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Ölpreis: Warum Öl 2020 so billig ist – eine Erklärung

Der Ölpreis ist 2020 ins Minus gestürzt. Was ist die Erklärung dafür? Wie ist die weitere Prognose und was sind die Folgen für uns? Eine Erklärung

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Der Ölpreis ist 2020 ins Minus gestürzt. Was ist die Erklärung dafür? Wie ist die weitere Prognose und was sind die Folgen für uns?

Stellt euch vor, ihr handelt mit Öl – einer Ware, die normalerweise heiß begehrt ist. Dann aber will plötzlich niemand mehr euer Öl haben. Stattdessen müsst ihr den Käufern sogar noch Geld bieten, damit sie euch das Zeug abnehmen. Am Montag, 20. April ist etwas passiert, das es so noch nie gab: Der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte WTI stürzte in den negativen Bereich. Das heißt: Wer ein Fass verkaufen wollte, bekam dafür kein Geld – sondern musste stattdessen dem Käufer etwas bezahlen.

Das klingt doch erst mal völlig verrückt oder? Ich meine: Öl – das schwarze Gold, der Motor der Weltwirtschaft! Wie kann so ein wichtiges Produkt einen negativen Preis haben? In meinem Youtube-Video zeige ich euch, was da passiert ist, welche Folgen das für uns in Deutschland hat – und warum vor allem die Amerikaner darunter leiden. Beginnen wir mit der wichtigsten Frage:

Ölpreis 2020: Was ist passiert? Eine Erklärung

Bevor wir starten ist eine Sache wichtig zu verstehen: Öl ist ein Rohstoff, also ein physisches Produkt – ähnlich wie Getreide. Solche Waren werden in riesigen Mengen gekauft – nicht von Privatleuten, sondern von Firmen. Es geht also niemand hin und sagt: „Guten Tag, ich möchte gerne heute ein Fass Rohöl kaufen.“

Stattdessen bestellen zum Beispiel Raffinierien zigtausend Fässer Rohöl, um daraus Treibstoff herzustellen. Um besser planen zu können, zahlen sie schon im Voraus einen festgelegten Preis für ihre Ware, die dann erst in einem bestimmten zukünftigen Monat geliefert wird. Passenderweise nennt man diese Art von Termingeschäft auf Englisch Future.
Auf der Webseite der amerikanischen Terminbörse Nymex kann man sich genau anschauen, was solche Futures für WTI Öl kosten. Am 24. April zum Beispiel hätte ich für ein Fass, das im Juni geliefert wird, knapp 18 Dollar zahlen müssen.

Der Ölpreis bei der CME

Was bedeuten negative Preise beim Öl?

Der ist entstanden, weil noch eine zweite Gruppe an solchen Öl Futures interessiert ist. Das besondere bei denen ist: Sie investieren zwar ihr Geld, wollen das eigentliche Produkt aber gar nicht haben. Stattdessen wetten sie darauf, dass der Preis steigen wird. Dann verkaufen sie ihr Öl Future weiter, bevor die Lieferung fällig wird – und machen damit Gewinn.
Diese Gruppe – nennen wir sie die Spekulanten – ist in den vergangenen Wochen immer größer geworden. Denn weil der Ölpreis wegen Corona so stark gefallen ist, haben sich immer mehr Investoren gedacht: Das ist meine Chance! Tiefer kann es nicht mehr gehen, ich steige jetzt in die Wette ein.

Am 20. April haben die ganzen Spekulanten dann hektisch versucht, ihre Öl Futures loszuwerden. Warum dieser Tag? Nur 24 Stunden später wäre ihr Termingeschäft ausgelaufen, und dann hätten sie das amerikanische WTI Öl tatsächlich im Mai in Empfang nehmen müssen – und zwar an der Lagerstätte im Bundesstaat Oklahoma. Bisher war es immer ganz einfach, in der Zeit kurz vor dem Stichtag die Öl Futures loszuwerden. Jetzt war das Problem aber: Niemand wollte sie kaufen, nicht einmal zu diesem bereits stark gefallenen Preis.

Normalerweise kaufen zum Beispiel Raffinerien oder Chemiefabriken solche Futures kurz vor dem Stichtag, um noch schnell Öl für den nächsten Monat zu besorgen. Aktuell brauchen sie aber gar keins. Und das Öl billig kaufen, um es dann zu bunkern, ist auch schwierig, weil die Lagerplätze für Öl immer knapper und damit teurer werden. Daher mussten am Ende die Verkäufer den Käufern sogar noch Geld dafür zahlen, dass sie ihnen das Öl für Mai endlich abnehmen. Und das ist bisher einmalig in der Geschichte. Die knapp 40 Dollar Negativpreis kann man also quasi als Kosten für die Lagerung interpretieren.

Ok, kurzes Zwischenfazit: Der Preis für das amerikanische Öl ist abgestürzt, weil die Nachfrage wegen Corona eingebrochen ist, gleichzeitig aber immer noch so viel produziert wird, dass die Lager immer voller werden. Und in den Minusbereich ging es an diesem einen Tag nur deshalb, weil die Termingeschäfte ausgelaufen sind – und damit plötzlich die Kosten für die Lagerung den Wert des Öls überstiegen haben. Kommen wir nun zur nächsten Frage.

Was bedeuten Ölpreise für Benzinpreise?

Bisher haben wir nur über das amerikanische Öl gesprochen. Dessen Preis spielt aber an deutschen Tankstellen gar keine Rolle. Unser Sprit ist aus einer anderen Ölsorte gemacht, nämlich Brent. Dieses Öl kommt im Gegensatz zum amerikanischen WTI nicht aus dem Boden in Texas, sondern aus der Nordsee.

In dieser historischen Aprilwoche ist der Preis für Brent nicht ins Minus gefallen, weil man dieses Öl direkt von der Bohrinsel auf Schiffe verladen kann, um es da zu lagern. Die Menge der Öltanker lässt sich noch erhöhen, während das amerikanische WTI Öl fast nur am Empfangsort in Oklahoma gelagert wird– und da sind die Kapazitäten fast erschöpft. Doch trotzdem gab es einen Preisschock.

Das ist die Entwicklung der Brent Futures mit Ausliegerung im Juni. Zum ersten Mal seit 18 Jahren fiel der Preis am 21. April unter die 20 Dollar-Marke. Auch hier zeigt sich also, dass die Nachfrage deutlich kleiner ist als das Angebot. Für uns an der Zapfsäule bedeutet das:

Tanken wird immer billiger! Der Preis für einen Liter Sprit ist so niedrig wie zuletzt im Jahr 2009.

Der Ölpreis fällt - auch die Preise an der Tankstelle

Diese Grafik vom ADAC zeigt sehr schön, wie es seit Ausbruch der Corona-Pandemie immer weiter runter ging. Bevor ihr jetzt aber jubelt und denkt, dass ihr bald Geld fürs Tanken bekommt – nein, einen negativen Spritpreis wird es niemals geben. Das liegt daran, dass ihr an der Zapfsäule nicht nur die Ölfirmen bezahlt, sondern auch den Staat. Mehr als die Hälfte eurer Tankrechnung besteht aus Steuern. Die Energiesteuer pro Liter ist vom Staat festgelegt, die müsst ihr also in jedem Fall bezahlen.

Nach dem Absturz beim Ölpreis - so setzen sich die Benzinpreise zusammen

Etwas billiger könnte der Spritpreis in den kommenden Wochen aber noch werden. Der Grund dafür: Obwohl die Nachfrage nach Öl wegen Corona schon seit Monaten weltweit einbricht, ist das Angebot fast gleich geblieben. Warum ist das so – und was bedeutet das für den Ölpreis in der Zukunft? Damit kommen wir zu Frage 3.

Ölpreis 2020: Wie ist die Prognose?

Beginnen wir auch hier wieder in Amerika: Seit zwei Jahren sind die USA das größte Ölförderland der Welt – vor Saudi-Arabien und Russland. Das Geheimnis hinter dem Erfolg heißt Fracking – und funktioniert so: Ölunternehmen bohren kilometertief liegende Gesteinsschichten an und pressen unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in die Bohrlöcher. Dadurch bricht das Gestein auf und gibt das im Boden befindliche Erdöl frei.

Diese Technologie ist noch relativ jung und die Firmen haben Milliarden investiert, um Anlagen und Pipelines zu bauen. Häufig ist das im wahrsten Sinne des Wortes auf Pump finanziert – also mit Krediten. Die müssen die Fracking Firmen ja weiterhin abbezahlen. Also fördern sie weiter das Öl und verkaufen es zur Not zu Dumpingpreisen – Hauptsache, es kommt Geld rein. Außerdem lässt sich die Produktion nicht einfach von heute auf morgen herunterfahren. Ist die Quelle einmal angebohrt, sprudelt das Öl – und so wird das schwarze Gold zur Ramschware.

Schauen wir jetzt auf die anderen beiden großen Ölstaaten: Russland und Saudi-Arabien. Das Land am Persischen Golf st Anführer der Opec, einer Organisation erdölexportierender Länder. US-Präsident Donald Trump persönlich hat sich vor Kurzem mit der Opec und Russland darauf geeingt, dass sie ihre Fördermenge senken. Wie immer hat sich Trump dafür tierisch abgefeiert. Great deal for all!

Das Problem ist aber: Diese Vereinbarung tritt erst ab Mai in Kraft. Und die vereinbarte Drosselung ist viel zu klein, es wird also trotzdem ein riesiges Überangebot bleiben – und damit den Preis unten halten. Die Rechnung ist einfach: Zusammen sollen die OPEC, Russland und US-Unternehmen ihre Öl-Produktion um rund zehn Millionen Fass pro Tag senken. Der globale Verbrauch aber ist drei Mal so stark eingebrochen! Der Deal ist also „too little too late“. Kommen wir nun zur vierten und letzten Frage.

Warum leiden vor allem die USA?

Das Fracking in den USA ist deutlich aufwendiger und damit teurer als die Ölförderung in Russland oder Saudi-Arabien. Dort lassen sich die billigen Ölpreise also länger durchhalten. Außerdem sind die Ölfirmen in staatlicher Hand und können damit schneller durch finanzielle Reserven unterstützt werden.

In den USA dagegen sind es private Unternehmer, die ins Ölgeschäft eingestiegen sind. Die brauchen aber einen deutlich höheren Ölpreis, um ihre Kosten decken zu können. Weil der Rohstoff aber an Wert verloren hat, machen immer mehr von ihnen Pleite. In den vergangenen 5 Jahren meldeten über 200 nordamerikanische Ölförderer Insolvenz an.

Der Absturz beim Ölpreis treibt Fracking-Unternehmen in die Pleite

Und allein im März gingen nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg mehr als 50.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Das könnte aber erst der Anfang sein – der Anfang eines Albtraums für Donald Trump. Denn mehrere Millionen Menschen sind in Amerikas Ölindustrie beschäftigt. Ihr Zusammenbruch würde ein Heer von Arbeitslosen hervorbringen, die sich bei der kommenden Präsidentschaftswahl im November gut überlegen werden, ob sie Trump wählen. Deshalb hat der US-Präsident jetzt reagiert:
Er werde die Industrie nicht hängen lassen, versprach er auf Twitter.

Aber was kann er tun, um die zwei größten Probleme zu lösen – die Überproduktion und den Lagerkollaps? Eine Möglichkeit wäre, hohe Gebühren für Ölimporte einzuführen – Strafzölle sind ja eine seiner Lieblingsmaßnahmen.

Außerdem überlegt die Regierung angeblich, Fracking-Firmen dafür zu bezahlen, das Öl im Boden zu lassen um so das Angebot zu senken und den Preis wieder steigen zu lassen.
Meine persönliche Meinung ist: Mag sein, dass solche Maßnahmen kurzfristig helfen, aber sie werden sehr teuer. Und die Nachfrage steigt damit ja trotzdem noch nicht, dafür müsste Trump die amerikanische Wirtschaft schnell wieder öffnen – und in Kauf nehmen, dass noch mehr Menschen an den Folgen des Coronavirus sterben. Der US-Präsident steckt also in einer Zwickmühle – und das könnte ihn am Ende sogar die Wiederwahl kosten.

Ich bin echt gespannt, wie es weitergeht, in jedem Fall wird uns das Thema Öl dieses Jahr noch viel beschäftigen. Wie ist denn eure Meinung zu der ganzen Sache? Welche Prognose habt ihr für den Ölpreis – und nutzt ihr jetzt vielleicht sogar die Chance, um auf steigende Preise zu spekulieren?

Auf jeden Fall schon mal vielen Dank fürs Zuschauen, ich hoffe, euch haben das Video und der Artikel gefallen! Wenn ihr meine Arbeit als unabhängiger Journalist unterstützen wollt, abonniert gerne meinen Kanal WasmitWirtschaft – und wir sehen uns beim nächsten Video wieder.

Euer Maximilian Nowroth.

Maximilian Nowroth ist Wirtschaftsjournalist und YouTuber. Der Düsseldorf hat mehr als 5 Jahre für das Handelsblatt gearbeitet, sein jüngstes Projekt war die Redaktionsleitung der jungen Marke Orange. Jetzt hat er sein eigenes Medium #WasmitWirtschaft gegründet, um wirtschaftliche Themen anschaulich und persönlich zu erklären. Ihr findet ihn auf YouTube und bei Instagram.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Marktbeobachter

    28. April 2020 17:50 at 17:50

    Ölpreisentwicklung, die Elfte!
    Oder frei nach Karl V.: Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Erinnerte auch stark an Schulunterricht.
    Dennoch sehr anschaulich.

  2. Avatar

    Sebastian Köhler

    29. April 2020 14:25 at 14:25

    Danke für die sehr gute Erklärung. Persönlich glaube ich an eine Mittel- bis Langfristige Preissteigerung, hängt aber alles davon ab wann vor allem die USA wieder zur Normalität zurückkehren kann. Ich werde die Tage aber erst mal noch meinen Öltank füllen, persönlich bin ich also über die niedrigen Preise von Heizöl und Benzin weniger traurig. Vor allem wegen der beiden durstigen 8 Zylinder in der Garage.

  3. Pingback: Akkuherstellung schlimmer als Erdölgewinnung — way to emobility

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US-Wahl: Noch drei Monate Unsicherheit – Wall Street hat Trump abgehakt

Auf eines können sich die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse lebenden US-Amerikaner und die Wallstreet weiterhin verlassen: auf die bei der US-Wahl im Schatten bleibende US-Notenbank Fed

Hannes Zipfel

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Nur etwas mehr als eine Woche dauert es bis zur US-Wahl, aber fast 90 Tage sind es noch, bis in den USA die Amtseinführung des neuen bzw. alten Präsidenten stattfindet. Bis dahin sind große Würfe im US-Kongress in Sachen Wirtschaftshilfen unwahrscheinlich. Können die Aktienmärkte ihren Optimismus auch gegen die ungewöhnliche Vielfalt an Unsicherheiten aufrechterhalten und ihre Kursniveaus verteidigen – oder droht ein neuer Crash?

US-Wahl der Extreme

Die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 finden in einer Zeit statt, in der die Finanzmärkte mit außergewöhnlichen Unsicherheiten konfrontiert sind. Diese begannen schon vor gut einem Jahr mit der Beinahe-Implosion des US-Repo-Marktes. Damals konnte nur durch Notfallmaßnahmen der US-Geldpolitik in Form von Interventionen am Geldmarkt und durch die zur Verfügung Stellung von internationalen US-Dollar-SWAP-Linien ein Kollaps des Bankensystems verhindert werden.

Ohne die anhaltende und im Zuge der Pandemie sogar noch drastisch ausgeweitete Notfallpolitik der US-Notenbank Fed wäre der Stress am Markt für US-Repo-Geschäfte wohl auch ein Thema bei der US-Wahl gewesen. Schließlich war es auch die hohe Neuverschuldung durch das US-Finanzministerium die zu der Liquiditätsaustrocknung am Markt für kurzlaufende US-Staatsanleihen führte. Dabei lautete eines der spektakulärsten Wahlversprechen von Donald J. Trump gegenüber The Washington Post im April 2016 die damals 19,3 Billionen US-Dollar hohen Bundesschulden im Falle seiner Wahl innerhalb von nur acht Jahren komplett zu tilgen. Auch ohne die Kosten der Corona-Pandemie war das utopisch und nichts weiter als billige Wahlkampfpropaganda. Die Schuldenuhr zeigt gemäß US-Finanzministerium zum 22. Oktober 2020 übrigens einen Stand von 27,1 Billionen US-Dollar an (Public Total Debt). Ein Anstieg um 7,3 Billionen US-Dollar bzw. 36 Prozent seit dem Amtsantritt von Präsident Trump im Januar 2017.

Weitere Unsicherheitsfaktoren für die zukünftige Wirtschafts- und Gewinnentwicklung in den USA sind neben der wieder stark an Dynamik gewinnenden Corona-Pandemie die Zerschlagungsbestrebungen von „Big Tech“, die nach wie vor prekäre Lage am US-Arbeitsmarkt mit über 30 Millionen Transferleistungsempfängern sowie saisonbereinigt rund 12,6 Millionen Arbeitslosen im September 2020.

Fast unbemerkt von den Devisenmärkten hat sich kurz vor der US-Wahl das Handelsbilanzdefizit der USA mit 67,1 Mrd. US-Dollar im August 2020 auf das höchste Niveau seit der Lehman-Krise im Jahr 2008 aufgebläht. Der Handelskrieg, nicht nur mit China, konnte diese Entwicklung nicht verhindern. Nach wie vor sind die USA in der Gesamtbetrachtung nicht in der Lage, in vielen Sektoren international wettbewerbsfähig zu sein (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die Herausforderungen, mit denen die USA in Friedenszeiten während dieser US-Wahl konfrontiert werden, sind einmalig. Dies gilt auch für den Amtsinhaber Donald J. Trump, der in vielen seiner Handlungen und Worte sehr unkonventionell und extrem anmutet. Man kann nur spekulieren, wie ein Präsident oder eine Präsidentin anderen Charakters eine solche Gemengelage meistern würde.

Der heimliche Präsident tritt bei der US-Wahl gar nicht an

In Kombination mit dem US-Staatsdefizit in Höhe von ca. 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ergibt sich mit dem Defizit im Außenhandel ein fatales Bild für die größte Volkswirtschaft der Welt. Das Mantra des stärksten und mächtigsten Landes der Welt ist nur noch eine hohle Phrase, basierend auf der Androhung von Waffengewalt und extraterritorialen Repressalien. Ob die Welt ohne diesen Status besser dastünde, ist seriös nicht prognostizierbar und auch nicht, wie lange diese Epoche der US-Dominanz noch währt.

Auf eines können sich die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse lebenden US-Amerikaner und die Wallstreet aber weiterhin verlassen: auf die bei der US-Wahl im Schatten bleibende US-Notenbank Fed, die beliebig viele Dollars zum Ausgleich des Zwillingsdefizits und zur Aufrechterhaltung der US-Wirtschaft erzeugen kann. Natürlich auch, um die Party im Börsensaal auf der Titanic in Schwung zu halten. Dem heimlichen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Jerome Hayden „Jay“ Powell und seinem Offenmarkt-Komitee sei Dank.

Die Bilanzsumme der US-Notenbank (Fed) hat nun kurz vor der US-Wahl mit einem Gesamtvolumen von 7,18 Billionen US-Dollar das absolut und in Relation zum jährlichen BIP höchste Niveau aller Zeiten erreicht. Dabei kann man den geldpolitischen Akteuren keine Parteinahme für den ein oder anderen Kandidaten im US-Wahlkampf unterstellen. Die Intention der anhaltenden Geldflutung des Finanzsystems ist schlicht und einfach, dessen Existenz weiterhin sicherzustellen. Gegen diese Zwangslage wird auch in Zukunft keiner der zur Wahl stehenden Kandidaten Politik betreiben können. Damit manifestiert sich die Rolle der zum Teil in privater Hand befindlichen Fed als Staat im Staate weiter und die Demokratie US-amerikanischer Prägung wird trotz Wahl endgültig zur Illusion.

Die Wallstreet hat Trump schon abgehakt

Die Finanzmärkte haben diesen Zusammenhang längst hergestellt, was auch erklärt, warum sich die Vermögenspreise trotz der Vielfalt extremer Unsicherheiten, inkl. dem Ausgang der US-Wahl, in luftigen Höhen bewegen. Besonders deutlich wird dies an der positiven Korrelation zwischen steigenden Umfragewerten für den Herausforderer Joseph Biden und der Zuversicht auf ein noch größeres, von der Fed finanziertes Stimulusprogramm. Für diese Aussicht ignoriert man sogar mögliche Steuererhöhungen für Einkommensmillionäre und Unternehmen im Falle eines Sieges der Demokraten bei der US-Wahl.

Aus Sicht vieler tief religiöser Trump-Wähler stellt sich ohnehin die Frage, warum man den exzentrischen Präsidenten nochmals wählen sollte? Schließlich hat er mit der Neubesetzung des obersten Gerichts und der größten Steuerreform der letzten 35 Jahre schon sehr viel erreicht. Wie viel mehr könnte er in einer zweiten Amtsperiode noch erreichen, was sein exzentrisches und volatiles Verhalten aus Sicht evangelikaler und katholischerer Wähler entschuldigt?

Die Zeitlücke nach der US-Wahl

Lediglich die zeitliche Verzögerung zwischen dem Wahltermin am 3. November und der Amtseinführung am 20. Januar könnte bei dieser US-Wahl ein besonderes Risiko darstellen. Die Zahlungen aus den Corona-Hilfspaketen gehen bereits seit August deutlich zurück, die zweite Welle der Pandemie schließt in den USA mit neuen Rekordansteckungen nahtlos an die erste Welle an. Wie lange wird es dauern, bis sich dies in der Konsumentenstimmung sowie den Konjunktur- und Unternehmenszahlen niederschlagen wird?

Ein nochmaliger Corona-Crash als erneute Einstiegsopportunität?

Im wahrscheinlichsten Fall wäre ein nochmaliger Rückschlag bei den Vermögenspreisen eine ebenso lohnenswerte Einstiegsmöglichkeit wie bereits während des Lockdown-Crashs im März dieses Jahres.

Man sollte also trotz aller Risiken nicht zu viele Chips vom Tisch nehmen, auch wenn die Gemengelage zur Vorsicht mahnt. Doch Fakt bleibt: Auf die Fed ist Verlass und deren Pulverkammern, bestehend aus ungedecktem digitalem FIAT-Geld, sind unlimitiert und können unabhängig von finanzpolitischen Entscheidungen des Kongresses die Unternehmen, die Verbraucher und die Finanzmärkte stützen.

Fazit und Ausblick

Mag man zu den US-Präsidentschaftskandidaten stehen, wie man will, für die Finanzmärkte spielt die Musik schon lange nicht mehr in der Pennsylvania Avenue 1600 in Washington (Weißes Haus), sondern Ecke Constitution Ave NW und 20th St. NW (Board of Governors of the Fed).
Besonders bei dieser US-Wahl spielen für Anleger starke Nerven und das Aushalten hoher Volatilität eine große Rolle. Ebenso wie ein gesunder Opportunismus. Dabei ist es für den Anlageerfolg unerheblich, welchen Kandidaten man persönlich präferiert oder ob man an dieses oder jenes glaubt oder nicht glaubt. Entscheidend ist das Verständnis für den Zusammenhang zwischen digitaler Notenpresse und Vermögenspreisen. Diese Konstante wird uns mit weiter zunehmender Bedeutung noch eine Weile erhalten bleiben.

Die US-Wahl bringt zunächst Unsicherheit, aber entscheidend für die Aktienmärkte ist die Fed

 

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US-Wahl: Wer liegt falsch? Marktgeflüster (Video)

Die US-Wahl rückt immer näher – und die verschiedenen Märkte senden unterschiedliche Signale! Wer hat Recht – und wer liegt daneben? Eine Analyse der Lage

Markus Fugmann

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Die US-Wahl rückt immer näher – und die verschiedenen Märkte senden unterschiedliche Signale! Das sind die Anleihemärkte, die mit steigenden Renditen von einem klaren Sieg von Joe Biden und den US-Demokraten ausgehen und daher mit einem großen Stimulus rechnen. Die Aktienmärkte dagegen scheinen noch unentschlossen und fokussieren sich auf das kurzfristige Geschehen, ergo die Hoffnung auf einen Stimulus noch vor der US-Wahl. Anders aber sieht es der Devisenmarkt: der US-Dollar bleibt robust, große Player haben ihre Wetten auf einen fallenden Dollar aufgelöst. Wenn aber der Dollar nicht schwächer wird heißt das, dass es den von den Anleihemärkten prognostizierten klaren Sieg der US-demokraten bei der US-Wahl nicht geben wird. Haben also die Devisenmärkte recht – oder doch die Anleihemärkte?

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Rüdiger Born: Gute Laune bei Dax und S&P 500 – Rücksetzer möglich?

Rüdiger Born

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