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Zinsen – der Senkungswettlauf geht in eine neue Runde

Wolfgang Müller

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Hatte man nach dem Jahr 2019 mit über 100 Senkungen der Zinsen der Notenbanken dieser Welt mit einer Pause im Zinssenkungswettlauf gerechnet, so wird man durch die Auswirkungen des Coronavirus eines Besseren belehrt. Die von Covid-19 betroffenen Staaten setzen mit Hilfe ihrer Notenbanken und auch der internationalen Organisationen, wie IWF oder Weltbank, alle Hebel in Bewegung, um einen Wirtschaftseinbruch abzumildern.

Zinsen: Eine konzertierte Aktion auf Raten

Vorgestern kamen nach der überraschenden Senkung der Zinsen durch die Federal Reserve noch Zweifel an einem koordinierten Vorgehen auf – die aber zerstreut werden, wenn man sich die Aktionen der Notenbanken dieser Welt im Überblick betrachtet. Beginnend mit China, das schon seit Januar die Geldschleusen weit geöffnet hat, um Firmen, Banken und Konsumenten mit allerlei Stimuli unter die Arme zu greifen, inzwischen haben andere asiatische Notenbanken nachgezogen.

Dazu Senkungen der Zinsen in Thailand, Malaysia, Indien, Australien und selbst in Japan, dem Urland der Nullzinsen, denkt man über weitere Schritte nach. Die Bank of Japan hat im Zusammenhang mit Corona bereits angekündigt, die weitere Entwicklung zu beobachten und ausreichend Liquidität bereitstellen zu wollen. Sie pumpte auch schon Geld in den Kreislauf durch den Aufkauf von weiteren Staatsanleihen.

Anders die erste Reaktion von Südkoreas Zentralbank. Man verzichtete zunächst auf die erwartete Senkung der Zinsen von 1,25% auf 1,0% mit der Begründung, dass direkte Hilfen an Unternehmen, die von der Epidemie besonders hart getroffen werden, effektiver seien als geldpolitische Maßnahmen. Hierzu gibt es ein Hilfsprogramm in Höhe von 15 Milliarden Euro.

Eine Zinssenkung ausschließen wollte Notenbank-Chef Lee Ju-yeol dennoch nicht. Die südkoreanischen Leitinsen liegen seit gestern auch auf dem Niveau der US-amerikanischen.

Und was macht Europa?

In Großbritannien versprach der langjährige Notenbankchef Carney, der nur noch bis 15. März im Amt ist, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs zu unterstützen. Viel Spielraum hat man indessen nicht, da die Zinsen sich nur noch bei mageren 0,75 Prozent befinden.

Bei der Europäischen Zentralbank hat die neue Chefin, Christine Lagarde, ebenfalls ihre Bereitschaft signalisiert, wenn erforderlich, mit angemessenen, gezielten geldpolitischen Schritten auf Covid-19 zu antworten. Der Spielraum für zinspolitische Maßnahmen ist nach „Draghis Nullzinspolitik“ doch recht begrenzt. Dr. Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erwartet dennoch eine Senkung der Zinsen um 0,1 Prozentpunkte und zumindest zeitweise eine Verdoppelung der Anleihekäufe. Was ein Problem werden dürfte, denn die EZB stößt bei ihren Käufen von Staatsanleihen rasch an die Grenzen der erlaubten 33 Prozent der verfügbaren Papiere. Deshalb war gestern von günstigen Langfristkrediten (TLTRO) an Banken die Rede, die ihre Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen ausweiten sollen, um die Folgen des Coronavirus abzumildern.

Je nach Entwicklung der Virusinfektion in Europa erwartet mancher Analyst eine Aktion der EZB sogar schon vor der offiziellen Sitzung vom 12. März.

Ja, um es nicht zu vergessen. Gestern hat auch die Bank of Canada nachgezogen und ist mit einer 50 Basispunkte-Senkung dem großen Bruder aus dem Süden gefolgt.

Zinsen und die Bilanz der großen Notenbanken

Die Höhe der Bilanzsumme der Notenbanken sollte eigentlich Aufschluss darüber geben, wie stark das System angespannt ist. Dies stimmt in jedem Fall für die japanische Notenbank, deren Quote inzwischen 105 Prozent zum japanischen Bruttoinlandsprodukt beträgt. Die BoJ kauft nicht nur die eigenen Staatsanleihen auf, sondern auch japanische Aktien-ETFs. Sie hält damit umgerechnet 250 Milliarden Euro oder 5 Prozent des Topic-Index.

Auf den Pfaden Japans wandelt die EZB, die aber mit 40,6 Prozent zum BIP noch ein ganzes Stück von japanischen Verhältnissen entfernt ist. Richtig niedrig muten die Bilanzsummen der Bank of England (21,4 Prozent) und der Federal Reserve (19,14 Prozent) in Relation zum BIP an.

So haben die USA in der Krise nicht nur einen gewissen Spielraum bei den Zinsen (1,0 – 1,25 Prozent), sondern auch bei ihrer Notenbankbilanz. Das klingt ziemlich absurd bei einer Staatsverschuldung von 24 Billionen Dollar (2020 erw.) und damit 108 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt. Aber auch diese Kennziffern wirken noch „moderat“ im Vergleich zu Japan.

Fazit

Wer glaubt, dass das billige Geld der Notenbanken keinen Effekt auf einen virusbedingten Angebots- und Nachfrageschock haben wird, hat zweifellos recht. Aber wenn man sich die geballten Aktionen von Staaten und vor allem der Notenbanken betrachtet, so erkannt man einen wahren Tsunami an Liquidität, der auf die Finanzmärkte zurollt.

Ungeachtet der Fundamentaldaten, die in nächster Zeit mit Schreckensmeldungen über Gewinn- und Umsatzeinbrüche auf die Börsianer einprasseln werden, kann man auch als kritischer Betrachter der Szenerie Zweifel daran bekommen, ob der Einbruch an den Börsen in nächster Zeit wirklich noch lange weitergeht. Eine gigantische Flut hebt die Boote und in China, dem Auslöser der Krise mehren sich die Anzeichen, dass die Produktion zeitnah wieder hochgefahren wird. Auch sind die aktuellen Konjunkturdaten in der größten Wirtschaftsnation, den USA, wieder überaus robust ausgefallen.

Verrückte Welt: Wenn nicht einmal ein Produktionsstopp in der Werkbank der Welt mit anschließender Pandemie die Aktienkurse (bisher) mehr als 15 Prozent in die Tiefe treiben kann, ja was dann?

Und „in the long run“: kann das ewig so weiter gehen? Natürlich nicht, die Möglichkeiten der Notenbanken zur Senkung der Zinsen erschöpft sich zusehends – aber das ist das Thema der Zukunft.

Die Notenbanken senken die Zinsen

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    BrettonWood

    5. März 2020 09:00 at 09:00

    Da fehlt aber die SNB die mit 122% des BIP Weltmeister ist, Sie kauft zwar keine Inlädischen Aktien dafür besitzt Sie 0.25% der Weltmarktaktienindizes….und das mit einer Aktienquote von ca 20%….viel liegt in Euro Staatspapieren….Baöd streiten sich SNB und EZB darüber wer den Schrott kaufen darf….gut man kann auch sagen die Notenbanken sind eventuell genial, Sie kaufen mit nichts als bunt bedruckten Papier die Weltmärkte auf, immerhil besser als wenn Sie alleine Nominalwerte halten, wenn die Währungen absaufen haben Sie immerhin noch Realwerte in den Bilanzen….

    • Avatar

      Columbo

      5. März 2020 09:55 at 09:55

      Die Notenbanken werden früher oder später auch ETFs kaufen. Einfach alles, Anleihen, Gold…alles.
      Beispiel Gold: Solange sie kaufen, sollte man es haben, aber wehe, sie verkaufen eines Tages!

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Markus Krall über das große Debakel als Resultat der Gelddruck-Orgie

Claudio Kummerfeld

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Dunkle Wolken über Frankfurt

Markus Krall erlebt man in letzter Zeit leider öfters vor allem bei Twitter mit zweifelhaften Äußerungen zu Corona-Themen. Aber dennoch wollen wir seine hochinteressanten Aussagen zur Geldpolitik und Wirtschaftsordnung präsentieren. Denn seine inhaltlichen Aussagen zu diesen Themen sind bestechend. Sicherlich kann man bei einigen seiner Aussagen anderer Meinung sein, dennoch erweitern seine Thesen den Horizont und regen zum Nachdenken an.

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Dirk Müller über das Börsenjahr 2021: „Mit Gas und Bremse durch den Markt“

Claudio Kummerfeld

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Bulle und Bär - Dirk Müller will mit Gas und Bremse durchs Jahr kommen

Dirk Müller hat in einem aktuellen Interview über das Börsenjahr 2021 gesprochen, aber auch über die Corona-Restriktionen und den Bitcoin. Beim Thema Corona ist er der Meinung, dass die Beschränkungen nach einer flächendeckenden Impfung und rückläufigen Infektionszahlen nicht verschwinden würden. In welcher Form genau es weitergehe, könne er auch nicht sagen, aber gewisse Arten von Einschränkungen im Alltag würden dauerhaft bestehen bleiben. Dirk Müller erwähnt in dem Zusammenhang die auch bei der Grippe ständigen Mutationen und jährlich neuen Impfungen, um sich dagegen zu schützen. Corona käme dauerhaft als neues Risiko hinzu.

Dirk Müller über das die Aktienmärkte in 2021

Immer weiter steigende Börsenkurse sind laut Dirk Müller auch im Börsenjahr 2021 möglich, auch dank der Notenbanken. Aber, so seine Worte, alle Welt glaube es gehe an der Börse jetzt nur noch nach oben. Man frage sich nur noch, wie kräftig die Kursgewinne im Jahr 2021 ausfallen werden. Aber ein großer Börsencrash sei jederzeit möglich. Was dafür exakt der Auslöser sei, könne man vorher nie sagen. Ein Problem für die Aktienmärkte sei aktuell das Ansteigen der Anleiherenditen in den USA (aktuell 1,09 Prozent). Diese würden laut Dirk Müller unabhängig von der Politik der Notenbanken anziehen, weil die Inflationserwartungen in den USA zunehmen. Es stehe für 2021 eine Sektorenrotation bevor. Das Anlegergeld verlasse die Tech-Aktien. US-Banken würden interessanter werden, aber auch Branchen wie der Flüssiggas-Sektor. Er gehe mit Gas und Bremse durch das kommende Börsenjahr. Man solle für weiter steigende Kurse offen sein, aber mit Absicherung.

Bitcoin

Und was ist mit dem Bitcoin? Wochenlang war der Kurs ja kräftig gestiegen, dann wieder deutlich gefallen (hier unsere aktuellste Berichterstattung). Dirk Müller bleibt bei seiner bisherigen Meinung. Der Bitcoin sei eine eindeutige Zockerei, dahinter stehe kein echter Wert. Er könnte kräftig verlieren, aber auch unendlich weiter steigen.

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EZB: Auf der Spur der wahren Gründe für das große Gelddrucken

Claudio Kummerfeld

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Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Wir alle hören es seit Jahren und nehmen es zur Kenntnis. Offiziell betreibt die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik (Zinsen und Anleihekäufe), um die Inflation von der Null-Linie in Richtung 2 Prozent zu bekommen. Und Bürger und vor allem Unternehmen sollen durch die Banken in der derzeitigen Krise günstige Finanzierungsbedingungen erhalten. Daher flutet man alles und jeden mit Notenbank-Euros, und die Banken können dem braven Mittelständler noch günstigere Kredite anbieten? So kommt die Wirtschaft in Schwung, und letztlich auch die Inflation? So geht natürlich die offizielle Story. Und tatsächlich?

Viele Beobachter der EZB-Politik behaupten oder meinen erkannt zu haben, dass es Frau Lagarde und vorher Mario Draghi in Wirklichkeit darum ging, mit günstigen Finanzierungskonditionen und mit massiven Anleihekäufen die Südländer in der Eurozone am Leben zu erhalten. So wolle man die Eurozone als Konstrukt zusammenhalten. Auch wir bei FMW haben uns in den letzten Jahren diverse Mal zu diesem Thema geäußert. Nach der gestrigen PK von Christine Lagarde ist uns der Kommentar von Dr. Jörg Krämer aufgefallen, dem Chefvolkswirt der Commerzbank. Man kann ihn also ruhig als seriöse Quelle bezeichnen.

EZB hält Bedingungen für Südländer günstig

Er hat seinen Kommentar betitelt mit der Headline „Was Günstige Finanzierungsbedingungen wirklich bedeuten“. Er zielt auch auf die oberflächlichen Gründe der EZB ab, nämlich Kreditkunden in der Wirtschaft zu günstigen Konditionen zu verhelfen. Es sei interessant zu beobachten, wie stark Christine Lagarde das Konzept der „günstigen Finanzierungsbedingungen“ betont habe. Sie folge dabei einem „holistischen Ansatz“ und habe verschiedene Zinsen im Blick – etwa die für Kredite an Unternehmen oder private Haushalte. Tatsächlich aber (so Jörg Krämer) dürfte es der EZB aber vor allem darum gehen, die Renditeaufschläge der Anleihen der besonders hoch verschuldeten Staaten zu begrenzen. So lasse sich beobachten, dass die EZB im Rahmen ihres PEPP-Programms immer dann mehr Staatsanleihen kaufe, wenn die Risikoaufschläge steigen (siehe Grafik). Zitat Jörg Krämer:

Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg habe ein EZB-Vertreter gesagt, dass die EZB sogar bestimmte Höchstwerte für die Risikoaufschläge einzelner Staatsanleihen bestimmt habe. Offenbar sieht es die EZB als ihre Aufgabe an, die Währungsunion zusammenzuhalten, solange die hoch verschuldeten Staaten nicht ihre Hausarbeiten machen und damit latent die Existenz der Währungsunion gefährden.

Endet diese Politik der EZB, wenn das Corona-Aufkaufprogramm PEPP Anfang 2022 endet? Nein, Jörg Krämer glaubt, dass das Aufkaufen auch danach weitergeht, optisch eben nur über ein andere Vehikel. Die EZB werde dann das „normale“ Kaufprogramm namens APP aufstocken, und zwar von 20 auf 30 bis 40 Milliarden Euro pro Monat. Begründen dürfte sie dies unter anderem mit einer merklich unter zwei Prozent liegenden Inflation. Und ja, so möchten wir von FMW anmerken: So läuft es schon seit Jahren. Die Inflation, die ist einfach zu niedrig, deswegen muss man Billionen an Euros drucken und immer weitere Teile der Anleihemärkte aufkaufen. In Wirklichkeit will man, so nehmen wir es auch an, nur weiterhin gewährleisten, dass Italien, Griechenland, Spanien und Co sich so günstig wie nur irgend möglich immer weiter verschulden können.

EZB kauft mehr Anleihen um Spreads zu senken

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