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Inflation, monetärer Klimawandel und die Fed: Über Paradigmenwechsel

Über den plötzlichen Umschwung der Fed

Inflation, die Fed und der monetäre Klimawandel

Der Monetäre Klimawandel (Markus Fugmann), den wir durch die Fed derzeit an den Märkten erleben, etabliert ein neues Paradigma – es lautet: Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Um sie einzudämmen, werden sogar Zinserhöhungen nicht mehr ausgeschlossen. Man reibt sich die Augen und stellt verwundert fest: Was eben noch unverrückbar, gilt in dem neuen, komplett veränderten geistigen und ökonomischen Umfeld auf einmal nicht mehr. Das neue Narrativ schickt sich an, das alte auf breiter Front zu ersetzen. Der monetäre Klimawandel beinhaltet einen Paradigmenwechsel bei der Einschätzung der Inflation, der diesen Lorbeer tatsächlich auch verdient. Es lohnt sich daher, kurz innezuhalten und danach zu fragen, wie es zu dieser folgenreichen Verschiebung kollektiver Überzeugungen kommen konnte.

Vom Paradigma zum Dogma

In seinem Essay „Die Vermessung des Unbekannten. Ein Essay über Geld und Gesellschaft in Zeiten radikaler Unsicherheit. München 2021“ erläutert Thomas Mayer, Deutschlands maßgeblicher Finanzökonom, wie Paradigmen einander ablösen. Mayer zufolge repräsentiert ein wissenschaftliches Paradigma ein Narrativ, das alle Akteure glauben und deshalb unentwegt wiederholen. Schon allein durch diese ständige Wiederholung wird das Narrativ zur Gewissheit. Das ursprünglich noch elastische, mithin formbare Paradigma beginnt, allmählich zum Dogma zu verknöchern.

Wissenschaft und Finanzmärkte schaffen Kirchen

Ob nun Wissenschaft, Politik oder Finanzmärkte: sie alle schaffen auf ihre Weise „Kirchen“ mit einem ”Papst“ an der Spitze und einem “Kardinalskollegium“ im Hintergrund. Indes, “Häretiker“ – zumeist “junge Wilde“ – fordern den Apparat heraus, um später vielleicht selber einmal “Papst“ zu werden. Sie unterwühlen das herrschende Paradigma, stellen es in Frage, führen Fakten ins Feld, die zum gültigen Mantra nicht passen.

Je mehr das herrschende Paradigma Risse bekommt, desto vehementer wird es von jenen verteidigt, die ihm (in ihrer Jugend) ihren Aufstieg verdanken, etwa weil sie es ein wenig angepasst haben oder ein bisschen komfortabler möbliert. In die Jahre gekommen, halten sie nun noch mit den dritten Zähnen an den alten Wahrheiten verbissen fest: Wer schaut schon gerne untätig zu, wie andere das eigene Lebenswerk zertrümmern! Irgendwann allerdings ist das alte Erklärungsmodell nicht mehr zu halten, es beschreibt die gewandelte Wirklichkeit einfach nur noch falsch. Ein neues Paradigma bricht sich nun Bahn und ersetzt das alte. So geschehen kürzlich bei der Beurteilung der Inflation!

Soweit der Paradigmenwechsel nach Thomas Mayer beziehungsweise Thomas S. Kuhn, beschrieben in dessen Klassiker „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ von 1969.

Inflation – Sachfragen werden zu Machtfragen

Für die Experten der Fed (und EZB) sind abweichende Einschätzungen zu Inflation, Tapering, Quantitative Easing, Zinserhöhung keine Bagatelldelikte, denn sie kratzen am Image der Notenbanker. Die Frage, ob die hohe Inflation nun transitorisch ist oder nicht, ist für die verantwortlichen Akteure nicht nur eine Sachfrage, sondern auch eine Machtfrage. Denn in dem Augenblick, wo die Inflation sich als dauerhaft erweisen sollte und nicht als vorübergehend, wären sie als Experten entzaubert.

Inflation: Pardigmenwechsel von oben

Die Fed (die EZB tut es noch) hielt zäh an der Erzählung fest, die in die Höhe schnellende Inflation sei nur transitorisch. Doch plötzlich wechselte die Fed in das Lager derjenigen, welche die Inflation für dauerhaft erklärten. Warum? Veranlasste etwa bessere Einsicht die Fed zu dieser abrupten Kehrtwende um 180 Grad?

Wohl kaum: Das alte Narrativ wurde der Fed vielmehr ganz einfach „verboten“. Indem Präsident Biden die Fed anwies, die Inflation als ernstzunehmende Gefahr für seine Wiederwahl ab sofort zu bekämpfen, „verbot“ er faktisch mit sofortiger Wirkung das alte Paradigma. Seitdem gilt nun das neue Paradigma als neue unverrückbare Wahrheit. Die jähe Umpolung hinsichtlich der Einschätzung der Inflation bewirkt jenen Klima-Umschwung – sprich: besagten monetären Klimawandel –, welcher die Märkte fortan kräftig durchschütteln wird.

Erleuchtung versus Aussterben

Was zeigt uns das?  Nun, es könnte sein, dass Fortschritt sich viel prosaischer vollzieht, als Thomas S. Kuhn es ahnte. Zum Beispiel durch ein faktisches Verbot der alten „Irrlehre“. Oder durch Aussterben des Irrtums. “Eine neue wissenschaftliche Wahrheit triumphiert nicht” – so Max Planck, der Vater der Quantenphysik –, ”weil sie ihre Gegner überzeugt und das Licht sehen lässt, sondern weil ihre Gegner irgendwann sterben und eine neue Generation heranwächst, die mit ihr vertraut ist.”

Der Tod als Vater aller Dinge? Dann würde die Wissenschaft (beziehungsweise Expertenwissen generell) wie in der Natur von Begräbnis zu Begräbnis schreiten. Das Alte stirbt und macht dem Neuen Platz. Mit jeder neuen Generation käme die Wachablösung.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass sowohl der forschende Wissenschaftler als auch der tätige homo oeconomicus sich dem Imperativ der Realität nicht entziehen kann. Das gilt uneingeschränkt gerade bei dem so zentralen Thema Inflation.



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4 Kommentare

  1. Sven Flammann (Geschäftsführer)

    Der Text beschreibt sehr, sehr schön eines:

    social crypto amnesia

  2. „Le roi est mort. Vive le roi!“

  3. „“Imperativ der Realität nicht entziehen kann““

    Hieß das nicht immer „die normative Kraft des Faktischen“

    :-))))

  4. Jetzt fehlt nur noch das Paradigma der totalen Katastrophe… Dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen…

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