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Die Mutter aller Krisen – die Panik von 1907 und J.P. Morgan Die Gründung der Fed: Die Panik von 1907

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Im ersten Teil unseres Artikels hatten wir die Vorgeschichte zur Gründung der mächtigsten Notenbank der Welt, der Fed, skizziert. Die Gründung der Fed aber war dann die Folge der „Mutter aller Krisen“, die Panik von 1907.

Die Gründung der Fed: Die Mutter aller Krisen – die Panik von 1907

Die Krise von 1907 war der Funke, der zur Gründung der amerikanischen Zentralbank Fed, genauer des Federal Reserve Systems, führte. Die auch Bankers Panik oder Knickerboxer-Krise genannte Finanzkrise ging über einen Zeitraum von drei Wochen ab Mitte Oktober 1907, die New Yorker Börse verlor in diesem Zeitraum rund 50 Prozent von ihrem Höchststand im Vorjahr. Schließlich breitete sich die Krise im ganzen Land aus und sorgte für eine Konkurswelle unter staatlichen und lokalen Baken und Unternehmen.

Auslöser der Panik war ein gescheiteter Versuch, die Aktien der United Copper Company zu „cornern“. Der Begriff „cornern“ steht für „den Markt beherrschen“. Eine detaillierte Schilderung dieses Versuchs der Marktmanipulation finden Sie auf Wikipedia, und hier passt ein Zitat von Mark Twain, einem berühmten amerikanischen Schriftsteller, hervorragend hinein: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“. Denn der Versuch, den Kupfermarkt zu beherrschen und durch einen „Short Squeeze“ die Kurse der United Copper Company in astronomische Höhen zu schrauben, erinnert an Marktmanipulationen der jüngsten Vergangenheit.

Als dieser Versuch also scheiterte und der Hauptakteur der Marktmanipulation dem Präsident der Knickerboxer Trust Company, damals eine der größten Banken der USA, seine Zahlungsunfähigkeit eingestehen musste, gerieten sämtliche Banken und Trusts, die diesen Versuch durch exzessive Kreditvergabe unterstützt hatten, in arge Bedrängnis. Am 22. Oktober begann der Bank-Run auf die Knickerboxer Trust Company, in weniger als drei Stunden wurden acht Millionen US-Dollar abgehoben, selbst zwei Lieferwagenladungen voller Banknoten beruhigte die aufgebrachte Menge nicht. Kurz nach Mittag musste der Trust seine Betrieb einstellen (Charles T. Barney, der Präsident der Knickerboxer Trust Company, erschoss sich kurze Zeit später am 14. November des gleichen Jahres). Als diese Information unter den Anlegern durchsickerte, kam es zu weiteren Bank-Runs, die sich in kürzester Zeit auf das ganze Land ausdehnten.

Andere Banken und Treuhandgesellschaften zögerten nun, Kredite an Börsenmaklerfirmen zu gewähren und erhöhten die Zinssätze auf 70 Prozent. Das ließ die Aktienkurse durch die fehlende Liquidität auf neue Tiefs rutschen, die seit Dezember 1900 nicht mehr gesehen wurden. Die Panik breitete sich wie ein Tsunami aus, und bereits am 24. Oktober, also nur zwei Tage später, reihte sich ein Konkurs neben dem anderen, weitere 12 Banken und Trust mussten ihren Betrieb einstellen.

J.P. Morgan – der Retter in der Krise

Als das Chaos immer größer wurde, weilte einer der reichsten Männer Amerikas und zugleich einflussreichste Bankier J.P. Morgan nicht in der Stadt. Als er zurück nach New York kam, empfing er einen Bankier nach dem anderen in seiner Bibliothek in der Madison Avenue, um Gespräche zu führen und Informationen auszutauschen. Morgan und seine Mitarbeiter untersuchten die Bücher der Knickerboxer Trust Company und stellten fest, dass sie insolvent war. Sie lehnten eine direkte Unterstützung der Knickerboxer Trust Company ab.

Als aber die Panik auch auf gesunde Banken und Trusts übergriff, insbesondere auf die Trust Company of America und deren Präsident Morgan um Hilfe bat, gab es ein Treffen zwischen dem amerikanischen Finanzminister George B. Cortelyou, George F. Baker, dem Präsident der First National Bank und James Stillman von der National City Bank of New York (dem Vorfahren der Citibank). Die Regierung erklärte sich bereit, Regierungsgelder bei den Banken zu deponieren und die Einlagen zu stützen.

Als der Run auf die Trust Company of America begann, arbeitete Morgan mit Stillman und Baker zusammen, um die Vermögenswerte des Unternehmens zu liquidieren, damit die Bank ihre Einleger auszahlen konnte. Die Bank überlebte bis zum Geschäftsschluss. Aber die Beteiligten wussten, das am nächsten Tag weitere Gelder nötig waren, um die Bank solvent zu halten. Es kam erneut zu einer nächtlichen Sitzung in Morgans Bibliothek, bei der beschlossen wurde, weitere 8,25 Millionen Dollar als Darlehen zur Verfügung zu stellen. Der Finanzminister der USA, Cortelyou zahlte am nächsten Morgen (Donnerstag 24. Oktober 1907) rund 25 Millionen Dollar bei einer Reihe New Yorker Banken ein, John D. Rockefeller, der damals reichste Mann der USA, deponierte weitere 10 Millionen Dollar in Stillmans National City Bank. Rockefeller informierte den Manager der Associated Press und erzählte ihm, dass er die Hälfte seines Vermögens verpfänden würde, um die Banken zu stützen.

Zehn Minuten-Frist, um die Wall Street zu retten

Nachdem so die erste Schockwelle abgepuffert wurde, drohte weiteres Unheil von der New Yorker Börse. Die fehlende Liquidität hatte den US-Aktienmarkt austrocknen lassen, und der Präsident der New Yorker Börse, Ransom Thomas, informierte Morgan noch am gleichen Tag, dass er die Börse vorzeitig schließen müsse.

Morgan wusste, dass ein vorzeitiges Schließen der Börse ein katastrophales Signal aussenden würde, und versammelte umgehend die Präsidenten der Banken in seinem Büro. Um 14.00 Uhr informierte er sie, dass bis zu 50 Börsenhäuser scheitern würden, wenn nicht in 10 Minuten (!) 25 Millionen Dollar gesammelt werden konnten. Um 14.16 Uhr hatten 14 Bankpräsidenten 23,6 Millionen Dollar zugesagt, um die Börse liquide zu halten. Das Geld erreichte gerade noch rechtzeitig den Markt, so dass dieser wohl spannendste Börsentag des Jahrhunderts um 3 Uhr beendet wurde. Insgesamt waren bis dahin 19 Millionen Dollar ausgeliehen worden. Obwohl Morgan die Presse traditionell mied, gab er gegenüber Reportern diesmal eine Erklärung ab: „Wenn die Leute ihr Geld in den Banken behalten, wird alles in Ordnung sein.“

Aber bereits am nächsten Tag, Freitag den 25. Oktober 1907, griff die Panik wieder an der Börse um sich. Morgan konnte die Bankpräsidenten diesmal nur überzeugen, weitere 9,7 Millionen bereitzustellen, und so entschied er, dass das Geld nicht für Marginkäufe verwendet werden durfte. Das Handelsvolumen betrug an diesem Freitag ca. 2/3 des Vortages, aber die Börse schaffte es bis zur Schlussglocke, den Handel aufrecht zu erhalten.

Kein Ende der Krise in Sicht

Um das Vertrauen der Öffentlichkeit wieder herzustellen – denn es war unmöglich, dauerhaft so viel Geld auf unbestimmte Zeit zu bündeln – bildeten die Bankiers am Freitagabend zwei Komitees. Eines, um den Klerus davon zu überzeugen, ihre Gemeinden am Sonntag zu beruhigen, und ein weiteres, um der Presse die verschiedenen Aspekte des finanziellen Rettungspakets zu erklären. Der Finanzminister Cortelyou stimmte zu, wieder nach Washington zu reisen, um damit ein Signal des Vertrauens an die Wall Street zu senden, dass das Schlimmste überstanden sei.

Um den freien Kapitalfluss zu gewährleisten, emittierte das New York Clearing House am Montag Kreditzertifikate über 100 Millionen US-Dollar, um den Interbankenmarkt liquide zu halten und um genügend Barreserven für die Einleger vorhalten zu können. Vom Klerus beruhigt und mit Bankbilanzen voller Bargeld kehrte am Montag ein Gefühl der Ordnung in New York zurück.

Aber das war bei weitem nicht das Ende der Krise, denn eine neue bahnte sich bereits ohne das Wissen der Wall Street an. Bereits am Sonntag wurde Morgans Mitarbeiter George Perkins darüber informiert, dass die Stadt New York bis zum 1. November mindestens 20 Millionen Dollar benötigte, da sonst der Bankrott drohte. Ein Versuch, das Geld durch eine Standardanleihe zu besorgen, war bereits gescheitert. Und wieder war es J.P. Morgan, der durch einen Vertrag zum Kauf von Stadtanleihen im Wert von 30 Millionen Dollar die Katastrophe, die ein Bankrott der Stadt New York aussenden würde, abwendete.

Aber auch damit war die Krise nicht komplett abgewendet, denn kurze Zeit später (Samstag, 2. November 1907) traf es eine der größten Brokerfirmen, Moore & Schley, die als Sicherheiten für ihre hohen Kredite Aktien der Tennessee Coal, Iron and Railroad Company (TC&I) hinterlegt hatten. Der Aktienkurs von TC&I stand bei dünnem Handel stark unter Druck, und es war abzusehen, dass die kreditgebenden Banken am kommenden Börsentag (Montag) ihre Kredite kündigen und damit das Brokerhaus und den Aktienkurs von TC&I verwüsten würden. Erneut rief J.P. Morgan vormittags eine Krisensitzung in seiner Bibliothek ein, in der er vorschlug, dass sein Unternehmen U.S. Steel Corporation TC&I übernehmen würde. Da aber bis 19 Uhr keine Einigung erzielt wurde, vertagte man die Sitzung.

Der Höhepunkt der Krise von 1907 und die Gründung der Fed

Zeitgleich wurde Morgan in eine weitere Krise hineingezogen. Der Lincoln Trust und die Trust Company of America waren aufgrund von Bank-Runs am Ende ihrer Zahlungsfähigkeit. Es war klar, dass sie am kommenden Montag ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen konnten. Daraufhin versammelten sich am Samstagabend 40 bis 50 Bankiers in der Bibliothek, um die Krise zu diskutieren. Die Bankpräsidenten der Clearingstellen nutzen den East Room, während die Führungskräfte der Trusts im West Room der Bibliothek diskutierten.

Morgan und seine Mitarbeiter, die sich mit Moore & Schley und TC&I befassten, nutzen das Büro des Bibliothekars. Morgan ließ durchsickern, dass er das Brokerhaus Moore & Schley nur unterstützen würde, wenn die Treuhandgesellschaften ihren schwächsten Brüder finanziell retten würden. Immerhin erforderte die Rettung des Brokerhauses 25 Millionen US Dollar. Die Diskussion unter den Bankiers dauerte bis 3 Uhr nachts, aber es kam noch keine Einigung zustande. Mittlerweile hatten sich 120 Vertreter von Banken und Treuhandgesellschaften versammelt und hörten sich einen Bericht über die scheiternden Treuhandgesellschaften an. Die Trust Company of America war kaum noch solvent, während beim Lincoln Trust etwa eine Millionen US Dollar fehlten, um die Einlegerkonten zu decken. Als die Bankiers anfingen zu diskutieren, stellten sie fest, dass Morgan sie eingesperrt hatte, um eine Einigung zu erzwingen. Im Laufe der Nacht schaltete er sich in das Gespräch ein und empfahl den Treuhandgesellschaften, einen Kredit von 25 Millionen US Dollar bereitzustellen, um die schwächelnden Institute zu retten.

Als die Treuhandpräsidenten immer noch zögerten, informierte Morgan sie, dass ein vollständiger Zusammenbruch des Bankensystems unausweichlich wäre, wenn sie sich nicht einigen würden. Nachdem Morgan den inoffiziellen Führer der Treuhandgesellschaften gegen 4:45 Uhr davon überzeugen konnte, die Vereinbarung zu unterzeichnen, folge der Rest der Bankiers und taten es ihm gleich. Erst dann entließ Morgan sie aus seiner Bibliothek. Den Sonntag nutzen Morgan und seine Mitarbeiter, um den Deal zwischen U.S. Steel Corporation und TC&I abzuschließen. Allerdings bliebt ein Hindernis, dass man unbedingt aus dem Weg räumen musste. Theodor Roosevelt, der Präsident der USA, hatte die Zerschlagung von Monopolen zum Schwerpunkt seiner Präsidentschaft gemacht.

Ein Bankier zwingt den Präsidenten indirekt, der Übernahme zuzustimmen

Elbert Henry Gary, einer der Gründer von U.S. Steel, und Henry Clay Frick, der Präsident der Carnegie Steel Company, reisten also umgehend mit dem Nachtzug nach Washington ab, um Theodor Roosevelt im Weißen Haus zu sprechen. Sie wollten den Präsidenten bitten, den Sherman Antitrust Act aufzuheben, und einem Unternehmen, dass bereits 60 Prozent Marktanteil hatte, eine große Akquisition zu ermöglichen. Erst wurden sie vom Sekretär abgewiesen, aber über den Innenminister James Rudolph Garfield erwirkten sie ein Treffen mit dem Präsidenten.

Als Roosevelt nach Prüfung der Situation das Ausmaß der Krise erkannte, zögerte er nicht und gab nach. In seinen Memoiren stellt er die Situation so dar: „It was necessary for me to decide on the instant before the Stock Exchange opened, for the situation in New York was such that any hour might be vital. I do not believe that anyone could justly criticize me for saying that I would not feel like objecting to the purchase under those circumstances“ (Übersetzung: „Es war notwendig, dass ich mich in diesem Moment noch vor der Eröffnung der Börse entschied, denn die Situation in New York war so, dass jede Stunde lebenswichtig sein konnte. Ich glaube nicht, dass mich jemand zu Recht dafür kritisieren könnte, dass ich gesagt habe, dass ich unter diesen Umständen keine Einwände gegen den Kauf hätte“). Damit war die letzte Krise der Panik von 1907 abgewendet.

Nachwirkungen der Krise – der Federal Reserve Act und die Gründung der Fed 1913

Neben starken wirtschaftlichen Kollateralschäden, die Produktion sank um 11, die Importe um 26 Prozent, die Arbeitslosenquote stieg von drei auf acht Prozent und die Einwanderung sank von 1,2 Millionen zwei Jahre zuvor auf 750.000 im Jahre 1909, führte die Panik von 1907 zur Verabschiedung des Federal Reserve Act und zur Gründung der Fed im Jahre 1913. Wie sich das genau abspielte, lesen Sie im dritten Teil der Artikelserie auf Finanzmarktwelt: Der Federal Reserve Act und die Gründung der FED.

Den ersten Teil der Serie lesen Sie hier..



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5 Kommentare

  1. Quatsch, das ist doch nicht off topic, ganz und gar nicht. Wieso weiß der Alexander Raue das alles schon, und alle andern nicht ==> https://youtu.be/K9CcDN2IJlM

    1. Hä? Was weiß dieser Raue denn? Eigentlich stellt er doch nur dar, daß er den ganzen Komplex überhaupt nicht verstanden hat.

  2. Dazu ein Manifest der besonderen Art:

    Griffin, G. Edward – Die Kreatur von Jekyll Island

    Wer kann, liest es bitte im Original. Es ist wahrscheinlich von
    mehreren Leuten mit wenig Ahnung von Wirtschaft übersetzt,
    mit Tippfehlern, schlecht lektoriert, eigentlich eine Zumutung,
    trotzdem spannend und den Blick weitend.

    Der ganze Artikel hier ist aber meiner Meinung nach ein etwas
    zu großer Schuh, im Netz gibt es bei Interesse viel weiter
    reichende Informationen zu dem gesamten Komplex FED, und
    Wiki ist da nur ein Einstieg…

  3. Interessanter Blick in die Vergangenheit. Es gibt aber wohl unterschiedliche Sichtweisen, insbesondere was die Rolle von J.P. Morgan betrifft.
    Letztlich war aber die Entstehung einer gemeinsamen Notenbank unausweichlich.

  4. Die USA haben mE bewiesen, dass Wirtschaft ohne Zentralbank besser läuft. Aber die Machtkartelle, die sich bis 1900 gebildet hatten, wußten ganz genau, dass sie selbst mit einer Zentralbank besser fahren würden. So kam es zur Gründung einer Zentralbank im Land der Freien im dritten Anlauf.

    Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wenn in der heutigen Lage ein großer Player wieder eine goldgedeckte Währung einführt, und eine vorhandene Zentralbank auf rein ordopolitische Regelung zurückführt, werden wir erleben, wie alle heutigen Zentralbankwährungen zur Hölle fahren.

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