Asien

WTO: Welthandel wächst so schwach wie seit Finanzkrise nicht mehr – Globalisierung wird rückabgewickelt

FMW-Redaktion

Es ist ja so eine Sache mit den Prognosen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Und eines ist auffällig, wenn man sich die Prognosen für Wachstum von Institutionen wie dem IWF oder der World Trade Organziation (WTO) ansieht: sie sind praktisch immer zu hoch und zu optimistisch. Woran liegt das? Eine Erklärung ist, dass solche Organisationen dazu neigen, die Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Aber das verkennt Dynamiken, die neu entstehen – und genau das ist das große Problem!

Denn der Prozeß der Automatisierung ist ein Megatrend, der den globalen Welthandel reduzieren wird: wenn Produkte durch Roboter wieder im Westen hergestellt werden und nicht mehr wie zuvor in Billiglohn-Ländern, hat das Auswirkungen auf den Welthandel – die Schiffahrt leidet darunter am meisten, weil die Produkte eben nicht mehr tausende Kilometer über See transportiert werden müssen. Diese Transporte kosten Geld und Zeit, daher wird die Automatisierung immer attraktiver für westliche Firmen – und das wird starke Auswirkungen auf den Welthandel haben.

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Containerschiffe im Hamburger Hafen. Foto: Gunnar Ries/Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

All das scheint etwa die WTO nicht wirklich zu beachten. Wenn der Welthandel deutlich unter den vorherigen Prognosen liegt, dann ist das eine Folge schwächerer Exporte Chinas etc. Das aber greift viel zu kurz.

Heute hat die WTO recht kleinlaut eingestanden, dass ihre Prognosen zu optimistisch waren: noch im April hatte die WTO ein Wachstum des Welthandels von 2,8% erwartet, nun sind es nur noch mickrige 1,7%. Und für 2017 wird gleich einmal die Prognose kassiert:

„World trade will grow more slowly than expected in 2016, expanding by just 1.7%, well below the April forecast of 2.8%, according to the latest WTO estimates. The forecast for 2017 has also been revised, with trade now expected to grow between 1.8% and 3.1%, down from 3.6% previously. With expected global GDP growth of 2.2% in 2016, this year would mark the slowest pace of trade and output growth since the financial crisis of 2009.“

Der Zuwachs des Welthandels (+1,7%) liegt also deutlich unter dem Zuwachs des globalen BIPs (+2,2%). Statt diese seltsame Differenz durch den immer stärker fortschreitenden Automatisierungsprozeß zu erklären, sieht die WTO China, Brailien und die USA als Ursache:

„The contraction was driven by slowing GDP and trade growth in developing economies such as China and Brazil but also in North America, which had the strongest import growth of any region in 2014-15 but has decelerated since then.“

Und der Generaldirektor der WTO, Roberto Azevêdo, macht sich daher Sorgen um Antiglobalisierungstendenzen:

„The dramatic slowing of trade growth is serious and should serve as a wake-up call. It is particularly concerning in the context of growing anti-globalization sentiment. We need to make sure that this does not translate into misguided policies that could make the situation much worse, not only from the perspective of trade but also for job creation and economic growth and development which are so closely linked to an open trading system.“

Azevêdo übersieht dabei, dass die Antiglobalisierungstendenzen mit dem faktischen Rückgang der Globalisierung einher gehen. Wenn wir weniger mit anderen Ländern direkt zu tun haben (Handel), richtet sich der Fokus wieder stärker auf das eigene Kollektiv, sinkt die Empathie für „die Anderen“. Nimmt mithin auch die Angst vor den „Anderen“ zu, insbesondere wenn die als Flüchtlinge in großer Zahl in unser Land strömen.

Der neue Trend lautet „Tribalisierung statt Globalisierung“, wie wir ausführlicher in unserem Artikel „Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren“ gezeigt haben..



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9 Kommentare

  1. Lieber Markus Fugmann,

    ich habe mir eben mal Ihren Tribalisierungsartikel durchgelesen. Der Begriff Tribalisierung verstehen Soziologen eher als den Zerfall in der Jugend. Okay, Sie haben dafür Ihre eigene Definition entwickelt und dafür in den Kommentaren viel Beifall bekommen.

    Mag sein, daß diese Entwicklung, die Sie im Artikel beschreiben so ist, nur die Ursache ist nach meiner Meinung eine völlig andere. Die Ursache für unser derzeitiges Dilemma ist unser Egoismus. Erst fielen wir raubend und mordend in die Ländern ein. Beuteten sie ohne jegliche Scham aus, versklavten die Menschen (bis zum heutigen Tage) und jetzt wundern wir uns, daß dieses geschundene Volk einfach zurückschlägt.

    Übrigens kommt selbst der eher nicht als böser „Gutmensch“ bekannte US-Politologe Zbigniew Brzeziński mittlerweile zu gleichen Schlüssen…..

    Unsere tolle westliche „Wertegemeinschaft“ schafft es täglich 5 Milliarden USD für das Militär auszugeben, ist aber unfähig auch nur irgendwie halbwegs gerechte Zustände in der dritten Welt, insbesondere auch in Afrika zu schaffen. Stattdessen ein Krieg nach dem andern zur Verbreitung unserer asozialen Werte…..

    VG

    1. @GN, ich bin weit davon entfernt abzustreiten, dass unser Verhalten maßgeblichen Anteil an den Problemen etwa in Afrika hat, sehr maßgeblichen sogar. Allerdings erklärt das nicht alles, da die Gesellschaften (zum Beispiel in Afrika) eigene Problematiken haben aufgrund traditioneller Muster..

      1. …..mag sein, ich erwarte allerdings von angeblich intelligenten Menschen auch intelligentes Verhalten. So ist der angebliche Kampf gegen den Terror ein reines Schurkenstück der USA, mit allen Folgen der derzeitigen Migrationswelle.

        Zudem sind wir uns doch auch sicher einig darüber, daß die immer weiter fortschreitende Automatisierung wohl kaum mit Arbeitszeitverlängerung bzw. zunehmender Destabilisierung des sozialen Gefüges begegnet werden kann.

        Das immer wieder gerne in den Raum gestellte Argument der Wettbewerbsfähigkeit ist geradezu grotesk. Man sehe sich nur das Beispiel von Nokia Bochum an, was andere Branchen und andere Länder ebenfalls schon erlebt haben.

        Es würde mich sehr interessieren welche Meinung die FMW-Redaktion zu den Herausforderungen der laufenden industriellen Revolution 4.0, die ja in den nächsten Jahren 5-10 Millionen Arbeitsplätze kosten soll, hat. Vielleicht gibt es ja bereits einen Artikel, den ich noch nicht gelesen habe….

        VG

    2. »Der Begriff Tribalisierung verstehen Soziologen eher als den Zerfall in der Jugend.«

      Ich gehe mal davon aus, das Sie diese Aussage von folgendem Artikel her haben (hier original Spiegel-Artikel) – ich halte diese absolut für falsch [interpretiert] (nicht persönlich gemeint). Es handelt sich eher um die subversive Anwendung von Memetik (Memplex) populistischer Soziologen zur versuchten Bedeutungsverdrehung. Was die in diesem Spiegel-Artikel hingegen eigentlich zum Ausdruck bringen wollten, war Sezession.

      1. ……ja, der Duden gibt zwei Bedeutungen an, worunter man auch die Deutung von Herrn Fugmann finden kann…..ich betrachte allerdings alle westlichen Gesellschaften in einem fortlaufenden Zerfallsprozeß, insoweit ist mir die Verbindung mit Zerfall einfach sympathischer…..

        VG

        1. Dennoch hat das Wort Tribalisierung keinerlei Bedeutungsbeziehung zu Zerfall.

  2. So kann man das auch nicht stehen lassen. Wenn dem so gewesen wäre das wir „Erst fielen wir raubend und mordend in die Ländern ein. Beuteten sie ohne jegliche Scham aus, versklavten die Menschen (bis zum heutigen Tage) “ dann würden in diesen Ländern heute auch deutsch gesprochen. Ich sehe aber kein Land in Afrika oder Südamerika oder anderswo das Deutsch spricht. ? Sagen Sie das anderen.

    1. …..dann fahre mal nach Namibia……..und vergessen hast Du, das Deutschland alle Kolonien nach dem 1. Weltkrieg an die Siegermächte verloren hat. Außerdem beschränke ich meine Aussagen überhaupt nicht auf Deutschland, sondern auf die sogenannte 1. Welt, dort federführend die USA………schön, daß sogar der Kriegstreiber Bresinski hier die brutale Landnahme von Einwanderen der USA gegenüber den Indianern anführt…….aber ist doch schön zu sehen, daß selbst solche Leute ihre Meinung ändern können……vielleicht ein Keim der Hoffnung…..VG

  3. Ich sehe die Sache ein wenig anders, nehmen wir die USA, den ging es recht gut, die Leute hatten
    gut bezahlte feste Jobs und der Konsum lief, die Nachfrage nach alles und jedes war da.
    Nicht nur der Handel blühte sondern auch die neben oder Zweitjobs waren da, es wurde einfach genug Geld verdient um auch eine Putzfrau und / oder ein Gärtner zu beschäftigen, soll heißen das Geld war immer im Umlauf. Dann kam die Zeit der Manager die alles besser konnten, Stellen streichen Einsparungen bis zum Erbrechen das Geschäft kam an die Börse und nun hat der Manager und die gut betuchten Aktionäre das Geld was ansonsten viele Leute hatten. Der Geldumlauf war gestoppt die Jobs wurden immer weniger und wenn Jobs dann schlecht bezahlt. Genau das gleiche Muster läuft gerade in der EU, nennt sich Fiskalpolitik sparen, sparen und nochmal sparen. 1€ Job 450€ Job wenn feste Jobs dann nur mit schlechteren Konditionen und der Automatismus. Das Geld liegt konzentriert bei 10% der Bevölkerung und der Rest kommt gerade mal mehr oder weniger gut über die Runden.
    Wo soll dann Was anziehen? Der Konsum lässt nach, das bekommt dann auch die so genannte 3.Welt mit ab, da die Rohstoffe nicht mehr gefragt sind, also bricht selbst dort der Konsum/Arbeit weg.
    So kann man dieses auf alle Systeme legen Krankenkassen/ Rentenkassen keine guten Löhne also kleine Renten. Maschinen kaufen keine Autos und arme Leute auch nicht.
    Feste Jobs und gute Löhne, Dividenden runter und die Weltwirtschaft zieht richtig an.
    Den Staat will ich jetzt nicht mehr erwähnen mit seinen für den „kleinen Mann“ überzogene Steuern.

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