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Aktienmärkte: Schon Crack-up-Boom oder noch Hoffnungs-Rallye?

Von den Verlusten im Zuge des Corona-Crashs konnten die Aktienmärkte die Hälfte schon wieder aufholen. Die von der Fiskal- und Geldpolitik abgefeuerten „Bazookas“ haben ihre Wirkung an den Börsen nicht verfehlt. Doch wie groß ist der Anteil der Hoffnung auf eine zügige wirtschaftliche Erholung an dieser Hausse?

Aktienmärkte verlassen das Bärenmarkt-Territorium – aber für wie lange?

Die Eine-Million-Dollar-Fragen für Aktieninvestoren lauten momentan: Handelt es sich bei der dynamischen Kurserholung nur um eine Bärenmarkt-Rallye, die im Zuge schlechter Unternehmens- und Konjunkturdaten wieder in sich zusammenfällt? Oder ist dies bereits der Beginn einer neuen, zins- und liquiditätsgetriebenen Hausse? Soll ich jetzt investieren bzw. investiert bleiben oder die Erholung zum Ausstieg nutzen, weil das dicke Ende erst noch kommt?

Per Definition haben große Aktienindizes wie der S&P 500 oder der MSCI World das Bärenmarkt-Territorium bereits wieder verlassen, da sie von der Spitze im Februar aus gerechnet aktuell weniger als 20 Prozent im Minus notieren. Beim deutschen Leitindex DAX ist dies mit einem Verlust von 22,5 Prozent noch nicht ganz der Fall. Dennoch konnten auch die deutschen „Blue Chips“ fast 50 Prozent der vorherigen Verluste bereits wieder wettmachen.

Aber reichen diese willkürlich festgelegten prozentualen Schwellenwerte in Anbetracht einer völlig neuen Art von Krise aus, um Investitionsentscheidungen zu treffen?

Noch sind die harten Daten aus den Unternehmen und von der Konjunkturfront rar, die ein klares Bild von der Lage zeichnen könnten. Selbst der heute zur Veröffentlichung anstehende „World Economic Outlook“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte da nicht sehr hilfreich sein. Die Direktorin Kristalina Georgiewa warnt zwar bereits, dass wir uns schon jetzt in einer Weltrezession befinden, das Ausmaß der Krise ist jedoch noch nicht ansatzweise bezifferbar. Damit bleiben viele Unsicherheiten.

Dennoch ist es auffällig, wie intensiv gerade in US-Börsenmedien die Lage für die Aktienmärkte schöngeredet wird. Als wichtigsten Anhaltspunkt für eine schnelle Erholung der Unternehmensgewinne und der Konjunktur bis spätestens zum Jahresultimo wird dabei die momentan rückläufige Dynamik bei den Neuinfektionen des SARS-CoV-2 in den USA herangezogen. Doch diese Daten können sich nach der Lockerung des Shutdowns, vor allem, wenn dieser zu früh erfolgt, auch wieder verschlechtern. Ganz abgesehen von der Möglichkeit einer zweiten Infektionswelle im Herbst. Auch ist es denkbar, dass wir unseren Lebensstil für längere Zeit verändern müssen, da uns das Virus bis auf Weiteres im Alltag begleitet. Das könnte die wirtschaftliche Erholung bremsen. Dazu kommen noch dir nicht kalkulierbaren Flurschäden des globalen Shutdowns bei Zombiefirmen und überschuldeten Privathaushalten, Städten, Kommunen und Staaten. Allein die Explosion der Staatsverschuldung in den USA mit aktuell 100 Milliarden US-Dollar pro Tag auf Bundesebene ist beispiellos.

Und was ist mit den globalen Lieferketten, die an vielen Stellen gerissen sind? Wird es überhaupt in absehbarer Zeit Wirk- und Impfstoffe gegen das Virus geben? Kann man überhaupt gegen das Virus immun werden oder besteht die Gefahr einer Neuinfektion? Die Reihe der Unsicherheiten ließe sich noch beliebig fortsetzen.

Sind die Aktienmärkte schon im Crack-up-Modus?

Umso wichtiger ist die Frage, ob die Maßnahmen der Notenbanken und der Fiskalpolitik unabhängig vom fundamentalen Umfeld ausreichen, um die nach wie vor im historischen Vergleich hoch bewerteten Aktienmärkte weiter steigen zu lassen? Ein solcher Crack-up-Boom, bei dem sich Vermögenswerte unabhängig vom wirtschaftlichen Umfeld verteuern, ist für die kommenden Jahre durchaus realistisch. Es gibt keinen Ausweg mehr aus der desperaten Geldpolitik zur Aufrechterhaltung der rekordhohen weltweiten Verschuldung. Ein Zurück zu normalen Zinsen oder gar einem Gesundschrumpfen der Notenbankbilanzen, im Zuge derer vorher geschaffenes Geld wieder vernichtet werden würde, sind schon seit Ende 2018 nicht mehr möglich. Die US-Notenbank war an diesem Versuch schon vor der jetzigen Krise gescheitert. Damit heißt die Perspektive für die Notenbanken: „Weiter so bis zur totalen Zerrüttung des Währungssystems“. Am Goldmarkt führt genau diese Perspektive schon zu Rekordpreisen in den meisten Währungen. Doch ist dies auch bei den Aktienmärkten der entscheidende Grund für die steigenden Kurse?

Stimmungsindikatoren bleiben uneinheitlich

Gemessen am ZEW-Finanzmarkttest, einer Stimmungsumfrage unter 350 Finanzexperten aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen in Deutschland, war bis Mitte März noch keine Hoffnung auf Besserung zu vernehmen. Ein aktuelleres Stimmungsbild liefert zumindest für den DAX das Put-Call-Sentiment: Mit 59 Prozent Call-Optionen auf den DAX, also Wetten auf steigende Kurse, hat sich das Sentiment im Vergleich zu nur 13,8 Prozent Call-Optionen im Vergleich zu Mitte März schon deutlich erholt. Aber das sagt noch nichts über den Grund für den neu erwachten Anlegeroptimismus aus.

Ein Blick in die USA auf den „Fear & Greed Index“, ein Sammelindikator aus sieben Einzelindikatoren, zeigt ein anderes Bild: Nach wie vor herrscht mit 36 Indexpunkten noch etwas Angst bei den US-Anlegern, wenn auch deutlich weniger als noch vor Monatsfrist (5 Punkte).

Die Erholung an den Aktienmärkten könnte daher auch technische Ursachen haben. Die institutionellen Investoren hatte in die fallenden Aktienkurse hinein hohe Cash-Positionen aufgebaut oder im Falle einiger Hedge-Fonds hohe Short-Positionen auf Indizes und Einzelaktien. Die dynamische Erholung an den Märkten, ausgelöst durch die Bazookas der Notenbanken, zwingt die Profiinvestoren nun zum Glattstellen von Short-Positionen, was immer mit einer Kauforder einhergeht. Fondsmanager laufen ebenso wie Privatanleger den steigenden Kursen hinterher und so nährt die Hausse die Hausse.

Inflationserwartung bleibt niedrig

Schaut man auf den wichtigsten Indikator für einen Crack-up-Boom, die Inflationserwartung der Konsumenten, dann lässt sich noch kein eindeutiger Hinweis darauf an den Aktienmärkten feststellen. Im Vergleich zum Vorjahr erwarten die US-Konsumenten ebenso wie die Konsumenten in Europa sogar weniger Preisdruck. Auch der Ölpreis und andere wichtige Rohstoffpreise zeigen noch keine Inflation für die nähere Zukunft an. Noch führen auch die beschädigten Lieferketten und die steigende Notenbankliquidität nicht zu steigenden Verbraucherpreisen in der Breite. Eine Flucht in Sachwerte lässt sich aus dem aktuellen Grad der Angst vor Geldentwertung noch nicht ableiten.
Lediglich der Goldpreis konnte sich V-förmig erholen und notiert in Euro auf Allzeithoch. In US-Dollar ist die alternative Weltleitwährung so teuer wie seit Ende November 2012 nicht mehr, also seit sieben Jahren und knapp fünf Monaten.

Fazit:

Momentan gibt es noch keine klaren Indizien dafür, dass die Aktienmärkte steigen, weil die Anleger mit der Entwertung des Geldes rechnen und daher unabhängig von fundamentalen Daten Aktien kaufen.

Die Aktienmärkte schon in einem Crack-Up-Boom?



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1 Kommentar

  1. Die ersten Stützungskäufe der Notenbanken sollen ja verhindern, dass die Unternehmen verscherbelt werden und in fremde Hände gelangen. Das eigentliche Drama wird aber erst noch kommen. Nur dann haben die Notenbanker schon mal massiv Pulver verschossen und die Konsequenzen werden irreversibel sein.

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