Die EZB steht vor einer heiklen Entscheidung: Während die Finanzmärkte auf Hinweise zur künftigen Ausrichtung der Zinsen warten, wirft die drohende Eskalation im Handelsstreit mit den USA ihren Schatten voraus. Neue Zölle könnten die Konjunktur belasten und die Preisentwicklung in Europa entscheidend beeinflussen – und damit auch den weiteren Kurs der Geldpolitik.
EZB: Zinsen bleiben unverändert
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer entscheidenden Weichenstellung. Zum ersten Mal seit über einem Jahr wird sie die Zinsen unverändert belassen. Der Einlagensatz bleibt wahrscheinlich bei 2 %, wie nahezu alle von Bloomberg befragten Ökonomen erwarten. Der Grund für diese abwartende Haltung liegt weniger in einer veränderten Inflationsdynamik als in der Unsicherheit über die wirtschaftlichen Folgen von Trumps verhängten Zöllen auf europäische Waren. Erst im September, so die Erwartung, könnten neue Projektionen sowie ein mögliches Handelsabkommen zwischen der EU und den USA für mehr Klarheit sorgen.
Innerhalb der EZB herrscht Konsens, den einjährigen Kurs der geldpolitischen Lockerung nun zu unterbrechen. Doch die Uneinigkeit beginnt bei der Frage, wie es nach dem Sommer weitergehen soll. Einige Ratsmitglieder fürchten, die Inflation könne unter das Ziel von zwei Prozent rutschen und plädieren für eine weitere Zinssenkung. Andere warnen, dass die hohen Staatsausgaben in den kommenden Quartalen die Inflation wieder anheizen könnten. Ruben Segura-Cayuela von der Bank of America betont: „Es mag Gründe geben, schon im Juli zu handeln, aber es gibt derzeit kein Bedürfnis, das Boot zum Schaukeln zu bringen.“ Präsidentin Christine Lagarde wird bei ihrer nächsten Pressekonferenz in Frankfurt wohl erneut alle Optionen offenhalten.

Spaltung innerhalb der EZB
Die Ausgangslage ist komplex. Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 hatte die EZB die Zinsen um insgesamt 200 Basispunkte gesenkt. Lagarde erklärte nach der letzten Senkung, die Zentralbank befinde sich „in einer guten Position“, um Herausforderungen von der Handelspolitik bis hin zu geopolitischen Konflikten zu meistern. Gleichwohl forderten Stimmen wie Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau oder Italiens Fabio Panetta bereits eine weitere Lockerung.
Dagegen halten EZB-Direktorin Isabel Schnabel und Bundesbank Präsident Joachim Nagel die Hürde für zusätzliche Schritte für „sehr hoch“. Paul Hollingsworth von BNP Paribas verweist auf die Spaltung innerhalb der Notenbank: „Manche wollen eine eher reaktive EZB, andere plädieren für eine agile und flexible Haltung.“
Zölle als Unsicherheitsfaktor
Im Zentrum der Unsicherheit steht nach wie vor das Vorgehen der USA. Trump hatte zunächst angekündigt, ab dem 1. August Zölle in Höhe von 30 Prozent auf europäische Produkte zu erheben. Letztlich einigte man sich jedoch auf einen Zollsatz von 15 Prozent auf die meisten EU-Produkte, inklusive Autos. Die Folgen könnten dennoch erheblich sein: Je höher die Zölle am Ende der Verhandlungen ausfallen, desto schwächer wird das europäische Wachstum und desto größer ist das Risiko einer Deflation. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos warnte vor einer Stagnation im zweiten und dritten Quartal. Der jüngste Einkaufsmanagerindex zeigt immerhin eine leichte Erholung auf den höchsten Stand seit fast einem Jahr.
Bloomberg Economics geht dennoch davon aus, dass die EZB im September und möglicherweise auch im Dezember erneut die Zinsen senken wird, um die Belastung durch die Handelskonflikte abzufedern. „Um die Auswirkungen der bereits geltenden US-Zölle abzufedern, rechnen wir für September mit einer weiteren Senkung um 25 Basispunkte von derzeit 2 %. Unser Basisszenario sieht sektorale Zölle auf pharmazeutische Erzeugnisse vor, die wahrscheinlich im Dezember eine weitere Lockerung erforderlich machen werden, wodurch der Einlagensatz auf 1,5 % sinken würde.“ – David Powell, Senior-Ökonom für den Euroraum.
Hoffnungsschimmer für Europa
Ein Hoffnungsschimmer für Europa liegt in den kräftig steigenden Ausgaben für Militär und Infrastruktur sowie in milliardenschweren Investitionsprogrammen der deutschen Industrie. Mehr als 60 Unternehmen präsentierten Projekte im Umfang von über 100 Milliarden Euro, was die Konjunkturaussichten etwas aufhellt. Gleichzeitig bleibt der starke Euro ein zweischneidiges Schwert. Mit einem Anstieg um 13 % gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn verteuert er Exporte und drückt die Importpreise. Guindos warnte, ein Kurs über 1,20 Dollar würde die Lage „sehr viel komplizierter“ machen. Dagegen hält Schnabel die Sorgen für „übertrieben“.
Die Kommunikation der Zentralbank wird von Investoren mit Argusaugen verfolgt. Schon die Wortwahl entscheidet: Fällt der Begriff „Pause“, so könnte dies als Signal verstanden werden, dass die Phase der sinkenden Zinsen noch nicht abgeschlossen ist. Jens Eisenschmidt von Morgan Stanley betont, die Risikobewertung sei entscheidend, um Erwartungen für September zu lenken. Während Schnabel jüngst argumentierte, die Risiken seien inzwischen „ausgeglichener“, bleibt der Markt skeptisch.
Schließlich steht die EZB auch personell vor Veränderungen. Neu im Rat ist Olaf Sleijpen aus den Niederlanden, der als moderater Falke gilt. Der österreichische Notenbankchef Robert Holzmann hingegen nimmt im Juli zum letzten Mal teil, bevor er in den Ruhestand geht. Sein Nachfolger Martin Kocher, ehemaliger Arbeits- und Wirtschaftsminister, dürfte ebenfalls Gewicht in den Diskussionen haben. Auch die Zukunft von Portugals Mario Centeno ist offen, da seine Amtszeit bereits abgelaufen ist.
Damit zeigt sich: Die EZB steht an einem Wendepunkt. Zwischen geopolitischem Druck durch Trumps Zölle, divergierenden Stimmen innerhalb des Rates und den Erwartungen der Märkte muss Lagarde einen Balanceakt meistern. Ob die Zinsen im Herbst erneut sinken, hängt am Ende nicht zuletzt davon ab, wie sich die Handelspolitik aus Washington entwickelt.
FMW/Bloomberg
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Sag ich doch,
die werden sich in den Windschatten der FED hängen. Da die Zölle die Exporte dämpfen werden sie alles tun um dem entgegen zu wirken, heißt noch mehr Abwertung. Um Inflationsbekämpfung, … ist das noch Teil des Mandats?