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Extreme Dürre Rhein-Schifffahrt trocknet aus – Versorgung der Industrie bedroht

Extreme Dürre in Europa: Der Pegelstand im Rhein ist gefährlich niedrig. Droht ein Kollaps der Versorgung mit Industrie-Rohstoffen?

Rohstofftransport für die Industrie über den Rhein

Eine anhaltende Dürreperiode in Europa lässt die Flüsse immer weiter austrocknen. Der Rhein, Europas wichtigste Wasserstraße, versorgt die deutsche Industrie mit dringend benötigten Rohstoffen. Europa ächzt bereits unter dem Gas- und Energiekrieg mit Russland, nun droht eine Klimakatastrophe die Lage noch dramatisch zu verschärfen. Die Dürreperiode erinnert an 2018, wo eine Unterbrechung der Wasserstraße Deutschlands Wirtschaftswachstum um 0,2 Prozentpunkte abschwächte. Aber diesmal ist die Lage weitaus angespannter als vor vier Jahren, denn der Energiekrieg mit Russland verschiebt Beschaffung und Versorgung mit Rohstoffen massiv. Droht ein Kollaps des Transportsystems und eine Verschärfung der landesweiten Energiekrise?

Der Kaub-Pegel ist für die Rhein-Schifffahrt besonders wichtig

Einer der wichtigsten Messpunkte für den Transport von Rohstoffen über den Rhein liegt bei Kaub, einer kleinen Uferstadt in Rheinland-Pfalz. Der Pegelstand dort, der Kaub-Pegel, ist auf 60 cm gesunken, und für das Wochenende wird ein Niveau von 47 cm vorausgesagt. Ab 40 cm ist der Rhein für die Binnenschifffahrt nicht mehr befahrbar. Ein nicht mehr schiffbarer Rhein würde sprichwörtlich den Warenfluss zum Erliegen bringen, von Benzin bis zu dringend benötigten Chemikalien für die Industrie. Erste Industriebetriebe melden bereits Probleme bei der Versorgung mit Industrie-Rohstoffen. Wie dramatisch die Lage am Rhein ist, zeigt dieser Tweet des Rohstoff- und Energieexperten Javier Blas.

Der Rhein – Europas und Deutschlands wichtigste Wasserstraße

Der Rhein schlängelt sich durch sechs europäische Länder und ist insgesamt 1.233 Km lang. Er wird grob in drei Flussabschnitte unterteilt. Der Oberrhein von Basel bis Bingen, von Bingen bis Bonn nennt man ihn den Mittelrhein und ab Bonn den Niederrhein. Er ist zwischen Rheinfelden bei Basel und der Nordsee auf einer Länge von 884 Km schiffbar und zählt zu den verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt. Die Bedeutung des Rheins für den Warentransport in Deutschland ist kaum zu überschätzen. Von insgesamt 4,568 Millionen Tonnen Fracht werden nur 4,1 Prozent über Land transportiert.

Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes veröffentlicht auf ihrer Website folgende Informationen zum Rhein: „Die wichtigsten Güterarten, die auf dem Niederrhein transportiert werden, sind Erze, Steine, Erden, Kohle, rohes Erdöl und Erdgas sowie Mineralölprodukte (z.B. Benzin, Diesel, Kerosin).“ Weiter heißt es in dem Bericht: „Am Niederrhein – dem am stärksten frequentierten Rheinabschnitt – wurden 2021 mit 138,1 Mio.t wieder mehr Gütertonnen als im Vorjahr bewegt. 2020 waren es 123,4 Mio. t. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von 11,9 Prozent.

Auch die Anzahl der Güterschiffe ist 2021 auf 107.712 angestiegen (2020: 102.555), eine Steigerung von 5 Prozent. Die Containertransporte stiegen um 1,3 Prozent von rd. 1,86 auf rd. 1,89 Mio. TEU.“ Zum Vergleich: Ein großes Rheinschiff, mit einer Länge von 110 m und einer Tragfähigkeit von bis zu 3.000 Tonnen, ersetzt 150 LKWs mit je 20 Tonnen Ladung. Am Oberrhein wurden 2021 mit 19,1 Mio. t um 13 Prozent mehr Gütertonnen als im Vorjahr (16,9 Mio. t) bewegt. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von 13 Prozent. Die Anzahl der Güterschiffe stieg um 11,8 Prozent von 21.121 auf 23.631 Einheiten. Die Containertransporte nahmen um 3,3 Prozent von rd. 251.000 auf rd. 259.300 TEU zu.“ Diese Zahlen belegen eindrucksvoll die Bedeutung des Rheins für die deutsche Industrie.

Rohstoff-Transport mit Rhein-Barken ab einem Pegelstand unter 40 cm unrentabel

Ab einem Pegelstand unter 40 cm wird es für den Frachttransport unrentabel. Die Frachtmenge ist zu gering, um profitabel zu arbeiten. Der niedrige Pegelstand beeinflusst bereits jetzt den Warentransport. Die Schweiz, die den Rhein nutzt, um Benzin zu importieren, musste bereits auf strategische Reserven zurückgreifen, um den landesweiten Bedarf zu decken. In Deutschland, der Tschechei und Österreich kommt es zu ersten Engpässen, weil die Raffinerien nicht genügend Rohöl erhalten.

Auswirkungen auf die Industrie – Transportkapazität und Frachtraten

Die Frachtpreise für die Rheinschifffahrt sind bereits völlig außer Kontrolle. Aktuell kostet es 200 Euro um eine Tonne Benzin nach Basel zu transportieren. Zum Vergleich: vor ein paar Monaten kostete die Tonne noch 25 Euro. EnBW AG, der drittgrößte Energieversorger Deutschlands nach Uniper und E.ON, äußerte sich in einer Pressemitteilung: „Kohletransporte sind aufgrund des niedrigen Wasserstandes bereits durch die Anzahl der verfügbaren Schiffe limitiert, und die, die eingesetzt werden, transportieren deutlich weniger Fracht. Die Frachtraten für den Transport für Kohle sind bereits gestiegen, das wiederum steigert die Betriebskosten für die Kohlekraftwerke.“

Dabei wird Kohle gerade jetzt gebraucht, da man damit Erdgas aus Russland ersetzen will. Vor allem, solange Russland am Gashahn dreht und Europa mit Lieferstopps droht. Der IMF (International Monetary Fund, Internationaler Währungsfonds) hatte in einer Analyse ermittelt, dass Deutschland im Falle eines Lieferstopps von russischem Erdgas rund 4,8 Prozent Wirtschaftsleistung riskiere.

Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen – Umschlaghafen für Rohstoffe

Einer Analyse der Deutschen Bank nach werden vom Umschlaghafen Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen aus 13,8 Prozent Kohle, Rohöl und Erdgas und 17,7 Prozent Mineralölprodukte über den Niederrhein nach Deutschland transportiert. Und ausgerechnet die Kohlekraftwerke haben laut eigenen Angaben Lagerbestände, die nur für eine Woche Betrieb bei voller Auslastung reichen. Uniper (UN01), der durch den Energiekrieg schwer betroffene größte deutsche Versorger, warnt heute in einer Meldung über „irregulären Betrieb“ für das Kraftwerk Staudinger 5 in Großkrotzenburg, ein mit Kohle betriebenes 510 Megawatt Kraftwerk. Der Lagerbestand an Kohle sei limitiert und eine Beschaffung aktuell nicht einfach, heißt es in der Meldung. Uniper erwartet eine Entspannung der Situation frühestens im September, kurz vor Beginn der kalten Jahreszeit. Insgesamt gibt es 130 Kohlekraftwerke in Deutschland, die auf eine konstante Versorgung mit Kohle angewiesen sind.

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Dürre-Periode in Europa hält vorerst an

Nicht nur der Rhein führt wenig Wasser, auch in Frankreich sind die Wasserstände viel zu niedrig und vermindern die Leistung der Kernkraftwerke, da nicht ausreichend Kühlwasser zur Verfügung steht. Der französische Versorger Electricite de France SA (EDF) gab in einer Mitteilung bekannt, dass durch die niedrigen Wasserstände der Flüsse Rhone und Garonne die angeschlossenen Kraftwerke in den nächsten Tagen weniger Energie produzieren werden. Man werde sich auf ein Minimum beschränken, um das Netz stabil zu halten.

Der Herbst steht bald vor der Tür. Die Dürre-Periode könnte nicht nur Europas wichtigste Wasserstraße austrocknen, sondern auch eine Bevorratung mit wichtigen Energie-Rohstoffe verhindern. Damit wäre Europa im Winter noch anfälliger für Energie-Sanktionen aus Russland. Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage und Woche lautet: Sonnig mit Temperaturen über 30 Grad.



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1 Kommentar

  1. Pingback: Wassermangel in Deutschland und die Folgen - Grün4Future

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