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"Geschenktes Geld" bei einigen Banken Türkei: Kreditzinsen sinken unter das Niveau der Einlagenzinsen

In der Türkei sind die Kreditzinsen unter das Niveau von Einlagenzinsen gefallen. Bloomberg erläutert diese kuriose Situation.

Wird ein Markt vom Staat künstlich verzerrt – aus welchen Gründen auch immer – gibt es zwangsläufig negative beziehungsweise merkwürdige Auswirkungen. In der Türkei steht die Geldpolitik der Zentralbank in Ankara seit geraumer Zeit unter starkem Einfluss von Präsident Erdogan. Die Inflation in der Türkei ist dramatisch angestiegen auf aktuell 84 Prozent. Eigentlich müsste die Zentralbank bei so einer immens hohen Inflationsrate den Leitzins kräftig anheben.

Aber da Präsident Erdogan bereits im Sommer forderte, der Leitzins müsse unter 10 Prozent sinken, tat die Zentralbank wie gefordert. Von Sommer bis November sank der Leitzins für die Türkei von 14 Prozent auf jetzt 9 Prozent. Damit gibt es von der Geldpolitik her derzeit kein abbremsendes Signal für die Inflation. Nun ist eine kuriose Situation entstanden. „Einige türkische Banken geben jetzt buchstäblich kostenlos Geld aus“, so schreibt es Bloomberg aktuell. Die Zinsen für Geschäftskredite in der Türkei sind zum ersten Mal seit 2019 unter die Zinssätze für Lira-Einlagen gefallen, da der weltweit aggressivste Lockerungszyklus und neue Vorschriften Kredite für Unternehmen billiger machen.

Zinsen für Kredite in der Türkei sinken unter das Nivea für Einlagen

Der gewichtete durchschnittliche Zinssatz für Geschäftskredite in der Türkei sinkt auf 14 %, und lag damit einen Prozentpunkt unter den Zinssätzen für Einlagen mit einer Laufzeit von einem Monat, wie aus den offiziellen Daten der ersten Dezemberwoche hervorgeht. FMW: Theoretisch würde dieses Szenario bedeuten: Man könnte einen Kredit aufnehmen, und das Geld gleich wieder als Bankeinlage anlegen, und einen Zinsgewinn einstreichen. Ein garantierter Gewinn für den Kunden, und ein garantierter Verlust für die Bank.

Kreditzinsen in der Türkei sinken unter das Niveau der Einlagenzinsen

Bloomberg schreibt weiter: Die Anomalie tritt auf, nachdem die türkische Zentralbank die Kreditkosten in diesem Jahr um 500 Basispunkte gesenkt hat, obwohl die Verbraucherinflation in der Spitze über 85 % lag. Zusätzliche Vorschriften zwangen die Kreditgeber, Unternehmen billigere Kredite zu gewähren, um bevorzugte Branchen im Vorfeld der für Präsident Recep Tayyip Erdogan entscheidenden Wahlen zu fördern.

Auf ihrer letzten Sitzung in diesem Jahr am Donnerstag wird die Zentralbank ihren Leitzins höchstwahrscheinlich bei 9 % belassen, nachdem sie im vergangenen Monat ausdrücklich erklärt hatte, dass sie ihren Lockerungszyklus nach vier Senkungsrunden beendet. Nur die Standard Charter Bank erwartet in einer Bloomberg-Umfrage eine Senkung um 100 Basispunkte.

Infolge der ultralockeren Geldpolitik der Zentralbank in Ankara und der ergänzenden Vorschriften sind die Kosten für Geschäftskredite in der Türkei nun schon 13 Wochen in Folge gesunken, und liegen sogar unter den Zinssätzen für Einlagen von einem Monat. Die Banken befinden sich in einer merkwürdigen Lage: Das Geld, das sie für die von ihnen verliehenen Gelder einnehmen, deckt nicht die Kosten für die Gewinnung der Ersparnisse der Verbraucher.

Cagdas Dogan, Forschungsdirektorin bei Tera Yatirim in Istanbul, sieht die durchschnittlichen Kosten für Geschäftskredite irgendwo bei 13,5 %. Bereinigt um die jährliche Verbraucherinflation von 84,4 % im letzten Monat entspricht dies einem Negativzins von mehr als 70 %.

Blick auf Einlagenzinsen

Im Gegensatz zu den Krediten stiegen die Einlagenzinsen in den letzten Wochen leicht an, da die Banken versuchen, mehr Lira-Spargelder anzuziehen, um die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen. Der gewichtete Durchschnittssatz für Einlagen mit einer Laufzeit von bis zu drei Monaten in der Türkei lag in der Woche vom 9. Dezember bei 22,5 % und damit auf dem höchsten Stand seit Juli 2019, so die jüngsten offiziellen Daten.

Die Aufsichtsbehörden haben die Banken im Oktober davor gewarnt, die Einlagenzinsen zu erhöhen, und das Unbehagen der Behörden könnte laut einem Bericht der Wirtschaftsexperten von Morgan Stanley vom 16. Dezember schließlich auf „weiche Obergrenzen“ für die Zinsen hinauslaufen. Der Politikmix der Türkei seit dem letzten Jahr, der von Erdogans Verbündeten als „Wirtschaftsmodell Türkei“ bezeichnet wird, zielt teilweise darauf ab, Ersparnisse von Dollar in Lira umzuschichten.

Den Daten der Bankenaufsicht zufolge machten Lira-Einlagen in der Türkei am 9. Dezember die Hälfte aller Ersparnisse im Bankensystem aus, während es zu Beginn des Jahres nur 35 % waren. „Der sich verschärfende Wettbewerb um Einlagen und der gleichzeitige Druck zur Senkung der Kreditzinsen ist ein giftiger Cocktail für die Entwicklung der Kernspreads der Banken im vierten Quartal und bis ins Jahr 2023“, sagte Tomasz Noetzel, Senior Banks Analyst bei Bloomberg Intelligence.

FMW/Bloomberg



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