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Wie Russland mit Europa abrechnen will

Der Iran-Krieg beschert Russland stark steigende Einnahmen bei Öl und Gas. Europa muss deutlich mehr bezahlen. Eine Analyse.

Kreml in Moskau
Foto: sergunt-Freepik.com

Politik- und Wirtschaftseliten in Russland laufen angesichts explodierender Öl- und Gaspreise infolge des Iran-Krieges zur Hochform auf und präsentieren Europa die Rechnung. Hinzu kommen Erosionen an der Sanktionsfront.

Buße vor Energiemacht Russland tun

Ganz vorn an der Front agiert Präsident Wladimir Putins Sondergesandte, Kirill Dmitrijew, in sozialen Medien. Auf X agitierte er als Reaktion auf die Nachricht über befristete Sanktionsgegen russisches Öl von US-Finanzminister Scott Bessent am 13. März: „Russische Energie ist unverzichtbar, um die weltweit größte Energiekrise zu bewältigen. Die EU-Bürokraten werden diese Realität bald anerkennen.“

Auf kritische Stimmen der EU zu den befristeten Sanktionslockerungen der USA monierte Dmitrijew später: „Die EU-Bürokraten wollen den energiepolitischen Selbstmord der EU fortsetzen und stellen sich gegen die bereits getroffene US-Entscheidung, die Sanktionen gegen Russland im Interesse der Marktstabilität vorübergehend zu lockern.“ Sie sollten ihren strategischen Fehler, auf russische Energie zu verzichten, einsehen und Buße tun.

Sanktionen führen EU in den Niedergang

Natalja Jeremina, Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Staatlichen Universität St. Petersburg, verlieh dem gegenüber der russischen Zeitung Vzglyad Nachdruck: Russland habe als größtes Land der Welt mit globalen Rohstoffvorräten und als Knotenpunkt von Transitrouten den Westen lange „zum Dialog über gemeinsame Sicherheit und wirtschaftliche Integration eingeladen. Aber sie lehnten den Dialog ab.“ Die EU-Sanktionen führten „die Europäische Union in den wirtschaftlichen Niedergang.“

Zu langen Autoschlangen mit EU-Kennzeichen an Tankstellen in Kaliningrad nahe der Grenze erklärte sie: „Nun strömen dieselben Deutschen und Polen, die sich mit Russland stritten und den Angriff auf den Iran bejubelten, nach Russland, um Treibstoff zu kaufen.“ Die Europäer seien ihren eigenen Illusionen zum Opfer gefallen. „Nun zerschmettert das Leben auf brutale Weise den Mythos des Eurozentrismus, den sie aufgebaut hatten.“ In der Region Kaliningrad kostet Vzglyad zufolge ein Liter Benzin der Oktanzahl 95 etwa 68 Rubel, während es in Polen 131 Rubel und Deutschland 193 Rubel (rund 2,1 Euro) sind.

Konjunktur für Putin

Immerhin sorgte Ungarns Premier Viktor Orban dafür, dass die EU kein neues Sanktionspaket beschloss, weil er die Zustimmung verweigerte. Die Sanktionslockerungen der USA sorgen jetzt zusammen mit der Rohstoff-Preisrally für Aufwind. Medien berichteten jüngst im März, dass die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran und der dadurch ausgelöste Preisanstieg dem russischen Haushalt täglich zusätzlich 150 Millionen US-Dollar Einnahmen aus dem Ölgeschäft bescherten.

Allein in den ersten zwölf Tagen des Konflikts habe Russland Schätzungen zufolge zusätzliche Steuereinnahmen von bis zu 1,9 Milliarden US-Dollar aus Ölexporten erzielt. Sollten die Preise auf dem aktuellen Niveau bleiben, könnten die zusätzlichen Einnahmen der Regierung bis Ende März 5 Milliarden US-Dollar betragen.

Dies sei auf den Preisanstieg für russisches Urals-Rohöl zurückzuführen, der von 52 US-Dollar je Barrel in den beiden Vormonaten auf 70 bis 80 US-Dollar je Barrel gestiegen sei. Der Preisabschlag habe sich deutlich verringert. In Indien werde russisches Rohöl jetzt sogar mit einem Aufschlag gegenüber Brent-Preis verkauft. Indiens Importe erhöhten sich um 50 Prozent. Am 9. März übersprangen die Brent-Preise erstmals die Marke von 100 US-Dollar je Barrel.

LNG-Engpässe in Europa schüren

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte bereits am 4. März den Stopp von Gaslieferungen noch vor dem beschlossenen Ausstieg der EU aus russischen Gasimporten ins Gespräch gebracht. In seinem Auftrag beschlossen Regierungs- und Branchenspitzen, in Kürze LNG-Lieferungen von Europa nach Asien umzulenken. Am 9. März erreichten die Gaspreise daraufhin in Europa maximal Werte von über 800 US-Dollar je 1000 Kubikmeter Gas.

Das verlieh so viel Flügel, dass Igor Juschkow von der Finanzuniversität der russischen Regierung bei Vzglyad am 10. März illustrierte wie Russland Energiekrise in Europa verschärfen könnte. Russland liefere der EU LNG, das im Rahmen des Yamal-LNG-Projekts produziert werde. „Doch nun wird der Gastanker nicht in Europa gelöscht, sondern fährt stattdessen nach Indien. Im Sommer, wenn der östliche Teil der Nordostpassage geöffnet ist, kann er China erreichen“, erläuterte der Experte.

Die EU habe die Einfuhr von russischem LNG im Rahmen von Kurzzeitverträgen ab dem 25. April ohnehin verboten. „Moskau könnte die Energiekrise in Europa nun verschärfen, indem es ihm russisches LNG vorenthält. Dann ist es möglich, die Preise auf dem europäischen Gasmarkt zu maximieren und von der Aufrechterhaltung der Pipeline-Gaslieferungen zu profitieren“, so Juschkow. Auf LNG entfiele keine Ausfuhrabgabe, „aber für Pipeline-Lieferungen beträgt sie etwa 30 Prozent des Marktpreises“, was dem russischen Haushalt zufließt.

Pipeline-Lieferungen an zuverlässige Geschäftspartner

Deswegen machte Putin auf seiner Sitzung mit Regierungs- und Branchenspitzen am 9. März klar, dass Russland an zuverlässige Geschäftspartner weiter Öl und Gas liefern werde: „Ich habe hier nicht nur unsere Partner im asiatisch-pazifischen Raum im Blick, sondern Länder in Osteuropa wie die Slowakei und Ungarn.“ Die Regierungschefs beider Länder lehnen die Ausstiegspläne der EU aus russischen Öl- und Gasimporten ab.

Sollten sich außerdem „europäische Unternehmen und Abnehmer plötzlich entschließen, sich neu auszurichten und uns eine langfristige, nachhaltige Zusammenarbeit ohne politischen Druck zu ermöglichen“, dann sei Russland bereit, auch sie zu beliefern, machte Putin deutlich. „Aber wir brauchen von ihnen Signale, dass sie bereit und willens sind, mit uns zusammenzuarbeiten.“

Russland droht Europa mit Lieferstopp

Zugleich will Putin die Gunst der Stunde nutzen, um europäische Abnehmer bei der Stange zu halten und drohte daher: „Die Regierung wurde bereits beauftragt, die Machbarkeit und Zweckmäßigkeit eines Stopps unserer Energielieferungen an den europäischen Markt zu prüfen. Anstatt abzuwarten, bis uns die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, müssen wir jetzt handeln und diese Mengen vom europäischen Markt auf attraktivere Abnehmer umleiten und, was am wichtigsten ist, dort Fuß fassen.“

Ein langer Krieg im Nahen Osten und eine anhaltende Blockade der Straße von Hormus kommt dem entgegen. Russland kann dann seine Energiemacht vollends ausspielen und selbst China in die Schranken weisen. Im dortigen Fünfjahresplan 2026-2030 hat die Pipeline Kraft Sibiriens 2 Eingang gefunden und zählt zu einem prioritären Projekt. Auch das soll den Druck auf Europa erhöhen, sich doch noch der verbliebenen Nord Stream 2 Röhre in der Ostsee zu erinnern.



Josephine Bollinger-Kanne
Über den RedakteurJosephine Bollinger-Kanne
Dr. Josephine Bollinger-Kanne ist Expertin für Energiewirtschaft, Energiepolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Sie ist als freie Journalistin tätig.
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6 Kommentare

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Der Ölpreis ist im langfristigen Kontext nicht sehr hoch. Das weiß jeder der schon länger dabei ist.

    Die 100er Marke wurde schon vor knapp 20 Jahren gerissen. 147,50 im Sommer 08 erreicht. Dort liegt aktuell das Top…

    Inflationsbereinigt ist das wieviel..?

  2. Ja zu einer Premiumpartnerschaft mit dem OPEC+-Mitgliedsland Russische Föderation zugunsten von billigem Öl.

    1. Vor allem könnten wir mal die Sanktionen aufheben, die uns sanktionieren und nicht Russland. Z.B. den ausgesetzten Handel russischer Aktien westlicher Eigentümer. Wir haben uns selbst enteignet und blockieren die Dividendenzahlungen. Wie soll das Russland schädigen?

      Es gibt zwei deutsche Wertpapiervertretungen. Die eine eiert politisch korrekt herum, von der anderen habe ich schriftlich, dass sie den Eindruck haben, die Regierung (die Ampel) versteht das Thema gar nicht.

      Ist ja auch kein Wunder der damals amtierende Kanzler sagt, er hätte sein Geld auf dem Sparbuch.

  3. An FMW-Nutzer Felix: Bitte beim Thema bleiben.

  4. …Wie Russland mit Europa abrechnen will..
    Ich denke, „will“ könnte durch „wird“ ersetzt werden.
    Das ist kein Machtgerangel alleine durch den Iran.
    Iran ist auch BRICS- Mitglied. Aber China, Indien und Russland auch.
    Was die Supermacht USA bewirken kann, werden wir sehen.
    Sollten nicht auch 100 % Zoll von den Länder bezahlt werden, die nicht mehr den Dollar benutzen?
    Werden die Millarden-Lieferungen von Russland in die USA mit 100 % Zoll belegt?
    Russland hat Jahrzehnte preiswerte Energie nach Europa geliefert.
    Die Europäer wollten dann nicht mehr und beschlagnahmen sogar Gelder der Russen.
    Wie verhält man sich solchen ehemaligen Geschäftspartnern gegenüber?
    Man nimmt die Preise die man bekommen kann.
    Aber nur noch auf Vorkasse und wenn Asiaten nicht vernachlässigt werden.
    Wird Iran nur noch Tanker aus den BRICS – Ländern passieren lassen?

    Viele Grüße aus Andalusien

  5. Angesicht der anhaltenden Piraterie der USA und der EU würde ich nur eine nachrangige Belieferung der feinseligen Staaten verstehen. Natürlich nur gegen Vorkasse in Rubel, Yuan oder Gold.

    Zur Zeit sollte es genügend Länder mit Nachfrage geben, die gegenüber Russland nicht feinselig sind, um auf nachrangige Lieferungen zurückgreifen zu müssen.

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