Die EZB steht vor einer wegweisenden Zinsentscheidung: Trotz internationaler Lockerungssignale dürften die Zinsen im Euroraum zunächst unverändert bleiben. Eine erneute Zinssenkung rückt in den Hintergrund, doch die Märkte hören genau hin, ob sich der Tonfall von Christine Lagarde ändert und sie neue Impulse setzt. Eventuell sogar für eine Zinserhöhung?
EZB setzt auf stabile Zinsen
Laut einem Bericht von Bloomberg wird die Europäische Zentralbank den Leitzins heute voraussichtlich zum vierten Mal in Folge unverändert lassen. Neue Konjunkturprognosen dürften auf solides Wachstum hindeuten, während die Entscheidungsträger davon überzeugt sind, dass die Inflation nicht übermäßig vom Ziel abweichen wird.
Der Einlagensatz dürfte nach Einschätzung aller von Bloomberg befragten Volkswirte am Donnerstag bei 2% belassen werden. Die Ökonomen gehen davon aus, dass er bis 2027 dort verharren wird, wobei inzwischen eine Mehrheit eine Anhebung – und nicht eine Senkung – für als nächstes wahrscheinlicher hält.
Diese Stimmung hat sich auch an den Märkten ausgebreitet, nachdem EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel gegenüber Bloomberg erklärte, sie fühle sich wohl damit, dass der nächste Zinsschritt nach oben gehen könnte. Anderswo zeigt sich ein anderes Bild: Die Federal Reserve hat in diesem Monat die Zinsen gesenkt, und bei der Bank of England wird allgemein erwartet, dass sie heute nachzieht. Beide könnten im Jahr 2026 weitere Lockerungen vornehmen.

Zinssenkungen rücken in die Ferne
Bei der EZB besteht derzeit wenig Interesse, an den Zinsen etwas zu verändern. Die Verantwortlichen fühlen sich zunehmend darin bestätigt, dass die Eurozone ihre Widerstandsfähigkeit bewahrt und die Inflation mittelfristig nahe am Ziel von 2% bleibt. Es besteht jedoch weiterhin eine gewisse Unsicherheit, weshalb Präsidentin Christine Lagarde bei ihrer Pressekonferenz um 14:45 Uhr in Frankfurt – 30 Minuten nach der Zinsentscheidung – voraussichtlich alle Optionen offenhalten wird.
“Es wird interessant sein zu sehen, ob sich Lagardes Tonfall verändert”, sagte Jari Stehn, Chefökonom für Europa bei Goldman Sachs. “Die Chancen für eine weitere Zinssenkung im Jahr 2026 sind weiter gesunken.”
Die meisten Entscheidungsträger betonen, dass die Leitzinsen aktuell an einem “guten Punkt” seien – ein Signal, dass sie nicht gewillt sind, weitere Zinssenkungen an die acht bisherigen Viertelpunkt-Senkungen anzuhängen, die den Einlagensatz von 4% auf 2% gebracht haben.
Selbst der Litauer Gediminas Simkus – bislang einer der wenigen Befürworter einer weiteren Zinssenkung in diesem Monat – sieht inzwischen keinen Anlass mehr für zusätzliche Lockerungen. Dies gelte, so sagte er jüngst in einem Interview, “nicht nur bei der nächsten Sitzung im Dezember, sondern auch bei weiteren Sitzungen”.
Abwarten statt Handeln
Ganz vom Tisch ist das Thema weiterer Lockerungen indessen nicht. Der Franzose Francois Villeroy de Galhau besteht darauf, dass die EZB “agil und offen in Bezug auf zukünftige Sitzungen” bleiben müsse. Er sieht “keinen Grund, für längere Zeit mit einer Zinserhöhung zu rechnen”.
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“Die EZB wird voraussichtlich auf absehbare Zeit abwarten und nur bei einem erneuten starken Wirtschaftsschock den Kurs ändern”, sagte Carsten Brzeski, Chef der Makroanalyse bei ING.
Konjunkturausblick
Die neuen Prognosen des EZB-Stabs dürften auf ein robusteres Wirtschaftswachstum hindeuten – wie Lagarde bereits in der vergangenen Woche angedeutet hat. Das Bruttoinlandsprodukt des dritten Quartals hat die Erwartungen der EZB übertroffen und hält sich trotz Gegenwinds durch höhere US-Zölle gut. Die meisten Analysten rechnen damit, dass die EZB die Risiken als insgesamt ausgewogen einschätzen wird.
Gleichzeitig werden nur geringe Änderungen an den Inflationsprognosen der EZB erwartet, wobei Nomura davon ausgeht, dass die Verbraucherpreise 2026 und 2027 lediglich um 1,6% steigen – unter anderem wegen Verzögerungen beim Emissionshandelssystem der Europäischen Union.
Erstmals werden die Prognosen auch das Jahr 2028 umfassen. Die meisten Beobachter erwarten für dieses Jahr eine Inflation von rund 2%.
FMW/Bloomberg
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