Folgen Sie uns

Märkte

Ölpreis: Warum Öl 2020 so billig ist – eine Erklärung

Der Ölpreis ist 2020 ins Minus gestürzt. Was ist die Erklärung dafür? Wie ist die weitere Prognose und was sind die Folgen für uns? Eine Erklärung

Avatar

Veröffentlicht

am

Der Ölpreis ist 2020 ins Minus gestürzt. Was ist die Erklärung dafür? Wie ist die weitere Prognose und was sind die Folgen für uns?

Stellt euch vor, ihr handelt mit Öl – einer Ware, die normalerweise heiß begehrt ist. Dann aber will plötzlich niemand mehr euer Öl haben. Stattdessen müsst ihr den Käufern sogar noch Geld bieten, damit sie euch das Zeug abnehmen. Am Montag, 20. April ist etwas passiert, das es so noch nie gab: Der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte WTI stürzte in den negativen Bereich. Das heißt: Wer ein Fass verkaufen wollte, bekam dafür kein Geld – sondern musste stattdessen dem Käufer etwas bezahlen.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

Das klingt doch erst mal völlig verrückt oder? Ich meine: Öl – das schwarze Gold, der Motor der Weltwirtschaft! Wie kann so ein wichtiges Produkt einen negativen Preis haben? In meinem Youtube-Video zeige ich euch, was da passiert ist, welche Folgen das für uns in Deutschland hat – und warum vor allem die Amerikaner darunter leiden. Beginnen wir mit der wichtigsten Frage:

Ölpreis 2020: Was ist passiert? Eine Erklärung

Bevor wir starten ist eine Sache wichtig zu verstehen: Öl ist ein Rohstoff, also ein physisches Produkt – ähnlich wie Getreide. Solche Waren werden in riesigen Mengen gekauft – nicht von Privatleuten, sondern von Firmen. Es geht also niemand hin und sagt: „Guten Tag, ich möchte gerne heute ein Fass Rohöl kaufen.“

Stattdessen bestellen zum Beispiel Raffinierien zigtausend Fässer Rohöl, um daraus Treibstoff herzustellen. Um besser planen zu können, zahlen sie schon im Voraus einen festgelegten Preis für ihre Ware, die dann erst in einem bestimmten zukünftigen Monat geliefert wird. Passenderweise nennt man diese Art von Termingeschäft auf Englisch Future.
Auf der Webseite der amerikanischen Terminbörse Nymex kann man sich genau anschauen, was solche Futures für WTI Öl kosten. Am 24. April zum Beispiel hätte ich für ein Fass, das im Juni geliefert wird, knapp 18 Dollar zahlen müssen.

Der Ölpreis bei der CME

Was bedeuten negative Preise beim Öl?

Der ist entstanden, weil noch eine zweite Gruppe an solchen Öl Futures interessiert ist. Das besondere bei denen ist: Sie investieren zwar ihr Geld, wollen das eigentliche Produkt aber gar nicht haben. Stattdessen wetten sie darauf, dass der Preis steigen wird. Dann verkaufen sie ihr Öl Future weiter, bevor die Lieferung fällig wird – und machen damit Gewinn.
Diese Gruppe – nennen wir sie die Spekulanten – ist in den vergangenen Wochen immer größer geworden. Denn weil der Ölpreis wegen Corona so stark gefallen ist, haben sich immer mehr Investoren gedacht: Das ist meine Chance! Tiefer kann es nicht mehr gehen, ich steige jetzt in die Wette ein.

Am 20. April haben die ganzen Spekulanten dann hektisch versucht, ihre Öl Futures loszuwerden. Warum dieser Tag? Nur 24 Stunden später wäre ihr Termingeschäft ausgelaufen, und dann hätten sie das amerikanische WTI Öl tatsächlich im Mai in Empfang nehmen müssen – und zwar an der Lagerstätte im Bundesstaat Oklahoma. Bisher war es immer ganz einfach, in der Zeit kurz vor dem Stichtag die Öl Futures loszuwerden. Jetzt war das Problem aber: Niemand wollte sie kaufen, nicht einmal zu diesem bereits stark gefallenen Preis.

Normalerweise kaufen zum Beispiel Raffinerien oder Chemiefabriken solche Futures kurz vor dem Stichtag, um noch schnell Öl für den nächsten Monat zu besorgen. Aktuell brauchen sie aber gar keins. Und das Öl billig kaufen, um es dann zu bunkern, ist auch schwierig, weil die Lagerplätze für Öl immer knapper und damit teurer werden. Daher mussten am Ende die Verkäufer den Käufern sogar noch Geld dafür zahlen, dass sie ihnen das Öl für Mai endlich abnehmen. Und das ist bisher einmalig in der Geschichte. Die knapp 40 Dollar Negativpreis kann man also quasi als Kosten für die Lagerung interpretieren.

Ok, kurzes Zwischenfazit: Der Preis für das amerikanische Öl ist abgestürzt, weil die Nachfrage wegen Corona eingebrochen ist, gleichzeitig aber immer noch so viel produziert wird, dass die Lager immer voller werden. Und in den Minusbereich ging es an diesem einen Tag nur deshalb, weil die Termingeschäfte ausgelaufen sind – und damit plötzlich die Kosten für die Lagerung den Wert des Öls überstiegen haben. Kommen wir nun zur nächsten Frage.

Was bedeuten Ölpreise für Benzinpreise?

Bisher haben wir nur über das amerikanische Öl gesprochen. Dessen Preis spielt aber an deutschen Tankstellen gar keine Rolle. Unser Sprit ist aus einer anderen Ölsorte gemacht, nämlich Brent. Dieses Öl kommt im Gegensatz zum amerikanischen WTI nicht aus dem Boden in Texas, sondern aus der Nordsee.

In dieser historischen Aprilwoche ist der Preis für Brent nicht ins Minus gefallen, weil man dieses Öl direkt von der Bohrinsel auf Schiffe verladen kann, um es da zu lagern. Die Menge der Öltanker lässt sich noch erhöhen, während das amerikanische WTI Öl fast nur am Empfangsort in Oklahoma gelagert wird– und da sind die Kapazitäten fast erschöpft. Doch trotzdem gab es einen Preisschock.

Das ist die Entwicklung der Brent Futures mit Ausliegerung im Juni. Zum ersten Mal seit 18 Jahren fiel der Preis am 21. April unter die 20 Dollar-Marke. Auch hier zeigt sich also, dass die Nachfrage deutlich kleiner ist als das Angebot. Für uns an der Zapfsäule bedeutet das:

Tanken wird immer billiger! Der Preis für einen Liter Sprit ist so niedrig wie zuletzt im Jahr 2009.

Der Ölpreis fällt - auch die Preise an der Tankstelle

Diese Grafik vom ADAC zeigt sehr schön, wie es seit Ausbruch der Corona-Pandemie immer weiter runter ging. Bevor ihr jetzt aber jubelt und denkt, dass ihr bald Geld fürs Tanken bekommt – nein, einen negativen Spritpreis wird es niemals geben. Das liegt daran, dass ihr an der Zapfsäule nicht nur die Ölfirmen bezahlt, sondern auch den Staat. Mehr als die Hälfte eurer Tankrechnung besteht aus Steuern. Die Energiesteuer pro Liter ist vom Staat festgelegt, die müsst ihr also in jedem Fall bezahlen.

Nach dem Absturz beim Ölpreis - so setzen sich die Benzinpreise zusammen

Etwas billiger könnte der Spritpreis in den kommenden Wochen aber noch werden. Der Grund dafür: Obwohl die Nachfrage nach Öl wegen Corona schon seit Monaten weltweit einbricht, ist das Angebot fast gleich geblieben. Warum ist das so – und was bedeutet das für den Ölpreis in der Zukunft? Damit kommen wir zu Frage 3.

Ölpreis 2020: Wie ist die Prognose?

Beginnen wir auch hier wieder in Amerika: Seit zwei Jahren sind die USA das größte Ölförderland der Welt – vor Saudi-Arabien und Russland. Das Geheimnis hinter dem Erfolg heißt Fracking – und funktioniert so: Ölunternehmen bohren kilometertief liegende Gesteinsschichten an und pressen unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in die Bohrlöcher. Dadurch bricht das Gestein auf und gibt das im Boden befindliche Erdöl frei.

Diese Technologie ist noch relativ jung und die Firmen haben Milliarden investiert, um Anlagen und Pipelines zu bauen. Häufig ist das im wahrsten Sinne des Wortes auf Pump finanziert – also mit Krediten. Die müssen die Fracking Firmen ja weiterhin abbezahlen. Also fördern sie weiter das Öl und verkaufen es zur Not zu Dumpingpreisen – Hauptsache, es kommt Geld rein. Außerdem lässt sich die Produktion nicht einfach von heute auf morgen herunterfahren. Ist die Quelle einmal angebohrt, sprudelt das Öl – und so wird das schwarze Gold zur Ramschware.

Schauen wir jetzt auf die anderen beiden großen Ölstaaten: Russland und Saudi-Arabien. Das Land am Persischen Golf st Anführer der Opec, einer Organisation erdölexportierender Länder. US-Präsident Donald Trump persönlich hat sich vor Kurzem mit der Opec und Russland darauf geeingt, dass sie ihre Fördermenge senken. Wie immer hat sich Trump dafür tierisch abgefeiert. Great deal for all!

Das Problem ist aber: Diese Vereinbarung tritt erst ab Mai in Kraft. Und die vereinbarte Drosselung ist viel zu klein, es wird also trotzdem ein riesiges Überangebot bleiben – und damit den Preis unten halten. Die Rechnung ist einfach: Zusammen sollen die OPEC, Russland und US-Unternehmen ihre Öl-Produktion um rund zehn Millionen Fass pro Tag senken. Der globale Verbrauch aber ist drei Mal so stark eingebrochen! Der Deal ist also „too little too late“. Kommen wir nun zur vierten und letzten Frage.

Warum leiden vor allem die USA?

Das Fracking in den USA ist deutlich aufwendiger und damit teurer als die Ölförderung in Russland oder Saudi-Arabien. Dort lassen sich die billigen Ölpreise also länger durchhalten. Außerdem sind die Ölfirmen in staatlicher Hand und können damit schneller durch finanzielle Reserven unterstützt werden.

In den USA dagegen sind es private Unternehmer, die ins Ölgeschäft eingestiegen sind. Die brauchen aber einen deutlich höheren Ölpreis, um ihre Kosten decken zu können. Weil der Rohstoff aber an Wert verloren hat, machen immer mehr von ihnen Pleite. In den vergangenen 5 Jahren meldeten über 200 nordamerikanische Ölförderer Insolvenz an.

Der Absturz beim Ölpreis treibt Fracking-Unternehmen in die Pleite

Und allein im März gingen nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg mehr als 50.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Das könnte aber erst der Anfang sein – der Anfang eines Albtraums für Donald Trump. Denn mehrere Millionen Menschen sind in Amerikas Ölindustrie beschäftigt. Ihr Zusammenbruch würde ein Heer von Arbeitslosen hervorbringen, die sich bei der kommenden Präsidentschaftswahl im November gut überlegen werden, ob sie Trump wählen. Deshalb hat der US-Präsident jetzt reagiert:
Er werde die Industrie nicht hängen lassen, versprach er auf Twitter.

Aber was kann er tun, um die zwei größten Probleme zu lösen – die Überproduktion und den Lagerkollaps? Eine Möglichkeit wäre, hohe Gebühren für Ölimporte einzuführen – Strafzölle sind ja eine seiner Lieblingsmaßnahmen.

Außerdem überlegt die Regierung angeblich, Fracking-Firmen dafür zu bezahlen, das Öl im Boden zu lassen um so das Angebot zu senken und den Preis wieder steigen zu lassen.
Meine persönliche Meinung ist: Mag sein, dass solche Maßnahmen kurzfristig helfen, aber sie werden sehr teuer. Und die Nachfrage steigt damit ja trotzdem noch nicht, dafür müsste Trump die amerikanische Wirtschaft schnell wieder öffnen – und in Kauf nehmen, dass noch mehr Menschen an den Folgen des Coronavirus sterben. Der US-Präsident steckt also in einer Zwickmühle – und das könnte ihn am Ende sogar die Wiederwahl kosten.

Ich bin echt gespannt, wie es weitergeht, in jedem Fall wird uns das Thema Öl dieses Jahr noch viel beschäftigen. Wie ist denn eure Meinung zu der ganzen Sache? Welche Prognose habt ihr für den Ölpreis – und nutzt ihr jetzt vielleicht sogar die Chance, um auf steigende Preise zu spekulieren?

Auf jeden Fall schon mal vielen Dank fürs Zuschauen, ich hoffe, euch haben das Video und der Artikel gefallen! Wenn ihr meine Arbeit als unabhängiger Journalist unterstützen wollt, abonniert gerne meinen Kanal WasmitWirtschaft – und wir sehen uns beim nächsten Video wieder.

Euer Maximilian Nowroth.

Maximilian Nowroth ist Wirtschaftsjournalist und YouTuber. Der Düsseldorf hat mehr als 5 Jahre für das Handelsblatt gearbeitet, sein jüngstes Projekt war die Redaktionsleitung der jungen Marke Orange. Jetzt hat er sein eigenes Medium #WasmitWirtschaft gegründet, um wirtschaftliche Themen anschaulich und persönlich zu erklären. Ihr findet ihn auf YouTube und bei Instagram.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Marktbeobachter

    28. April 2020 17:50 at 17:50

    Ölpreisentwicklung, die Elfte!
    Oder frei nach Karl V.: Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Erinnerte auch stark an Schulunterricht.
    Dennoch sehr anschaulich.

  2. Avatar

    Sebastian Köhler

    29. April 2020 14:25 at 14:25

    Danke für die sehr gute Erklärung. Persönlich glaube ich an eine Mittel- bis Langfristige Preissteigerung, hängt aber alles davon ab wann vor allem die USA wieder zur Normalität zurückkehren kann. Ich werde die Tage aber erst mal noch meinen Öltank füllen, persönlich bin ich also über die niedrigen Preise von Heizöl und Benzin weniger traurig. Vor allem wegen der beiden durstigen 8 Zylinder in der Garage.

  3. Pingback: Akkuherstellung schlimmer als Erdölgewinnung — way to emobility

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Indizes

Nikkei 225: Das Comeback des japanischen Leitindex

Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Nikkei 225 – trotz explodierender Schulden

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Sammelindex Nikkei 225, inmitten der Corona-Krise und bei explodierenden Staatsschulden. Dieser bemüht sich nach Kräften, endlich das Trauma des Immobilien-Crashs von 1989 zu neutralisieren, der Index kletterte jüngst auf ein fast 30-Jahreshoch.

Der japanische Index – auf dem Weg zu alten Höhen?

Immer wieder wird von Aktienpessimisten Japan als Negativbeispiel angeführt. Der unheimliche Aktien-Boom in den 1980-er-Jahren, verbunden mit der Immobilienblase (Hans-Werner Sinn: Für Tokyo hätte man ganz Kanada kaufen können!) führte zu abstrusen Börsenbewertungen:

 

Die Mutter aller Index-Fahnenstangencharts (bis zur Corona-Krise):

Die Aktienmärkte - hier der Nikkei

Der Höchststand des Nikkei 225 vom 29. Dezember 1989 lag auf Schlusskursbasis bei 38.913 Punkten, dann erfolgte ein Absturz ohnegleichen mit vielen erratischen Schwankungen und einem Tief am Ende der Finanzkrise von 7054 Punkten.

Aber wer hat im Jahr 1989 all sein Geld in den Nikkei 225 investiert und nicht vorher und danach? Im Übrigen hätte ein monatlicher Sparplan auf den Index über viele Jahre eine gewaltige Rendite gebracht, durch den Cost-Average-Effekt, nur muss der Index irgendwann einmal kräftig anziehen, dann schießt der Wert mit all den billig erworbenen Anteilen kräftig in die Höhe. So wie es beim Nikkei 225 schon seit geraumer Zeit aufwärts geht.

Ein Vergleich der Marktperformance:

Seit dem Corona-Tief:

S&P 500: plus 60 Prozent
Dax: plus 52 Prozent
Nikkei: plus 50 Prozent

Seit dem Tief in der Finanzkrise 2009:

S&P 500: plus 436 Prozent
Dax: plus 362 Prozent
Nikkei: plus 364 Prozent
Jetzt ist der Index noch weiter gestiegen und erreichte gestern 26.537 Punkte.

Wobei hier wieder einmal festzustellen ist, dass bei unserem Dax als Performanceindex die ausgeschütteten Dividenden mit eingerechnet wurden, anders als bei den international üblichen Kursindizes. Was im Jahresvergleich nicht viel ausmacht, verzerrt das Bild bei einem 11-Jahreszeitraum durch den Zinseszinseffekt doch sehr deutlich.

Was also fast nach einem Gleichlauf aussieht, wird im 3-Monatsvergleich nach dem Einstieg von Warren Buffett deutlicher, Japan fiel im Oktober nicht mehr so stark und erholte sich stärker.

S&P 500: plus 4 Prozent
Dax: plus 1 Prozent
Nikkei: plus 13 Prozent

Die Entwicklung der Wirtschaft

Dass die Börse in Japan so stark gestiegen ist, liegt zum einen natürlich an der Bank of Japan, die bereits 53 Prozent der japanischen Staatsanleihen in ihren Büchern hält und immer wieder ETFs auf den Aktienmarkt erwirbt.

Der Nikkei 225 mit seinen über 12 Billionen Euro Marktkapitalisierung hat natürlich noch andere Investoren.

Aber vonseiten der Wirtschaft gibt es auch einige Signale der Hoffnung.

Doch zunächst zum Einstieg von Warren Buffett. Seine Gesellschaft Berkshire Hathaway kaufte im Herbst etwas mehr als fünf Prozent der Aktien der fünf großen japanischen Handelshäuser, die jahrzehntelang Japans Außenhandel bestimmt haben. Für uns relativ unbekannte Namen wie Itochu, Marubeni, Mitsubishi, Mitsui und Sumitomo. Und seine Gesellschaft sei bereit, den Einsatz auf bis zu 9,9 Prozent zu erhöhen.

Japan ist verglichen mit den USA erheblich preiswerter. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) des Dow Jones liegt bei 2,9, jenes des Nikkei 225 hingegen nur mit bei 1,1.

Japans Wirtschaft erholt sich derzeit von einer Rezession, die schon im vierten Quartal 2019 begonnen hatte. Japans Konsumenten erhöhten ihre Ausgaben im Sommer um 4,7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im dritten Quartal auf Jahresbasis um 21,4 Prozent, 2,5 Prozent stärker als von Analysten erwartet wurde.

Hinzu kommt, dass die XXVII. Olympischen Sommerspiele in Tokyo doch vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden sollen, wie IOC-Präsident Dr. Thomas Bach bei seinem letzen Besuch in Japan angekündigt hat.

Ein Schub durch das Freihandelsabkommen RCEP

Das vor knapp zwei Wochen abgeschlossene Freihandelsabkommen RCEP, abgekürzt für Regional Comprehensive Economic Partnership, zwischen 15 Ländern Ostasiens und Ozeaniens, gab der Börse einen weiteren Kick. Japan erhält dadurch erstmals bevorzugten Zugang zu China und Südkorea. Die Annäherung der drei Länder gilt als historischer Vorgang. Das Abkommen wird als Wegbereiter für ein künftiges asiatisches Wirtschaftswachstum gesehen, auch zu einer Zeit, in der sich die Region ohnehin aufgrund der Eindämmung der Pandemie konjunkturell besser als der Rest der Welt entwickelt.

Fazit

Was kann man aus der diesjährigen Entwicklung des Nikkei für Lehren ziehen? Staatsschulden, selbst in astronomischer Höhe (über 250 % zum Bruttoinlandsprodukt), führen nicht zwangsläufig zum Einbruch. Nämlich dann, wenn die Bürger an die Stabilität der eigenen Währung glauben und genügend Sparvermögen bilden und natürlich von der Funktionsfähigkeit der eigenen Notenbank überzeugt sind, die viele der Staatssschulden in ihren Büchern hält. Das Vertrauen in das Geld ist Grundvoraussetzung für die Schuldentragfähigkeit.

Dann sollte die eigene Währung eine gewisse Stabilität aufweisen, damit die Exportwirtschaft nicht unter die Räder gerät, aber auch ausländische Produkte für die Bürger erschwinglich bleiben. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Stabilität des Geldes im Hinblick auf die Inflation. In Japan lag die Teuerungsrate über 20 Jahre gerade mal bei 0,5 Prozent per annum. Aber aus dieser Argumentation könnte man auch schlussfolgern, dass es dann krachen wird, wenn auch nur einer der drei Faktor nicht mehr gegeben ist, insbesondere wenn die Inflation zu galoppieren beginnt. Inflation, das Thema der nächsten Jahre nach der epochalen Geldschwemme des Corona-Jahres 2020?

 

Der Nikkei in Japan mit zuletzt starker Entwicklung

weiterlesen

Indizes

Dax mit 40 Aktien – ist die Reform wirklich eine Wende?

33 Jahre nach Einführung des Dax 30 kommt im nächsten Jahr eine Reform – ändert sich dadurch seine Bedeutung in der weltweiten Börsenszene? Zweifel sind angebracht!

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

33 Jahre nach Einführung des Dax 30 kommt im nächsten Jahr eine Reform des deutschen Leitindex, unter anderem mit einer Erweiterung auf 40 Werte. Anstoß war der Skandal um Wirecard, seiner Insolvenz und seinem wochenlangen Verbleib im Index, weil es eben den Regeln so entsprach. Aber wird diese Indexaufstockung wirklich eine gravierende Änderung seiner Bedeutung in der großen Börsenszene einleiten? Zweifel sind angebracht, denn ein Alleinstellungsmerkmal des deutschen Index bleibt bestehen.

Dax 30, der Underperformer unter den großen Börsenindizes

Das Grundproblem unseres Leitindex ist zunächst einmal seine Grundkonstruktion. Es handelt sich bei ihm – im Gegensatz zu den anderen großen internationalen Indizes – um einen Performanceindex, bei dem die jährlichen Dividendenausschüttungen miteingerechnet werden. Der Dax steht in dieser Berechnung mit 13300 Punkten (Stand 26. November) weniger als vier Prozent unter seinem Allzeithoch vom Februar diesen Jahres. In einer Kalkulation als internationaler Kursindex (ohne Dividenden) liegt er mit 5751 Punkten, sogar noch fast 10 Prozent tiefer als bei seinem Hoch vom März 2000 mit 6266 Punkten. Der Dax hatte 15 Jahre gebraucht, bis er dieses Hoch wieder erreichen konnte (2015), seither rennt er immer wieder dagegen an.

Zum Vergleich der S&P 500: Jahreshoch des Jahres 2000 – 1527 Punkte, Jahreshoch 2020 – 3642 Punkte. Und dabei wurde sogar der Extremwert in der Internet-Bubble als Vergleich herangezogen.

Dax 30, das Leichtgewicht unter den Indizes

Das nächste Thema ist die Marktkapitalisierung des deutschen Leitindex. Mit seinen aktuellen 1,2 Billionen Euro Marktbewertung liegt er nur im Mittelfeld der großen Indizes, obwohl er eigentlich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt repräsentieren sollte. Zum Vergleich der S&P 500, der es umgerechnet bereits auf sagenhafte 27,2 Billionen Euro bringt, auch der japanische Nikkei 225 liegt im zweistelligen Billionenbereich.

Aber selbst kleinere europäischen Volkswirtschaften haben größere Marktkapitalisierungen. FTSE 100 (Großbritannien) 1,92 Billionen Euro, CAC 40 (Frankreich) 1,76 Billionen Euro, die erheblich kleinere Schweiz liegt mit ihrem SMI und 1,15 Billionen Marktkapitalisierung fast gleichauf.

Was bringt die Aufstockung auf 40 Titel?

Zuerst würde man sich den internationalen Indizes bei der Zahl der im Index gelisteten Aktien annähern. Nicht dem S&P mit seinen 500 Titeln, aber Großbritannien (100) und vor allem Frankreich (40). In der Marktkapitalisierung würde man aus jetziger Sicht auf gut 1,35 Billionen Euro steigen, wenn man potenzielle Aufsteiger aus dem MDax hinzu addiert. Die drei größten Titel aus der zweiten Reihe sind derzeit Airbus (25,4 Bio. €), Symrise (13,2 Bio. €) und Zalando (11,3 Bio. €), wobei beim marktschweren Flugzeugbauer schon wieder ein Fragezeichen steht, wegen seines ausländischen Firmensitzes.

Weitere Regeländerungen

Darüber wurde bei FMW schon berichtet deshalb nur kurz die Änderungen: Künftige Dax-Neulinge müssen vor ihrer Aufnahme einen operativen Gewinn in den zwei letzten Finanzberichten aufweisen. Neuaufnahmen wie die von Delivery Hero wären künftig nicht mehr möglich. Eine Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal ist, dass ab März 2021 Firmen nach einer 30-tägigen Warnfrist aus dem Index ausgeschlossen werden können, wenn sie ihre testierten Geschäftsberichte und vierteljährlichen Quartalsmitteilungen nicht fristgerecht veröffentlichen. Außerdem überprüft die deutsche Börse zweimal im Jahr die Aufstellung im Dax. Es geht dann um die Marktkapitalisierung der Unternehmen und nicht mehr um den Börsenumsatz. Der Nachweis einer Mindestliquidität wird ausreichen.

Fazit

Bei allen Bemühungen um eine Steigerung der Attraktivität des deutschen Leitindex bleibt das Grundproblem – die Akzeptanz der Aktie für die Kapitalanlage. Nur 15 Prozent der Deutschen besitzen direkt oder über Fonds Aktien, über 50 Prozent des Dax befinden sich in ausländischen Händen. Zum Vergleich: 2,4 Billionen Euro liegen in Deutschland auf unverzinslichen Konten, das Zweifache der Marktkapitalisierung des deutschen Leitindex. Was mit diesem Geld in Zukunft geschehen wird, in einer sich wahrscheinlich noch verstärkenden „finanziellen Repression“ (Inflation?) ist ziemlich absehbar. Ein Umdenken täte Not, etwas im Stile des norwegischen Staatsfonds.

An der Grundproblematik wird auch eine Erweiterung des DAX auf 40 Werte nichts ändern. Wie hatte Warren Buffett schon vor Jahren Kritikern der „gefährlichen“ Aktienanlage entgegnet: „„Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte, eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11497 Punkte.“

Was ändert sich durch die Reform des Dax?

weiterlesen

Finanznews

Aktienmärkte: Der Chart, der die Welt erklärt! Videoausblick

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Die Aktienmärkte gestern am US-Feiertag erwartungsgemäß uninspiriert – auch heute ist durch den verkürzten Handel in den USA am Black Friday nicht viel zu erwarten. Aber übergeordnet gilt: es gibt einen Chart, der die ganze (Wirtschafts-)Welt erklärt: dieser Chart zeigt, dass seit den 1980er-Jahren die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft! Und dieser Trend explodiert seit der Finanzkrise geradezu, die Coronakrise wiederum bringt dann die nächste Eskalationsstufe in Sachen Schulden und Geld drucken. Die Notenbanken versuchen mit ihrem Liquiditäts-Exzess diese Verschuldungs-Spirale und damit die Wohlstandsillusion am laufen zu halten – die Aktienmärkte und die Anleihemärkte spiegeln diesen Exzess geradezu beispielhaft wider!

Werbung: Traden Sie smart mit Capital.com: https://bit.ly/316AkWq

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage