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Warum Schulden und Gelddruckerei in Japan nichts nützen…

FMW-Redaktion

Japan ist der Schuldenweltmeister. Kein Land hat bezogen auf das Bruttoninlandsprodukt (BIP) so viele Schulden wie Japan mit 244%. Danach folgen Griechenland und Italien mit 194 und 132%. Die Notenbank in Tokyo druckt dazu noch Geld wie wahnsinnig, also im Großen und Ganzen das selbe Konzept wie in Europa und vormals auch in den USA.

Die Inflation anzuheizen funktioniert über diese Maßnahmen offensichtlich nicht, aber in Japan gibt es noch ein ganz spezifisches Problem, das so niemand anders hat. Das Land schottet sich rigoros ab gegen Einwanderung. Es ist niemand da, der mit „frischen Geburten“ der gnadenlosen Überalterung der japanischen Gesellschaft entgegenwirken könnte. Die Daten liegen vor, und sind Notenbank und Regierung sicherlich auch bekannt. Aber anscheinend glaubt man diesen Effekt mit frisch gedrucktem Geld entgegenwirken zu können – in der Realität unmöglich.

2010 hatte Japan 128,1 Millionen Einwohner – nach dem Census von September 2015 waren es noch 126,9 Millionen, und nach neusten Berechnungen aus Februar 2016 waren es noch 126,8 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung schrumpft in Rekordzeit. 1,23 Millionen Menschen weniger in nur 5 Jahren, das entspricht einem Rückgang von 0,96%. Und der Rückgang beschleunigt sich.

Lag man in den 1940er Jahren noch bei 70 Millionen Einwohnern, ging es danach rasant bergauf bis auf die 128 Millionen in 2010 in der Spitze. Die Bevölkerung wuchs seit den 50er Jahren zwar immer weiter an, aber seit den 70er-Jahren geht die Wachstumsrate an sich immer weiter zurück. Seit dem Jahr 2011 hat sich das Bevölkerungswachstum in Japan gedreht in einen Schrumpfungsprozess, der wohl nicht mehr aufzuhalten ist.

27% der Bevölkerung ist jetzt schon über 65 Jahre alt. Dieser Prozess wird mangels Geburten extrem beschleunigt. Die Bevölkerung soll bis 2050 auf groß geschätzt auf ca. 100 Millionen Einwohner schrumpfen (wenn man verschiedene Schätzungen vergleicht). 34 Jahre und irgendwo um die 26 Millionen Menschen weniger: Also kann man ganz grob und vereinfacht sagen Japan verliert netto jedes Jahr 760.000 Menschen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht heißt das: Pro Jahr sind 760.000 Menschen weniger da, die Autos, Fernseher, Wohnungen, oder etwas zu Essen und zu Trinken kaufen können.

Dazu kommt noch wie vorher beschrieben der entscheidende Effekt, dass Japan wirklich nicht an irgendeiner Art von Einwanderung interessiert ist. Auch die Tatsache, dass man als Insel räumlich isoliert ist, mag eine Rolle spielen. Vom Grundsatz her ist die Hauptfrage: Warum sollen Industrielle und sonstige langfristig denkende Investoren grundsätzliche Investitionen in einem bedeutenden Umfang tätigen in einem derart schrumpfenden Markt? Auch aufgrund dieses Effekts stagniert die Wirtschaft in Japan seit gut 20 Jahren, und man ist jüngst wieder in die Deflation gerutscht, obwohl man noch viel brachialer als Draghi und Co. auf die Schulden- und Gelddruckpresse drückte. Aber wahrhaben will man das in Japan wohl nicht. Man denkt in Dimensionen wie BIP, Inflation, Verschuldung etc, aber nicht in der Dimension Bevölkerungswachstum/Bevölkerungsschwund.

Mal kurz verglichen zwischen den offiziellen Statistikdaten aus Japan und Deutschland: In Japan sind 17% der Bevölkerung unter 20 Jahre, in Deutschland 18%. In Japan sind 27% der Menschen älter als 65, in Deutschland 21%. Die Überalterung ist bei uns noch nicht so schnell voranschreitend wie in Japan, aber der Trend ist der selbe. In Japan geschieht das, was uns bevorsteht, in einer Art Zeitraffer.

Was lernen wir in Deutschland daraus? Bei einer ebenfalls alternden Gesellschaft muss man entweder die Geburtenzahl drastisch (exorbitant) erhöhen, was nach allen Schätzungen fast unmöglich ist, oder man muss die Gesellschaft von außen „auffüllen“, so technisch sich das auch anhört. Ein gezieltes und gesteuertes Einwanderungsprogramm wäre sinnvoll! Sonst können Mario Draghi und seine Nachfolger im EZB-Turm genau wie die Japaner jahrzehntelang ohne Wirkung pumpen, und es passiert nichts.



Daten: Statistics Japan / Statistisches Bundesamt



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5 Kommentare

  1. 1. Mein altbekannter Hinweis, wieso um alles in der Welt ausgerechnet der japanische Yen in Krisenzeiten (Krisentagen-Krisenstunden) als „sicherer Hafen“ angesehen wird.

    2. Um die genannten Wirtschaftswachstumseffekte zu erzielen, muss nicht unbedingt die Bevölkerung zahlenmäßig größer werden. Das selbe Resultat ließe sich erzielen, indem ich den vorhandenen oder auch weniger werdenden Konsumenten mehr Geld zur Verfgügung stelle. Z.B. Hartz4 und die Mindestrenten einfach mal, sagen wir verdoppeln, auch den Mindestlohn durch staatliche Zuschüsse mehr als drastisch erhöhen. Geld hat der Staat ja mit einem Male in anscheinend unbegrenztem Milliardenvolumen.

    1. @Gerd, es ist wohl schlicht so, dass bei Unsicherheit an den Märkten die Japaner ihre Auslandsinvestments verkaufen – und dann faktisch andere Währungen wieder in Yen zurück tauschen..

  2. Eine stark alternden Bevölkerung erfordert in vielen Bereichen eine ganz andere Infrastruktur, im medizinischen und Pflegebereich, altersgerechte Wohnungen, öffentliche Verkehrsmittel und so weiter – genügend Möglichkeiten für Investitionen und damit auch Wachstum – selbst bei insgesamt schrumpfender Bevölkerungszahl.
    Die Lohnentwicklung in Japan mit stagnierenden und sogar schrumpfenden Reallöhnen und Lohnstückkosten seit über 20 Jahren dürfte eher die tatsächliche Ursache der „japanischen Krankheit“ sein – und dagegen hilft keine Geldpolitik.
    Das gleiche Schicksal droht uns auch, denn auch hier wird unter dem Schlagwort „Wettbewerbsfähigkeit“ seit spätestens 1998 alles getan, um Reallöhne, Renten und Sozialleistungen zu senken, nur damit dem Exportüberschussfetisch gehuldigt werden kann – der Preis ist die jämmerliche Entwicklung der Binnennachfrage. Aber dafür häufen wir ja Forderungen an das Ausland an, bis unsere dankbare Kundschaft ihre Hosentaschen nach außen krempelt und sagt: „Ööhm – ätsch, Weltmeister!“

  3. Der Autor ist leider auch den Fehlschluessen des nicht nachhaltigem Wirtschaftssystems aufgesessen.Die Menscheit kann nicht immer weiter konsum und Bevoelkerungsmaessig wachsen nur eine Ressourcenbasierte Oekonomie macht Sinn.

  4. Außer der Erhöhung der Geburtenzahl und der Einwanderung arabischer „Fachkräfte“ sind durchaus auch Investitionen in mehr Technik möglich! Man sollte die japanischen Roboter-Programme nicht unterschätzen…
    Eine schrumpfende Bevölkerung hat auch Vorteile. Und Schulden werden ja ohnehin nie zurückgezahlt, jedenfalls nicht von Regierungen mit einer brauchbaren Armee.

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