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Alles eine Frage der "Standarddefinition"? Wie die EU die Arbeitslosigkeit klein rechnet

Nach EU-Daten liegt die Arbeitslosigkeit in Deutschland bei einer Quote von 3,5 %, nach deutscher Berechnung bei 6,4 %. Wie kann das sein?

EU-Flagge
Foto: Gpointstudio-Freepik.com

Letzte Woche Freitag meldete die Bundesagentur für Arbeit aktuellste Daten zur Arbeitslosigkeit in Deutschland. Im März wie im Februar lag die Arbeitslosenquote demnach bei 6,4 %. Aber Moment mal: Heute meldete die europäische Statistikagentur Eurostat, dass die deutsche Quote im Februar bei nur 3,5 % lag! Wie kann das sein?

Man bedient sich eines einfachen Tricks: Die EU-Statistiker schreiben offiziell zu ihrer Art der Berechnung der Arbeitslosigkeit: „Diese Schätzungen basieren auf der weltweit verwendeten Standarddefinition der Arbeitslosigkeit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die Arbeitslose als Personen definiert, die in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht haben und innerhalb der beiden nächsten Wochen eine Arbeit beginnen können.“

Im Klartext: Notieren die Arbeitsämter überall in der EU, dass viele Arbeitslose sich seit Wochen nicht aktiv um Arbeit bemüht haben, kann man sie zumindest für EU-Zwecke aus der Statistik streichen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dabei sind diese Arbeitslosen ja arbeitslos – nur eben nicht für die europäische Statistik. Die gravierende Diskrepanz für die deutsche Arbeitslosigkeit (6,4 % nach deutscher Rechenweise und 3,5 % nach EU-Rechenweise) zeigt, was vermutlich auch auf EU-Ebene stattfindet.

Denn laut heutiger Eurostat-Meldung liegt die Arbeitslosenquote im Schnitt der EU bei 5,7 %. Daher könnte man grob gesagt annehmen, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit im EU-Schnitt sich eher in einer Größenordnung um 10 % herum bewegt. Aber für die Außendarstellung des EU-Arbeitsmarktes klingt es viel besser, dass nur 5,7 % der arbeitsfähigen Menschen arbeitslos sind. Klingt fast nach Vollbeschäftigung, wie wunderbar!

Seit Jahren regen mich diese statistischen Tricksereien auf, und deswegen war es mir ein Anliegen, heute mal wieder darüber zu schreiben. Natürlich kann man jetzt sagen: Aber es ist doch keine Trickserei, keine Täuschung. Eurostat orientiert sich doch an der Norm der ILO, alles in Ordnung. Wenn man das so sieht, kann man sich für sämtliche Zwecke irgendwelche passenden extern aufgestellten Normen suchen, und damit alle Statistiken bis zum Verbiegen schön rechnen. Fakt ist, wenn man nur mal die große deutsche Differenz nimmt: Es sind offenkundig deutlich mehr Menschen tatsächlich arbeitslos, als statistisch auf EU-Ebene ausgewiesen. Überall in der Eurostat-Meldung ist von „arbeitslos“ zu reden. Dabei streicht man unzählige Arbeitslose aus der Wahrnehmung mit einem simplen Trick, nämlich wie man das Wort „Arbeitslosigkeit“ überhaupt definieren möchte.

Sollte Ihnen jemand erzählen, dass der Arbeitsmarkt in Europa rosig aussieht, und die Arbeitslosigkeit nur bei minimalen 5,7 % liegt, dann bitte zukünftig dran denken: Es könnten wohl eher 10 % sein!

Grafik zeigt Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der EU



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1 Kommentar

  1. Manipulation des Nenners ,ganz mein Thema ,ganz mein Humor .

    Sie vera………………………………

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