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Zinsen und Inflation: Wie man den Realzins richtig berechnet

Im Spannungsfeld zwischen historisch niedrigen Zinsen und steigenden Risiken bei der Inflation bekommt der Realzins eine immer größere Bedeutung, nicht nur für Anleiheinvestoren. Bei der Berechnung des faktischen Realzinses sollten Anleger aber einige Aspekte beachten.

Die realen Zinsen sind der nominale Zins minus Inflation, oder?

Was einfach klingt, wird in der Praxis auf ganz unterschiedliche Weise berechnet. Oft wird statt des faktischen Realzinses ein hypothetischer oder spekulativer Realzins angegeben. Die Bedeutung des Realzinses und seine korrekte Berechnung war für die Beurteilung der Attraktivität verschiedener Vermögenswerte selten so hoch wie in Zeiten historisch niedriger Zinsen bei gleichzeitig explodierender Geldmenge (Inflation).

Diese Mischung birg enormes Preissteigerungspotenzial für Vermögenswerte, aber auch hohe Risiken bei länger laufenden Anleihen, die Wolfgang Müller in dem Artikel „Inflation: Die aktuellen Risiken langlaufender Staatsanleihen“ erläutert. Neben Anleihen ist der Realzins auch für Immobilien (reale Mietrendite/Bewertung), für die relative Attraktivität von Dividendentiteln sowie für zinslose Vermögenswerte wie z. B. Gold von Bedeutung.

Gemäß Definition ist der Realzins die nominelle Wertveränderung eines Vermögenswertes unter Berücksichtigung der Kaufkraftveränderung (Inflation oder Deflation). Wobei in diesem Kontext Inflation als offizielle Teuerungsrate p. a. bzw. die jährliche Konsumentenpreisteuerung anhand eines fiktiven Warenkorbs definiert wird. In Deutschland durch den harmonisierten (nach EU-Regeln) Verbraucherpreisindex (HVPI). In den USA anhand des Consumer-Price-Index (CPI).

Beträgt beispielsweise die Höhe der nominalen Zinsen (Kupon = k) 1,5 Prozent p. a. vor Steuern und die jährliche Inflation 0,5 Prozent (i), dann berechnet sich der Realzins (r) wie folgt: r = (k – i) : (100 + i) x 100. Für unser konkretes Beispiel bedeutet das: (1,5 – 0,5) : (100 + 0,5) x 100 = 0,995 Prozent Realzins p. a. (r) vor Steuern. Alternativ empfiehlt sich die Nutzung dieses Realzinsrechners.

In der o. a. Formel wird jedoch unterstellt, dass es sich bei den Variablen „k“ und „i“ um faktische Zahlen handelt. Dies ist bei der Verwendung des Begriffs „Realzins“ in der Praxis gleichwohl nur selten der Fall. Hier wird oft anstatt des faktischen Realzinses ein hypothetischer oder spekulativer Realzins ermittelt.

Welchen Zins soll man nehmen?

Aktuell wird häufig von dem Anstieg der Realzinsen gesprochen, da sich v. a. die Renditen für länger laufende US-Staatsanleihen erhöht haben. Gleichzeitig sind die Renditen für „Kurzläufer“ aber gesunken (Rendite = Zinssatz + (100 – Kaufkurs : Restlaufzeit in Jahren) : Kaufkurs x 100)

Chart zeigt Zinsen im Laufzeitvergleich

Zur Berechnung des Realzinses sollten die Betrachtungszeiträume der Inflation und der nominalen Zinsen identisch sein. Die Inflationsrate wird üblicherweise auf Jahresbasis, also 12 Monate zurück berechnet (wie viel hat die Währung in den letzten 12 Monaten an Kaufkraft verloren oder gewonnen). Dieser Jahresinflation die aktuelle Rendite einer Staatsanleihe mit zehnjähriger Laufzeit gegenüberzustellen, ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

In die aktuelle Anleihe-Rendite wird in diesem Fall auch das langfristige Ausfallrisiko des Schuldners über die nächsten zehn Jahre in Form eines Zinsaufschlags mit eingebreist. Bei Kurzläufern spielt dieses „Laufzeitrisiko“ (Ausfall/Bonitätsrisiko) kaum eine Rolle. Außerdem werden die Erwartungen an die Inflation in der Zukunft bei den Renditen der „Langläufer“ eingepreist, diese ist jedoch rein spekulativ.

Ein weiterer Grund, warum die Renditen von „Langläufern“ ungeeignet für die Berechnung der realen Zinsen sind, ist die Kursveränderung innerhalb der kommenden zwölf Monate. Bei einer einjährigen US-Staatsanleihe ist bereits klar, dass der Schuldschein in zwölf Monaten zu einem Kurs von 100 getilgt wird. Der Kurs einer zehnjährigen Anleihe kann jedoch in zwölf Monaten auch bei 92 oder noch tiefer oder auch deutlich höher liegen, was die faktische Rendite der zehnjährigen Anleihe nach einem Jahr stark beeinflussen kann.

Die tatsächliche Rendite in den kommenden 12 Monaten ist also bei der zehnjährigen Anleihe noch völlig unklar, da sie sich aus dem jährlichen Zinskupon und der noch ungewissen Kursveränderung zusammensetzt. Dieses Zinsänderungsrisiko lässt die Kurse der Anleihen mit zunehmender Laufzeit stärker schwanken. Ist jedoch der Betrachtungszeitraum der Inflation und die Laufzeit der Anleihe identisch, dann sind der Kurs, der vereinnahmte Zinskupon und damit die nominale Gesamtrendite der Anleihe zum Laufzeitende bereits bekannt (Kurs zur Fälligkeit = 100). Lediglich die Inflationsrate der nächsten 12 Monate ist noch unbekannt.

Der wahre Realzins liegt in der Vergangenheit

Die faktische Inflationsrate ist immer erst im Nachhinein berechenbar, genauso wie der Realzins. Erst heute kann sich ein Anleger ausrechnen, wie hoch die realen Zinsen der letzten zwölf Monate waren. Alles andere ist Spekulation. Die letzten verfügbaren Daten zur Inflation (USA) der vergangenen 12 Monate wurden für den Januar 2021 mit 1,4 Prozent angegeben. Zum Ultimo Januar vor genau 12 Monaten lag die Rendite einer einjährigen US-Staatsanleihe bis zum Laufzeitende 31. Januar 2021 bei 1,42 Prozent. Daraus ergibt sich ein faktischer Realzins in den USA in den letzten 12 Monaten bis zum 31.01.2021 von 0,01972 Prozent.

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Dieser Realzins wird sich in den kommenden Monaten sehr wahrscheinlich drastisch ändern, da die Renditen der einjährigen Staatsanleihe seitdem (siehe Chart oben) drastisch eingebrochen sind, wohingegen sich die Inflationsrate schnell wieder erholte. Daher wird der faktische Realzins sehr wahrscheinlich stark in den negativen Bereich absinken.

Fazit und Ausblick

Was die ferne Zukunft angeht, kann niemand präzise weder die Inflationsrate noch die Zinsänderungen vorhersagen. Auf Basis von Kausalitäten kann man lediglich anhand der Handlungszwänge, denen die Geld- und Fiskalpolitiker ausgesetzt sind, sowie unter Berücksichtigung von Konjunkturprognosen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass mit deutlich negativen Realzinsen, also anhaltender finanzieller Repression zu rechnen ist.

Würden die nominalen Renditen einer einjährigen Anleihe der US-Regierung bei den aktuellen 0,07 Prozent verharren und die Inflationsrate bei 1,4 Prozent ebenfalls konstant bleiben, würden die faktischen Realzinsen im Februar 2022 bei -1,31 Prozent liegen. Auf Basis dieser Annahme sollten reale Vermögenswerte (Aktien, Immobilien, Edelmetalle, etc.) besser performen als Anleihen. Aber auch das ist Spekulation.



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