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EZB beharrt auf hohen Zinsen EZB-Zinspredigten verhallen angesichts rückläufiger Inflation

EZB-Zinspredigten verhallen angesichts rückläufiger Inflation
Christine Lagarde (EZB) - Foto: Alex Kraus/Bloomberg

Die gestern veröffentlichten Inflationsdaten der Eurozone haben gezeigt, dass die Inflation schneller nachlässt als von Ökonomen erwartet wurde. Das 2%-Ziel der EZB scheint gar nicht mehr so weit entfernt zu sein. Doch die Inflationsrisiken sind aufwärts gerichtet, allein schon wegen der Basiseffekte. Dies sehen auch einige EZB-Mitglieder so. Sie beharren auf hohe Zinsen für länger Zeit und versuchen deshalb die Hoffnung auf baldige Zinssenkungen zu bremsen. Die Marktteilnehmer erwarten indessen die erste Senkung spätestens im April und feiern eine große Zinssenkungsparty.

EZB beharrt auf hohen Zinsen für längere Zeit

Die Ratsmitglieder der Europäischen Zentralbank (EZB) beharren darauf, dass die Zinsen hoch bleiben müssen. Allerdings deutet die erneut deutliche Abschwächung der Inflation darauf hin, dass sich die Wirtschaftslage schneller ändert als erwartet, so Bloomberg. In drei aufeinanderfolgenden Monaten hat sich das Wachstum der Verbraucherpreise stärker abgeschwächt als von Ökonomen vorhergesagt. Die am Donnerstag veröffentlichte Inflationsrate von 2,4% für November war näher am 2%-Ziel der EZB als jemals zuvor seit Mitte 2021. Noch im August war die Inflation mehr als doppelt so hoch.

Händler, die an den Geldmärkten bereits zuvor auf eine Senkung der Zinsen im April gewettet hatten, sind sich nun noch sicherer, obwohl die Falken unter den Notenbankern weiter dagegenhalten. Die Mahnung von Ratsmitglied Pierre Wunsch aus der letzten Woche, dass eine Zinserhöhung notwendig sein könnte, wenn die Wetten auf Zinssenkungen nicht aufhörten, prallte an ihnen ab.

Inflation: EZB-Ziel von 2 % rückt näher

Die Inflation kommt dem 2%-Ziel der EZB verlockend nahe, und die jüngsten Zahlen lassen es immer wahrscheinlicher werden, dass der EZB-Stab seine Prognosen senken muss, die bisher davon ausgingen, dass das Preiswachstum erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 das Ziel erreicht.

Die Projektionen werden in knapp zwei Wochen veröffentlicht, wenn die EZB voraussichtlich zum zweiten Mal in Folge ihre Leitzinsen beibehalten wird und Präsidentin Christine Lagarde wegen ihres Beharrens auf hohen Zinsen bei schwächelnder Wirtschaft zunehmend in die Kritik geraten dürfte.

“Wenn die EZB Anfang nächsten Jahres erkennt, dass die Inflation deutlich schneller sinkt als erwartet, wird die Diskussion über Zinssenkungen weiter zunehmen”, sagte Jörg Angele, Ökonom bei Bantleon in Zürich, der zu denjenigen gehörte, die den Inflationsrückgang vom November am genauesten vorhersagten. “Das wäre vernünftig, denn wenn die Wirtschaftstätigkeit schwach bleibt, sehe ich keinen Grund, die Zinsen nicht auf ein neutrales Niveau zu senken.”

Die jüngsten Inflationsdaten dürften Angele zufolge die taubenhaften Ratsmitglieder ermutigen. In den letzten 18 Monaten fanden sie sich beständig in der Defensive, während die Falken den Ton angaben und eine aggressive Serie von zehn aufeinanderfolgenden Zinserhöhungen durchsetzten.

Einer von ihnen, der neu ernannte Gouverneur der Bank von Italien, Fabio Panetta, ließ nicht lang auf sich warten. Angesichts einer Inflationsrate von nur noch 0,7% in seinem Land, wies er darauf hin, dass sich die Straffungen als wirksamer erweisen als erwartet.

“Die Desinflation ist in vollem Gange”, sagte er am Donnerstag. “Wir müssen unnötige Schäden für die Konjunktur und Risiken für die Finanzstabilität vermeiden, die letztlich die Preisstabilität gefährden würden.”

Steigt die Inflation wieder?

Trotz des veränderten Inflationsausblicks könnte die Ratssitzung am 14. Dezember für die oft etwas schwerfällige EZB etwas zu früh kommen. Als die Währungshüter im Juli 2022 mit der Anhebung der Zinsen starteten, hatten die meisten anderen Zentralbanken weltweit bereits damit begonnen.

Aber die Vertreter der EZB haben auch Grund zur Vorsicht. Sie gehen davon aus, dass die Inflation im Dezember aufgrund von statistischen Effekten wieder anziehen wird. Auch die Aufhebung einiger der Hilfsmaßnahmen, die die Regierungen zur Abfederung des Energiepreisanstiegs nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs eingeführt haben, wird einem weiteren raschen Rückgang im Wege stehen. In Deutschland beispielsweise laufen die vorübergehenden Steuererleichterungen für Restaurantbesuche im Januar aus.

“Wir wissen, dass der November der Tiefpunkt ist”, sagte Janet Henry, Chefvolkswirtin der HSBC, gegenüber Bloomberg TV. “Die Gesamtinflation wird wahrscheinlich — allein schon wegen der Basiseffekte — wieder ansteigen.

Die Kerninflation, auf die sich die Notenbanker vor allem konzentrieren, liegt mit 3,6% ebenfalls noch deutlich über der Gesamtinflation.

Diese Faktoren könnten den Falken genügend Rückendeckung geben, um an der Botschaft festzuhalten, dass die Zinsen die Wirtschaft länger bremsen müssen, um die Inflation zu bekämpfen. Auch nach den am Donnerstag gemeldeten Inflationszahlen zeigte sich Bundesbankpräsident Joachim Nagel unbeeindruckt.

“Die Inflationsrisiken sind meines Erachtens aufwärts gerichtet – nicht zuletzt aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage”, sagte Nagel Donnerstagabend beim Jahresempfang des Verbands deutscher Pfandbriefbanken in Berlin. “Deshalb schließe ich eine weitere Zinserhöhung nicht aus. Es erscheint mir zugleich deutlich zu früh, über eine mögliche Senkung der Leitzinsen überhaupt auch nur nachzudenken.”

“Eine Senkung in der ersten Sitzung des nächsten Jahres ist schwer vorstellbar, da die Gesamtinflation steigen wird und es auf die Optik ankommt”, sagte Kamil Kovar, Ökonom bei Moody’s Analytics. “Aber im März ist eine Zinssenkung durchaus denkbar. Es wird weitere schwache Daten erfordern, aber es ist machbar.”

FMW/Bloomberg



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