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Warum der Ölpreis unerwartet abrutscht – Expertin erklärt

Eine Börsenexpertin erläutert den seit einer Woche kräftig fallenden Ölpreis. Neben der Enttäuschung über die OPEC gibt es weitere Faktoren.

Öl-Fass und Dollar-Scheine
Öl-Fass und Dollar-Scheine. Grafik: Rawf8.com - Freepik.com

Obwohl Saudi-Arabien vor genau einer Woche die zeitliche Verlängerung seiner Fördermengenkürzung von Dezember bis März verkündete, und obwohl andere OPEC-Mitglieder sagten, sie würden ebenfalls freiwillig Fördermengen kürzen im ersten Quartal 2024, ist der Ölpreis seitdem deutlich gefallen, und zwar um gut 9 Dollar auf jetzt ziemlich genau 70 Dollar. In diesem TradingView Chart sehen wir den Kursverlauf von WTI-Öl seit dem 10. November. Der Pfeil zeigt, wie der Ölpreis seit letzter Woche Donnerstag massiv gefallen ist. Es ist ein dramatischer Absturz. Man ist offenbar enttäuscht, dass es keine koordinierte, glaubwürdige und kräftige Mengenkürzung gibt, die es den Tradern erlaubt den Ölpreis hochzupushen? Aber da sind noch mehr Gründe für die aktuelle Preisschwäche.

Ölpreis-Absturz – Expertin erläutert

Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst bei der Swissquote Bank, bietet aktuell einen Überblick, warum der Ölpreis seit letzter Woche Donnerstag so kräftig fällt. Hier ihre Aussagen im Wortlaut, übersetzt: Die US-Rohölpreise fielen gestern um 4 % und sanken unter die Marke von 70 Dollar pro Barrel, und Brent rutschte unter 75 Dollar pro Barrel. Momentum-Händler und sinkende Volumina verschlimmerten die jüngste Talfahrt im Ölpreis, während die jüngste Ankündigung der OPEC zu Produktionskürzungen und die zusätzlichen Drohungen der Saudis, ihre Solokürzung über das erste Quartal hinaus zu verlängern, völlig ungehört blieben.

Schlimmer noch: Als die Bären sahen, dass die Anleger die Angebotskürzungen und Drohungen ignorierten, fühlten sie sich sicherer, ihre Wetten auf einen fallenden Ölpreis auszuweiten. Und in der Tat bedeuten der schrumpfende Anteil des Kartells an der Weltproduktion und die Unstimmigkeiten zwischen den Mitgliedern in Bezug auf die Strategie der Angebotskürzungen, dass entweder die Angebotskürzungen nicht viel bewirken, oder dass weitere Maßnahmen schwierig und vielleicht zu kostspielig sein werden.

Nimmt man zu dieser Mischung noch die weltweite Konjunkturabschwächung, das schwindende Interesse und die Emotionslosigkeit der algorithmischen Händler in Bezug auf die OPEC-Nachrichten hinzu, versteht man, warum der WTI-Ölpreis unter 70 Dollar und nicht über 100 Dollar notiert, wie es viele Banken zu Beginn des Jahres prognostiziert hatten. Und wenn der Rückgang der US-Ölreserven um mehr als 4,5 Millionen Barrel in der vergangenen Woche den gestrigen Ausverkauf im Ölpreis nicht stoppen konnte, so liegt das daran, dass die jüngste Zahl durch einen großen Margen-Fehler verwischt wurde, den größten in der Geschichte – oder die Öl-Bullen fanden einfach nicht die Kraft, gegen eine so starke Flut anzuschwimmen.

Die Frage, die jeder im Hinterkopf hat, lautet: Könnte der Ölpreis seine Verluste ausweiten? Bei den derzeitigen Kursen wird Rohöl in der Nähe des überverkauften Marktes gehandelt, so dass die algorithmischen Modelle, die auf Marktkennzahlen basieren, dies berücksichtigen und die Verkäufe bremsen sollten. Auf den aktuellen Niveaus werden wir also einen gewissen Aufschwung erleben. Eine Erholung im Ölpreis könnte jedoch im Bereich von 75 bis 78 Dollar begrenzt bleiben, wo sich auch das kleine 23,6 %-Fibonacci-Retracement und der 200-DMA befinden. Und sobald der richtige Zeitpunkt gekommen ist, könnte sich diese negative Bewegung auf die Region von 65 bis 67 Dollar ausweiten.

Bleibt noch die Frage der strategischen US-Reserven, von denen es heißt, dass die USA eine Auffüllung im Bereich zwischen 67 und 72 Dollar in Betracht ziehen. Ja, das wird sicherlich dazu beitragen, den Abwärtsdruck in diesem Bereich zu bremsen, aber bedenken Sie, dass diese Rückkäufe aufgrund physischer Beschränkungen auf etwa 3 Millionen Barrel pro Monat begrenzt sind und die Flut nicht umkehren werden. Nachdem das OPEC-Risiko nun aus dem Weg geräumt ist, sind die Spannungen im Nahen Osten das größte Aufwärtsrisiko für den Ölpreis.

Kommentar

Wie ich es seit Tagen „predige“: Man sollte die Saudis nicht unterschätzen. Sie hatten sich so sehr bemüht, diese Fördermengenkürzung letzte Woche zustande zu bekommen, aber die Märkte sind einfach nicht davon überzeugt, dass wirklich insgesamt 2,2 Millionen Barrels Kürzung im ersten Quartal 2024 stattfinden. Dazu kommen noch eine Konjunkturschwäche in China und Europa, und die Öl-Schwemme von US-Produzenten. Meine Vermutung: Wenn der Ölpreis die nächsten Tage und auch die ersten Wochen im neuen Jahr so schwach bleibt, könnte Saudi-Arabien von Jetzt auf Gleich eigenmächtig – und vielleicht auch mit Unterstützung Russlands – die Fördermengenkürzung mengenmäßig kräftig ausweiten. Das wäre dann für den Ölpreis ein Signal um möglicherweise sprunghaft anzusteigen. Dieses Szenario kann jederzeit eintreten, oder auch gar nicht. Aber man sieht es ja: Das Ziel, durch verknappte Fördermengen den Ölpreis hochzupushen, erzielt seit einer Woche den klar gegenteiligen Effekt. Die Börsianer sind einfach nicht überzeugt davon, dass im ersten Quartal eine Verknappung bei Öl am Weltmarkt eintreten wird. Und deswegen könnte Saudi-Arabien diesem Zweifel entgegentreten, so wie man es in der Vergangenheit bereits getan hat.



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3 Kommentare

  1. Die Öl-Allianz OPEC+ und die US-Texas-Ölindustrie/ExxonMobil bilden eben ein Gleichgewicht im Ölgeschäft.

  2. Das Öl-Kartell hat den zyklischen Verlauf vor Rezessionen vermasselt. Der Ölpreis, West Texas und Brent kamen unabhängig davon aus technisch, überkauften Niveaus. Wenn wir in die Diagramme eintauchen, wurden uns diese Information vor den Wendepunkten als Wahrscheinlichkeiten frühzeitig signalisiert (bis zur Wochenverschiebung, die derzeit abgearbeitet wird). Jetzt, sehen wir das umgekehrte Spiel in der späteren Folge. Es ist ein technisch-mechanisches, möglicherweise letztes Aufwärtspotenzial vor der offiziellen NBER-Rezession derzeit bis dato 93 $ bei WTI definitiv nicht unwahrscheinlich. Sicherlich bleiben Werte nicht gleich, es werden sich Abweichungen ergeben, nichts läuft gerade. Es kann durch Ungleichgewichte und Positionierungen wie vergleichsweise zuletzt bei Gold Spot sehr schnell gehen (Short Squeeze). Vielleicht bereits morgen zu den Nonfarm oder in der Entscheidungswoche mit FOMC und den wichtigen OpEx-Events. Ersteres sollte marktbullisch werden (und müsste) um den Zyklus schließen zu können. Öl benötigt letztere und höhere Höchststände um mit der Rezession und Zinssenkung liquidiert zu werden. Dies sagen uns historische Aufzeichnungen, weshalb man zurecht skeptisch sein kann. Der Gesamtmarkt tut derzeit nichts ungewöhnliches unter der Haube, die Programme der Fed, DoT ect. zeigen noch keine Wendepunkte, die gefährlich werden könnten und Aladdin scheint auch weiterhin keine Anstalten zu machen.

  3. -Rezession –

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