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Interessantes aus der Presse

Gunnar Heinsohn: Deutschlands technologische Zukunft

Markus Fugmann

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Gunnar Heinsohn legt den Finger in die Wunde: Deutschland verliert Stück für Stück seine gute Position in der Entwicklung neuer Technologien – und das hat Folgewirkungen, die unsere Kinder zu spüren bekommen werden. Folgender Text stammt ursprünglich aus dem Malik-Blog, dessen Lektüre hier noch einmal empfoheln sei.

Einen technologischen Abstieg erkennt man daran, dass zur Marktspitze führende Technologien nicht im eigenen Lande entstehen. Es bleibt jedoch schwierig, ein solches Nichtwerden auf das ökonomische Radar zu bekommen. Besser eignet sich dazu der jährliche Leistungsbilanzüberschuss. Da schafft – jenseits der Petroländer – Deutschland im November 2014 einen bewunderten sechsten Platz. Nur Singapur, die Schweiz, Taiwan, Norwegen und die Niederlande muss man ziehen lassen, während China, Japan und Süd-Korea momentan überflügelt werden. [1]

Am einfachsten aber wird die Einschätzung zukünftiger Leistungsfähigkeit beim Blick auf Technologien, deren Spitzenpositionen ein Land erst innehat, dann verliert und danach niemals wiedergewinnt. In Deutschland geht die globale Führerschaft bei Kameras, Telefonen, Ton- oder Bildträgern sowie Schreibgeräten und Rechnern seit den 1970er Jahren verloren. Als populäre Ursachen gelten damals und heute die geringeren Löhne der mit Kopien antretenden Konkurrenz aus Japan oder Singapur, Süd-Korea oder Taiwan und längst auch aus der Volksrepublik China.

Wäre dieses Argument tragfähig, müsste man diese Technologien zurückgewinnen, sobald die eigenen Löhne relativ sinken. Schon 2012 verdienen Japaner und Südkoreaner mehr als Deutsche. [2]

Dennoch entstehen zwischen Rhein und Oder keine Werkstätten, in denen japanische Kameras oder koreanische Smartphones zerlegt, nachgeahmt und dabei umgehend verbessert für einen attraktiven Preis auf die Weltmärkte geworfen werden.

Es gibt für diese erstrangigen Handelswaren auch keine Firmen für die Ausnutzung der Lohnvorteile Chinas, wo etwa Japaner ihre daheim konzipierten optischen Wunderwerke produzieren lassen. Was verhindert, dass deutsche Techniker noch raffiniertere Apparate entwerfen und dann mithilfe chinesischer Produzenten die Japanern vom Thron stossen?

Liegt es am fehlenden Knowhow? Deutschland hält 2012 mit 902 internationalen Patenten auf eine Million Einwohner – direkt hinter der Schweiz (1013/Million) – einen ungebrochen imponierenden 4. Rang. Man liegt vor Amerikanern, Finnen und Dänen, allerdings hinter Japanern (2250/Million) und Süd-Koreanern (2962/Million).

Resultiert die Schwäche gegenüber den Ostasiaten überdies aus dem hohen Durchschnittsalter? Das spielt bei Innovationen unstrittig eine Rolle und mag erklären, dass Süd-Korea mit 40,2 Jahren bei der Patentquote deutlich besser abschneidet als Japan mit seinen 46,1 Jahren. Aber warum schafft Deutschland mit einem Durchschnittsalter von ebenfalls 46,1 Jahren nur 40 Prozent der japanischen Patentbilanz? [3] Hier muss geringere Kompetenz und Einsatzbereitschaft im Spiel sein.

Dabei kann der Berliner Republik auf einen demografischen Faktor zurückgreifen, auf den die Ostasiaten verzichten. Man hat nämlich 16,5 Millionen Migranten (20,5% der Einwohner), von denen 5,5 Millionen hier aufwachsen und kostenfrei qualifiziert werden. Allein 2013 legt diese Bevölkerungsgruppe um 3,8 Prozent und kann sich so von den vergreisenden Altdeutschen erfolgreich absetzen.

Alle Erwartungen für die Aufholjagd gegenüber den Ostasiaten ruhen auf diesem Nachwuchs. Schon jetzt stellt er fast ein Drittel der Neugeborenen. In einer Generation wird – aufgrund höherer Fruchtbarkeit – die Hälfte der Jugend zu ihm gehören. Welche Kompetenzen bringt er ein? Bei PISA-Mathematik von 2012 schneiden von den altdeutschen Schülern beunruhigende 30 Prozent mangelhaft oder schlechter ab. Nur 22 Prozent bringen ein gut oder sehr gut nach Hause. Das spricht gegen eine günstige Positionierung in der Zukunft, weil ein so hoher Anteil an Schwerqualifizierbaren nicht mehr unterzubringen ist.

Gibt es wenigstens bei den Migranten Lichtblicke? Nicht bei den 2012 Getesteten! Bei der 2. Generation (den hier Geborenen) erreichen nur 7,5 Prozent gute und sehr gute Mathenoten. Das ist lediglich ein Drittel der bereits beklagenswert mageren Spitzenleistungen in der Mehrheitsgesellschaft. Hingegen enden fast 51 Prozent der Migrationsmathematiker mangelhaft, ungenügend oder noch schlechter. [4] In einer Wissensgesellschaft ohne körperliche Schwerstarbeit haben mithin Ostasiens Altkönner keine Schwierigkeiten, unsere jugendlichen Schulversager auf Distanz zu halten. Vor allem unsere Neubürger sorgen dafür, die Deutschland beim „Global Talent Competitiveness Index“ von 2014 die respektablen Plätze in den Patente- und Leistungsbilanzen nicht wiederholen kann, sondern auf den 16. Platz abrutscht. [5]

Während das Fiasko beim bundesdeutschen Nachwuchs, von dem ein grosser Teil kaum leisten wird, womöglich aber lebenslang Versorgung benötigt, nur wenig interessiert, wird in fast allen Medien gerätselt, ob der Konkurrent China die Middle-Income-Falle vermeiden kann oder wie Brasilien endet, das keinerlei Innovationen aufweist, bei denen es Preise setzen und deshalb beim Wohlstand in die Spitzengruppe aufsteigen kann. Dabei wird gerne Clintons Finanzminister Larry Summers zitiert, der im Oktober 2014 verkündet, dass China den südamerikanischen Abstieg gerade vor sich habe. [6]

Doch schon 2012 liegt China bei der Relation von Patenten zum Bruttoinlandsprodukt vor Deutschland und der Schweiz auf dem 3. Platz. Es hat nur noch Japan und Süd-Korea vor sich. Bei Patenten in Relation zum finanziellen Einsatz für Forschung und Entwicklung gibt es bereits 2011 den zweiten Platz hinter Süd-Korea. Deutschland wird Zehnter. [7] Bei der absoluten Zahl internationaler Patente stagniert Deutschland seit 2008, während China seine Anmeldungen im selben Zeitraum von rund 6000 auf 18000 verdreifacht und deshalb 2012 mit der Bundesrepublik gleichzieht. [8]

All das schafft ein Land, von dessen 500 grössten Firmen lediglich 200 in privater Hand sind. Nicht einmal die Hälfte der aus der Umwandlung von Staatsbesitz in Eigentümerfirmen erwachsenden Dynamik ist bisher aktiviert. Aber hat nicht auch China zu wenig Neugeborene? Mit einer Fertilitätsrate von 1,55 steht man in der Tat kaum besser da als Deutschland mit 1,43, und beim Durchschnittsalter von 36,7 Jahren ist man „nur“ noch ein knappes Jahrzehnt jünger als Deutsche oder Japaner. Aber bei PISA-Mathematik 2012 liegt Shanghai (als einzige aus China teilnehmende Region) auf Platz eins. Berechtigt ist der Verdacht, dass China keine durchschnittliche Schülerauswahl ins Rennen geschickt hat. Aber auch die Plätze zwei bis vier mit Singapur, Taiwan und Hongkong gehen an ethnische Chinesen. Selbst in Shanghai beklagt man rund 10 Prozent Matheversager. Das ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch gegenüber rund 38 Prozent Schulversagern in Deutschland (plus 35% wegen Nichtgeborensein Ausfallender) oder fast 52 Prozent in den USA verfügt man über eine Intelligenz, die nur Toren geringschätzen können.

Wo aber bleiben die Waren, die andere haben wollen und nur aus China beziehen können, das deshalb Preise nicht unterbieten muss, sondern setzen kann und so beim Wohlstand zulegt? Im Smartphone-Rennen, das ohne Europäer weitergeht, sind Xiaomi und Lenovo auf den Plätzen zwei und drei zwar nicht beim Profit, aber beim Volumen Apple hart auf den Fersen, während der Spitzenreiter Samsung aus Süd-Korea ebenfalls Einbussen erleidet. Im dritten Quartal 2014 erreicht Chinas Lenovo 20 Prozent des globalen PS-Marktes und führt jetzt souverän vor Hewlett Packard und Dell aus den USA.

Den ersten unstrittigen Durchbruch jedoch schafft China 2013 bei kommerziellen Kamera-Drohnen mit ihren hochkomplexen Softwarepaketen. Von Israelis erfunden und von Amerikanern militärisch massiv eingesetzt, hat die wissenschaftliche Intelligenz der ganzen Welt den Aufstieg dieser Technologie verfolgen können. Jeder hatte seine Chance – auch in Schwaben oder im Silicon Valley. Doch es sind die Angebote von Frank Wang mit seiner Firma „DJI Innovation“ aus Shenzen, die momentan keine Konkurrenz fürchten müssen. Für 1300 Dollar gibt es die „Phantom 2 Vision“, deren Kamera selbst bei Sturm nicht das Gleichgewicht verliert. [9] Gerne verlieren würde der Autor die Wette, dass noch kühnere Flug-Kameras nicht aus dem Land kommen, das bereits bei den erdgebundenen nie wieder auf die Beine gekommen ist.

[1] Siehe „Economic and financial indicators“, The Economist, 14. November, 2014, S. 84

[2] Zu den Daten siehe: http://w3.unece.org/pxweb/dialog/varval.asp?ma=60_MECCWagesY_r&path=../database/STAT/20-ME/3-MELF/&lang=1&ti=Gross+Average+Monthly+Wages+by+Country+and+Year

[3] Zu den Daten siehe: http://www.wipo.int/ipstats/en/wipi/

[4] Zu den Daten siehe: http://www.pisa.tum.de/fileadmin/w00bgi/www/Berichtband_und_Zusammenfassung_2012/PISA_EBook_ISBN3001.pdf, S.299

[5] Siehe: http://knowledge.insead.edu/talent-management/the-worlds-most-talent-competitive-countries-3006

[6] Siehe: http://www.nber.org/papers/w20573

[7] Zu den Daten siehe: http://www.ipwatchdog.com/2013/04/04/chinas-great-leap-forward-in-patents/id=38625/

[8] Siehe: http://www.winpo.int/edocs/pubdocs/en/patents/901/wipo_pub_901_2013.pdf, S. 27

[9] Siehe: http://www.dji.com/product/phantom-2-vision

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Allgemein

Lesetipp: Die Kamelkurve prophezeit der Welt die Krise

Redaktion

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am

Von

FMW-Redaktion

Dubai ist ein Frühindikator für die Welt. Und die Dinge stehen derzeit nicht zum Besten im Wüstenstaat. Warum die „Kamelkurve“ die Krise auch für die Weltwirtschaft ankündigen könnte, lesen Sie in der „Welt“ hier..

https://twitter.com/Schuldensuehner/status/679258959895773184/photo/1

Weitere Artikel zu Dubai finden Sie hier..

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FMW

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

Markus Fugmann

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am

Heute erscheint das Buch von Barry Eichengreen „Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt“ auf deutsch (englisches Original: „Hall of Mirrors“). Barry Eichengreen ist der Nestor der Crash-Forschung, in seinem Werk analysiert er die Gründe, die zu den Crashs der Jahre 1929 und 2008 führten. Wir haben zu diesem Thema am Freitag ein Interview mit dem Autor veröffentlicht unter dem Titel „Eichengreen: Ein deutscher Marshallplan für Griechenland„.

Hier nun, mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags, ein Auszug aus der Einleitung des Buches:

Barry Eichengrenn Crash 1929 und 2008

Dies ist ein Buch über Finanzkrisen. Es beschreibt die Ereignisse, die
solche Krisen verursachen. Es handelt auch davon, warum Regierungen
und Märkte so reagieren, wie sie es tun. Und es handelt von den
Konsequenzen.
Es schildert die große Rezession von 2008 und 2009 und die große
Depression von 1929 bis 1933 – die beiden großen Finanzkrisen unseres
Zeitalters. Nicht nur in politischen Kreisen weiß man, dass es Parallelen
zwischen diesen beiden Episoden gibt. Viele Kommentatoren haben
beschrieben, wie das Wissen über das frühere Ereignis – die »Lektionen
aus der Großen Depression« – die Reaktionen auf die Ereignisse 2008
und 2009 beeinflusst hat. Weil diese Ereignisse so auffällig denen der
1930er-Jahren ähnelten, lieferte diese Erinnerung an die Vergangenheit
eine Art Objektiv, durch das man sie betrachten konnte. Die Tendenz, die
Krise aus der Perspektive der 1930er-Jahre zu sehen, wurde noch dadurch
verstärkt, dass Politiker von Ben Bernanke – Vorsitzender des Board of
Governors der Federal Reserve – bis Christina Romer – Vorsitzende des
ökonomischen Beratungskomitees des Präsidenten Barack Obama – diese
Geschichte in ihren früheren Karrieren als Akademiker studiert hatten.
Infolge dieser Lektionen verhinderten die Politiker das Schlimmste.
Nachdem die Pleite von Lehman Brothers das globale Finanzsystem an
den Rand des Abgrunds geführt hatte, versicherten sie, dass sie keine
weitere Pleite einer für das System äußerst wichtigen Finanzinstitution
mehr zulassen würden, und sie hielten dieses Versprechen. Sie widerstanden
einer Politik unter dem Motto: »Bettle deinen Nachbarn an«, die in
den 1930er-Jahren den Zusammenbruch der internationalen Transaktionen
verursacht hatte. Die Regierungen erhöhten ihre öffentlichen Investitionen
und senkten die Steuern. Die Zentralbanken fluteten die Finanzmärkte
mit Liquidität und gewährten einander solidarisch Kredite in einer
Weise, die es so noch nie gegeben hatte.

Diese Entscheidungen waren vor allem vom Wissen über die Fehler der
Vorgänger beeinflusst. In den 1930er-Jahren unterlagen die Regierungen
der Verführung des Protektionismus. Sie ließen sich von einem veralteten
ökonomischen Dogma leiten, kürzten ihre öffentlichen Ausgaben
zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und versuchten, ihre Budgets ins
Gleichgewicht zu bringen, als stimulierende Investitionen notwendig gewesen
wären. Es machte keinen Unterschied, ob die betreffenden Politiker
Englisch sprachen, wie Herbert Hoover, oder Deutsch, wie Heinrich
Brüning. Ihre Maßnahmen verschlimmerten nicht nur den Niedergang,
sondern sie scheiterten sogar an der Aufgabe, das Vertrauen in die öffentlichen
Finanzen wiederherzustellen.
Die Zentralbanker hielten an der Idee fest, dass sie nur so viele Kredite
bereitstellen müssten, wie es für die legitimen Bedürfnisse der Unternehmen
erforderlich war. Sie gewährten mehr Kredite, wenn die Wirtschaft
expandierte, und weniger, wenn es einen Rückgang gab, womit sie Booms
und Krisen noch verstärkten. Sie vernachlässigten ihre Verantwortung für
finanzielle Stabilität und schritten nicht als Kreditgeber in Notfällen ein.
Das Ergebnis war ein sprunghaftes Ansteigen von Bankenpleiten und ein
verkümmerndes Kreditgeschäft. Man ließ zu, dass die Preise kollabierten
und Schulden nicht mehr zu managen waren. Milton Friedman und
Anna Schwartz geben in ihrem einflussreichen Werk über die Geschichte
der Geldpolitik den Zentralbanken die Schuld an diesem Desaster. Sie
kommen zu dem Fazit, die unfähige Politik der Zentralbanken sei mehr
als jeder andere Faktor für die ökonomische Katastrophe der 1930er-Jahre
verantwortlich gewesen.
Da die Verantwortlichen die Lektionen aus dieser früheren Episode gelernt
hatten, gelobten sie, es diesmal besser zu machen. Wenn damals die
Welt in Deflation und Depression gestürzt war, weil ihre Vorgänger weder
die Zinsen gesenkt noch die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet hatten,
würden sie diesmal mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik reagieren.
Wenn die Finanzmärkte zusammengebrochen waren, weil ihre Vorgänger
panische Anstürme auf die Banken nicht verhindert hatten, würden
sie auf ganz entschiedene Weise mit den Banken umgehen. Wenn
Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, den Niedergang in den
1930er-Jahren verstärkt hatten, würden sie finanzielle Anreize schaffen.
Wenn der Zusammenbruch der internationalen Kooperation die Probleme
der Welt verschlimmert hatte, würden sie persönliche Kontakte und
multilaterale Institutionen nutzen, um sicherzustellen, dass es diesmal
eine angemessene Koordination politischer Maßnahmen gab.
Als Resultat dieser ganz anderen Reaktionen erreichte die Arbeitslosenquote
in den USA 2010 einen Spitzenwert von 10 Prozent. Das war
immer noch besorgniserregend hoch, aber die Quote lag doch weit unter
den katastrophalen 25 Prozent während der großen Depression. Hunderte
Banken gingen pleite, aber nicht Tausende. Es gab viele Verwerfungen
an den Finanzmärkten, aber deren völliger und äußerster Kollaps wie in
den 1930er-Jahren wurde mit Erfolg abgewendet.
Das war nicht nur in den USA so, sondern auch in anderen Ländern.
Jedes unglückliche Land ist auf seine eigene Weise unglücklich und ab
2008 gab es unterschiedliche Grade der wirtschaftlichen Unzufriedenheit.
Aber abgesehen von einigen fehlgeleiteten europäischen Ländern erreichte
dieses Unglück nicht das Niveau der 1930er-Jahre. Weil die politischen
Maßnahmen besser waren, fielen die sozialen Verwerfungen, die
Schmerzen und das Leid geringer aus.
So sagt man jedenfalls.
Diese nette Geschichte ist leider zu einfach.
Sie lässt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, dass man die
Risiken nicht antizipiert hat. Bei einem Besuch der London School of
Economics 2008 hat Königin Elisabeth II. eine später berühmt gewordene
Frage gestellt: »Warum hat das niemand kommen sehen?«, fragte sie
die versammelten Experten. Sechs Monate später schickte eine Gruppe
prominenter Wirtschaftswissenschaftler der Königin einen Brief und entschuldigte
sich für »den Mangel an kollektiver Fantasie«.

(..)

Die Architekten des Euro waren sich dieser Geschichte bewusst. Man erinnerte
sich sogar noch intensiver an sie, weil 1992 bis 1993 der Wechselkursmechanismus
zusammenbrach, der die europäischen Währungen
miteinander verband wie ein Seil eine Gruppe von Bergsteigern. Daher
bemühten sie sich um ein stärkeres währungspolitisches Arrangement.
Es sollte auf einer Einheitswährung basieren und nicht von den Wechselkursen
zwischen einzelnen Landeswährungen abhängig sein. Die Abwertung
einer Landeswährung sollte nicht mehr möglich sein, weil die einzelnen
Länder dann keine nationale Währung mehr haben würden, die sie
abwerten könnten. Dieses Euro-System sollte nicht von nationalen Notenbanken
reguliert werden, sondern von einer supranationalen Institution,
der Europäischen Zentralbank.
Wichtig ist, dass der Vertrag zur Einrichtung der Währungsunion keine
Möglichkeit zum Ausstieg vorsah. In den 1930er-Jahren konnte ein Land
durch eine unilaterale Entscheidung seiner nationalen Legislatur oder seines
Parlaments den Goldstandard abschaffen. Im Gegensatz dazu wäre
die Abschaffung des Euro in einem Land ein Vertragsbruch und würde
das gute Verhältnis dieses Landes mit seinen Partnerstaaten innerhalb der
EU gefährden.
Die Architekten des Euro vermieden zwar einige Probleme des Goldstandards,
sorgten dafür aber für andere Probleme. Indem das Euro-System
ein trügerisches Bild der Stabilität schuf, setzte es große Kapitalströme in
die südeuropäischen Länder in Gang, welche schlecht dafür gerüstet waren,
mit ihnen umzugehen – wie schon in den 1920er-Jahren. Als diese
Ströme die Richtung wechselten, führten die Unfähigkeit der nationalen
Zentralbanken, Geld zu drucken, und der nationalen Regierungen, sich
dieses Geld zu leihen, zu tiefen Rezessionen – wie schon in den 1930er-Jahren.
Der Druck, etwas zu verändern, wurde immer stärker. Die Unterstützung
von Regierungen, die das nicht taten, wurde schwächer. Es häuften
sich die Prognosen, der Euro werde ebenso scheitern wie der Goldstandard;
Regierungen in notleidenden Ländern würden ihn verlassen. Und
falls sie zögern sollten, dies zu tun, würden sie von anderen Regierungen
und politischen Führern abgelöst werden, die zum Handeln bereit wären.
Schlimmstenfalls könnte sogar die Demokratie in Gefahr sein.
Es stellte sich heraus, dass dies ein falsches Verständnis der Lehren aus
der Geschichte war. Als Regierungen in den 1930er-Jahren den Goldstandard
aufgaben, waren der internationale Handel und das Kreditwesen
schon zusammengebrochen. Diesmal taten die europäischen Länder gerade
genug, um dieses Schicksal zu vermeiden. Daher musste man den
Euro verteidigen, um den gemeinsamen Markt, den Handel innerhalb
Europas und den Zahlungsverkehr zu bewahren. In den 1930er-Jahren
zählte die politische Solidarität zu den frühen Opfern der Depression.
Trotz der Belastungen durch die Krise setzten die Regierungen diesmal
ihre Konsultationen und ihre Zusammenarbeit mithilfe internationaler
Institutionen fort, die stärker und besser entwickelt waren als die
in den 1930er-Jahren. Die wirtschaftlich und finanziell starken EU-Länder
vergaben an ihre schwachen europäischen Partner weiterhin Kredite.
Diese Kredite hätten zwar höher sein können, aber verglichen mit den
1930er-Jahren waren sie dennoch umfangreich.
Und schließlich kam es nicht zu einer Krise der Demokratie, wie sie
diejenigen prognostiziert hatten, die mit dem Kollaps des Euro rechneten.
Es gab Demonstrationen, auch solche, bei denen es zu Gewalttaten kam.
Regierungen stürzten. Aber anders als in den 1930er-Jahren überlebte
die Demokratie. Die Kassandras des Zusammenbruchs hatten die Wohlfahrtsstaaten
und die sozialen Sicherheitsnetze übersehen, die infolge der Depression
aufgebaut worden waren. Sogar dort, wo die Arbeitslosenrate
bei mehr als 25 Prozent lag, wie es in den am schlimmsten betroffenen
Teilen Europas der Fall war, kam es nicht zu offenkundiger Verzweiflung.
Das schwächte die politische Gegenreaktion. Es begrenzte den Druck, das
bisherige System zu verlassen.
Es ist allgemein bekannt, dass die Erfahrung der Großen Depression
die Wahrnehmung und die Reaktionen auf die große Rezession stark
geprägt hat. Aber um zu verstehen, wie diese Geschichte genutzt – und
missbraucht – wurde, muss man sich nicht nur die Depression genauer
ansehen, sondern auch die Entwicklungen, die sie ermöglicht haben. Wir
müssen also ganz am Anfang beginnen, nämlich im Jahr 1920.

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Interessantes aus der Presse

Verwirrung um Lagardes Grexit-Aussagen: IWF bringt Korrektur

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Hat sie oder hat sie nicht? Das ist hier die Frage – der IWF sagt nun: sie hat nicht. Gemeint sind die Aussagen der IWF-Chefin Lagarde gegenüber der „FAZ“. So wird ihr Satz allgemein so zitiert:

„Der Austritt Griechenlands ist eine Möglichkeit“, würde aber nicht das Ende der Eurozne bedeuten („likely not spell the end of the
euro.“).

Doch taucht ein wörtliches Zitat in dem Artikel der „FAZ“ gar nicht auf.

Nun hat der IWF gestern eine Richtigstellung der Äusserungen Lagardes herausgebracht, „to clarify and put into context the quotes reported in the FAZ
interview.“ Das Interview der „FAZ“ mit Lagarde wurde in englischer Sprache durchgeführt, der IWF hat die Aussagen Lagardes nun gestern im Original veröffentlicht.

Nun hat ein Sprecher des IWF auf Nachfrage einer Nachrichtenagentur klar gemacht, dass Lagarde in dem Interview weder das Ende der Eurozone noch das Ende des Euro in dem Interview erwähnt habe. Ofefnkundig versucht also der IWF, die Wellen, die das Interview mit der „FAZ“ aufgebracht hat, wieder zu glätten. Man ist nervös – auch und gerade beim IWF..

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