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Wie Europa ohne Gas aus Russland überwintern will

Symbolbild von Kerze und Gas-Flammen

Kurzfristig droht ein Preisschock bei Gas und Öl, so das ifo-Institut letzte Woche. Was ist zu tun? Kurzfristig und langfristig muss es in Europa ohne Gas aus Russland gehen, so lautet eine Lektion in der aktuellen Lage, in der in der Ukraine ein heißer Krieg losbrechen kann. Das machte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 19. Februar und zuletzt im Anne Will Talk in der ARD mehr als klar. Der russische Gaskonzern Gazprom habe in den letzten Wochen und im Sommer, in dem Gasspeicher aufgefüllt werden, immer an der untersten Grenze Gas geliefert. „Das ist schon ein erstaunliches Verhalten für ein Unternehmen in einer Zeit, wo die Gaspreise gewaltig hoch sind und die Nachfrage enorm ist“, so von der Leyen.

Das werfe im aktuellen Umfeld auch die Frage auf, was eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 insgesamt für die Versorgungssicherheit in Europa bedeuten würde. Die Pipelines in der Ukraine, Jamal-Europa und Brotherhood seien dann nicht mehr unbedingt nötig. Es käme zu einer starken Zentrierung und Abhängigkeit von russischem Gas ausschließlich über Nord Stream 2 und Nord Stream 1. Schon jetzt hält die Kommissionspräsidentin Europa für zu erpressbar angesichts der Tatsache, dass 40 Prozent der Gasimporte aus Russland kommen. „Das sind ungefähr 10 Prozent der Energieversorgung in Europa. Was wir jetzt in diesem Winter erlebt haben, das darf sich nicht weiter fortsetzen“, warnt von der Leyen.

Für Gas aus Russland Alternativen anzapfen

In den vergangenen Wochen liefen weltweit intensive Gespräche mit Anbietern. Im Januar hätten mehr als 120 Schiffe und somit 10 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Gas (LNG) geliefert. „Sollte in einem Konflikt Russland die Gaslieferungen einschränken oder ganz beenden, so sind wir heute in der Lage bis zum Ende des Winters auf der sicheren Seite zu sein“, erklärt von der Leyen. Andere Anbieter schlössen diese Lücke sehr gern mit LNG. Das gelte kurzfristig für diesen Winter. „Natürlich müssen wir uns anders aufstellen für die nächsten Jahre.“ Europa habe sich mit LNG-Terminals, Pipelines und Interkonnektoren ein großes Netz der Versorgung geschaffen, das sich für grünen Wasserstoff anbiete. Von der Leyens Motto lautet daher: „Raus aus der Abhängigkeit von dem russischen Gas. Rein in die Produktion von grünem Wasserstoff und erneuerbare Energien so stark es irgendwie geht. Denn das macht uns unabhängig. Das gibt uns Energiesicherheit.“

Krisenplan für den Winter

Wie die Welt am Sonntag in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet, arbeitet die Europäische Kommission an einem Krisenplan, um im kommenden Winter die Gasversorgung sicherzustellen. Es gehe um Maßnahmen, damit Energie erschwinglich bleibt und Gasspeicher ausreichend gefüllt sind. Die Kommission stelle sich darauf ein, dass sich die Versorgungslage für Gas und LNG bis zum nächsten Winter nicht bessert und hohe Energiepreise vorherrschen. „Mittelfristig werden Energiepreise mindestens bis 2023 volatil und höher sein als im Schnitt der Vergangenheit bleiben“, zitiert die Welt am Sonntag aus dem Entwurf des Krisenplans. Das deckt sich auch mit der Winterprognose 2022 der Europäischen Kommission, die merklich fallende Gaspreise erst 2023 erwartet.

In Sachen verpflichtende Mindestreserve in den Gasspeichern der EU-Mitgliedsstaaten liegen noch keine konkreten Angaben und Hinweise zum Vorgehen vor. Auch staatliche Eingriffe zur Preisfindung auf dem Strommarkt sollen möglich sein. Um klimafreundliche Alternativen zum Gas voranzutreiben, stehe die Gründung einer europäischen Wasserstoffbörse auf der Maßnahmenliste. Die Kommission schlage außerdem vor, 35 Milliarden Kubikmeter Biogas bis 2030 in Europa zu produzieren und das mit Subventionen aus dem Agrarsektor zu finanzieren. Am 2. März 2022 soll Frans Timmermann, Vizepräsident der Europäischen Kommission, den Krisenplan für den Winter vorstellen.

Grüner Alarm

Vertreter aus der Energiebranche schlagen Alarm. „Ohne Erdgas geht in Bayern gar nichts heute und morgen“, ist die Überschrift der heutigen Pressemitteilung vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft VBEW. „Mittelfristig führt kein Weg an Gas – teils aus Russland – vorbei. Besonders in der Stromversorgung werde die Bedeutung des Energieträgers nach dem Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohle noch zunehmen, umreißt VBEW-Geschäftsführer Detlef Fischer die kommende Versorgungslage in Bayern. Ziel sei es Mineralöl im Verkehrssektor und im Heizungsbereich zu ersetzen. „Das alles bedeutet, dass Erdgas die wichtigste verlässliche Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2040 sein wird“, so Fischer weiter.

Im letzten Jahr berichtete der VBEW immer wieder, welche Klimmzüge die Klimaneutralität 2040 Bayern auferlegt. So müssten im Freistaat zum Beispiel jede Woche zwei Mega-Windräder entstehen. Wenn es ungeachtet dessen gelingt, den grünen Ausbau als Lektion aus der Krise zu puschen, ist das in Richtung Moskauer Kreml und für Präsident Wladimir Putin ein Alarmzeichen. Europa kann vielleicht nicht ohne russisches Gas auskommen. Doch Krisen und besonders Kriegszeiten setzen ungeahnte Kräfte frei, die es nicht zu unterschätzen gilt. Medien zufolge ist ein Treffen zwischen US-Präsident Joe Biden und Putin im Gespräch. „Es besteht Einvernehmen darüber, dass Kontakte auf Ministerebene – Außenminister – aufgenommen werden“, sagte hierzu laut Ria Nowosti zuletzt der Sprecher des russischen Präsidenten Dmitri Peskow. In dieser Woche könnten sich Außenminister Lawrow und sein amerikanischer Amtskollege treffen.

Chart zeigt Dutch TTF Terminmarkt-Gaspreis im Kursverlauf seit Juni 2021 TradingView Chart zeigt Dutch TTF Terminmarkt-Gaspreis seit Juni 2021.



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2 Kommentare

  1. Weiß denn Frau von der Leyen nicht, daß es mit Gazprom langfristige Vertrage mit fixen Preisen gibt, die sehr wohl erfüllt worden sind? Mir ist nicht bekannt, daß in der EU jemand für zusätzliche Lieferungen den Russen „Marktpreise“ angeboten hätte, und für die Preise aus den Verträgen (m.W. max. 300$) darf man ja wohl auch auch nicht mehr Gas erwarten, als vereinbart.

    Aber vor TV-Kameras macht sich solches Geschwurbel natürlich hervorragend…

  2. Das Thema grüner Wasserstoff wird eine Totgeburt weil sie zusätzliche Abhängigkeiten zu weiteren Ländern schafft und außerdem nicht bezahlbar ist. Abgesehen davon würde es viele Jahre dauern bis die Infrastruktur in der Sahara steht. Die Energieeffizienz dürfte auch ziemlich mies sein. Ich vermute auch dass die Politik das Thema wider besseres Wissen pusht weil es momentan den Druck ein wenig nimmt.
    Ich lasse mich aber auch mit Fakten vom Gegenteil überzeugen.

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