Die Entwicklung der US-Wirtschaft, der Aktienmärkte und der Zinspolitik in der zweiten Jahreshälfte 2025 ist derzeit von so vielen Unsicherheiten geprägt, dass selbst Experten keine verlässlichen Prognosen wagen. Kein Wunder also, dass der US-Leitindex S&P 500 in einer Seitwärtsphase festhängt. Sogar der Fed-Vorsitzende Jerome Powell betonte in seiner jüngsten Pressekonferenz mehrfach die „Ungewissheit“ der aktuellen Lage – das Wort fiel in verschiedenen Varianten fast 20 Mal. Die Federal Reserve bleibt aufgrund der Risiken für die Inflation vorerst in einer abwartenden Haltung und sendet den Märkten damit das Signal: „Wir wissen es nicht.“
Widerstandsfähige Aktienmärkte
Trotz geopolitischer Spannungen im Nahen Osten, wachsender Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie schwankender Wirtschaftsdaten bleiben die Aktienmärkte erstaunlich stabil. Der US-Leitindex S&P 500 bewegt sich seit geraumer Zeit in einer engen Handelsspanne und liegt nur rund drei Prozent unter seinem Allzeithoch. Angesichts der Eskalation im Nahen Osten, der zuletzt stark gestiegenen Ölpreise und des gleichzeitig gefallenen US-Dollars wirkt diese Stabilität fast paradox.
Einem Bericht von Bloomberg zufolge hängt die Volatilität der Aktienmärkte derzeit stark von einzelnen Schlagzeilen ab. So führten etwa Berichte über mögliche US-Luftangriffe gegen den Iran zu Kursverlusten bei Futures auf den S&P 500, die jedoch kurz darauf durch diplomatische Signale von Präsident Trump wieder ausgeglichen wurden. Weitere Impulse kamen von Aussagen des Fed-Gouverneurs Christopher Waller, der bereits im Juli mit Zinssenkungen rechnet. Diese positiven Impulse wurden jedoch rasch von neuen Eskalationen zwischen dem Iran und Israel sowie von US-Sanktionen gegen chinesische Halbleiterwerke überschattet. Am Ende des turbulenten Handelstages verlor der Index am Freitag leicht um 0,2 Prozent. „Der S&P 500 bricht derzeit weder nach oben noch unten aus, weil wir mit Gegenwinden konfrontiert sind“, erklärte Scott Ladner von Horizon Investments.

Fed steht vor unbekanntem Terrain
Die US-Notenbank Fed belässt die Zinsen vorerst unverändert. Zwar rechnet die Mehrheit der Fed-Mitglieder mit zwei Zinssenkungen bis Jahresende, doch Powell selbst dämpfte diese Erwartungen: „Niemand ist von diesen Zinspfaden wirklich überzeugt.“ Er wies darauf hin, dass in den kommenden Monaten mit „erheblicher Inflation“ gerechnet werde, was Einfluss auf zukünftige Zinsentscheidungen haben werde.
Auch die Positionierung institutioneller Investoren reflektiert die aktuelle Unsicherheit an den Aktienmärkten. Eine Analyse der Deutschen Bank zeigt, dass vor allem diskretionäre Anleger ihre Aktienquote zuletzt reduziert haben – von einem leicht unterdurchschnittlichen Niveau auf ein noch deutlicheres Untergewicht. Insgesamt befindet sich die Aktienpositionierung derzeit in der unteren Hälfte des historischen Durchschnittsbandes.
Die Marktmeinungen divergieren stark. Der Zinsmarkt preist eine etwa 64-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung im September ein – doch auch hier fehlt es an Überzeugung. Während JPMorgan nur eine einzige Zinssenkung im Dezember erwartet, hält UBS zwar an ihrem Szenario von insgesamt 100 Basispunkten Lockerung ab September fest, sieht das Risiko jedoch zunehmend in Richtung einer späteren Umsetzung verschoben. Bank of America geht gar nicht mehr von Zinssenkungen in diesem Jahr aus.
Ein weiteres Problem: „Auch die Fed steht vor unbekanntem Terrain,“ so Bill Sterling von GW&K Investment Management. Die massiven Zollanhebungen der letzten Monate haben in dieser Form keine moderne Vergleichsgröße. Während die US-Aktienmärkte noch im Frühjahr aufatmeten – der S&P 500 stieg ab Anfang April um 19 Prozent, nachdem Trump einen Großteil seiner Zölle aussetzte –, kam die Rallye im Mai ins Stocken. Seither tritt der Aktienmarkt weitgehend auf der Stelle, schwankend zwischen Hoffnungen und neuen Schlagzeilen. Eine Wall-Street-Strategen befürchten gar einen Ausverkauf an den Aktienmärkten wegen der Fed.

Der Gegenwind nimmt zu
Für langfristige Anleger bedeutet das: „Sie sollten ihre Portfolios nicht überstürzt aufgrund von Schlagzeilen umschichten.“ Denn die fundamentalen Treiber, die die starken Kursgewinne an den Aktienmärkten der Jahre 2023 und 2024 ermöglichten – etwa die Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, solide Unternehmenszahlen und robuste Konsumausgaben – bestehen weiterhin. Gebremst wird die Stimmung jedoch durch die Ungewissheit über die weitere Geldpolitik, geopolitische Risiken, eine sich abschwächende US-Konjunktur und erste Anzeichen finanzieller Belastung am unteren Ende des Konsumspektrums.
Die Fed hat zuletzt ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum 2025 gesenkt, während die Erwartungen für Inflation und Arbeitslosigkeit nach oben korrigiert wurden. Auch die aktuellen Wirtschaftsdaten bieten kein klares Bild: Während die Industrieproduktion zurückgeht, der Einzelhandel schwächelt und die Importzahlen auf ein 16-Jahres-Tief gefallen sind, signalisiert der Verbraucherpreisindex bislang keine durchschlagende Inflation – doch das könnte sich schnell ändern, wenn sich die Auswirkungen der Zölle enfalten.
Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell meint, die Unsicherheit im Zusammenhang mit den Zöllen rechtfertige es, die Zinsen vorerst stabil zu halten. Der ehemalige Finanzminister Lawrence H. Summers stimmt dem zu, warnt aber, dass steigende Inflation und Arbeitslosigkeit die Aufgabe der Fed erschweren. Er weist auch auf die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Spannungen zwischen den USA und dem Iran hin.
„Die Fed hat ihre Reaktionsweise dargelegt – aber Anleger müssen abwarten, welche Auswirkungen die Zölle tatsächlich auf die Inflation haben werden,“ fasst Kevin Brocks von 22V Research zusammen. Anleger bleiben somit in einer Wartestellung – in einem Marktumfeld, das mehr Fragen als Antworten bereithält.
FMW/Bloomberg
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