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Woher kommt das Geld für die Zinsen? Wie Zinsen und Machtkonzentration Krisen verursachen

Kapitalsammelstellen und Machtkonzentration

Wie Zinsen und Machtkonzentration Krisen verursachen
Foto: KI-generiert vom Autor

Das Finanzsystem steht aktuell wieder in den Schlagzeilen: Inflation, Staatsbankrott, Systemkollaps – und die Frage der Zinsen. Dabei ist es keineswegs so alt, wie es scheint: Der Euro wurde erst 2002 eingeführt, sein direkter Vorgänger, die DM, 1948. Mit einem Alter von rund 77 Jahren hat unser heutiges System die historisch durchschnittliche Lebensdauer eines Finanzsystems bereits erreicht. Natürlich handelt es sich nur um einen groben Mittelwert, keine feste Gesetzmäßigkeit – doch die Parallele ist auffällig.

Wie Zinsen und Machtkonzentration Krisen verursachen

Denn seit dem Aufkommen des Bankwesens in Italien im Spätmittelalter treten im Schnitt alle 75 Jahre große Krisen auf – kleinere etwa alle 45 Jahre, wie die Finanzkrise 2008 oder die Eurokrise 2013. Diese haben die meisten von uns unmittelbar erlebt. Eine wirklich systemische Finanzkrise, wie sie im historischen Rhythmus alle 70–80 Jahre auftritt, dagegen zum Glück noch nicht. Warum ist unser Finanzsystem, das vollständig von Menschen erdacht wurde und bis heute wirkt, so derart krisenanfällig?

François de La Rochefoucauld, ein französischer Moralist und Autor des berühmten Werkes Maximen, hat uns darin so manchen literarischen Diamanten hinterlassen: „Um die Welt zu beurteilen, muss man sie aus der Ferne sehen und sie sehr nahe erlebt haben.“

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Genau diese Perspektive gilt auch für das Geld. Erst wenn wir den Blick heben und das System aus einer gewissen Distanz betrachten, erkennen wir, wie die einzelnen Bausteine ineinandergreifen – welche gravierenden Spannungen seit Jahrhunderten verankert sind und warum Krisen im System unvermeidlich bleiben. So verstehen wir wirklich, weshalb Institutionen wie die Federal Reserve, die mächtigste Notenbank der Welt, nicht der Endpunkt, sondern nur das jüngste Kapitel einer langen Geschichte sind.
Unser Geld- und Bankensystem hat unbestreitbare Vorzüge: Es ermöglicht den Warenaustausch, eröffnet den Zugang zu Krediten und legt damit den Grundstein für wirtschaftliche Entwicklung. Ohne eine organisierte Geldwirtschaft hätten Industrialisierung, Globalisierung und die moderne Gesellschaft nie entstehen können.

Doch die Geschichte zeigt auch: Finanzkrisen gehören wie ein Schatten immer dazu.
Der erste rote Faden: Das Zinsparadoxon als Wachstumszwang

Zinsen: Warum Zins und Zinseszins Finanzkrisen antreiben

Dabei sind die entscheidenden Stellschrauben erstaunlich zeitlos: die Höhe der Zinsen und das Verhalten der Kapitalsammelstellen, die sich zwangsläufig bilden. Sie wirken nicht als einzige Ursache, wohl aber als Katalysator und Verstärker von Krisen. Hier lohnt ein übergeordneter Blick auf das System und in seine geschichtliche Entwicklung: Warum ist der Zins die treibende Kraft – und welche Rolle spielen diese Kapitalsammelstellen im großen Ganzen?

Biblische Zinsverbote und die lange Tradition der Kritik

Zins und Zinseszins – das Zinsparadoxon – bilden den abstrakten Kern fast aller Finanzkrisen und beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden. Schon die Bibel kennt Zinsverbote und Jubeljahre, also regelmäßige Schuldenerlässe. Sie waren mehr moralische Leitlinie als gelebte Praxis, zeigen aber eindrücklich, wie alt und tief verwurzelt das Problem der Zinsen ist.

Umlaufgeld im Mittelalter – Ein stabiles System ohne Zinsen

Brakteaten und Umlaufsicherung als historische Innovation

Es gab tatsächlich eine Zeit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in der der Zins kaum eine Rolle spielte: im Hochmittelalter entwickelte sich ein regionales Münzsystem, das in vielerlei Hinsicht erstaunlich funktional war. Die sogenannten Brakteaten – dünne, einseitig geprägte Silbermünzen – waren von minderer Qualität und nur für kurze Zeit gültig. In regelmäßigen Abständen wurden sie vom Herrscher „verrufen“, also für ungültig erklärt, und mussten gegen neue Münzen eingetauscht werden. Dabei fiel ein Obolus an, der einer Art Umlaufsicherungsgebühr gleichkam. Daraus leitet sich der Name Umlaufgeld-System ab.

Das Geld blieb in Bewegung und erfüllte zuverlässig seine Funktion als Tauschmittel. Der regelmäßige ungünstige Umtausch verhinderte (z.B. 20 alte Münzen gegen 18 neue), dass es in Schatzkammern verschwand und dem Markt entzogen wurde. Dieses Prinzip der Umlaufsicherung wurde später im 20. Jahrhundert durch Ökonomen wie Silvio Gesell wieder aufgegriffen (Stichwort Freigeld). Auch das berühmte Experiment in Wörgl (1932/33) belegte die Effizienz dieser Umlaufsicherung, bevor es durch die Zentralbank gerichtlich verboten wurde.

Wirtschaftliche Blüte ohne Machtkonzentration

Das Brakteaten-System war eine Periode der wirtschaftlichen Blüte: Handel, Handwerk und Städte entwickelten sich, und der Wohlstand floss in große sakrale Bauwerke, etwa den Dom zu Speyer oder den Kölner Dom, aber auch in infrastrukturelle Projekte wie Burgen, Stadtmauern, Universitäten und Brücken. Die Steinerne Brücke in Regensburg ist ein Zeugnis für die Baukunst des Hochmittelalters, sie steht immer noch. Dass Geld im System wirkte und brachte enorme Leistungen hervor – aber die Mittel lagen nicht in der Hand einzelner Superreicher. Wohlstand und Macht waren noch stark verteilt: Städte, Fürsten, Bischöfe und Klöster teilten sich die Ressourcen, das Geldsystem war lokal, überschaubar und – im Vergleich zu späteren Kredit- und Bankensystemen – relativ stabil. Das Brakteaten-System soll an dieser Stelle nicht glorifiziert werden, aber die Tatsache, dass Geld kein Wertspeicher war, der sich mit Zinsen vermehren ließ, ist wichtig. In diesem Zeitabschnitt der Menschheit findet man keine Einzelperson, die auch nur annähernd so viel Geld und Macht bündelt, wie im späteren Verlauf der Geschichte ein Fugger, Medici, Rothschild oder Morgan.

Zinsen: Vom Umlaufgeld zum Kapital – Wie Zins Macht und Vermögen bündelt

Doch je stärker Handel und Wirtschaft wuchsen, desto deutlicher traten die Schwächen zutage. Die regelmäßigen Umtauschgebühren belasteten Händler und Bürger, während der aufblühende Fernhandel nach stabileren und überregional gültigen Zahlungsmitteln verlangte. Auch die Münzherren selbst entdeckten zunehmend Vorteile in langlebigeren Münzen, die größere Macht und Reichweite versprachen. So setzte sich nach und nach ein neues System durch: dickere, haltbarere Münzen wie Groschen und Taler, die nicht mehr regelmäßig eingezogen wurden. Ihr Wert orientierte sich nun am Metallgehalt – Silber oder Gold – wodurch das Geld länger stabil im Umlauf blieb und zugleich als Wertspeicher erheblich an Bedeutung gewann. Was zunächst als Fortschritt erschien, öffnete jedoch auch die Tür für eine neue Dynamik: Geld konnte nun dauerhaft gehortet und gegen Zinsen verliehen werden – die Grundlage für wachsende Kapitalsammelstellen und für jene Spannungen, die das Zinsparadoxon immer stärker hervortreten ließen.

Zinseszins im Alltag: Mietbeispiele und Wachstumszwang

Um die Sprengkraft des Zins und Zinseszins zu verdeutlichen – er wächst exponentiell – ist ein Vergleich aus der Gegenwart prägnanter: Indexierte Mietverträge zeigen es: Bei 1.000 € Miete und drei Prozent jährlicher Steigerung zahlen wir nach 15 Jahren 1.560 €, nach 30 Jahren 2.430 € und nach 50 Jahren bereits 4.380 €. Nach 75 Jahren wären es über 9.000 € – nur bei moderaten drei Prozent jährlich. Was für die Mieter zum Albtraum wird, erleben die Vermieter als stetig wachsenden Wohlstand, das Geld vermehrt sich von selbst.

Dabei ist die Spanne von 75 Jahren entscheidend. Da der Zyklus bis zum Kollaps im Schnitt ein Menschenleben lang dauert, bringen wir insgesamt so wenig Verständnis für die exponentielle Logik des Geldsystems mit. Wir haben kaum gelebte Erfahrung damit. Die letzte große Währungsreform in Deutschland liegt 77 Jahre zurück – nur noch die älteste Generation erinnert sich wirklich daran.

Dieses exponentielle Wachstum wirkt wie Dynamit – im Schnitt entfacht es alle 75 Jahre eine große Krise, begleitet von Kriegen und Tragödien. Neben politischen, technologischen oder geopolitischen Ursachen wirkt der Zinsmechanismus wie der unsichtbare Umlaufantrieb des Systems.

Eine Zwischenfrage sei erlaubt: Woher kommt eigentlich das Geld, mit dem die Zinsen bezahlt werden sollen?

Das strukturelle Problem: Woher kommt das Geld für die Zinsen?

Hier wirkt das sogenannte Zinsparadoxon – der tief verankerte Wachstumszwang des Systems. Es gibt nie genug Geld, um alle Zinsen zu begleichen. Obwohl in modernen Systemen die Geldmenge durch Kreditvergabe elastisch ist und ständig ausgeweitet wird, entsteht durch den Zins und Zinseszins eine strukturelle Lücke. Das Geld muss erst durch neue Kredite, weiteres reales Wachstum oder Umverteilung zusätzlich generiert werden.

Da Wachstum und Umverteilung an natürliche Grenzen stoßen, entsteht bei exponentiellem Wachstum der Schulden und Zinsforderungen ein dynamisches Spannungsumfeld. Viele politische und wirtschaftliche Handlungsmotive oder Krisen lassen sich in diesem Spannungsfeld verorten – ohne sie allein darauf reduzieren zu wollen. Wer das erkennt, erhält ein breiteres Verständnis für die Kausalität der Ereignisse.

Ein Blick auf das Münzwesen verdeutlicht die Problematik anschaulich: Die Geldmenge konnte historisch nur so weit wachsen, wie neues Edelmetall verfügbar war. Also entweder mehr Silber und Gold fördern, es durch Handel oder Eroberung ins Land holen, oder schlicht durch Münzverschlechterung (historisch auch Gehaltsschmälerung genannt, heute Inflation). Doch diese Mittel waren insgesamt begrenzt oder erforderten erhebliche finanzielle Ressourcen. Zumal Raubbau an der Natur, Inflationierung und Eroberungskriege moralisch sehr fragwürdig sind.

Bleibt die Möglichkeit der Umverteilung: Geld floss von den einen zu den anderen – durch Steuern, Abgaben, Zinsen oder schlicht durch Enteignung der Gläubiger. Auch dies hält das System am Laufen, erzeugt aber zugleich Machtkonzentration und enorme Konflikte.
Die letzte Option schließlich ist ein neuer Kredit: neue Sicherheiten, neue Zinsen, neues Geld im Umlauf. Die direkte Ausweitung der physischen Geldmenge war in der Anfangszeit durch die Edelmetallvorräte begrenzt. Deshalb bedeutete ein neuer Kredit historisch oft nur die Ausgabe von Schuldscheinen; als Sicherheiten dienten Immobilien, Land oder Privilegien wie Schürfrechte. Faktisch wird Liquidität geschaffen, die es erlaubt, alle Zinsforderungen zu bedienen. Doch auch dieser neue Kredit birgt die gleiche Problematik in sich: Selbst wenn die Geldmenge elastisch ist, bleiben wieder die drei Optionen: Wachstum zur Unterfütterung, sonst droht Inflation – Umverteilung oder ein erneuter Kredit.

Dieser Druck wirkt systemisch: Er erzwingt permanentes Wirtschaftswachstum, oder einen neuen Kredit mit neuen Zinsen – oder man spielt „Reise nach Jerusalem“: zehn Spieler, aber nur neun Stühle – was eine Umverteilung im großen Stil bedeutet. Dieser Mechanismus ist der erste Gedanke, aus dem der Rote Faden gesponnen wird, der sich konsequent durch die gesamte Geldgeschichte zieht.

Der zweite rote Faden: Kapitalsammelstellen und Machtkonzentration
Vom Umlaufgeld zum Kapital – Wie Zins Vermögen bündelt

Das Recht, Münzen zu prägen – das sogenannte Münzregal – war ursprünglich ein königliches Vorrecht. Im Laufe der Zeit wurde es jedoch weitergegeben oder verliehen, wodurch verschiedene Gruppen maßgeblich profitierten: Adlige und Vasallen, Bischöfe und kirchliche Institutionen sowie zunehmend auch Städte und Kaufleute, die so Einnahmen, wirtschaftliche Kontrolle und politischen Einfluss gewinnen konnten. Eine Münzprägeanstalt des Mittelalters kann in gewisser Weise mit einer regionalen Notenbank verglichen werden: Sie bestimmte die Ausgabe von Geld, regulierte Umlauf und Materialwert und beeinflusste damit Handel und Wirtschaft – allerdings auf viel begrenzterem, lokalem Niveau als heutige Zentralbanken. Das Privileg, neues Geld prägen zu können – was in der modernen Geldtheorie als Geldschöpfung bekannt ist, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum mächtigsten Instrument wirtschaftlicher und politischer Macht in der Geschichte.

Wer profitiert? Die Logik der Kapitalsammelstellen

Genau hier bilden sich die ersten Kapitalsammelstellen im System. Sie entstehen in einem Zinssystem zwangsläufig aus dem System selbst: Der Zins wird zum treibenden Umlaufantrieb des Geldsystems. Wo schon Geld vorhanden ist, fließt noch mehr Geld hin – vorausgesetzt, es gibt ausreichend Schuldner. Der Anreiz, Geld gegen Zinsen zu verleihen, war ebenso unersättlich wie der Geldhunger früher Staatsgebilde des Mittelalters. Diese Liaison ist fatal, wie die Geschichte immer wieder zeigt.

Kapitalsammelstellen sind keine Erfindung einzelner Akteure. Ihre enge Verflechtung mit der Staatsmacht ist vielmehr die logische Konsequenz der Funktionsweise eines Geldsystems mit Zinsen – denn historisch war der Markt für Staatsanleihen stets der größte Kreditmarkt, bis heute. Gerade in den Anfängen des frühen Bankenwesens bringen sie herausragende Einzelpersönlichkeiten hervor, die das System meisterhaft beherrschen und davon profitieren – die Einsteins, Picassos und Da Vincis des Geldsystems. Und sie entwickeln sich im Laufe der Geldgeschichte von bekannten Einzelpersonen zu schwer durchschaubaren Institutionen.

Wer diese beiden Gedanken festhält, hat den zweiten Roten Faden enthüllt, der sich durch die gesamte Geldgeschichte zieht.

Die Fugger – Europas erste Großkapitalisten

Die Fugger aus Augsburg liefern ein besonders anschauliches Beispiel für das Zusammenspiel von Geld, Macht und systemimmanenten Spannungen. Ihre Blütezeit lag zwischen 1480 und 1560. Sie gelten historisch als erste Großkapitalisten Europas. Jakob der Alte legte mit dem Leinen- und Tuchhandel den Grundstein, während Jakob der Reiche den Schwerpunkt auf Bergbau und Hochfinanz verlagerte.

Sein Prinzip war erstaunlich simpel: Die Habsburger erhielten Kredit für Hofhaltung oder Kriegszüge, die Fugger sicherten sich im Gegenzug Bergbau- und Schürfrechte sowie Beteiligungen an der Münzprägung. Sie nutzten das System meisterhaft, stiegen mit dem Haus Habsburg kometenhaft auf – und verloren später die zentrale politische Macht, die sie in ihrer Blütezeit innehatten. Zwar blieb ihr Reichtum teilweise erhalten, doch ihre herausragende Position im Macht- und Finanzsystem konnten sie nie wieder erreichen.
Solange die Fugger aus ihren Minen stetig Silber und andere Metalle förderten, lief das System weitgehend reibungslos. Die Refinanzierung der Kredite erfolgte über die Zeit. Anfangs konnte der ständige Kreditbedarf der Habsburger noch mit realen Einnahmen abgesichert werden, aber Zins und Zinseszins erhöhten den Druck immer weiter – Fluch für den einen, Segen für den anderen.

Diese Liaison von Geld und Macht war unzertrennlich und befruchtete sich gegenseitig aufs Neue. Denn sobald Zinsen im System verankert sind, gelten bekanntlich nur drei Optionen. Dabei ist die Option des neuen Kredites stets die attraktivste, solange es noch Sicherheiten gibt.

Systemgrenzen – Wenn Zinslast und Schulden zu groß werden

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die Fugger einen Reichtum angehäuft, wie ihn zuvor keine Dynastie in Europa erworben hatte. Sie besaßen mehr Burgen, Schlösser und Herrschaften als mancher alte Adelsgeschlecht – und gleichzeitig ein Handels- und Finanzimperium, das sich von Augsburg bis Sevilla und Antwerpen spannte. Ihr Reichtum war gigantisch: hochgerechnet auf heutige Werte, liegt er je nach Schätzung zwischen 300 und 400 Milliarden Euro. Ihr Name stand sinnbildlich für Geld, Macht und Einfluss – nicht ohne Grund trägt ein bekanntes Buch über sie den Titel: Kauf dir einen Kaiser.

Doch gerade in diesem scheinbaren Höhepunkt lag ihr Dilemma verborgen: Ein großer Teil ihres gigantischen Vermögens spiegelte letztlich nur die Höhe der von ihnen vergebenen Kredite wider. Nach drei Generationen – Jakob der Alte, Jakob der Reiche und Anton Fugger – war das Vermögen und die Kreditsumme durch Zins und Zinseszins derart angewachsen, dass die verfügbaren Edelmetallressourcen oder Sicherheiten nicht mehr ausreichten, um den stetigen Kredithunger der Habsburger zu decken. Die Steuerlast für Bürger und Untertanen wurde erdrückend, und das soziale Elend wuchs in erschreckendem Maße.

Während Jakob der Reiche noch wochenlang über einige hunderttausend Gulden Kredit mit dem Kaiser verhandelte, sah sich Anton Fugger Jahrzehnte später gezwungen, mit einem Federstrich Millionen Gulden bereitzustellen, um den Kreislauf überhaupt noch aufrechtzuerhalten.

Hier zeigt sich die ganze Tragik des Systems: Die Fugger konnten „ihr“ Geld nicht komplett aus dem System ziehen, ohne dass es sofort zusammenbricht; sie waren praktisch „all-in“. Gerade diese finanzielle Verstrickung machte sie zu Geiseln der Habsburger. Das Finanzsystem des Mittelalters war zu rudimentär, um einen „Bail-out“ der Fugger zu organisieren.

Die politische absolute Macht des Kaisers wog schwerer als jede Schuld. Das berühmte Mahnschreiben, das Jakob der Reiche noch an Karl V. sandte, ist zwar ein historisches Zeugnis der engen Verflechtung zwischen Staat und Großkapital und ein beispielloser Affront gegen einen von „Gottes Gnaden“ eingesetzten Monarchen. Doch es bewies vor allem eines: Selbst der reichste Mann der Welt konnte die Zahlung nicht erzwingen, da der Kaiser wusste, dass der Gläubiger ebenso auf das System angewiesen war wie er selbst. Das Kapital war der politischen Macht ausgeliefert.

Der erste große Staatsbankrott und seine Folgen

Als Philipp II. 1557 von Spanien den ersten Staatsbankrott erklärte, konnten die Fugger dem nichts entgegensetzen. Sie wurden mit Land, Titeln oder Versprechungen abgespeist, während der Geldfluss versiegte und die Verluste stiegen. Die enormen Kredite und Zinsverpflichtungen wuchsen jedoch weiter, angefacht durch den Mechanismus von Zins und Zinseszins.

Ein Staatsbankrott ist der Startschuss einer „Reise nach Jerusalem“ – zehn Spieler, neun Stühle. Insgesamt wurden drei Runden ausgespielt (1557, 1575 und 1596). So verloren die Fugger Millionen Gulden und ihren Einfluss an die aufstrebenden Genueser Bankiers. Ab 1618 beendete der Dreißigjährige Krieg schließlich die Welt der mittelalterlichen Handels- und Finanzdynastien und fegte die alte Ordnung hinweg.

Die absolute politische Macht hatte über das Kapital triumphiert. Die inneren Spannungen des Geldsystems wirken wie ein Brandbeschleuniger, sobald der Kipppunkt erreicht ist – der plötzliche Übergang von Stabilität zu Krise. Dieser tritt ein, wenn die Zinszahlungen und die Verschuldung so absurd werden, dass sie die Steuereinnahmen ganzer Volkswirtschaften verschlingen.

Ein Vergleich drängt sich auf: 1980 lag die gesamtstaatliche Verschuldung Deutschlands bei umgerechnet rund 200 Milliarden Euro. Heute genügt ein einziger Haushaltsbeschluss, und die Bundesregierung kann 1.000 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen – exponentielles Wachstum in Reinform. Die jährlichen Zinszahlungen erreichen bereits Dimensionen, die deutlich kritischer und langfristiger betrachtet werden sollten. Das zuvor erläuterte Zinseszinsbeispiel lässt sich hier präzise anwenden und zeigt, wie sich die Spannungen im System über die Zeit kontinuierlich verstärken – und wie sich gleichzeitig der Reichtum immer weiter konzentriert.

Der dritte rote Faden: Die Legitimation der Finanzmacht
Gekaufte Expertise: Von Theologen bis Ökonomen

Das Recht, Geld zu schöpfen, war schon immer das mächtigste Privileg. Doch wer die Kontrolle über das exponentielle Wachstum des Zinseszins-Systems erlangte, musste diese Macht auch ideologisch verteidigen. So zieht sich ein dritter Roter Faden durch die Geschichte: Die gezielte Finanzierung von Gelehrten und Intellektuellen, um das System des Zinses als moralisch richtig oder für das Gemeinwohl unerlässlich darzustellen.
Die Fugger waren auch hier Pioniere: Während Jakob Fugger der Reiche Kredite an Kaiser Karl V. vergab, bezahlte er unter anderem Theologen wie Johann Eck (den späteren Gegner Luthers), die den Zins gegen kirchliche Verbote rechtfertigten, und Juristen wie Konrad Peutinger, die seine Bergbau-Monopole als stabilisierend und notwendig darstellten.

Dieses Prinzip – die Beherrschung der öffentlichen Meinung durch gekaufte Expertise – ist bis heute die wirksamste Waffe der Kapitalsammelstellen. Es erklärt, warum das Zinsparadoxon und die hoheitliche Geldschöpfungsmacht, die an die Zentral- und Privatbanken übertragen wurde, in der konventionellen ökonomischen Debatte kaum existiert: Denn die intellektuelle Infrastruktur, die das System verteidigt, ist längst Teil der Architektur selbst geworden.

Ausblick: Von den Fuggern zur ersten Notenbank der Welt

Zinsbasierte Geldsysteme erzeugen nicht nur konzentrierten Wohlstand und Macht – sie bringen auch Elend, Aufstände und Gewalt hervor, sobald Zins- und Schuldenlasten zu groß werden. Das ist historisch vielfach belegt.

Wie sich das internationale Geldsystem weiterentwickelte und wie Bankiers ihre Privilegien institutionalisieren und ihre Machtposition sichern konnten, lesen Sie im nächsten Teil dieser Serie: Die Gründung der ersten Notenbank der Welt – der Bank of England.



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18 Kommentare

  1. Ein echt guter Artikel von Finanzmarktwelt.
    Ich denke, dass es mit dem digitalen Zentralbankgeld leicht möglich wäre, eine umlaufgesicherte Währung zu installieren. Es wird einfach jede Woche ein gewisser Prozentsatz von jedem Konto abgebucht. Bargeld, in das man flüchten könnte, gibt es nicht mehr, oder es wird noch stärker entwertet als das digitale Zentralbankgeld.

    Aber ich fürchte, dass das nur ein Traum bleiben wird, denn diejenigen, die in unseren Demokratien bestimmen, haben das große Geld. Und die dürften kein Interesse an der Abschaffung des Zinssystems haben.

    1. Sollte so etwas kommen, würde ich vom Euro in den US-Dollar oder eine andere Währung wechseln. Im übrigen gibt es die dauerhafte Entwertung bereits, nennt sich Inflation. Ja und dann gibt es auch noch Steuern und wenn man Pech hat die Insolvenz. Die unbegrenzte Geldvermehrung gibt es in der Realität nicht.

    2. Danke für Ihren Kommentar. Historisch gesehen gab es auch sehr mächtige Träume und sie aufzuzählen wäre genug Inhalt für einen weiteren Artikel. Der Leitgedanke bei diesem ist lediglich die Informationsbasis zu verbreitern und zu vertiefen, um die spätere Entwicklung des Geldsystems, die auch uns betrifft, besser verstehen zu können. Dazu dann mehr im nächsten Artikel.

  2. Wow! Großartiger Artikel. Vielen Dank dafür.

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Hier ist ein Zitat angebracht: Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben. (M.T.)

    2. Ich kenne eine ähnliche Beschreibung, die ein theoretisch geschlossenes System zuggrunde legt und 10 Münzen an 10 Schuldner verleiht, die jeweils 10+1 Münzen zurück geben müssen. Dass das nicht geht ist klar.

      Neues Geld muss her, was für eine Zentralbank ja einfach machbar ist. Die Geldmenge wird immer weiter inflationiert. Oder, und das ist theoretisch die einzive Alternative, Schuldenschnitte und Pleiten werden realisiert.

      QE steht vor der Tür. Wenn die exponentioelle Grundlage stimmt, müsste dieses größer werden wie das letzte. Did Zinsen können nicht mal annähernd dort fixiert werden, wo sie gegen Blasenbildung und Teuerung sein müssten. Das System zerstört sich selbst. Die 4 % der Amis sind nix, zweistellig völlig undenkbar.

      1. „Ich kenne eine ähnliche Beschreibung, die ein theoretisch geschlossenes System zuggrunde legt und 10 Münzen an 10 Schuldner verleiht, die jeweils 10+1 Münzen zurück geben müssen. Dass das nicht geht ist klar.“

        Doch, das geht.

        Großer Bär leiht Di Palma zehn Münzen zu zehn Prozent Zins, er will also 11 Münzen zurück..
        Di Palma gründet die Palma Luxury AG und produziert zehn Luxus-Warenkörbe.
        Er zahlt Capablanca eine Münze als Zins und Capablanca kauft ihm davon einen Warenkorb ab.
        Jetzt zahlt ihm Di Palma die zehn Münzen zurück.

        Das Geheimnis ist die Tauschmitteleigenschaft des Geldes in einer arbeitsteiligen Wirtschaft und die Geldumlaufgeschwindigkeit.
        Die eine der zehn Münzen landet in der Kreditlaufzeit zweimal bei Großer Bär, einmal als Zins, einmal als Tilgung.

        Als kluger Banker hat Großer Bär gewusst, dass Di Palma seinen Kredit produktiv verwendet.
        Hätte er die Münzen an den Spieler Weisser Büffel verliehen, hätte er die Inflation befeuert, sein Geld verloren und müsste von der Zentralbank gerettet werden.

  3. Die Griechen haben den Dingen der Welt ihren Namen gegeben, die Phönizier dann je ein Preisschild an die vielen Namensschilder gepappt. Das hat aber nicht ausgereicht, denn es gab eine mächtige physikalische Größe, die an beiden Schildern und vor allem auch allen Dingen und Lebewesen entsetzlich nagt: Die Zeit. Dieses „Nagen“ beschreibt genau der Zins. Um den Zins los zu werden, muss nur noch die Zeit besiegt werden. Das Gute ist, daß dazu Zeit genug ist.

  4. Woher kommt eigentlich das Geld, mit dem die Zinsen bezahlt werden sollen?

    Hierzu gibt es ein altes Beispiel:

    Nehmen wir eine einfache Volkswirtschaft, die für ihre 10.000 Einwohner in jeder Periode 100.000 Einheiten des Produktes P1 produziert.
    Das Produkt P1 befriedigt alle Bedürfnisse der Bevölkerung („Soylent Blue“ in Anlehung an den Filmklassiker).
    Zum Ende der letzten Periode betrug der Preis für das Produkt P1 10 Dollar pro Einheit.
    Das reale Bruttoinlandsprodukt betrug damit in der Vorperiode 100.000 Einheiten P1, das nominale BIP betrug 1 Million Dollar und das Preisniveau lag bei 10 Dollar.

    Zu Beginn der aktuellen Periode beträgt der Bestand an P1 null Einheiten, denn alle Einheiten wurden in der Vorperiode komplett verkonsumiert.
    Der Bestand an Geld beträgt zum Beginn der aktuellen Periode ebenfalls null Euro.

    Am Beginn der aktuellen Periode nehmen die produzierenden Unternehmen (pU) der Volkswirtschaft bei den Banken einen Kredit von 1 Million Dollar auf.
    Das Geld wird von den Banken durch Geldschöpfung aus dem Nichts geschaffen.
    Zu Beginn der Periode ist damit die gesamte Geldmenge („M1“) der Volkswirtschaft, 1 Million Dollar, in den Händen der pU.
    Woher kommt eigentlich das Geld, mit dem die Zinsen bezahlt werden sollen?

    Die pU produzieren im Laufe der Periode wieder 100.000 Einheiten des Produktes P1.

    Die pU zahlen ihren Arbeitnehmern ihren Lohn aus, sagen wir 850.000 Dollar.
    Dann zahlen die pU den Banken ihren Zins, sagen wir 50.000 Dollar.
    Damit verbleibt den Eigentümern der pU ein Gewinn von 100.000 Dollar, der an die Eigentümer ausgezahlt wird.

    Jetzt ist die Geldmenge der Volkswirtschaft in den Händen der Banken (50.000 Dollar), in den Händen der Arbeitnehmer-Haushalte (850.000 Dollar) und in den Händen der Haushalte, die Eigentümer der pU sind (100.000 Dollar).

    Jetz kommt der entscheidende Schritt.
    Die Banken behalten das Geld aus den Zinseinnahmen (50.000 Dollar) nicht für sich zurück, sondern zahlen es als Gehälter und Gewinnausschüttungen an ihre Arbeitnehmer und Eigentümer aus. Nach dieser Auszahlung ist die gesamte Geldmenge (1 Million Dollar) vollständig in den Händen der privaten Haushalte.
    Die privaten Haushalte, das sind die Arbeitnehmer und Eigentümer Banken und der pU.

    Die privaten Haushalte kaufen von ihrer 1 Million Dollar nun den pU die 100.000 Einheiten P1 ab.

    Danach ist die gesamte Geldmenge wieder in den Händen der pU.

    Die pU zahlen die 1 Million dann an die Banken zurück.

    Danach ist die Geldmenge M1 null, denn das gesamte Geld befindet sich bei den Banken und heisst jetzt Geldmenge M0 (M null).

    Die Banken können das Geld nun elektronisch oder physisch vernichten.

    Dieser Zyklus geht theoretisch ewig so weiter.
    Steigt die reale Produktion bei konstantem Preisniveau, so steigt auch die Geldmenge.

    Die Reihenfolge der Schritte ist nicht entscheidend.
    Das Beispiel funktioniert auch, wenn die Banken ihr Geld um 23:59 des letzten Tages der aktuellen Periode erhalten.
    Dann kaufen die Arbeitnehmer und Eigentümer der Banken ihre 5.000 Einheiten P1 zu Beginn der Folgeperiode.

    Den Geldbetrag der Zinsen erhalten die pU von den Banken, weil die in den Banken arbeitenden Menschen den pU ihre realen Güter abkaufen müssen, wenn sie nicht verhungern wollen.

    Dies war eine stark vereinfachte Form des klassischen „Soylent-Blue“-Beispiels.

    Es gibt keinen zinsbedingten Wachstumszwang.

    1. @Di Palma:

      Vielen Dank für diesen exzellenten Kommentar und das detaillierte „Soylent Blue“-Modell. Es ist wichtig, dieses klassische Argument der konventionellen Ökonomie zu diskutieren, da es den Kern unseres Zinsparadoxons berührt.

      Ihr Modell ist in seiner Kredit- und Zinslogik widersprüchlich, weil es das zentrale Problem des Zinseszins-Mechanismus ausklammert:

      1. Die Zinszahlung vs. die Kredithöhe: Sie beschreiben, dass die pU einen Kredit von 1 Million Dollar aufnehmen, aber am Ende der Periode ebenfalls 1 Million Dollar zurückzahlen (Tilgung). Gleichzeitig zahlen die pU während der Periode 50.000 Dollar Zinsen an die Banken. Implizite Annahme: Wenn 1 Million $ aufgenommen und 1 Million $ zurückgezahlt wird, müsste die Zinslast 0$ sein. Reale Annahme: Um 50.000 $ Zinsen zu zahlen, die „nicht“ Teil der Rückzahlungssumme sind, müsste der Kredit entweder 1 Million$ plus 50.000 $ Zinsen umfassen – was eine Gesamtrückzahlung von 1.050.000 $ erfordern würde – oder die Tilgung betrüge nur 950.000 $.

      Indem Sie die Tilgungssumme (1 Million $) gleich der ursprünglichen Kreditsumme halten und die Zinsen separat bezahlen lassen, verschleiern Sie, dass für die Rückzahlung des Gesamtkredits (Tilgung + Zins) eine größere Menge Geld benötigt wird, als ursprünglich als Kredit geschaffen wurde.

      2. Die fehlende Tilgungslücke: Der Kern der Zinskritik ist nicht nur die Zinszahlung, sondern die Tilgung. In Ihrem Modell wird die Tilgung von 1 Million $ geleistet, indem die pU das gesamte Geld von den Haushalten (1 Million $) erhalten. Die reale Herausforderung des Zinssystems liegt darin, dass der Gesamtschuldbetrag (Kredit + Zins) zurückgezahlt werden muss.

      Wenn die Geldmenge nur in Höhe der Kreditsumme geschaffen wird (wie in Ihrem Modell), fehlt die notwendige Kaufkraft, um die Gesamtschuld zu begleichen. Ihr Modell umgeht dieses Problem, indem die Banken das Zinsgeld sofort in den Kreislauf zurückgeben, und die Unternehmen den Gewinn in Höhe der Tilgungslücke (hier nicht klar dargestellt) erzielen müssen.

      Das Modell demonstriert die Geldkreislauf-Neutralität der Zinsen (Zinsen werden zu Löhnen der Bankmitarbeiter), ignoriert aber den systemischen Wachstumszwang, der durch die Tilgungs- und Zinsforderung zusammen entsteht, weil die Gläubiger in der Realität nicht verpflichtet sind, ihre gesamten Einnahmen wieder zu konsumieren. Der Widerspruch in den Zahlen ist der beste Beweis: Wenn Zinsen von 50.000 $ anfallen, darf die Tilgung nicht gleich dem ursprünglichen Kredit sein, es sei denn, die 50.000 $ sind in der 1 Million $ bereits enthalten. Da dies im Modell nicht klar ist, verlässt es die reale Kreditlogik.

      1. @Thomas Hartz

        Danke für Ihre Antwort.

        In einem reinen Finanzsystem ohne Realwirtschaft ist Ihre Argumentation sicher richtig.Bei einem Finanzsystem mit angeschlossener Realwirtschaft wird es m.E. anders.

        Thomas Hartz – stellvertretend für die Realwirtschaft – sagt:
        „Di Palma, leihen Sie mir 100 EUR, damit ich mit meinen 60 Mitarbeitern die 100 Warenkörbe produzieren kann, die die 100 Einwohner unseres Landes am nächsten Tag brauchen.“

        Di Palma – stellvertetend für den Bankensektor – sagt: O.K., aber ich will 5 EUR Zinsen dafür.

        Thomas Hartz braucht Geld zur effizienten Abwicklung der realwirtschaftlichen Transaktionen.
        Aber er hat keine Banklizenz. Er kann die 100 EUR zurückzahlen, aber er kann keine zusätzlichen 5 EUR drucken, um die Zinsen zu bezahlen. Das ist aber auch nicht nötig.

        Di Palma hat die Lizenz zum Gelddrucken, aber er kann Geld nicht essen.
        Er ist nicht an zusätzlichen 5 EUR in Banknoten interessiert, sondern er möchte einen Anteil an den Warenkörben, die Thomas Hartz produziert. Die Zinszahlung erfolgt vordergründig in Geld, real aber in Warenkörben.

        Ob die 5 EUR angemessen sind oder nicht, ist eine andere Frage. Wenn der Bankensektor 5 Leute umfasst, dann würden 5 EUR Zins bedeuten, dass der Bankensektor einen Warenkorb-Anteil erhält, der bei 100 Einwohnern seinem Bevölkerungsanteil entspricht.

        ———————–

        Denken wir uns das Finanzsystem ganz weg, und betrachten eine reine Naturaltauschwirtschaft.
        Robinson leiht Freitag 30 Warenkörbe Lebensmittel, damit Freitag sich nächsten Monat ganz dem Bau von zwei neuen Hütten widmen kann. Nach Ablauf des Monats erhält Robinson eine der beiden Hütten als Zins.
        Kann man das Wachstumszwang nennen ?

        —————

        Freue mich auf Ihren zweiten Teil. Dass Notenbanken (die „bad banks“ der Welt ?) eine zweifelhafte Rolle spielen … ?

        1. Vielen Dank für das erneute Aufgreifen des Themas und die detaillierte Darstellung.

          Ihr Modell, obgleich mathematisch in sich geschlossen, folgt der klassischen ökonomischen Idealvorstellung, die den systemischen Wachstumszwang des Zinses ausblendet. Der dritte Rote Faden (die ideologische Legitimation durch Expertise) greift genau diesen Punkt auf.

          1. Das philosophische Fundament des Problems
          Der fundamentale Einwand gegen den Zins ist philosophischer Natur. Bereits Aristoteles stellte fest, dass Geld an sich unfruchtbar ist (pecunia non parit pecuniam). Geld ist ein Tauschmittel, kein Gut, das von Natur aus wächst.

          Mit dem Zins verleihen wir dem Geld jedoch künstlich die Eigenschaft der Fruchtbarkeit. Wir erwarten, dass es aus sich selbst heraus über die Zeit mehr wird – eine Forderung, die in der Realität nur durch exponentielles Wachstum (neuer Kredit) oder Umverteilung erfüllt werden kann.

          Ihr Modell funktioniert nur, indem es die Zinszahlung sofort als Konsum in den Kreislauf zurückführt, was die psychologische und systemische Realität des Hortungsanreizes ignoriert.

          2. Zwang und die Rolle der Macht
          Ihr anschauliches Robinson-Freitag-Beispiel unterschlägt die exponentielle Dynamik: Während eine Hütte als Zins real und einmalig ist, wächst die Zinsforderung exponentiell. Die Realwirtschaft müsste ihre Produktion permanent steigern, um dieser wachsenden Forderung nachzukommen.

          Das ist der Wachstumszwang.

          Fazit: Ihr Modell beschreibt, wie ein Zinssystem in einem statischen Idealzustand ohne Wertspeicher funktioniert. Unsere historische und systemische Analyse beschreibt, warum dieses Ideal in der Realität sofort zu Machtkonzentration und Wachstumszwang führt.

          1. Überzeugend dargelegt. Ich hoffe dennoch, dass es in der Fortsetzung noch realer wird. Das hier vorgelegte Rechenbeispiel ignoriert völlig, dass in unserem gegenwärtigen Geldsystem die Aufnahme eines Kredits von 1.000.000 zur Neuschöpfung von 1.000.0000 Geld beim Kreditnehmer und zur gleichzeitigen Neuschöpfung von 1.000.000 Forderung bei der Bank führt. Diese Million Forderung erhöht die Mittel der Bank unmittelbar um weitere 990.000 Geld bei Berücksichtigung einer Mindestreserve von 1%. Diese 990.000 werden ebenfalls ausgeliehen und führen ebenfalls zu einer neuen Forderung der Bank, die wiederum abzüglich der Mindestreserve ausgeliehen werden kann.

            Zudem wird der Faktor Arbeit ignoriert. Die Kreditnehmer nehmen den Kredit idealtypisch, um daraus Gewinn durch Arbeit zu ziehen. Es entsteht so neues Sachkapital, dass dem neugeschöpften Geld erst Wert verleiht.

            Die Zinsen werden also aus anderen neugeschöpften Krediten bezahlt oder gar nicht gezahlt, wenn die Schuld als uneinbringlich abgeschrieben wird. In diesem Moment schrumpft jedoch auch die Forderung der Bank, auch an den Zinsen.

            Ein geldtechnisches Problem entsteht dann, wenn die ausgegebenen Kredite nicht erfolgreich verwendet werden, oder von vorneherein nur zu Konsumzwecken verbraucht werden. Das ist fast immer sichergestellt, wenn der Staatsanteil zu hoch wird.

            Gesellschaftlich besteht das Problem darin, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen dieses Geld als Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel annimmt.
            Es ist aber nur Tauschmittel und als Recheneinheit kurz- und mittelfristig verwendbar. Es ist kein geeignetes Wertaufbewahrungsmittel.
            Daraus folgt, dass die Menschen, die das verstehen, Geld und auch Kredit nehmen, um damit Sachkapital zur Wertaufbewahrung zu erwerben. Daraus erfolgt aber zum einen kein Wachstum, was wiederum den Zins bedienen könnte, und zugleich bildet sich ein Machtgefälle aus, dass langfristig dazu führt, dass die Vermögenden einen höhere Chance erhalten, Einfluß zu nehmen.

            Der zyklische Zusammenbruch solcher Systeme ist daher nicht nur vorhersehbar, sondern auch notwendig. Er trennt die dummen Vermögenden von ihrem Vermögen und somit auch von ihren erhöhten Einfluss, und bietet den weniger dummen die Chance, ihren Einfluß zu wahren oder überhaupt erst welchen zu gewinnen.
            Das ist gut für die Entwicklung der Gesellschaft. Es bietet die Chance, Verkrustungen auf eine zugleich faire aber auch aussichtsreiche Art zu überwinden.

            Das ist Kapitalismus.

            Zugleich besteht in der zyklisch auftretenden Krise aber auch immer die Gefahr, dass sich kollektivistische Umverteilungsideen durchsetzen.
            Dabei wird auch den weniger dummen Vermögenden Mittel und Einfluss entzogen, was unfair ist, Motivation vernichtet und Chance auf nachhaltige gesellschaftliche Verbesserungen vernichtet.

            Das ist Sozialismus.

            Unsere Gesellschaften stehen erneut vor dieser Wahl.

          2. Das Soylent Blue Modell zeigt nur, dass eine Volkswirtschaft mit Zins möglich ist.
            Nur möglich, mehr nicht.

            Wenn Sie die Psychologie ins Spiel bringen, wird ein anderer Schuh draus und Ihre Argumentation wird mehr und mehr richtig.
            Denn mit der Psychologie kommen die reinen Finanzkredite in die Welt, bei der eine Bank an eine Kette von Spekulanten B, C, … K, … zu immer niedrigeren Zinsen 10, 11, 12, …, 20, … EUR verleiht. B kauft von seinen 10 geliehenen EUR dem A zehn XY-Aktien ab und verkauft sie dem C für 11 EUR. C verkauft die Aktien für 12 EUR an D u.s.w.
            Die Geldmenge der Volkswirtschaft steigt, ohne dass dem ein Anstieg der Realgüterproduktion gegenübersteht.
            Irgendwann findet sich bei Nullzins kein Anschlusskäufer mehr, und wenn jetzt die Zentralbank die fahrlässig gehandelt habende Bank auch noch rettet, gerät die Situation völlig ausser Kontrolle.
            Der Zins ist hier nicht Ursache, aber Brandbeschleuniger.
            Ursache ist ein dysfunktionales Bankensystem, das Kredite für Zwecke erlaubt, die nicht mit der Schaffung realer Güter verbunden sind.

  5. @ Di Palma

    Ihr Beispiel berücksichtigt nicht, dass jede Geldeinheit, die zu einer heuet üblichen Bank geht, dort sofort abzüglich der Mindestreserve vervielfältigt wird.

    Die Kritik am Zins, bzw. Zinseszins berücksichtigt i.d.R. nicht die ganz unterschiedlichen Auswirkungen je anch Geldsystem. ich bin gespant auf die Fortsetzung.

    1. @Felix:

      Vielen Dank für diesen exzellenten, analytischen Kommentar, der die Dynamik der Giralgeldschöpfung und deren reale Implikationen präzise auf den Punkt bringt. Ihre Ausführungen schärfen die kritische Sicht auf das Finanzsystem ungemein.

      Wir stimmen in den entscheidenden Punkten vollkommen überein:

      Das Wertspeicher-Dilemma: Sie fassen korrekt zusammen, dass die Annahme von Geld als Wertaufbewahrungsmittel zum systemischen Fehler führt. Genau dies erzeugt das Machtgefälle und den Drang, in Sachkapital zu flüchten.

      Die systemische Notwendigkeit des Zyklus: Sie bejahen, dass der zyklische Zusammenbruch („Minsky-Moment“) nicht nur vorhersehbar, sondern systemisch notwendig ist.

      1. Präzisierung der Geldschöpfung und des Zinsdienstes
      Sie haben recht, das vorgelegte Rechenbeispiel ist in der Tat eine Vereinfachung. Ihr Hinweis auf die Geldschöpfung durch Kreditvergabe und die Mehrfachausleihung (über die Mindestreserve, die in der Eurozone aktuell bei 1 % liegt) ist zentral:

      Der Zins wird durch neue Kredite bezahlt: Dies ist der Kern unseres „Hamsterrads“. Das System kann seine Zinsforderungen nur erfüllen, indem die Geldmenge permanent wächst. Sobald die Kreditaufnahme stoppt, bricht der Zinsdienst zusammen.

      Der Faktor Arbeit/Sachkapital: Die Wertschöpfung durch Arbeit ist essenziell, da sie dem neugeschöpften Geld realen Wert verleiht. Aber: Wenn Kredit (neue Geldmenge) schneller wächst als die reale Wertschöpfung (BIP), entsteht Inflation und der Wert des Geldes als Tauschmittel sinkt – was wiederum die Flucht in Sachkapital (Immobilien, Aktien etc.) beschleunigt.

      Ihre Schlussfolgerung: „Ein geldtechnisches Problem entsteht, wenn die ausgegebenen Kredite nicht erfolgreich verwendet werden, oder von vorneherein nur zu Konsumzwecken verbraucht werden,“ ist der exakte Mechanismus der systemischen Instabilität.

      2. Die Schlussfolgerung: Kapitalismus vs. Sozialismus
      Ihre Unterscheidung zwischen der kapitalistischen Reinigungsfunktion der Krise („trennt die dummen Vermögenden von ihrem Vermögen“) und der sozialistischen Gefahr der kollektiven Umverteilung ist philosophisch spannend.

      Unsere Analyse möchte zeigen, dass beide Pole (ungebremster Kapitalismus und erzwungener Sozialismus) die extremen Enden des Zinseszins-Mechanismus sind.

      Die zyklische Krise ist die brutale und notwendige Folge des zinsbedingten Wachstumszwangs.

      Die kollektivistischen Umverteilungsideen sind die unvermeidliche gesellschaftliche Reaktion auf die massive Machtkonzentration und die soziale Schieflage, die in der zyklischen Hochphase entsteht.

      Die Wahl, vor der unsere Gesellschaften stehen, ist daher nicht nur zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern die Frage, ob wir den systemischen Wachstumszwang an der Wurzel (dem Zins) regulieren können, um die extremen Spannungen zu vermeiden, die uns immer wieder zu diesen fatalen Zyklen führen.

      Wir freuen uns darauf, diese Aspekte in der Fortsetzung unserer Serie weiter zu vertiefen. Allerdings werden wir uns zunächst auf die detaillierte Darstellung der Zusammenhänge und der daraus resultierenden Spannungsfelder konzentrieren und zeigen, wie diese sich historisch ausgewirkt haben. Das Geldsystem ist ein überaus spannendes Thema, das insbesondere aus historischer Perspektive betrachtet mehr Aufklärung verdient.

      1. Bleibt noch das Problem, wovon die Eigentümer und Mitarbeiter des Bankensystems leben sollen, wenn der Zins abgeschafft wird. Im Soylent Blue Beispiel müssten sie verhungern, weil sie keine Chance hätten, einen Teil der Warenkörbe zu kaufen, deren arbeitsteilige Produktion sie mit ihrem geldschöpfenden Kredit ermöglicht haben.

        Den Zins umbenennen in „Umsatzerlöse“ wie etwa bei den Gebäude-Reinigern, die ihren Preis auch oft als Prozentsatz (von der zu reinigenden Fläche) berechnen, diesen Preis aber nicht Zins nennen ?
        Wieso spricht man in diesem Zusammenhang nicht von „gebäudereinigungspreisabhängigem Wachstumszwang“, wo doch auch die immer weiter steigenden Forderungen der Gebäudereiniger dem Zinseszins unterliegen ?

        Sie haben ein sehr interessantes Faß aufgemacht.

        1. @Di Palma

          Vielen Dank, Di Palma, für diese bemerkenswert konsequente und analytische Diskussion über die Kredit- und Zinsmechanik. Ihre Kommentare zu den Modellen Soylent Blue und dem Tauschmitteleffekt sind eine wertvolle Schärfung der Debatte.

          Wir sind uns in den wesentlichen Fakten einig, aber unterscheiden uns in der Interpretation des systemischen Zwangs:

          1. Die Tauschmitteleigenschaft vs. Die exponentielle Forderung

          Sie zeigen in Ihrem jüngsten Beispiel (Di Palma Luxury AG), dass ein Zins (1 Münze) innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs theoretisch bezahlt werden kann, wenn die Bank (Großer Bär) die Zinsmünze sofort wieder in den Kreislauf zurückspeist und damit einen realen Warenkorb erwirbt.

          Der Konsens: Die Zinszahlung ist kein mystisches Problem; das Geld ist physisch im System vorhanden.

          Der Dissens (Der strukturelle Fehler): Ihre Lösung setzt voraus, dass alle Akteure die Zinsmünze sofort in Konsum oder Produktivkredit umwandeln. Doch im realen Zinssystem dient Geld nicht nur als Tauschmittel, sondern als Wertspeicher. Die Zinszahlung befreit Großer Bär von der Notwendigkeit, einen Warenkorb zu produzieren, während sie Di Palma zwingt, mehr zu produzieren, um Großer Bär zu bedienen. Der Zins ist der Anreiz für Großer Bär, Geld zu horten (es zu speichern, weil es sich vermehrt) und damit Kaufkraft zu entziehen. Jede gehortete Münze macht das System sofort insolvent, weil sie zur Schuldentilgung fehlt.

          2. Zins, Spekulation und der Brandbeschleuniger
          Sie argumentieren korrekt, dass die Ursache der Blasenbildung im dysfunktionalen Bankensystem liegt, das Kredite für nicht-produktive, spekulative Zwecke erlaubt. Sie sehen den Zins hier nur als Brandbeschleuniger.

          Wir stimmen zu, dass der Zins ein Brandbeschleuniger ist. Aber wir sehen ihn als grundlegenden Mechanismus, der die Ursache erst hervorbringt:

          Der Zwang zum Risiko: Der Zinseszins-Mechanismus erzeugt eine exponentiell wachsende Forderung (Tilgung + Zins). Sobald die reale Wirtschaft diese exponentielle Wachstumsrate nicht mehr liefern kann (was sie zwangsläufig tut), müssen die Kapitalsammelstellen (Banken) höhere Renditen suchen. Dieses Jagd nach Rendite zwingt das Bankensystem in immer risikoreichere und spekulativere Kreditmärkte.

          Der Zins ist somit nicht nur Beschleuniger, sondern der strukturelle Anreiz, der das Bankensystem dazu treibt, dysfunktional zu handeln.

          3. Zusammenfassung: Die Tragik der Fugger als Beweis
          Ihre idealisierten Modelle (Soylent Blue) zeigen, wie das System in einer statischen Idealvorstellung funktionieren könnte. Unsere historische Analyse (Fugger, Zinsparadoxon) zeigt, wie es in der dynamischen Realität funktioniert hat:

          Die Fugger wurden zu Geiseln der Habsburger, nicht weil das Bankensystem dysfunktional war, sondern weil die exponentiell wachsende Zinsforderung die Schuldner (den Kaiser) zwang, immer neue Kredite aufzunehmen, bis die Schuld so groß wurde, dass das Kapital dem Staat ausgeliefert war.

          Die drei Roten Fäden unseres Artikels (Zinsparadoxon, Machtkonzentration, ideologische Legitimation) erklären nicht, wie das System theoretisch funktionieren könnte, sondern warum es systemisch zur Instabilität verurteilt ist.

          Wir freuen uns darauf, diese Differenzierung in der Fortsetzung unserer Serie weiter zu vertiefen.

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