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Zinssenkung: Ist das eine Grippeschutzimpfung für die Finanzmärkte?

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

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Die außerordentliche Zinssenkung der US-Notenbanken diente in aller erster Linie dem Schutz der Finanzmärkte vor den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie. Es galt, eine Abwärtsspirale zu stoppen, die Billionen-schwere Aktienmarktverluste zur Folge gehabt hätte. Ein Finanzmarkt-Crash könnte in der Realwirtschaft mehr Schaden anrichten als das Virus selbst.

Eine Zinssenkung aus der Not heraus zur Vermeidung eines Dominoeffekts

Über 8 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung wurden in der vergangenen Woche an den Börsen weltweit vernichtet. Davon allein gut 4 Billionen US-Dollar in den USA. Diese Summe entspricht fast 18 Prozent des gesamten US-Bruttoinlandsprodukts. Eine Korrektur am Aktienmarkt um weitere 10 Prozent hätte den Gegenwert von einem Drittel der gesamten US-Wirtschaft ausgelöscht – mit verheerenden Folgen für Konsum und Investitionen.

Mittlerweile ist der Anteil der US-Aktienmarktkapitalisierung gemessen am Bruttoinlandsprodukt der USA mit 134 Prozent extrem überdimensional und lässt ein Absaufen der Preise an den Börsen nicht mehr zu. Zu stark wären die Rückkopplungen auf die Realwirtschaft. Betroffen wären in aller erster Linie die Eigenkapitalbeschaffungsmöglichkeiten für finanzielle und nichtfinanzielle Unternehmen (Tesla hatte mal wieder extremes Glück beim Timing seiner jüngsten Kapitalerhöhung).

Zu unterschätzen ist aber auch nicht die Signalwirkung für die Konsumenten, die von den einbrechenden Aktienindizes ausgeht. In den USA gelten diese als Barometer für den Zustand der Wirtschaft und haben direkten Einfluss auf die Konsum- und Neuverschuldungsneigung der Amerikaner. Zudem stellt US-Präsident Donald J. Trump die Aktienmärkte immer wieder in den Fokus seiner Erfolgsbilanz.

Eine ungehinderte Fortsetzung der dynamischen Preiskorrektur bei den Aktien galt es unter allen Umständen zu stoppen. Ohne die jüngste Zinssenkung durch die Fed wären die Aktienkurse mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter eingebrochen und die US-Wirtschaft noch vor dem Ausbruch der Virus-Epidemie in den USA in einen schnellen Abwärtssog geraten.

Coronavirus trifft auf überschuldete Weltwirtschaft

Ein weiteres Motiv für die außerordentliche und große Zinssenkung dürfte auch die Aufrechterhaltung der Schuldentragfähigkeit im Zuge der Coronavirus-Krise gewesen sein. Das Institute of International Finance (IIF) in Washington, DC hat in ihrem jüngsten Bericht vom 13. Januar die Dramatik der globalen Schuldenkrise erneut dargelegt – noch vor der Eskalation der Coronavirus-Epidemie. Demnach stieg die globale Verschuldung auf ein neues Rekordhoch von auf das Gesamtjahr hochgerechnete 255 Billionen US-Dollar an. Dies entspricht einen Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung (Welt-BIP) von 223 Prozent – ebenfalls ein neuer historischer Rekord.

Für das Jahr 2020 erwartete das IIF noch ohne die Berücksichtigung der ökonomischen Folgen des Coronavirus eine Beschleunigung des Schuldenwachstums: „Angesichts der niedrigen Zinsen und der lockeren finanziellen Bedingungen schätzen wir, dass die globale Gesamtverschuldung im ersten Quartal 2020 die Marke von 257 Billionen US-Dollar deutlich übersteigen wird, was hauptsächlich auf die Verschuldung des nichtfinanziellen Sektors (Nicht-Banken) zurückzuführen ist, die sich jetzt der 200 Billionen US-Dollar Marke annähert“.

Die von dem Virus aktuell direkt oder indirekt besonders hart getroffenen Schwellenländer, wie China, Argentinien, Brasilien, Vietnam und die Türkei, droht eine beispiellose Schuldenkatastrophe. Die Verschuldung der Schwellenländer hatte sich bereits vor Covid-19 seit dem Jahr 2010 mehr als verdoppelt und beträgt aktuell 72 Billionen US-Dollar. Der Anstieg ist hauptsächlich auf den starken Anstieg der Unternehmensschulden zurückzuführen (Anstieg von 20 Billionen US-Dollar auf über 31 Billionen US-Dollar). Ohne den Finanzsektor erreichte die Gesamtverschuldung der Schwellenländer im Verhältnis zum BIP mit 187 Prozent ein Allzeithoch und reichte von 53 Prozent in Nigeria bis über 365 Prozent in Hongkong. Die Devisenschulden in Schwellenländern stiegen im dritten Quartal 2019 auf 8,3 Billionen US-Dollar an – 4 Billionen US-Dollar mehr als vor einem Jahrzehnt. Die Dollarverschuldung macht über 85 Prozent dieses Anstiegs aus. Umso wichtiger war die schnelle Reduzierung der US-Dollar-Kreditkosten durch eine Zinssenkung der US-Notenbank (siehe Statement der Fed).

Das Coronavirus bringt die Zinsen endgültig auf null

Im Zuge der Seuchen-Rezession wird die globale Rekordverschuldung (doppelt so hoch wie im Jahr 2008) nochmals deutlich ansteigen: Erstens wegen der niedrigeren Kreditkosten, die zu einer Kombination aus Um- und Neuverschuldung einlädt und zweitens, weil viele Firmen den Coronavirus-Schock nur durch noch mehr Kredite finanziell überleben können.

Ganz zu schweigen von den ökonomischen Spätfolgen: viele Unternehmen, vor allem kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) mit limitierten Liquiditätspolstern, werden diesen Ausleseprozess, ausgelöst durch einen biologischen Virus, nicht überleben. So gehen dauerhaft Arbeitsplätze und v. a. gut bezahlte Stellen in der verarbeitenden Industrie verloren – genauso wie nach der Finanzkrise. In den USA ist die Zahl der Beschäftigten in der Industrie bis heute nicht einmal ansatzweise wieder auf das Niveau von 2007 angestiegen (substituiert durch Automatisierung und Arbeitsplatzverlagerungen nach Mexiko).

In der Folge bleibt die Realwirtschaft angeschlagen und das Finanzsystem wird noch mehr geschwächt. Spätestens nach zwei Quartalen werden sich die privaten Kreditnehmer durch Umschuldungen an die noch günstigeren Fremdkapitalkosten gewöhnt und neue niedrigverzinste Schulden aufgenommen haben. Was beides in den USA sehr schnell und unbürokratisch sogar online möglich ist, selbst für Immobilien. Bereits 40 Prozent der Hypothekenrefinanzierungen werden Stand 4. Quartal 2019 Online vorgenommen und innerhalb von wenigen Minuten genehmigt. Bei sogenannten „Cash-Out-Refinanzierungen“ wird das Geld anschließend binnen Stunden ausbezahlt. Dadurch gewöhnen sich vor allem die Privathaushalte sehr schnell an die günstigeren Refinanzierungskonditionen. Damit steigt die Zinssensitivität nicht nur in den USA weiter an und limitiert das zukünftige Zinserhöhungspotenzial erheblich.

Kurzfristiger Effekt und nüchterner Ausblick

Mit der gestrigen außerordentlichen Zinssenkung hat die Fed einen Teilsieg im Kampf gegen die ökonomischen Folgen des Coronavirus errungen. Allerdings hauptsächlich an der Finanzmarktfront. Die Aktienmärkte sowie der Ölpreis konnten sich stabilisieren. Die Renditen am Kapitalmarkt sackten auf neue Rekordniveaus ab. Eine unkontrollierte Kaskade an Zwangsliquidierungen von Aktienpositionen bis hin zum Crash wurde vorerst verhindert. Dividendenpapiere wurden gegenüber festverzinslichen Wertpapieren noch mal ein Stück alternativloser. Zudem brachte diese große Zinssenkung um gleich 50 Basispunkte (0,5 Prozent) Vertrauen in die rasche und deutliche Handlungsbereitschaft der Notenbanken an die Märkte zurück, nach dem Motto: „Seht her, der Fed-Put funktioniert! “.

In Anbetracht der Bedeutung der Vermögenspreise für den aufgeblähten Finanzsektor und unser überschuldetes Finanz- und Wirtschaftssystem war diese Maßnahme lebensnotwendig und nur der Auftakt zu weiteren „unkonventionellen“ geldpolitischen Aktionen. Die nächste Zinssenkung der US-Notenbank wird bereits für den 18. März erwartet. Andere Zentralbanken, wie die Bank of Japan, die People´s Bank of China sowie die Europäische Zentralbank denken bereits über massive Liquiditätsspritzen in die Finanzmärkte und sogar die Realwirtschaft nach. So möchte die EZB laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters vom gestrigen Dienstag zusätzliche LTROs (Long Term Targeted Refinancing Operations) zur Verfügung stellen, mit denen besonders KMUs finanziell das Überleben während der Coronavirus-Krise ermöglicht werden soll. Weitere Maßnahmen werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen. Eine globale Null- und Negativzinspolitik ist unvermeidlich.

Ein Zurück aus dieser Geldpolitik wird nach dem Abebben der eigentlichen Virus-Epidemie sehr schwierig. Bisher ist nach der Finanzkrise von 2008 ff. jeder Versuch gescheitert, die Finanzmärkte von der zuvor verabreichten Droge dauerhaft zu entwöhnen.

Damit wäre zwar die biologische Seuche mittelfristig unter Kontrolle, das Finanzsystem aber in keiner Weise gerettet. Im Gegenteil verkürzen die Virus-Epidemie und die vorgezogene Zinssenkung der Fed die Gesamtlebensdauer des Systems.

Die Fed mit einer Zinssenkung, um die Aktienmärkte zu stabilisieren

Ein Kommentar

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  1. Avatar

    Boris Johnson

    5. März 2020 00:36 at 00:36

    Vergesst nicht Great Britain, Johnson schüttelt Hände im Akkord!
    Der britische Premier Boris Johnson ist extrem cool: Er sei in einem Krankenhaus gewesen, in dem auch Corona-Kranke lagen. Er habe trotzdem Hände geschüttelt und werde das auch weiter tun, sagte er. Da kann man nur sagen: Hals- und Beinbruch.

    Hoffentlich vergisst er nicht wieder, Verhandlungen mit der EU zu führen. Welche Verhandlungen? Um den Austritt, Boris, du willst gehen! Seit fast 4 Jahren, time to say Goodbye!

    GBP schwer im Plus, weil Boris Hände schüttelt.

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Finanznews

Aktienmärkte: Ich glaube an die Jahresendrally! Marktgeflüster (Video)

Sehen wir nun also jetzt schon den Beginn der Jahresendrally, kommt jetzt also die weitere, ungebrochene Aufwärtsbewegung der Aktienmärkte?

Markus Fugmann

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Die Aktienmärkte heute einmal mehr stark – weil Trump nun den Übergang zu Biden ermöglicht hat und Janet Yellen wohl neue US-Finanzminsterin wird (allerdings überschätzen die Märkte ihre Möglichkeiten, sie muß sich mit Mitch McConell auseinandersetzen!). Sehen wir nun also eine Jahresendrally, also die ungebrochene weitere Aufwärtsbewegung? Eher unwahrscheinlich – zuvor braucht es eher noch einmal eine Korrektur der völlig überhitzten Aktienmärkte (vor allem Energie-Werte etc.), bevor dann eben diese Jahresendrally einsetzen kann. Was für diese Korrektur fehlt ist ein Katalysator, eine Meldung, die die bereits all-in Investierten auf dem falschen Fuß erwischt und aus dem Markt kegelt, bevor dann die starken Hände wieder kaufen..

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Aktuell: Dow mit Allzeithoch, Ölpreis steigt – warum der Goldpreis bei 1.800 Dollar hängt

Claudio Kummerfeld

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Aktuell tut sich einiges an den Märkten. Der Dow Jones hat vorhin mit 29.996 Punkten ein neues Rekordhoch erreicht. Die Aktienmärkte sind in guter Laune. Der Dax ist von seinem Hoch aus dem Frühjahr immer noch gut 500 Punkte entfernt, aber er klettert auch mit nach oben. Der Ölpreis steigt, der Goldpreis fällt weiter. Aber warum? Neben den positiven Corona-Nachrichten bringt heute eine weitere gute Nachricht neuen frischen Schub für die Aktienmärkte. Donald Trump macht nun offenbar den Weg frei für die Amtsübergabe an die Biden-Administration. Damit haben die Märkte mehr Sicherheit, dass in den USA wohl doch kein großes Chaos oder eine Verfassungskrise ausbrechen wird.

Außerdem scheint Joe Biden die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen zur neuen US-Finanzministerin machen zu wollen. Auch das freut den Markt. Die Geldflut kann weiter gehen, und die Konjunktur in den USA dürfte weiteren staatlichen Stimulus erhalten. Das pusht die Aktienmärkte, und auch der Ölpreis steigt kräftig. Alleine seit heute Nacht bei 43 Dollar steigt der WTI-Ölpreis aktuell auf 44,94 Dollar. Mehr Konjunktur-Stimulus bedeutet auch mehr Öl-Nachfrage. Logisch, dass da der Ölpreis ansteigt.

Goldpreis verliert gegen Aktienmärkte

Gold ist der Verlierer. In so einem positiven Umfeld schichten die Börsianer in risikoreichere Geldanlagen wie Aktien um, und der Goldpreis fällt. Nach positiven US-Konjunkturdaten von gestern war der Goldpreis bereits spürbar gefallen, von gestern 1.868 Dollar bis vorhin auf genau 1.800 Dollar im Tief. Ein große runde Marke ist immer wichtig für die Börsianer. Drüber und drunter liegen in der Regel viele Stop-Orders.

In den letzten Augenblicken kann der Goldpreis leicht auf 1.807 Dollar steigen, aber die Lage ist doch sehr wacklig. Es kann auch in Kürze einen Abwärtsschub unter 1.800 Dollar geben. Interessant: Die Bewegung im US-Dollar scheint derzeit weniger Einfluss auf den Goldpreis zu haben. Die negative Korrelation zwischen den beiden funktioniert diese Woche nicht so richtig. Vielmehr ist es aktuell eine negative Korrelation zwischen Gold und Aktienmärkten. Der Chart reicht bis Mitte letzter Woche zurück. Wir sehen den steigenden Dow Jones gegen den fallenden Goldpreis. Die aktuell gute Stimmung für risikoreichere Assets drückt gegen Gold.

Chart zeigt Kursverlauf von Dow Jones gegen Goldpreis seit letzter Woche

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Rüdiger Born: Die aktuelle Lage bei Dow Jones und Nasdaq

Rüdiger Born

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Die aktuelle Lage bei Dow Jones und Nasdaq bespreche ich direkt am Chart im folgenden Video. Sind derzeit gute Tradingchancen zu finden?

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