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Wall-Street-Analysten uneinig Wie lange hält die S&P 500-Rally trotz fragiler Waffenruhe?

S&P 500: Erholungsrally fragil trotz Iran-Waffenruhe
Grafik: ChatGPT

Der S&P 500 hat am Mittwoch deutlich zugelegt, nachdem Präsident Donald Trump eine zweiwöchige Waffenruhe im Iran-Krieg angekündigt hat. Im Zuge einer globalen Erholung an den Aktienmärkten übersprang der US-Leitindex zeitweise die Marke von 6.800 Punkten und lag damit nur noch rund 3 % unter seinem Rekordhoch von Ende Januar. Die Marktteilnehmer zeigen sich wieder risikofreudig, während einige Wall-Street-Analysten von JPMorgan und Goldman Sachs vor dem Short Squeeze warnen. Die zentrale Frage bleibt, ob die Erholungsrally nur eine kurzfristige Pause darstellt oder ob die Rekordstände wieder in den Fokus rücken.

Aktienmärkte im Risk-On-Modus

Der S&P 500 stieg am Mittwoch bis zu um 2,6 %, während der Nasdaq 100 rund 3 % zulegte, ehe die Indizes einen Teil ihrer Gewinne wieder abgaben. Brent-Rohöl fiel zeitweise um 16 % auf etwa 92 Dollar je Barrel, während WTI auf rund 93 Dollar nachgab. Der Volatilitätsindex VIX gab im Zuge der Rally an den Aktienmärkten ebenfalls deutlich nach.

Wie Bloomberg berichtet, verkündete Trump die Vereinbarung in sozialen Medien, nur wenige Stunden nachdem Pakistan als Vermittler die USA aufgefordert hatte, die Frist für mögliche Angriffe auf iranische Infrastruktur zu verschieben. Auch Israel habe der Waffenruhe zugestimmt, erklärte ein Vertreter des Weißen Hauses. Irans Außenminister Abbas Araghchi teilte mit, dass eine sichere Passage durch die Straße von Hormus für zwei Wochen möglich sein soll. Die wichtige Meerenge bleibt jedoch vorerst blockiert. Zudem wurde bekannt, dass Saudi-Arabien Angriffe gegen den Iran durchgeführt hat. Investoren versuchen daher einzuschätzen, ob die Waffenruhe Bestand hat oder lediglich eine temporäre Entspannung darstellt.

Wall-Street-Analysten uneinig

Das Handelsteam von JPMorgan positionierte sich taktisch bullish, nachdem drei Szenarien im Vorfeld von Trumps Frist analysiert wurden. „Diese Waffenruhe dürfte eine Rückkehr in risikoreichere Anlagen auslösen, vergleichbar mit der Marktreaktion nach dem Liberation Day“, schrieb Andrew Tyler, Leiter der globalen Marktanalyse bei JPMorgan. Ein Überschreiten der Marke von 7.000 Punkten im S&P 500 erscheine möglich, sollte die Euphorie anhalten.

Auch Goldman Sachs warnte vor einer starken Marktbewegung an den Aktienmärkten, da Absicherungen und Short-Positionen aufgelöst werden könnten. Händler wie Matthew Kaplan erwarten kurzfristig eine volatile Marktphase. Gleichzeitig verwies Goldman darauf, dass systematische Fonds, insbesondere CTAs, ihre Aktiennachfrage mechanisch erhöhen dürften, solange die Volatilität weiter sinkt.

Richard Privorotsky von Goldman Sachs betonte, dass diese Nachfrage anhalten könnte und die sinkende Volatilität als Rückenwind fungiere. Dennoch warnte er vor übermäßigem Optimismus: Waffenruhen seien per Definition fragil, und bereits in der Nacht habe es erneut Angriffe im Golfraum gegeben.

Michael O’Rourke, Chefstratege bei JonesTrading, sieht die aktuelle Rally hingegen kritisch und bezeichnet sie als gute Verkaufsgelegenheit. Die Begeisterung der Investoren erscheine überzogen angesichts der fragilen Waffenruhe und der anhaltenden Unsicherheiten rund um die Straße von Hormus. Der einzige verlässliche bullishe Faktor sei Trumps Bestreben, die USA aus der Region zurückzuziehen.

S&P 500 volatil nach Kurssprung

Technisch betrachtet hat der S&P 500 seine 200-Tage-Linie – aktuell bei 6.655 Punkten – nach oben durchbrochen. Der nächste Widerstand liegt nahe der 50-Tage-Linie bei rund 6.790 Punkten. Genau dort geriet die Erleichterungsrally ins Stocken, woraufhin ein Rücklauf einsetzte. Laut John Kolovos von Macro Risk Advisors ist die Rückeroberung der 200-Tage-Linie ein wichtiger Schritt zur Umkehr der vorherigen Korrektur. Entscheidend sei nun, ob sie gehalten wird und sich ein tragfähiger Boden ausbildet.

Der S&P 500 durchbricht die 200-Tage-Linie

Er sieht eine zentrale Unterstützungszone zwischen 6.495 und 6.610 Punkten. Solange diese gehalten werde, sei ein Rückfall auf tiefere Niveaus um 6.100 unwahrscheinlich.

Der sogenannte Trump Reversal Index, entwickelt von Bloomberg-Stratege Simon White, liegt inzwischen wieder nahe dem Niveau vor Beginn des Iran-Konflikts. Gleichzeitig verstärken eine geringe Marktpositionierung und ein Short Squeeze die aktuelle Erholungsrally. Laut Barclays waren die Allokationen von Volatilitätssteuerungsfonds in US-Aktien zuletzt auf 56 % gefallen – der niedrigste Stand seit Juli. Nicht nur die Erholung an den Aktienmärkten wirkt fragil, sondern auch die aktuelle Waffenruhe. Die nächsten Handelstage könnten daher volatil bleiben, während die Märkte sensibel auf neue Schlagzeilen reagieren.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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1 Kommentar

  1. diese waffenruhe scheint zwei hauptzwecke zu haben. der erste ist es der wallstreet ein narrativ für eine erholungssimulation zu liefern und die zweite, die raketen-verteidigungskapazitäten in der region zu regenerieren. zuletzt sind nach offiziellen zahlen fast 30% der iranischen raketen/drohnenangriffe durchgekommen.

    danach sehen wir den gong zur nächsten runde. die frage ist nur wann der erfolgt – die israelis scheinen wieder einmal alles dafür zu tun, dass der krieg ohne große unterbrechungen weiter geht. das man alle verhandlungspartner wegbombt scheint taco nicht erfolgreich genug verhindert zuhaben.

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