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Brexit: Reisende soll man nicht aufhalten!

Redaktion

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am

FMW-Redaktion

Warum haben eigentlich alle Angst vor einem Brexit? Ist die EU eine Zwangsgemeinschaft? Oder sind nicht alle Mitglieder freiwillig eingetreten, und können daher auch freiwillig wieder austreten? Verliert die EU wirklich so sehr an Macht und Bedeutung ohne UK als Mitglied? Wo genau wäre denn nun das Problem? Es ist wohl eher ein gefühltes Problem als ein reales. Ohne London kann man in Brüssel endlich konstruktiv und ohne Bremsklotz arbeiten…

Brexit David Cameron
David Cameron. Foto: Downing Street / Licence

In Zahlen: In Großbritannien leben 60 Millionen Menschen, in der ganzen EU mit UK inkl. sind es bisher 508 Mio. Nach einem Brexit wären es also 448 Millionen Menschen. Von der Dimension her liegt man da immer noch 130 Mio Menschen „vor“ den USA, wenn es um die Wichtigkeit der EU im globalen Maßstab geht gemessen an der Bevölkerungszahl. Und was war eigentlich während der endlos langen Griechenland-Rettung? Wo war UK dort? Man ist zwar in der EU, aber nicht in der Eurozone, lehnte sich bequem zurück, war nicht Teil der Lösung, schaute interessiert zu und nörgelte kräftig von außen, was den anderen EU-Regierungschefs mehr als negativ aufstieß.

Machen wir uns doch alle bitte ehrlich. Als David Cameron am Freitag die Einigung mit seinen EU-Partnern verkündete, betonte er sofort es ginge für ihn um den bestmöglichen Deal für Großbritannien. Man selbst müsse bestmöglich dastehen usw usw usw. Von der EU als Gemeinschaftsgebilde oder davon, dass alle Briten Teil einer größeren Gemeinschaft sind o.ä., war nicht mit einem Wort die Rede. Das war es in all den Jahren vorher auch noch nie, egal wer in London regiert hat. Es ging immer nur darum, dass man in Brüssel mitreden kann. Es ging letztlich darum blockieren zu können, beeinflussen zu können, in seinem Sinne, aber nie im Sinne der EU selbst oder eines gemeinsamen Integrationsprozesses. Heimlich werden wohl viele Sektkorken in Brüssel, Paris und Berlin knallen, wenn der ewige Blockierer aus London endlich weg ist.

Was hat David Cameron am Freitag in Brüssel erreicht? Sozialleistungen für EU-Ausländer gibt es erst nach vier Jahren. Auch wichtig: Beim Kindergeld für in UK arbeitende EU-Bürger gilt in Zukunft der Kindergeldsatz des Heimatlandes, wenn die Kinder dort leben. Das trifft gerade auf viele Osteuropäer zu, die Saisonarbeiter auf der Insel sind. Und für Cameron sehr wichtig: Die Finanzindustrie in UK wird von Großbrtiannien selbst kontrolliert, nicht durch die neue EU-Bankenaufsicht. Also wird weiterhin „nicht so genau hingeschaut“. Und man werde nicht gezwungen an einer weiteren politischen Integration in der EU teilzunehmen, so fassen wir es zusammen. Also ganz klar: UK geht es wie schon der Vergangenheit nicht darum ein konstruktiver Teil der EU zu sein – man will in Brüssel nur mit anwesend sein um notfalls etwas blockieren zu können, was einem nicht in den Kram passt. Braucht die EU so ein Mitglied wirklich?

Auch am Wochenende gab David Cameron das Abstimmungsdatum für einen möglichen Brexit bekannt, den 23. Juni. Also geht alles viel schneller als gedacht. Jetzt gibt´s vier Monate knüppelharten Wahlkampf. Die Brexit-Befürworter haben viele Argumente auf ihrer Seite. Man muss endlich nicht mehr wg. jeder Kleinigkeit in Brüssel um Erlaubnis fragen, kann eigenständig Wirtschaftspolitik betreiben, sämtliche EU-Regularien fallen auf einen Schlag weg. Man ist frei, was für ein tolles Gefühl. Aber man ist eben auch ganz alleine, klein, und unbedeutend im internationalen Maßstab. Wird ein chinesischer Präsident es noch für nötig erachten einen britischen Premier zu besuchen? Dann doch lieber nach Brüssel, Paris und Berlin fliegen. UK wird sich den USA als seinen alten Partner zuwenden. Da wird man langfristig aber wohl noch viel stärker unter die Pantoffeln geraten als durch die EU.

Großbritanniens Finanzindustrie, versammelt im Londonder Innenstadtdistrikt „City of London“, dürfte bei einem Brexit wohl Geschäft verlieren, vor allem nach Dublin, weil es ja räumlich und sprachlich die geringste Veränderung für die Banker wäre und Irland ja in der EU ist. Frankfurt und Paris könnten evtl. auch ein wenig profitieren, denn Banken, Konzerne, Verbände etc entscheiden sich letztlich immer für den größeren Markt. Wie stark UK im Finanzbereich bei einem Brexit wirklich verlieren würde, hängt davon ab, wie strikt die Trennung wäre. Würde man sich zwischen Brüssel und London auf eine Art enge Partnerschaft einigen, mit Zollfreiheit (wahrscheinlich) und freizügigem Verkehr im Finanzbereich? Letzteres wohl kaum. Ohne London kann man endlich einen richtigen gemeinsamen Binnenmarkt für den Banken- und Finanzbereich schaffen! London war in dem Bereich immer der größte Bremsklotz, weil man einen möglichst deregulierten Finanzplatz haben wollte – der zieht wie ein Staubsauger Geschäft aus dem Rest der EU an. Warum sollte Brüssel diesen Staubsaugereffekt zulassen, wenn UK nicht mehr Mitglied in der EU ist?

London´s Bürgermeister Boris Johnson, der auf der Insel eine ziemlich prominente und beliebte Erscheinung ist, meldete sich gestern zu Wort mit der Verkündung er schlage sich jetzt auf die Seite der Brexit-Befürworter. Am Wochenende war zu sehen, wie sich Mitglieder von David Cameron´s Partei (auch hochrangige) ans Telefon klemmten und für die Brexit-Kampagne das Telefonbuch abtelefonierten. Selbst Cameron´s eigener Justizminister Michael Gove ist Brexit-Befürworter. UK sei außerhalb der EU freier, fairer und besser dran, sagte er. Die Reaktion der Brexit-Befürworter auf Cameron´s Deal in Brüssel war genau so zu erwarten: „Eh viel zu wenig, da hat er viel zu wenig für uns rausgeholt“. Zitat von den strammen EU-Gegner von UKIP: „wahrhaft erbärmlich dieser Kompromiss mit Brüssel.“ Das war doch klar, die Brexit-Befürworter wollen raus aus der EU, egal was für ein Deal da verhandelt wurde. Es hätte sonst was drinstehen können, es hätte sie nicht interessiert.

Es geht um das Gefühl alleine über sein Schicksal entscheiden zu können, nicht von einer „weit entfernten Macht“ fremdgesteuert zu werden. Warum versucht man die Briten, wenn sie denn für den Brexit stimmen, so krampfhaft in der EU zu halten? Reisende soll man nicht aufhalten, heißt ein einfacher und kluger Spruch. Würde UK in der EU bleiben, wäre es mehr denn je ein Blockierer für alle Bereiche. Außerdem: Was soll nach diesem Deal andere EU-Mitglieder daran hindern ähnliche Ausnahmen bei Sozialleistungen für ihre EU-Ausländer einzuführen? Nichts. Auch für anderen Bereiche dürften die Wünsche nach Extrawürsten zunehmen.

Kurzfristig dürfte durch einen Brexit für den Londoner Finanzsektor vielleicht eine große Erleichterung herrschen. Endlich keine EU-Auflagen mehr, endlich wieder machen was man will, so wie früher. Langfristig dürfte der Sog internationaler Konzerne aber Richtung Dublin, Paris und Frankfurt gehen. Und was wird mit dem britischen Pfund? Wird es beim Brexit ab- oder aufwerten? Möglich, dass es zunächst im Rahmen einer Euphorie-Welle leicht aufwertet, dann aber langfristig nach und nach abwertet, weil man eben draußen ist und nichts mehr zu melden hat auf dem Festland. Die Wirtschaft ist auch draußen, sie muss Zölle befürchten, und auch die Abwanderung internationaler Konzerne aufs Festland, die sich halt tendenziell immer für den größeren Markt entscheiden.

Und aktuell? Der Kurs von Euro vs Pfund machte Freitag Abend schon mal einen Sprung nach oben, heute früh erneut (Pfund-Abwertung). Das ist natürlich nur eine erste kleine Reaktion.

EURGBP

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    GN

    22. Februar 2016 11:13 at 11:13

    ….ein absolut passender Titel!!!!

  2. Avatar

    Demokrat

    22. Februar 2016 11:55 at 11:55

    Blockade Politik der Briten ja, stimmt…hatte auch seinen Grund gehabt… Brexit.
    EU-Schulden-Titanic hat schon so viele Eisberg-Schlaglöcher bekommen, dass eine Rettung mittlerweile unmöglich geworden ist. Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und vor kurzem Schäubles-Warnung über Deutschland. Nun kommt auch noch die Flüchtlingskrise dazu. In der Geschichte haben sich die Briten immer schön aus der Affäre gezogen und waren meistens die Nutznießer im europäischen Macht-Machenschaften. Die Zeche hat zuletzt immer Deutschland bezahlt, nicht einmal sondern gleich zweimal. Diesmal wird es wieder Deutschland sein, weil bei anderen nichts zu holen gibt! Deshalb verlassen jetzt schon „die ersten Ratten das sinkende Schiff“…Nach Brexit wird es keine 2 Jahre dauern und die EU wird nicht mehr in der jetzigen Form geben!

    • Avatar

      sabine

      22. Februar 2016 20:23 at 20:23

      „Es geht um das Gefühl, alleine über sein Schicksal entscheiden zu können, nicht von einer „weit entfernten Macht“ fremdgesteuert zu werden.“ „Wird es beim Brexit ab- oder aufwerten? Möglich, dass es zunächst im Rahmen einer Euphorie-Welle leicht aufwertet, dann aber langfristig nach und nach abwertet, weil man eben draußen ist und nichts mehr zu melden hat auf dem Festland.“

      So ein dummer Schwachsinn. Immerhin, politisch korrekt. So hat es bei DWN auch angefangen. „Diese (Sch….-) EU sei alternativlos. Alle, die sie verlassen, gehen wirtschaftlich unter, haben nix mehr zu melden.“ Denselben Sch… haben sie bei Irland, Schottland, der Schweiz und Österreich auch gesagt. Und wie ist die Wahrheit? Ganz woanders. Diese Kriege, dieses falsche Helfen maroder Banken und Staaten, es ist nur eine Umverteilung von den Staaten nach Brüssel, zu Weltbanken und zu Geo’s („Weltfirmen“mit Steueroasen wie Luxemburg“… TTIP…) Die EU kann „Steuern“ noch viel besser verprassen, als einzelne Staaten.
      http://www.krone.at/Welt/EU-Beamte_waren_2014_mehr_als_450.000_Tage_krank-Kontrollbericht-Story-494929
      Hier mal der Monats-Lohn der königlich-brüsselschen Beamten:
      Abgeordnete: …7.956,87 + allg.Kostenverg.4299,00(steuerfrei) + Taggeld 304,00 + Residenzzuschlag 15 % vom Grundgehalt + Aufwandsentschädig ca. 607 + Kindergeld 300 + 21.209,00 fuer eigene Mitarbeiter + mehr als 10 Wochen Urlaub..rueckwirkend im Juni 2015 Erhöhung um 2,5 % usw.

      Wenn man übrigens googelt, wieviele EU-Beamte es gibt, findet man nichts. ICh habe 1 Stunde gesucht, ohne Erfolg. Perfekte Geheimhaltung. Aus 2013 gibt es eine Zahl: 46.000 Beamte. Dann gibts diese 450.000 Tage krank, daß hieße 15 Tage pro Nase, sind also 30.000 Beamte 2014. Glaubt ich nicht. Ist ja auch von der Lügenpresse, Zahlen „geschönt“.

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    centime

    22. Februar 2016 16:27 at 16:27

    Probieren wir es doch mal ohne die Insel …

  4. Avatar

    Benedikt

    22. Februar 2016 19:58 at 19:58

    In 2011 gab es zu einen Zeitpunkt für einen 1€ nur 0,90 Pfund. Die Briten haben ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit, dass durch ständig sehr hohe Kapitalimporte ausgeglichen werden muss um das Pfund stabil zu halten! Das Kapital wurde u.a. aus den Ölförderländer oder China importiert, die alle in der Krise sich derzeit befinden und ihrerseits eigentlich Kapital zurück holen müssen. Das könnte auch der Grund sein.

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    Steven

    22. Februar 2016 21:24 at 21:24

    Selten so einen falschen Artikel bei FMW gelesen .

    Sektkorken in Brüssel Berlin und Paris ?

    Warum hat man denn dann solche Zugeständnisse gemacht ? Weil man die Briten drin halten will !

    Natürlich nicht weil man sie brauch .
    ABER
    Ganz richtig :“alle EU regeln fallen sofort weg“ heisst zu deutsch UK würde erblühen wenn diese last abfällt .

    Und natürlich würden alle anderen nettoeinzahler das sehen und auch wollen !
    Holland , DK …ect.
    NIEMAND brauch Gurkenkrümmungsregel oder Traktorsitznormen .

    Die EU würde zerbröseln …und das wird sie .
    Mit brexit schneller , ohne etwas langsamer.

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Aktienmärkte: Die Jungen entdecken die Aktie – und zocken

Ist die Hinwendung vor allem der jüngeren Generation zum Anlagevehikel Aktie ein Trend – oder eher ein Warnzeichen für die Aktienmärkte?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Die Aktienmärkte haussieren, und das bleibt nicht ohne Folgen. Das Corona-Jahr 2020 mit Covid-19 hat viele Veränderungen ins Alltagsleben der Menschen gebracht. Zwangsläufig mit vielen Aktivitäten, die mit „Home“ beginnen. Auch hatte mancher Zwangsaufenthalt in den vier eigenen Wänden dafür gesorgt, dass viele und vor allem junge Privatanleger den Weg an die Aktienmärkte fanden. Angelockt durch zahlreiche Erfolgsmeldungen über die sozialen Medien, vermutlich initiiert durch die RobinHooder aus den USA. Ein Trend, der von Dauer ist?

Aktienmärkte: Corona und der Anstieg der Zahl der Aktionäre

Die Internetblase im Jahr 2000 und der folgende Jahrhunderteinbruch des Dax (- 72 Prozent) haben lange Jahre Spuren hinterlassen. Während es nach den Daten des Deutschen Aktieninstituts im Jahre 2001 noch 12,85 Millionen Aktionäre in Deutschland gab, pendelte der Wert seit Jahren nur noch an der 10-Millionen-Marke. 2019 war die Zahl der Anleger noch einmal zurückgegangen, 9,7 Millionen direkte Aktionäre in Deutschland.

Jetzt kam die Coronakrise, die einen Boom beim Aktienhandel durch die Privatanleger ausgelöst hat. „Retail Bros“, oder Handelsbrüder, hat die englische „Financial Times“ die neuen Anleger genannt. Seit Längerem gibt es eine „Crypto Bros“, das Pendant mit Kryptowährungen.

Der Trend, der aus den USA herüberschwappt

Der Name ist in der Finanzberichterstattung in aller Munde: Robinhood, ein ehemaliges Start-up aus Kalifornien, welches in den vergangenen Monaten einen Boom verstärkt hat. Der Broker hat bereits über 13 Millionen Kunden, von denen drei Millionen allein seit Anfang des Jahres bis Herbst dazu kamen. Bemerkenswert: Die Hälfte der neuen Kunden sind Aktienneulinge. Star der Szene ist David Portnoy, Inhaber des Sport-Blogs Barstool Sports, der mit seinen superoptimistischen Börsentweets (Aktien und Aktienmärkte würden immer steigen etc.) eine ganze Community antreibt. Hinzu kommt die Entwicklung zum nahezu kostenlosen Börsenhandel, durch E-Trade und Schwab weiter vorangetrieben. So haben manche Arbeitslose ihre 600 Dollar-Wochen-Schecks zum Zocken eingesetzt.

Der Anstieg der Online-Depots in Deutschland

Eine Studie von Comdirekt, Consorsbank und ING zeigte eine deutliche Zunahme der Zahl der Aktionäre unter 25 Jahren. Viele junge handeln auch auf Plattformen wie dem Handybroker Trade Republic. Kaufgebühren von einem Euro pro Trade oder gebührenfreie Sparpläne haben schon zu sechsstelligen Kundenzahlen geführt.

Auch die klassischen Onlinebroker profitieren davon. Konkret wurde die Comdirect, die mit 232.000 neuen Kunden innerhalb der ersten neun Monate vom größten Depot-Wachstum seit 20 Jahren spricht.

Der Vormarsch der Jungen

Wie bereits erwähnt, sind es vor allem die ganz jungen deren Interesse für die Aktienmärkte gewachsen ist, wie die Studie aufzeigt. Nach 26 Prozent, der unter 25-jährigen, die im vergangenen Jahr die Aktienanlage nutzen, sind es derzeit bereits 39 Prozent. Die Steigerung gegenüber 2017 beträgt sogar 22 Prozent. Aber auch bis zur Generation Ü 50 hat sich die Zahl der Aktionäre gesteigert. Was die Börsenplätze sicherlich erfreut, dürfte nicht unbedingt für die herkömmlichen Geschäftsbanken gelten. Denn der Drang zu Online- und Discountbrokern ist unübersehbar.

Ein schnelles Hin und Her

Noch etwas zeichnet die neue Generation Börsianer aus. Die Haltedauer von Aktien ist so kurz wie nie. In den USA lag diese im Sommer diesen Jahres gerade noch bei circa fünfeinhalb Monaten, im letzten Jahr hatte sie noch achteinhalb Monate betragen. Ein Trend, der schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist. Aus Daten der New Yorker Börse zeigt sich, dass man vor dem Jahrhundertwechsel Aktien noch durchschnittlich 14 Monate im Depot vor einer Umschichtung beließ. Die Ausnahme:

Nach der Finanzkrise von 2008 wurde das bisherige Haltetief von sechs Monaten erreicht. Krisen beschleunigen anscheinend das Handeln von Wertpapieren.

Wie könnte es anders sein: Auch in Europa ist die gleiche Aktientendenz zu beobachten. Hier ging den Erhebungen zufolge die Haltedauer von Aktien von sieben Monaten zum Jahresende 2019 sogar auf weniger als fünf Monate zurück.

Kein Vergleich mit dem Verhalten des Langfristinvestors Warren Buffett, der seinen Titeln bisher im Schnitt 11 Jahre die Treue hält, auch folgt ein Teil der jungen Generation nicht dem Rat der ungarischen Börsenlegende Kostolany: „Aktien kaufen und dann schlafenlegen.“

Allerdings gibt es heutzutage auch den großen Trend zu langfristigen Sparplänen, monatliche Einzahlungen kleinerer Investmentsummen für die Altersvorsorge. Beides wurde möglich durch eine ganz andere Gebührenstruktur. Zocken zum Nulltarif, nicht nur bei Aktien und Optionen, selbst bei Staatsanleihen oder Junk-Bonds hat sich die Umlaufgeschwindigkeit der Papiere deutlich erhöht.

Wird das eine erhöhte Rendite bringen? Vielleicht kurzfristig im besonderen Jahr 2020. Ältere Börsenexperten sind davon überzeugt, dass die Masse der Anleger durch das Hin und Her auf keine durchschnittliche Rendite von acht Prozent pro Jahr kommen wird. Das Ergebnis sollte Volatilität sein, also ein größeres Auf und Ab in den Märkten mit Vielen, die teuer kaufen und dann billig wieder aussteigen.

Fazit

Ist es ein Trend in Deutschland, die Hinwendung vor allem der jüngeren Generation zum Anlagevehikel Aktie, oder eher ein Warnzeichen für die Aktienmärkte mit dem Vergleich zur Internetblase des Jahres 2000? Damals gab es es Tausende von neuen und noch unerfahrenen Daytradern, die glaubten mit dem raschen Handel reich werden zu können. Das Ergebnis ist bekannt. Es gibt aber einen großen Unterschied zur Gegenwart. Damals warf eine 10-jährige Bundesanleihe fast noch das ganzen Jahr über Renditen von über fünf Prozent ab, selbst Lebensversicherungen waren noch attraktiv. Anders die Gegenwart. Wie soll langfristig ein Kapitalstock aufgebaut werden in dem jetzigen Zinsumfeld? Bei einem vermutlich noch länger anhaltenden Zustand der finanziellen Repression. Selbst wenn die Zinsen über die 0-Prozent-Marke stiegen, wäre dies wahrscheinlich einer gestiegenen Teuerungsrate geschuldet.

Es ist also mehr als notwendig, sich mit dem Kapitalmarkt zu beschäftigen, nicht so sehr mit Hebelprodukten auf Tesla oder FANGMAN-Aktien, sondern eher mit langweiligen Sparplänen. Nach dem wundersamen Jahr 2020 mit den vielen Home-Aktivitäten (Home Office, Home Schooling, Home Shopping, Home Banking) sollte es beim aggressiven Home Trading der RobinHoodies zunächst einmal einen schmerzhaften Ausleseprozess geben.

Die Jungen entdecken die Aktienmärkte

 

 

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Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und unsere Zukunft!

Markus Fugmann

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„Wir gehen in die zweite ganz große industrielle Revolution hinein!“, sagt der Philosoph Richard David Precht. Damit stehen wir vor einscheidenden Veränderungen nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Gesellschaft. Die erste industrielle Revolution beendete die Herrschaft des Adels und der Kirche – die derzeit ablaufende zweite Revolution durch künstliche Intelligenz verändert vor allem die Arbeitswelt und damit die Produktionsverhältnisse grundlegend. Nun versuchen uns Ökonomen stets zu versichern: kein Problem, es fallen zwar viele Jobs weg, aber es würden eben auch viele neuartige Jobs geschaffen werden. Das ist eine schöne Perspektive, sie hat aber leider einen kleinen Makel: sie stimmt nicht, sagt Richard David Precht zur sogenannten „Kompensations-Theorie“.

Die Menscheit jedenfalls ist durch diesen Wandel überfordert, der Boden, auf dem wir stehen, wackelt erheblich – und so entsteht zunächst einmal die Sehnsucht danach, die gute alte Welt mit ihren Werten wiederzubeleben. Ausdruck dieses Versuchs sind etwa Trumpin den USA oder die AfD in Deutschland. Aber einer der einschneidenden Änderungen im politischen Bereich wird sein, dass die Parteien, die mit der ersten industriellen Revolution entstanden und aufgestiegen waren, unter gehen werden.

Richard David Precht über schwache KI und starke KI

Richard David Precht unterscheidet zwischen schwacher und starker künstlicher Intelligenz – und führt Beispiele an, worin sich diese beiden unterscheiden. Was bedeutet das aber für uns praktisch? Wird vor allem durch „starke“ KI, also einer KI, die tiefgehende Lernprozesse leisten kann, etwa der Niedriglohn-Sektor wegfallen? Eher nicht – denn je mehr Menschen in bestimmten Bereichen verdienen, umso interessanter wird der Einsatz einer starken KI zur Kosten-Ersparnis, während sich der Einsatz im Niedriglohnsektor gar nicht lohnen würde.

Was bleibt, was wird untergehen – und welche Bereiche werden sich durchsetzen? Es werde derjenige technische Fortschritt kommen, der gesellschaftlich akzeptiert wird, dazu ein Bedürfnis befriedigt und sich gleichzeitig zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell machen läßt, sagt Richard David Precht. Folgender Vortrag des Philosophen ist ein „must see“!

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

Der Philosoph Richard David Precht über Künstliche Intelligenz

Richard David Precht

Von Foto: © JCS‘, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62733272

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Arbeitsmarkt positiv gestimmt? Mehr neue Jobs bei IT als Entlassungen in der Gastronomie?

Claudio Kummerfeld

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Laptop mit Aufklebern

Kann das wirklich sein? Ist es das vorgezogene Weihnachtswunder am deutschen Arbeitsmarkt, mitten im zweiten Lockdown? Wenn man ein Wirtschaftsforschungsinstitut für verlässlich und seriös hält, dann doch in erster Linie das ifo-Institut! Und man möchte den Forschern bei ifo wirklich nichts Böses unterstellen. Aber ist es wirklich realistisch, dass die Stimmung am deutschen Arbeitsmarkt derzeit sogar besser wird, weil die IT-Dienstleister mehr neue Stellen schaffen wollen, als gleichzeitig in Restaurants, Bars, Hotels, Reisebüros etc verloren gehen?

Kann man sich das vorstellen? Gibt es überhaupt zehntausende oder hunderttausende neue IT-Experten in Deutschland, die auch so viele neue Stellen besetzen können? Ist die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen wirklich so stark gestiegen in den letzten Wochen? Klar, dank Corona verlagert sich sehr viel des Geschäftslebens ins Internet. Aber wirklich, nochmal mit gesundem Menschenverstand nachgedacht: Können diese neuen Jobs hunderttausende Jobs ersetzen, die bei Gastro und Co verloren gehen? Es fällt wirklich schwer das zu glauben.

Aber das ifo-Institut hat sich das nicht ausgedacht. Nein, man macht für sein Beschäftigungsbarometer Umfragen bei ca 9.500 Unternehmen. Sie werden gebeten ihre Beschäftigtenplanungen für die nächsten drei Monate mitzuteilen. Also, kann das wirklich sein? Die IT fängt den Arbeitsmarkt auf in dieser Krise? Hier die Aussagen vom ifo-Institut im Wortlaut:

Etwas mehr deutsche Unternehmen als im Oktober denken über Neueinstellungen nach. Das ifo Beschäftigungsbarometer ist im November auf 96,7 Punkte gestiegen, von 96,4 Punkten im Oktober. Die zweite Welle hat vorerst keine größeren negativen Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Die Entwicklung ist jedoch über die Branchen hinweg sehr heterogen.

In der Industrie ist das ifo-Barometer leicht gestiegen. Jedoch ist die Zahl der Unternehmen mit Entlassungsplänen weiterhin größer als die jener, die mit steigenden Mitarbeiterzahlen rechnen. Die Dienstleister planen eher Mitarbeiter einzustellen. Getragen wird die Entwicklung vor allem von den IT-Dienstleistern. In der Reisebranche und dem Gastgewerbe dagegen sind Entlassungen nicht zu vermeiden. Im Handel hat das Barometer leicht nachgegeben. Dort planen die Firmen derzeit mit konstanten Mitarbeiterzahlen. Die Bauindustrie sucht weiter neue Mitarbeiter, um ihre aktuellen Aufträge abarbeiten zu können.

Hier die vier Einzelsektoren mit einzelnem Chart:

Grafiken zeigen Beschäftigungsbarometer für den deutschen Arbeitsmarkt

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