehmen mit Potenzial – und steigt mit Gewinn wieder aus, sobald die Firmen auf eigenen Beinen stehen.

Ein prominentes Beispiel ist NIO, Chinas Vorzeige-Elektroautobauer. 2020 stand das Unternehmen am Abgrund, als es von der Finanzkrise und sinkenden Verkaufszahlen erschüttert wurde. Doch während westlicher Investoren zögerten, griff Hefei zu: Die Stadt investierte umgerechnet 1 Milliarde US-Dollar in das Unternehmen, bot günstige Produktionsflächen und unterstützte den Aufbau eines Innovationsclusters. NIO überlebte nicht nur, sondern wuchs rasant – und Hefei verkaufte später einen Teil seiner Anteile mit Gewinn.

China Hefei

Abb 1: Top 10 der EV-Produktionshubs in China nach Volumen in Millionen Einheiten. Source: MacroPolo Econ

„Zum Modell: Kluge, strategische Investitionen sind ein entscheidender Faktor in der Entwicklung dieses Hefei-Modells, neue Industrien durch eine Kombination von staatlichen Zuwendungen und privaten Unternehmen zu fördern. Wir (da wo ich arbeite) haben auch davon profitiert“, erklärt ein in Hefei lebender deutscher Manager.

Die Erfolgsformel: Staat als Unternehmer

Was Hefei von vielen anderen chinesischen Städten unterscheidet, ist die aktive Rolle der Regierung als Investor. Statt zentralistisch von Peking aus gelenkt zu werden, entscheidet die lokale Verwaltung eigenständig, in welche Unternehmen sie investiert. Dieser pragmatische Ansatz hat sich in mehreren Industrien bewährt.

Im Bereich Elektromobilität setzte Hefei früh auf die richtige Strategie. Neben NIO siedelten sich zahlreiche Zulieferer und Batteriehersteller an, sodass die Stadt heute ein wichtiger Standort für Chinas EV-Industrie ist. Auch in der Halbleiter- und KI-Forschung mischt Hefei mittlerweile mit. Die Stadt investiert gezielt in Zukunftstechnologien und zieht dadurch Technologiefirmen an, die den Innovationsstandort weiter stärken. Ähnlich ambitioniert ist die Stadt in der Biotechnologie: In den letzten Jahren wurden gezielt Unternehmen aus der Medizintechnik gefördert, um eine neue Wachstumsbranche aufzubauen.

Ein deutscher Expat beschreibt die Entwicklung so: „Insgesamt ist es ein sehr langer Prozess, den eigentlich viele Städte machen. Wir hatten bloß etwas mehr Glück und zur richtigen Zeit die richtigen Personen an den wichtigen Positionen.“

Li Qiang und die Tesla-Strategie

Hefei steht nicht alleine mit diesem Ansatz. Viele der lokalen Industrieinitiativen orientieren sich an einem prominenten Vorbild: Li Qiang, heute Chinas Premierminister, erkannte früh die Bedeutung der Elektromobilität. Während seiner Zeit als Parteisekretär in Nanjing und später in Shanghai setzte er entscheidende Impulse. Er holte Tesla nach Shanghai und setzte durch, dass das Unternehmen kein Joint Venture mit einem chinesischen Partner eingehen musste – eine historische Ausnahme in Chinas Wirtschaftspolitik.

Was zunächst wie ein Entgegenkommen gegenüber einem US-Konzern wirkte, zahlte sich langfristig für die chinesische Industrie aus. Tesla brachte modernes Produktions-Know-how mit, und chinesische Autobauer lernten schnell. Besonders das effiziente Lieferkettenmanagement Teslas wurde genau analysiert – mit dem Ergebnis, dass heute Unternehmen wie BYD und NIO nach denselben Prinzipien arbeiten und ihre Produktionskosten massiv senken konnten.

Hefei übernahm diesen pragmatischen Ansatz und kombinierte ihn mit staatlichen Investitionen, um strategische Industrien gezielt aufzubauen.

Hefei verdoppelt seine Wirtschaftsleistung alle 10 Jahre

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigen die Wirtschaftsdaten. Hefeis Bruttosozialprodukt wuchs 2024 um 6,1 % und lag damit 1,1 Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt. Die Wirtschaftsleistung der Stadt erreichte 1,35 Billionen Yuan (rund 171 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Vor 20 Jahren war das BIP noch 26-mal niedriger.

Besonders bemerkenswert ist, dass Hefei dieses Wachstum nicht durch übermäßige Staatsverschuldung finanziert hat. Die Investitionen der Stadt werden strategisch getätigt und in vielen Fällen mit hohen Gewinnen wieder abgestoßen. Der Staat ist hier nicht nur Förderer, sondern ein aktiver Player, der langfristig an einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung interessiert ist.

Hefei zeigt den neuen Kurs für Investoren

Für westliche Unternehmen, insbesondere in der Automobilindustrie, birgt das Hefei-Modell eine wichtige Lektion: Wer in China erfolgreich sein will, muss die lokalen Dynamiken verstehen. Die alte Strategie, sich auf staatliche Vorgaben aus Peking zu verlassen, greift nicht mehr – stattdessen sind es Städte wie Hefei, die die Zukunft gestalten.

Für Volkswagen und andere deutsche Hersteller bedeutet das: Sie müssen sich intensiver mit regionalen Partnerschaften auseinandersetzen, flexibler auf Marktveränderungen reagieren und möglicherweise selbst stärker in lokale Innovationsökosysteme investieren.
Hefei zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg in China nicht nur von zentralen Vorgaben abhängt, sondern von geschickten Entscheidungen auf lokaler Ebene. Und vielleicht ist genau das die größte Herausforderung für westliche Unternehmen: die neuen Spielregeln in einem Markt zu verstehen, der längst nicht mehr nur aus einer großen Planwirtschaft besteht – sondern aus vielen kleinen, hochdynamischen Wirtschaftszentren.

Hefei setzt Maßstäbe für Städte in China

Während westliche Autobauer noch versuchen, den richtigen Kurs zu finden, hat Hefei längst eine klare Richtung eingeschlagen. Die Stadt hat sich innerhalb weniger Jahre von einer unauffälligen Provinzhauptstadt zu einem zentralen High-Tech-Standort entwickelt – mit einem Modell, das staatliche Steuerung und marktwirtschaftliche Mechanismen klug kombiniert.

„Zusätzlich, allgemein zur Stadt: Sie haben einen guten Zehnjahresplan (oder vielleicht acht). Die Stadtentwicklung schreitet sehr gut voran mit vielen neuen Projekten, die die Stadt mehr und mehr attraktiv machen“, berichtet der deutsche Expat weiter.
Hefei könnte in Zukunft noch eine viel größere Rolle spielen – nicht nur für Chinas Wirtschaft, sondern auch für ausländische Unternehmen, die verstehen, dass Erfolg in China längst nicht mehr nur in Peking oder Shanghai entschieden wird.



Dói Ennoson

Über den RedakteurDói Ennoson

Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.

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1 Kommentar

  1. In Deutschland stützt man Branchen, die einem politisch nahe stehen. Auch die gibt es in China und auch die werden kräftig gefördert. Also, die Staatsunternehmen. Das ist auch der Grund warum China in Schulden erstickt. Übrigens, die chinesische Bauindustrie gehörte dazu.

    Übrigens, Habeck hat das nicht erfunden, das wurde so schon immer bei uns gemacht. Ich erinnere da an den Schiffbau, Bergbau, die Stahlindustrie, Energiewirtschaft und den Fahrzeugbau. Neue Industrien sind da nicht dabei, da denen meistens die Verbindungen in die Politik fehlen. Bei den EE ist das anders, die haben politische Verbindungen und werden deshalb auch kräftig mit Steuergeldern gefördert.

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