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Putin möchte die Ukraine „entnazifizieren“ – Kriegserklärung und Propaganda

Dieser Krieg erwischt den Westen auf dem falschen Fuß

Putin, Kriegspropaganda und der Westen

Wladimir Putin hat in einer zuvor aufgezeichneten Fernsehkonserve heute, den 24. Februar, zu fortgeschrittener Nacht der Ukraine den Krieg erklärt. Als Begründung für seinen Angriffskrieg erklärte er in einer um ca. 4:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit ausgestrahlen Rede:

„Die Umstände verlangen von uns, dass wir entschlossen und sofort handeln. Die Volksrepubliken des Donbass haben Russland um Hilfe gebeten. In diesem Zusammenhang habe ich gemäß Artikel 51 Absatz 7 der UN-Charta, mit Genehmigung des Föderationsrates und in Übereinstimmung mit den von der Föderationsversammlung ratifizierten Freundschafts- und Beistandsverträgen mit der Donezker Volksrepublik und der Luhansker Volksrepublik beschlossen, eine besondere Militäroperation durchzuführen. Wir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Zu diesem Zweck werden wir versuchen, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu bringen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, einschließlich russischer Bürger, begangen haben.“

Kurz vor der Kriegserklärung Putins richtete der ukrainische Präsident Wolodimir Selinski einem dramatischen Apell an das russische Volk und an Wladimir Putin: Er sei bereit zu Verhandlungen mit Russland in jedem beliebigen Format und an jedem Ort, um Fragen der Sicherheit und der Garantie von Frieden zu erörtern. „Die Sicherheit der Ukraine ist verbunden mit der Sicherheit ihrer Nachbarn. Deshalb müssen wir heute über die Sicherheit in ganz Europa sprechen.“ Sein Ziel sei der Frieden in der Ukraine und die Sicherheit der Bürger. „Dafür sind wir bereit, mit allen und auch mit ihnen zu reden.“

Hier ist nicht klar, ob mit „ihnen“ Putin direkt von Selinski angesprochen wurde, es müsste dann „Ihnen“ heißen. Der Punkt ist insofern keine Petitesse, weil Selinski in der Nacht verzweifelt vergeblich versucht hat, Präsident Putin im Kreml telefonisch zu erreichen.

Putin und der Krieg in Europa

Was die europäischen Spitzenpolitiker nicht für möglich hielten – Saskia Eskin hatte Olaf Scholz schon als Friedensengel ausgerufen – ist seit 4 Uhr Nacht Realität: In Europa herrscht Krieg. Kiew ist ca. 1.300 Kilometer von Berlin entfernt, Lemberg ca. 900 Kilometer (das entspricht Grosso Modo die Entfernung von Flensburg nach Berchtesgaden). Warum ist der Westen schon wieder gescheitert? Etwa, weil man den planetaren Tod abwenden muss? Das ist dringender, da bleibt wenig Zeit, sich noch um die Ukraine zu kümmern?

Das Drehbuch war längst geschrieben

Putin ist Geheimdienstmann. Er kennt sich aus mit Geheimdienstoperationen. Nach bewährten Schema wird ein Drehbuch abgespult, das in Moskau längst in der Schublade lag. Man möchte fragen: Wäre das unter Bundskanzler Helmut Kohl oder Außenminister Joschka Fischer so eingetreten?

Der selbstredend an den Haaren herbeigezogene Vorwand, die Ukraine „entnazifizieren“ zu wollen, hat neben historischer Reminiszenzen einen hochaktuellen Bezug, der den Mächtigen im Westen rote Ohren bescheren muss: Denn im freien Westen, von Kanada bis Europa, werden Trucker, Gelbwesten und Kritiker der offiziellen Corona-Politik jedweder Couleur ebenfalls in Bausch und Bogen als Nazis verunglimpft und politisch kaltgestellt.

Gegen „echte“ Nazis vorzugehen ist richtig und notwendig. Aber jene Menschen als Nazis zu verunglimpfen, die eine andere Sicht auf die Welt haben, ist gefährlich. Das Problem ist nicht, dass sich Putins Werte verschoben haben. Die sind dieselben geblieben. Das Problem ist, dass sich die Wertmaßstäbe der freien Welt binnen weniger Jahre verschoben haben.

Dieser Krieg erwischt den Westen auf dem falschen Fuß. Denn der Westen war im Innern noch nie so schwach. Das weiß natürlich auch Putin.



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1 Kommentar

  1. Die ukrainischen Fans der Waffen-SS hätten vermutlich kein Problem damit, die Anführungszeichen bei ‚Nazis‘ wegzulassen…

    Deutschland und die Ukraine waren ja schon einmal verbündet. Was bis vor kurzem bloß von den Deutschen ein bisserl verdrängt wurde. Mir selbst ist es in der Ukraine z.B. mehrfach passiert, dass mir wildfremde Leute die Hand geschüttelt haben, um sich für die einst „großartige“ Behandlung der Judenfrage zu bedanken, des Zigeunerproblems usw. Jetzt marschiere man wieder gemeinsam und werde das Land russenfrei machen etc.

    Möglicherweise ist es kein Zufall, dass Dr. Jörg Haider selig ein großer Ukraine-Freund war, dort gerne herumgereist ist – und z.B. das „Deutsche Haus“ in Tschernowitz höchstselbst eingeweiht hat. Man kann diesen Leuten auch nicht vorwerfen, dass sie aus ihren etwas speziellen Demokratie-Vorstellungen ein Hehl machen würden – die stehen ganz offen zu ihren faschistischen Überzeugungen, besonders in der Westukraine. Grün-liberaler Mainstream a la Westeuropa ist das jedenfalls nicht, was den meisten Ukrainern vorschwebt. (Farbige und homosexuelle US-Vertreter haben in dieser Hinsicht in Kiew schon die eine oder andere Erfahrung gemacht, die kaum besser als Moskau war…)

    Kurz gesagt: Wenn Putin von „Entnazifizierung“ spricht, ist das nicht unbedingt metaphorisch oder nur als historische Reminiszenz gemeint.

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