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Historischer Vergleich Top-Ökonom: Rezession mit Verzögerung dank steigender Zinsen

Laut einem Top-Ökonomen folgt die Rezession in Deutschland mit Verzögerung auf die steigenden Zinsen. Hier ein historischer Vergleich.

Eigentlich ist die Logik recht einfach. Stark steigende Zinsen verteuern Kredite, die Wirtschaft gerät ins Stocken, es folgt eine Rezession. Und wenn sich dieses Szenario im Lauf der Jahrzehnte ständig wiederholt, dann sollte es diesmal doch auch so laufen? Viele Experten und sogar der Sachverständigenrat der Bundesregierung sehen die Lage entspannt. In 2023 werde die Wirtschaft sogar leicht wachsen. Aber kann es sein, dass (wie in den letzten Jahrzehnten) Zinserhöhungen erst mit mehreren Quartalen Verzögerung auf die Realwirtschaft als Rezession einschlagen? Schließlich sind es monatelange Prozesse, wenn sich höhere Kreditkosten negativ auf die Realwirtschaft auswirken.

Dr. Jörg Krämer mit Erläuterungen

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sieht diesen Verzögerungseffekt, und sieht das Anrollen einer Rezession, eben weil die Zinsen so schnell und kräftig gestiegen sind seit Sommer 2022. Und noch steigen sie ja immer weiter an. Von Juli 2022 bis letzte Woche von 0 % auf 3,5 % gestiegen, will die EZB Leitzins und die anderen beide Zinssätze noch weiter anheben. In der folgenden Grafik von TradingView sehen wir seit 2018 die Entwicklung im Leitzins der EZB. So ein drastischer schneller Anstieg sollte sich auf die Realwirtschaft negativ auswirken? Nur wie schnell?

Obwohl die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal immerhin um 0,4% geschrumpft ist, haben viele Volkswirte laut Dr. Jörg Krämer ihre Wachstumsprognosen in den vergangenen Wochen nach oben revidiert. Sie gehen davon aus, dass die Konjunktur im Verlauf dieses Jahres wieder Tritt fassen wird. Als Argumente hierfür werden zumeist die Entspannung bei den Lieferengpässen und eine geringere Belastung vonseiten der Energiepreise genannt. Als Beleg für die besseren Aussichten wird häufig auch auf die bessere Stimmung bei den Unternehmen verwiesen. Schließlich hat sich das ifo-Geschäftsklima in den vergangenen Monaten von seinem Absturz merklich erholt.

Kaum eine Rolle bei diesen Ausblicken spielt laut Dr. Jörg Krämer die Tatsache, dass weltweit viele Zentralbanken ihre Zinsen kräftig angehoben haben. Bei der EZB summieren sich die Zinserhöhungen nach dem jüngsten Schritt inzwischen auf 350 Basispunkte, andere Zentralbanken wie die Federal Reserve haben die geldpolitischen Zügel noch stärker angezogen.

Rezession mit Verzögerung

Aber in den zurückliegenden 50 Jahren gingen solche Zinserhöhungen nicht spurlos an der deutschen Wirtschaft vorüber. Vielmehr folgte laut Dr. Jörg Krämer mit einer gewissen Verzögerung immer eine Rezession. Eine Ausnahme könnte man allenfalls in den Zinserhöhungen der Bundesbank zwischen dem Sommer 1988 und dem Herbst 1989 sehen, auf die zunächst ein Boom und keine Rezession folgte. Allerdings verfolgte damals die Finanzpolitik wegen der Wiedervereinigung einen äußerst expansiven Kurs, der offensichtlich das Bremsmanöver der Geldpolitik zeitweise neutralisierte. Als der Expansionsgrad der Finanzpolitik wieder abnahm und die Bundesbank die Zinsen weiter anhob, folgte dann doch die anscheinend unvermeidliche Rezession.

Diese Erfahrungen mit früheren Zinserhöhungszyklen zeigt laut Dr. Jörg Krämer, dass man nicht begründen muss, warum man angesichts der deutlichen Straffung der Geldpolitik für den weiteren Jahresverlauf mit einer anhaltend schwachen oder noch schwächeren Konjunktur rechnet. Dies gelte umso mehr, als die Zinsen dieses Mal bisher deutlich schneller angehoben wurden als in den meisten anderen Zyklen.

FMW: Dies war jetzt die Kurzfassung von Krämers Aussagen. Hier dazu noch sein Tweet und die Grafik im Großformat. Dort sieht man in grau die Rezessionsphasen, und als Linie die Zinsentwicklung von Bundesbank und später EZB. Die Korrelation ist bestechend und logisch. Auch kann man gut nachvollziehen, warum gut gelaunte Ökonomen sinngemäß sagen: „Es läuft doch alles, die Rezession fällt aus“. Denn man muss den Verzögerungseffekt steigender Zinsen berücksichtigen. Erst seit Juli 2022 laufen die Zinserhöhungen, und auch in den nächsten Monaten werden die Zinserhöhungen fortgesetzt. Sehen wir die Rezession erst im späteren Verlauf dieses Jahres? „Anders als die meisten Volkswirte erwarten wir für den weiteren Verlauf des Jahres einen zeitweisen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts“, so die Feststellung von Dr. Jörg Krämer.



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