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Wohnungen und Kredite: Rollt ab morgen die große Kündigungswelle?

Claudio Kummerfeld

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am

Verlieren jetzt viele Menschen ihre gemieteten Wohnungen?

Aufgrund der Coronakrise hatte die Koalition sich in Windeseile dazu durchringen könnten, dass zum Beispiel Wohnungen und Kredite in einer Art künstliches Koma gelegt werden sollten. Da Millionen von Menschen kein Geld verdienen (Selbständige, Gastronomen etc) oder in Kurzarbeit rutschten, war es höchstwahrscheinlich, dass somit auch Millionen von Menschen nicht in der Lage sein würden ihre monatlichen Kreditraten oder die Monatsmiete für Wohnungen und Gewerberäume zu zahlen. Daher verabschiedete man ein Moratorium. Zu zahlende Raten und Mieten wurden gestundet.

Moratorium für Wohnungen, Gewerberäume und Kredite läuft aus

Es gab also kein Recht auf Nichtzahlung, sondern lediglich das Recht später nach Ende der Krise nachzahlen zu müssen. Die gestundeten Mieten können bis zum 30. Juni 2022 nachbezahlt werden. Bei Millionen von Menschen haben sich seit März womöglich Mietschulden angehäuft, und Kredite müssen noch länger abbezahlt werden, wohl noch mit Sondergebühren oben drauf? Die SPD wollte dieses Moratorium über den 30. Juni hinaus verlängern, die Union aber wollte offenkundig ab dem morgigen 1. Juli zum vertraglichen Normalzustand zurückkehren. Und die Union hat sich durchgesetzt, womit ab morgen alles ist wie vor der Krise.

Kann ein Mieter dank immer noch prekärer finanzieller Lage (zum Beispiel ein Solo-Selbständiger) die Miete nicht wieder normal zahlen, fliegt er dann aus der Wohnung? Ja, das kann passieren, ebenso bei Gewerbetreibenden. Oben drauf kommen ja noch die gestundeten Mieten! Und Kredite können gekündigt werden. Aber gerade bei Gewerbetreibenden, die zum Beispiel Ladenlokale haben, dürfte sich der intelligente Vermieter fragen: Die Leerstände steigen eh schon stark an. Schmeiße ich jetzt diesen säumigen Mieter raus, finde ich überhaupt noch einen Nachfolger? Bei Wohnungen dürfte die Lage für die Vermieter wohl noch besser aussehen, da die Nachfrage ja immer noch hoch ist. Aber auch hier könnte sich der Vermieter fragen, ob es jetzt bei Millionen Kurzarbeitern und einem Heer in ihrer Existenz bedrohter Selbständiger so viele neue solvente Mieter auf dem Markt geben wird, die gleich als Nachmieter einspringen können.

Banken erhielten Verlängerung für die Optik

Eine Sache fällt da aber doch noch auf. Die Verbraucher kriegen keine Verlängerung des Moratoriums. Die Banken aber, die bekommen von der Bankenaufsicht genau dies! Sie durften seit März bis jetzt Kredite, die gestundet wurden, weiterhin als normale hochwertige Forderungen in ihren Büchern stehen lassen. Ohne Corona, in den „normalen“ Zeiten, hätten sie Kredite ohne monatlich gezahlte Rate als Ausfall in den Büchern abschreiben müssen. Aber so sehen die Bilanzen weiter ganz nett aus. Dieser Zustand darf nun dank jüngsten Beschlüssen bis Ende September beibehalten werden. Wir vermuten: Dank der finanziellen Staatsraison (die Banken sollen gesund aussehen) wird dieses Moratorium für die Banken noch bis Anfang 2021 verlängert, damit von den Banken saubere Gesamtjahresbilanzen präsentiert werden können – und niemand sehen kann, wie kaputt die „Vermögenswerte“ der Banken (Kreditforderungen gegenüber Kunden) eigentlich schon sind.

Aber zurück zu den Verbrauchern. Die müssen ab morgen mit Kündigungen bei Krediten, Wohnungen und Gewerbeflächen rechnen. Vor allem bei Gewerbeflächen könnte es (wie erwähnt) eine ganz schlechte Idee sein den Mietern zu kündigen. Denn wo sollen die Nachfolgemieter für die Flächen herkommen? Ach ja, der „Zentrale Immobilien Ausschuss“ (ZIA), Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, hat sich heute dazu geäußert, dass das Moratorium bei Wohnungsmieten nicht verlängert wird. Zitat:

Der Zentrale Immobilien Ausschuss begrüßt das Vorhaben der Bundesregierung, das Kündigungsmoratorium auslaufen zu lassen. „Es ist richtig, dass jetzt die Zeichen für Bewegung gegeben werden. Ein verlängertes Moratorium hätte einen Zustand eingefroren, der die Wiederbelebung der Wirtschaft verhindert hätte“, so ZIA-Präsident Dr. Andreas Mattner. „Es gibt keine Kündigungen im Wohnungsbereich, weil sich die Immobilienunternehmen vorbildlich verhalten. Es wäre also nicht mehr ausgewogen, diesen größten Eingriff in die Privatautonomie beizubehalten.“ Der ZIA hatte sich in den vergangenen Wochen immer wieder für ein Auslaufen bei der Bundesregierung stark gemacht.

Ob es morgen reihenweise Kündigungen bei Wohnungen und Krediten geben wird? Man wird sehen.

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Daxrabbit

    30. Juni 2020 17:35 at 17:35

    moin moin,
    „Ob es morgen reihenweise Kündigungen bei Wohnungen und Krediten geben wird? Man wird sehen.“
    Das hängt ggf. davon ab wie man folgenden Satz verstehen darf:
    „Es ist richtig, dass jetzt die Zeichen für Bewegung gegeben werden.“
    Bewegung, aha, das klingt für mich nach raus mit den zahlungsschwachen Schmarotzern, rein mit den liquiden Volke.
    Mahlzeit ;-)

    • Avatar

      sabine

      30. Juni 2020 19:20 at 19:20

      Ganz so primitiv ist es nicht.

      Ich habe Leute in der nahen Verwandschaft, die dies ausnutzen. Sie prahlen mit dieser Neandertaler-Sicht, der Kleine sei immer der Dumme, fahren einen dicken BMW, und zahlen weder Kredit noch Miete. Hungern tun sie nicht, haben noch ihre Hobbies usw. Denen geht es gut, denen fehlt nix. Achja, und Kurzarbeitergeld bekommen sie auch. Ich denke, daß sie zu den 70% gehören, die nicht zahlen, obwohl sie könnten. So ungefähr wie die Ditfurth mit 1000€/Monat für 3 Monate damit nicht über die Runden kommt. Schröder nennt das, Jammern auf hohem Niveau.
      Daß natürlich dann die Vermieter auch nicht mehr ihre Kredite bezahlen können, keine Lust auf Vermieten haben, keine Wohnungen mehr renovieren können, wäre eigentlich logisch. Aber welche der derzeitigen Maßnahmen (außer Diätenerhöhungen und Bankenrettungen) haben etwas „Logisches“? Alles nur emotional, Fassadenreinigung und von der Hand in den Mund.
      Und erst bringen die Medien überall rauf und runter den Mord an dem Dunkelhäutigen, eine private Fehde zwischen 2 Kollegen, und sind entsetzt über die Folgen. Die scheinheiligen Pharisäer. Wo bleibt der Entsetzungssturm über die 3 Morde in London? Rein rassistische Morde, aber falsche Seite.
      https://www.salzburg24.at/news/welt/messerattacke-in-glasgowtaeter-identifiziert-89462500
      https://www.bild.de/lgbt/2020/lgbt/homophober-terroranschlag-libyer-25-ermordet-drei-maenner-in-england-71447992.bild.html

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        Daxrabbit

        30. Juni 2020 23:28 at 23:28

        „Ganz so primitiv ist es nicht.“ ja und nein.
        Ich verstehe diesen Satz genauso bilatral wie z.B. der Ausspruch von Dieter Zetsche während der ersten großen Flüchlingswelle 2015 „… eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden …“.
        Ich weiß, ein primitiver Schelm der Böses dabei denkt ;-) sorry ;-)
        …. beruflich stehe ich derartigen Kapazitäten manchmal recht nahe und habe gelernt so zu lesen und zu verstehen, sonst wird man rasiert …

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    Kritisch on fire

    30. Juni 2020 19:55 at 19:55

    Ja, Ja, eine wie ich meine sehr gute Verschleierungstaktik um die Banken (wiedereinmal) zu retten. Ob es aber funktioniert wage ich zu bezweifeln!
    Wie schon einmal hier festgestellt würde ich mein Vermögen darauf verwertten, dass es genauso abläuft. Und wer sind am Ende die Gelackmeierten?
    Diese Verschiebung im Umgang mit notleidenen Krediten ist doch nur als Zeitgewinn für die Banken zu sehen. Die europäischen Banken haben sich in den letzten Wochen mit 1,3 Bio EZB Geld vollgesogen. Diese Summen werden nun sukzessive als mit Staatshaftung versehenen Darlehen an notleidene Betriebe ausgereicht. Durch die Staatshaftung können die Banken diese Kredite natürlich mit geringstmöglichen Risiko raten. Dadurch wird ein Gegengewicht im Eigenkapital in den Bankbilanzen zu den über kurz oder lang auszubuchenden Kredite aufgebaut und alles ist wieder gut – natürlich nur dann wenn die Höhe der Ausfälle nicht die neuen Kredite übersteigt.

  3. Avatar

    Markus

    30. Juni 2020 23:05 at 23:05

    Ich denke, da wird kein säumiger Mieter aus der Wohnung gejagt.
    Das lässt der Staat nicht zu, schließlich sind das Wähler — und marodierende, plündernde Bürger am Ende des Tages.

    Wir sind auf dem besten Weg in den Sozialismus.

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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