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Interessantes aus der Presse

Reaktionen auf „Seltsame Patrioten“ (PEGIDA-Artikel)

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Viele Kommentare zu unserem Artikel „Seltsame Patrioten -PEGIDA als neurechte Protestkultur„, die jedoch nicht in die Kommentarfunktion der finanzmarktwelt.de gingen, sondern direkt an mich als Autor gemailt wurden. Daher hier ein Querschnitt, der vielleicht dabei hilft, die Stimmungslage in der Bevölkerung zu erfassen.

Grundsätzlich stellt sich mir die Frage, warum sich PEGIDA und ihre Ableger nicht ausdrücklich von den mitmarschierenden Neonazis und Rechtsradikalen abgrenzen. Selbst wenn man die Anliegen der Demonstranten teilen würde: niemals würde ich auf eine Demonstration gehen, bei der auch Nazis teilnehmen.

Eines aber sollte man grundsätzlich bedenken: ohne Einwanderung wird das deutsche Rentensystem nicht mehr finanzierbar sein. Daher kann die eigentliche Diskussion gar nicht lauten, ob Einwanderung, sondern nur wie diese Einwanderung zu handhaben ist.

Hier die Kommentare:

(1) „Sehr geehrter Herr Fugmann

Ich bin beeindruckt, dass Sie als Börsianer auch auf diesem Parkett Ihre eindeutige Haltung zur Pegida ausführlich geäussert haben.
Vielen Dank, ich fahre regelmässig von Berlin nach Dresden zur Arbeit und gräme mich in diesem Kontext mein Lebensunterhalt zu verdienen.
(Marc D.)

(2) „Ich denke sie verharmlosen das, wussten sie das am 1. Dezember 2014 – 5000Menschen auf die Straße gingen in Dresden und am 8. Dezember waren es schon 10000 Demonstranten, wollen sie neben einer Moschee wohnen? Haben sie auch kein Verständnis, wenn Polizei die uns eigentlich schützen müsste, uns nahelegt dass man doch keine Strafanzeige stellen sollte, wenn man beraubt, verkloppt oder bedroht wird, es gibt sogar Richter, die bedroht wurden und so für die Islamisten das Urteil angepasst haben.

Die Menschen in Deutschland haben Angst und das mit gutem Grund. Außerdem auf der ganzen Welt herrschen mittlerweile Kriegs ähnliche Zustände durch die Globalisierung und da ist Deutschland keine Insel, vor allem wenn wir immer mehr Flüchtlinge hereinlassen. Jeder der nicht ganz blind durch die Welt geht, weiß dass alle Völker in Europa von West bis Ost großen Schaden erlitten haben durch angezettelten Krieg – Freihandelsabkommen mit TTIP und CETA – PEGIDA – GENDER usw. informieren sie sich mal, zum Beispiel Neue Zeit – Wissensmanufaktur – Compakt Magazin – Kopp-Verlag usw. oder lesen sie mal das Buch von Matthias Weik & Marc Friedrich Der Grösste Raubzug der Geschichte.

Ihre Gleichgeschaltete Mainstreaming Nachrichten müssen sie hier nicht auch noch breitkloppen, das haben wir zu genug in Radio und Fernsehen und für diese Lügen muss man auch noch bezahlen.

Wenn sie den Mut haben veröffentlichen sie diesen Brief, wenn nicht, hab ich sie vielleicht dazu bewegt, sich anderweitig (freie Presse) zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen Gabriele M.“

(3) „Sehr geehrter Herr Fugmann,
warum fast nur männliche Flüchtlinge?Gegen Familien mit Frau und Kind hat niemand etwas,es ist verständlich.In Sachsen sollen leerstehende Gebäude ausschließlich mit männlichen Flüchtlingen belegt werden.Flüchtlingsbilder aus Europa in den Medien zeigen ebenfalls fast nur Männer. Läßt man seine Familie in Kriegsgebieten zurück und haut ab? Da stimmt was nicht und es ist aus Erfahrung Ärger programmiert. Menschen in ehemaligen Grenzgebieten zu Polen und Tschechien leiden so schon genug.Polizei ist kaum noch präsent und bei anrufen wird abgewimmelt.So kann es nicht weiter gehen,die Menschen fangen an sich zu wehren.Hier kann man überall diese Meinung unter den Menschen hören und dann lese ich diesen og.Artikel von Ihnen.Lese Ihre Kolumnen regelmäßig und war bisher immer der gleichen Meinung.“ Wolfgan M.

Angenehm differenzierend dagegen folgender Beitrag:

(4)“Sehr geehrter Herr Fugmann,

ich sehe mir regelmäßig Ihre Beiträge an.

Mir liegen gewisse Aspekte im Zusammenhang zu Ihrem Beitrag bzgl. Pegida am Herzen. Deshalb diese Zeilen.

Vorweg, ich habe mir nicht die Mühe gemacht, mir selbst einen Eindruck zu Pegida zu verschaffen. Ich nehme Ihre Äußerungen als Basis für diesen meinen Beitrag.

Ich fühle mich von gewissen Personen, die in Deutschland als Vertreter von Gemeinschaften auslandsstämmiger Menschen auftreten, abgestoßen.
Dies betrifft – nach meinen bisherigen Erfahrungen – vor allem Türken und Islamisten.
Vor einigen Jahren ist mir bei einem Vertreter der türkischen Gemeinschaft in Deutschland aufgefallen, dass nahezu mantraartig der Satz gefallen ist: „Für uns gilt das Grundgesetz. Wir haben das Recht …“ Kommt von solchen Vertretern jemals eine Auflistung von Anstrengungen, wie man sich in die – vorgefundene – Gemeinschaft einbringt, wie man sich in das gegebene Umfeld integriert und die anderweitigen Verhaltensweisen respektiert?
Vor allem bei Vertretern islamischer Gläubiger fällt mir auf, dass man nicht merkt oder nicht zu merken bereit ist, dass bei uns ein respektvoller Umgang mit den Mitmenschen die Basis für das Miteinander darstellt. In Talk Shows lassen die genannten Vertreter andere Teilnehmer kaum zu Wort kommen, es wird ständig ins Wort gefallen, mir erscheint das Auftreten haßerfüllt, man scheint uns die patriarchalische Streitkultur via öffentlicher Fernsehauftritte aufzwingen zu wollen.
Wenn die genannten Vertreter konsiliant auftreten, so verlaufen die Gesprächsbeiträge nach einem einheitlichen Strickmuster: Wir haben Verständnis für Euch, wir machen nicht alles richtig, aber Ihr Deutsche seid nicht bereit … und macht diesen und jenen Fehler.

Ich erwarte in jedem Fall respektvollen Umgang miteinander. Dazu gehört, dass man sich zunächst Gedanken macht, welchen kulturellen und wertemäßigen Hintergrund die Menschen des Umfelds mitbringen. Im nächsten Schritt ist ebenso selbstverständlich, dass man diesen Hintergrund seines Mitmenschen respektiert.
Jeder, der diese Verhaltensweise praktiziert, ist willkommen – sicher nicht nur nach meinem Empfinden.
(Übrigens trifft dies auf alle Menschen zu. Im Umgang mit der Ukraine scheint das typische Verhalten „im Westen“ abseits von dem zu liegen, was jeder von uns zum Beispiel bei seinen Wohnungsnachbarn oder Arbeitskollegen zu praktizieren sucht – d.i. Respekt, Toleranz, Rücksicht, Konsilianz, Kompromißbereitschaft, Distanz.)

Nun zu meinem Hauptpunkt. Es ist erschreckend, wie desinteressiert unsere Bevölkerung heutzutage ist. Es ist erschreckend, wie gleichgeschaltet die Medien sind. Es ist erschreckend, mit welcher intoleranten Macht gewisse Themen und Wörter belegt sind – Stichworte u.a.: Nazi, rechts, Juden, Waldsterben, Klimawandel, Gender, (Frauen-)Emanzipation. Und bei allem das erschreckende Desinteresse der Bevölkerung.

In einer ersten Reaktion freue ich mich über jede Initiative, Meinungen jenseits von Mainstream und Gleichschaltung zu entwickeln und zu äußern. Entsprechend war meine erste Reaktion zur von Ihnen benannten Bewegung.

Dies ist natürlich keine Befürwortung von Bewegungen, die unsere Grundvorstellungen oder unser Recht verletzen.

Allerdings führen die weitgehende Verbreitung von Mainstream- und gleichgeschalteten Informationen und unser diesbezügliches Desinteresse dazu, dass wir eigentlich wichtige Themen alleine Gruppierungen überlassen, bei denen uns die Behandlung dieser Themen nicht geheur oder nicht Recht ist.

Meine Schlußfolgerung: Wir – jeder von uns mit seinen Möglichkeiten – müssen dazu beitragen, dass Vielfalt in Politik, bei Meinungen und Informationen vorherrscht.
Bei offener Vielfalt in Politik und Medien ist es weniger folgenschwer, wenn wichtige Themen von unerwünschten Bannerträgern aufgegriffen werden.
Gleichzeitig wäre auch die allgemeine Intoleranz eingeschränkt, die bestimmte Themen beherrscht – nicht nur die Themen Ausländer und Islamisten, sondern auch Euro, EZB, EU, AfD, Ukraine, Russland, Klimawandel, … In Folge widerum finden die unerwünschten Gruppierungen weniger Anlaß zur Behandlung dieser Themen und weniger Gehör“.

Peter S.

(5) „Es müssen noch viel mehr Menschen werden und hoffentlich die öffentliche Wirkung bekommen wie die Montagsdemos in der damaligen DDR.
Hoffentlich werden die da oben in Berlin endlich wach das es so nicht weiter geht mit ihrer Politik.“ (Dirk H. über Google+)

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Dr. Peter D.

    11. Dezember 2014 14:52 at 14:52

    Sehr geehrter Herr Fugmann,

    ich vermute, Sie halten sich für einen weltoffenen, toleranten und neugierigen Menschen. Doch obwohl Sie so offen für alles sind, haben Sie wie Millionen andere auch eine Haus- oder Wohnungstüre. Sie wollen wie wir alle sehen, wer in Ihr Haus möchte und Sie behalten sich das Recht vor, jemanden einzulassen oder auch nicht. Und so, wie dies in der Mikroebene funktioniert, so möchte dies die Mehrheit der Hiergeborenen, dass es auch in der Makroebene läuft. Und wenn diese spezielle Meinung nun auch ein NAZI teilt, ist mir das egal. Ich gehe auch mit den Analysen von Sarah Wagenknecht konform, teile aber nicht ihre Lösungsvorschläge und würde sie auch niemals wählen. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit, ob diese Wahrheit nun ein NAZI mit mir teilt oder eine Linke. Die Politik nimmt die Sorgen der PEGIDA-Demonstranten aber bislang nicht ernst.

    Ansonsten vielen Dank für Ihre sehr informative Seite, die ich nicht mehr missen möchte.

    Dr. Peter D.

  2. Avatar

    blister

    11. Dezember 2014 21:16 at 21:16

    unglaublich unnoetig………

    in wirklichkeit ist die wirklichkeit nicht wirklich wirklich….

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Allgemein

Lesetipp: Die Kamelkurve prophezeit der Welt die Krise

Redaktion

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am

Von

FMW-Redaktion

Dubai ist ein Frühindikator für die Welt. Und die Dinge stehen derzeit nicht zum Besten im Wüstenstaat. Warum die „Kamelkurve“ die Krise auch für die Weltwirtschaft ankündigen könnte, lesen Sie in der „Welt“ hier..

https://twitter.com/Schuldensuehner/status/679258959895773184/photo/1

Weitere Artikel zu Dubai finden Sie hier..

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FMW

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

Markus Fugmann

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Heute erscheint das Buch von Barry Eichengreen „Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt“ auf deutsch (englisches Original: „Hall of Mirrors“). Barry Eichengreen ist der Nestor der Crash-Forschung, in seinem Werk analysiert er die Gründe, die zu den Crashs der Jahre 1929 und 2008 führten. Wir haben zu diesem Thema am Freitag ein Interview mit dem Autor veröffentlicht unter dem Titel „Eichengreen: Ein deutscher Marshallplan für Griechenland„.

Hier nun, mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags, ein Auszug aus der Einleitung des Buches:

Barry Eichengrenn Crash 1929 und 2008

Dies ist ein Buch über Finanzkrisen. Es beschreibt die Ereignisse, die
solche Krisen verursachen. Es handelt auch davon, warum Regierungen
und Märkte so reagieren, wie sie es tun. Und es handelt von den
Konsequenzen.
Es schildert die große Rezession von 2008 und 2009 und die große
Depression von 1929 bis 1933 – die beiden großen Finanzkrisen unseres
Zeitalters. Nicht nur in politischen Kreisen weiß man, dass es Parallelen
zwischen diesen beiden Episoden gibt. Viele Kommentatoren haben
beschrieben, wie das Wissen über das frühere Ereignis – die »Lektionen
aus der Großen Depression« – die Reaktionen auf die Ereignisse 2008
und 2009 beeinflusst hat. Weil diese Ereignisse so auffällig denen der
1930er-Jahren ähnelten, lieferte diese Erinnerung an die Vergangenheit
eine Art Objektiv, durch das man sie betrachten konnte. Die Tendenz, die
Krise aus der Perspektive der 1930er-Jahre zu sehen, wurde noch dadurch
verstärkt, dass Politiker von Ben Bernanke – Vorsitzender des Board of
Governors der Federal Reserve – bis Christina Romer – Vorsitzende des
ökonomischen Beratungskomitees des Präsidenten Barack Obama – diese
Geschichte in ihren früheren Karrieren als Akademiker studiert hatten.
Infolge dieser Lektionen verhinderten die Politiker das Schlimmste.
Nachdem die Pleite von Lehman Brothers das globale Finanzsystem an
den Rand des Abgrunds geführt hatte, versicherten sie, dass sie keine
weitere Pleite einer für das System äußerst wichtigen Finanzinstitution
mehr zulassen würden, und sie hielten dieses Versprechen. Sie widerstanden
einer Politik unter dem Motto: »Bettle deinen Nachbarn an«, die in
den 1930er-Jahren den Zusammenbruch der internationalen Transaktionen
verursacht hatte. Die Regierungen erhöhten ihre öffentlichen Investitionen
und senkten die Steuern. Die Zentralbanken fluteten die Finanzmärkte
mit Liquidität und gewährten einander solidarisch Kredite in einer
Weise, die es so noch nie gegeben hatte.

Diese Entscheidungen waren vor allem vom Wissen über die Fehler der
Vorgänger beeinflusst. In den 1930er-Jahren unterlagen die Regierungen
der Verführung des Protektionismus. Sie ließen sich von einem veralteten
ökonomischen Dogma leiten, kürzten ihre öffentlichen Ausgaben
zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und versuchten, ihre Budgets ins
Gleichgewicht zu bringen, als stimulierende Investitionen notwendig gewesen
wären. Es machte keinen Unterschied, ob die betreffenden Politiker
Englisch sprachen, wie Herbert Hoover, oder Deutsch, wie Heinrich
Brüning. Ihre Maßnahmen verschlimmerten nicht nur den Niedergang,
sondern sie scheiterten sogar an der Aufgabe, das Vertrauen in die öffentlichen
Finanzen wiederherzustellen.
Die Zentralbanker hielten an der Idee fest, dass sie nur so viele Kredite
bereitstellen müssten, wie es für die legitimen Bedürfnisse der Unternehmen
erforderlich war. Sie gewährten mehr Kredite, wenn die Wirtschaft
expandierte, und weniger, wenn es einen Rückgang gab, womit sie Booms
und Krisen noch verstärkten. Sie vernachlässigten ihre Verantwortung für
finanzielle Stabilität und schritten nicht als Kreditgeber in Notfällen ein.
Das Ergebnis war ein sprunghaftes Ansteigen von Bankenpleiten und ein
verkümmerndes Kreditgeschäft. Man ließ zu, dass die Preise kollabierten
und Schulden nicht mehr zu managen waren. Milton Friedman und
Anna Schwartz geben in ihrem einflussreichen Werk über die Geschichte
der Geldpolitik den Zentralbanken die Schuld an diesem Desaster. Sie
kommen zu dem Fazit, die unfähige Politik der Zentralbanken sei mehr
als jeder andere Faktor für die ökonomische Katastrophe der 1930er-Jahre
verantwortlich gewesen.
Da die Verantwortlichen die Lektionen aus dieser früheren Episode gelernt
hatten, gelobten sie, es diesmal besser zu machen. Wenn damals die
Welt in Deflation und Depression gestürzt war, weil ihre Vorgänger weder
die Zinsen gesenkt noch die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet hatten,
würden sie diesmal mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik reagieren.
Wenn die Finanzmärkte zusammengebrochen waren, weil ihre Vorgänger
panische Anstürme auf die Banken nicht verhindert hatten, würden
sie auf ganz entschiedene Weise mit den Banken umgehen. Wenn
Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, den Niedergang in den
1930er-Jahren verstärkt hatten, würden sie finanzielle Anreize schaffen.
Wenn der Zusammenbruch der internationalen Kooperation die Probleme
der Welt verschlimmert hatte, würden sie persönliche Kontakte und
multilaterale Institutionen nutzen, um sicherzustellen, dass es diesmal
eine angemessene Koordination politischer Maßnahmen gab.
Als Resultat dieser ganz anderen Reaktionen erreichte die Arbeitslosenquote
in den USA 2010 einen Spitzenwert von 10 Prozent. Das war
immer noch besorgniserregend hoch, aber die Quote lag doch weit unter
den katastrophalen 25 Prozent während der großen Depression. Hunderte
Banken gingen pleite, aber nicht Tausende. Es gab viele Verwerfungen
an den Finanzmärkten, aber deren völliger und äußerster Kollaps wie in
den 1930er-Jahren wurde mit Erfolg abgewendet.
Das war nicht nur in den USA so, sondern auch in anderen Ländern.
Jedes unglückliche Land ist auf seine eigene Weise unglücklich und ab
2008 gab es unterschiedliche Grade der wirtschaftlichen Unzufriedenheit.
Aber abgesehen von einigen fehlgeleiteten europäischen Ländern erreichte
dieses Unglück nicht das Niveau der 1930er-Jahre. Weil die politischen
Maßnahmen besser waren, fielen die sozialen Verwerfungen, die
Schmerzen und das Leid geringer aus.
So sagt man jedenfalls.
Diese nette Geschichte ist leider zu einfach.
Sie lässt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, dass man die
Risiken nicht antizipiert hat. Bei einem Besuch der London School of
Economics 2008 hat Königin Elisabeth II. eine später berühmt gewordene
Frage gestellt: »Warum hat das niemand kommen sehen?«, fragte sie
die versammelten Experten. Sechs Monate später schickte eine Gruppe
prominenter Wirtschaftswissenschaftler der Königin einen Brief und entschuldigte
sich für »den Mangel an kollektiver Fantasie«.

(..)

Die Architekten des Euro waren sich dieser Geschichte bewusst. Man erinnerte
sich sogar noch intensiver an sie, weil 1992 bis 1993 der Wechselkursmechanismus
zusammenbrach, der die europäischen Währungen
miteinander verband wie ein Seil eine Gruppe von Bergsteigern. Daher
bemühten sie sich um ein stärkeres währungspolitisches Arrangement.
Es sollte auf einer Einheitswährung basieren und nicht von den Wechselkursen
zwischen einzelnen Landeswährungen abhängig sein. Die Abwertung
einer Landeswährung sollte nicht mehr möglich sein, weil die einzelnen
Länder dann keine nationale Währung mehr haben würden, die sie
abwerten könnten. Dieses Euro-System sollte nicht von nationalen Notenbanken
reguliert werden, sondern von einer supranationalen Institution,
der Europäischen Zentralbank.
Wichtig ist, dass der Vertrag zur Einrichtung der Währungsunion keine
Möglichkeit zum Ausstieg vorsah. In den 1930er-Jahren konnte ein Land
durch eine unilaterale Entscheidung seiner nationalen Legislatur oder seines
Parlaments den Goldstandard abschaffen. Im Gegensatz dazu wäre
die Abschaffung des Euro in einem Land ein Vertragsbruch und würde
das gute Verhältnis dieses Landes mit seinen Partnerstaaten innerhalb der
EU gefährden.
Die Architekten des Euro vermieden zwar einige Probleme des Goldstandards,
sorgten dafür aber für andere Probleme. Indem das Euro-System
ein trügerisches Bild der Stabilität schuf, setzte es große Kapitalströme in
die südeuropäischen Länder in Gang, welche schlecht dafür gerüstet waren,
mit ihnen umzugehen – wie schon in den 1920er-Jahren. Als diese
Ströme die Richtung wechselten, führten die Unfähigkeit der nationalen
Zentralbanken, Geld zu drucken, und der nationalen Regierungen, sich
dieses Geld zu leihen, zu tiefen Rezessionen – wie schon in den 1930er-Jahren.
Der Druck, etwas zu verändern, wurde immer stärker. Die Unterstützung
von Regierungen, die das nicht taten, wurde schwächer. Es häuften
sich die Prognosen, der Euro werde ebenso scheitern wie der Goldstandard;
Regierungen in notleidenden Ländern würden ihn verlassen. Und
falls sie zögern sollten, dies zu tun, würden sie von anderen Regierungen
und politischen Führern abgelöst werden, die zum Handeln bereit wären.
Schlimmstenfalls könnte sogar die Demokratie in Gefahr sein.
Es stellte sich heraus, dass dies ein falsches Verständnis der Lehren aus
der Geschichte war. Als Regierungen in den 1930er-Jahren den Goldstandard
aufgaben, waren der internationale Handel und das Kreditwesen
schon zusammengebrochen. Diesmal taten die europäischen Länder gerade
genug, um dieses Schicksal zu vermeiden. Daher musste man den
Euro verteidigen, um den gemeinsamen Markt, den Handel innerhalb
Europas und den Zahlungsverkehr zu bewahren. In den 1930er-Jahren
zählte die politische Solidarität zu den frühen Opfern der Depression.
Trotz der Belastungen durch die Krise setzten die Regierungen diesmal
ihre Konsultationen und ihre Zusammenarbeit mithilfe internationaler
Institutionen fort, die stärker und besser entwickelt waren als die
in den 1930er-Jahren. Die wirtschaftlich und finanziell starken EU-Länder
vergaben an ihre schwachen europäischen Partner weiterhin Kredite.
Diese Kredite hätten zwar höher sein können, aber verglichen mit den
1930er-Jahren waren sie dennoch umfangreich.
Und schließlich kam es nicht zu einer Krise der Demokratie, wie sie
diejenigen prognostiziert hatten, die mit dem Kollaps des Euro rechneten.
Es gab Demonstrationen, auch solche, bei denen es zu Gewalttaten kam.
Regierungen stürzten. Aber anders als in den 1930er-Jahren überlebte
die Demokratie. Die Kassandras des Zusammenbruchs hatten die Wohlfahrtsstaaten
und die sozialen Sicherheitsnetze übersehen, die infolge der Depression
aufgebaut worden waren. Sogar dort, wo die Arbeitslosenrate
bei mehr als 25 Prozent lag, wie es in den am schlimmsten betroffenen
Teilen Europas der Fall war, kam es nicht zu offenkundiger Verzweiflung.
Das schwächte die politische Gegenreaktion. Es begrenzte den Druck, das
bisherige System zu verlassen.
Es ist allgemein bekannt, dass die Erfahrung der Großen Depression
die Wahrnehmung und die Reaktionen auf die große Rezession stark
geprägt hat. Aber um zu verstehen, wie diese Geschichte genutzt – und
missbraucht – wurde, muss man sich nicht nur die Depression genauer
ansehen, sondern auch die Entwicklungen, die sie ermöglicht haben. Wir
müssen also ganz am Anfang beginnen, nämlich im Jahr 1920.

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Interessantes aus der Presse

Verwirrung um Lagardes Grexit-Aussagen: IWF bringt Korrektur

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Hat sie oder hat sie nicht? Das ist hier die Frage – der IWF sagt nun: sie hat nicht. Gemeint sind die Aussagen der IWF-Chefin Lagarde gegenüber der „FAZ“. So wird ihr Satz allgemein so zitiert:

„Der Austritt Griechenlands ist eine Möglichkeit“, würde aber nicht das Ende der Eurozne bedeuten („likely not spell the end of the
euro.“).

Doch taucht ein wörtliches Zitat in dem Artikel der „FAZ“ gar nicht auf.

Nun hat der IWF gestern eine Richtigstellung der Äusserungen Lagardes herausgebracht, „to clarify and put into context the quotes reported in the FAZ
interview.“ Das Interview der „FAZ“ mit Lagarde wurde in englischer Sprache durchgeführt, der IWF hat die Aussagen Lagardes nun gestern im Original veröffentlicht.

Nun hat ein Sprecher des IWF auf Nachfrage einer Nachrichtenagentur klar gemacht, dass Lagarde in dem Interview weder das Ende der Eurozone noch das Ende des Euro in dem Interview erwähnt habe. Ofefnkundig versucht also der IWF, die Wellen, die das Interview mit der „FAZ“ aufgebracht hat, wieder zu glätten. Man ist nervös – auch und gerade beim IWF..

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