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Die Flucht der Anleger aus dem Euro Wie die EZB die Zins-Wende verstolpert und den Euro schwächt

Der Nullzins bewirkt, dass das Geld langsam seine Fähigkeit verliert, Zeit zu speichern

EZB Zins Euro

Die Erzeugerpreise steigen in Deutschland um 37,2%, die Energiepreise schießen weiter durch die Decke, der Euro wertet weiter ab – aber der von der EZB gesetzte Leit-Zins liegt gerade einmal bei 0,5%.

„Mind the gap!“ – „Mind the gap!“ – ertönt die Durchsage, bevor Türen sich schließen und der Zug davonrauscht, um im undurchdringlichen Schwarz von Londons „Tube“ zu verschwinden. Die Lücke zwischen Bahnsteig und Zug ist in Londons Underground besonders tückisch, Unfälle daher vorprogrammiert. Genauso verhält es sich dieser Tage über der Erde, wenn die Notenbanken dieser Welt die Zinsen hochziehen, um die Inflation zu stoppen.

Die EZB ist nicht die Fed

Während die EZB noch zögert, stürmt die amerikanische Notenbank voran. Die Fed hob den Leitzins am 16. März dieses Jahres erstmals um 0,25 Prozent. Am 4. Mai folgte ein größerer Zinsschritt von 0,5 Prozent und am 15. Juni sogar eine Erhöhung um 0,75 Prozent. Am 27. Juli hob die Fed abermals den Leitzins um 0,75 Prozent an. In nur fünf Monaten vollzog die Fed eine beispiellose Zins-Wende. Es waren dies die größten Zinsschritte seit 2008. Damals, auf der Höhe der Weltfinanzkrise, senkte die Fed mehrfach hintereinander die Zinsen um 0,75 Prozent. Aktuell liegt die federal funds rate bei 2,5 Prozent. Die nächste Zinsentscheidung der Fed steht am 21. September ins Haus.

EZB und die Bank of England

Auch die Bank of England vollzog eine Zinswende. Zuletzt hob sie am 4. August den Leitzins noch einmal um 0,5 Prozentpunkte auf jetzt 1,75 Prozent an. Es handele sich um den größten Zinsschritt seit 27 Jahren, so die Bank of England in einer Pressemitteilung. Auf der Insel ist Tempo vonnöten, denn derzeit liegt die Inflationsrate bei knapp 10 Prozent. Für Großbritannien rechnet die Bank of England ungeachtet der ungewöhnlich deutlichen Zinserhöhungen mit einem weiteren Anstieg der Inflation auf bis zu 13 Prozent im vierten Quartal. Die zweitwichtigste Notenbank Europas nach der EZB stellt sich auf einen langen Inflationskampf ein.

Euro und Dollar – zwei Fahrstühle nach unten

Je größer die Zins-Schere zwischen Dollar und Euro, desto schneller wird die Flucht der Anleger aus dem Euro für die EZB zum Problem. Die sinkende Nachfrage nach dem Euro besiegelt seinen Wertzerfall. Aktuell liegt der Euro paritätisch mit dem US-Dollar gleichauf ( 1 Euro = 1,0040 Dollar). September 2021 lag der Kurs noch bei 1: 1,15. Den Wert des Euros im Verhältnis zum Dollar anzugeben, ist – überspitzt formuliert – eine finanzökonomische „Lüge“, denn Dollar und Euro sind zwei Fahrstühle auf dem Weg nach unten. Der steigende Goldkurs reflektiert den Sinkflug beider Währungen nur unvollkommen. Der Goldmarkt, eng und klein wie er ist, sieht sich vielfältigen Manipulationen ausgesetzt. Die globalen Marktteilnehmer und vor allem die Notenbanken dieser Welt decken sich vorsichtshalber ein. Vielleicht, um im Falle eines zukünftigen Währungsschnitts einen soliden Grundstock zu haben.

EZB in der Zwickmühle

Anders als die Fed oder Bank of England ist die EZB in einer Zwickmühle. Belässt sie den Leitzins weiter bei Null beziehungsweise unterhalb der Null, wird die Inflation vermutlich zweistellig. Der EURO wird dann noch weicher, mit verheerenden Auswirkungen für die Bürger und die Realwirtschaft. Die Rezession scheint dann unvermeidlich. Zieht die EZB hingegen die Zinsschraube deutlich an, geraten die kippeligen Schuldentürme der überschuldeten Südländer ins Wanken.

Thomas Mayer zufolge, dem Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und maßgeblichen Finanzökonomen des Landes, müsste die EZB, um die überschießende Inflation wirksam zu stoppen, den Leitzins oberhalb der Inflationsrate bringen. Bei einer Inflation von durchschnittlich 5 Prozent im Jahr müsste der Leitzins demnach zwischen 5 und 6 Prozent liegen. Damit würden die italienischen Staatsanleihen in Flammen aufgehen und der italienische Staat kollabieren, weil er sich nicht mehr refinanzieren könnte. Derzeit liegen die Zinsen für zehnjährige italienische Staatsanleihen bei 3,4 Prozent, für deutsche bei 1,22 Prozent.

EZB: Negativzinsen ein Marktphänomen

Verlassen wir das deprimierende Terrain der aktuellen Notenbankpolitik und wenden uns Grundsätzlichem zu, nämlich der Frage, wie es zum Negativzins gekommen ist. Die EZB bediente hierzu das Narrativ, der beispiellose technische Fortschritt im Verein mit der Globalisierung hätten dazu geführt, dass die Zinsen negativ seien. Die Argumentation ist noch wesentlich anspruchsvoller und komplexer, zugegeben. Aber sie verschleiert doch nur das erhebliche Zutun von Fed und EZB an dieser Entwicklung. Durch das Absenken der Zinsen im Gefolge der Weltfinanzkrise 2008 wurden die Finanzmärkte mit Geld geflutet, um die gefährliche Finanzklemme an den Bankenmärkten der Welt zu verflüssigen. Das gelang.

Negative Zinsen eine contradictio in adjecto?

Im Grunde sind negative Zinsen ein Widerspruch in sich selbst (contradictio in adjecto). Geld ist ein Zeitspeicher. „Bedenke, dass Zeit Geld ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat neben dem noch fünf Schillinge ausgegeben oder vielmehr weggeworfen“, unterweist Benjamin Franklin 1748 seinen Freund in seinem „Advice to a Young Tradesman“. Zwar können Fed und EZB den Leitzins willkürlich festsetzen. Die Zeit anhalten indessen können sie nicht. Negative Zinsen sind in etwa so widersinnig wie der Versuch, die gleichmäßig verrinnende Zeit dadurch anzuhalten, dass man die Sanduhr nicht mehr umdreht.

Zins nach Böhm-Bawerk

Der Lehrer von Ludwig von Mises, Eugen Böhm von Bawerk (1851–1914), hat den Zins als zeitgebundene Wertdifferenz erklärt. Die Menschen würden Güter, die sofort verfügbar sind, höher wertschätzen als solche, die erst zukünftig verfügbar seien. Die Zeitpräferenz ist zunehmend, sprich: positiv. Kann der Zins von daher negativ sein? Wenn Geld in erster Linie eine Zeitspeicher ist, dann ist der Zins seine Zeitrendite. Der Zins ist Geld in der Zeit. Dass der Zins steigt, ist notwendig; denn der Wert von Zeit nimmt zu, je weniger sie zur Verfügung steht. Zeit ist die kostbarste Ressource, über die der Mensch verfügt. Denn sie ist endlich. Die Zeit, die uns bleibt, ist die Differenz zwischen der Anzahl der Sandkörner im oberen Teil der Sanduhr und jenen im unteren Teil.

Der Zins als Zeitmesser

Die moderne Technik hebt nahezu den Raum auf, zumindest die mesometrische Welt des Menschen, grosso modo den Bereich zwischen wenigen Millimetern und ein-/zweitausend Metern. Die Zeit aufzuheben vermag sie nicht. Alles ist der Zeit unterworfen, biologisch gesehen ist der Tag die Monade der Zeit. Die Zeit beugt die Geschehnisse des Tages, sie dekliniert auch Wort und Bild.

Als die Lehre von den Möglichkeiten in der Zeit ist die Zinsrechnung der Ursprung aller Pläne. Die Jagd des Mammuts und seine Erlegung wirft Zins ab in Form zukünftigen Überlebens, das ist die Möglichkeit zur Reproduktion. Eine Welt, in welcher der Zins Null ist, wäre eine ideale. Denn in ihr würde kein Gut mehr der Zeit unterworfen sein. Die Welt, und mit ihr die Menschen, hörten auf zu altern. Alles wäre unsterblich. Im Paradies ist die Zeit aufgehoben. Die EZB kann den Zins auf Null drücken. Indes, die Zeit anhalten kann sie nicht. Der Nullzins bewirkt zwingend, dass das Geld langsam seine Fähigkeit verliert, Zeit zu speichern, sprich: es inflationiert. Sein Wert zerrinnt. Der Wirtschaftszyklus ist der Zeit unterworfen. Boom und Bust sind Gezeiten. Auf die Ebbe folgt die Flut.

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9 Kommentare

  1. Vielen Dank. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal so schön gelesen zu haben.

    Solche Texte sind wie Samenkörner. Viele werden von Maden weggefressen, aber die die aufgehen, bringen vielfachen Ertrag an Wissen und Vernunft.

    1. Auch gute Zeilen von dir

  2. Schorsch Taugenichts

    Netter Artikel voller Wortwunder und überflüssiger Fremdwörter, der in der zweiten Hälfte leider zusehends in metaphysische Spinnereien abdriftet. Da helfen auch keine österreichischen Weisheiten aus dem 19. Jahrhundert wirklich weiter.
    Notenbanken und Raumzeit, so etwas begeistert vielleicht pseudo-philosophische Spinner wie @Felix, ist aber wenig geeignet, die aktuellen profanen Probleme zu lösen.

  3. Danke für diese ins philosophisch gehende Betrachtung. Wer die Tradition der europäischen Philosophie ignoriert begeht Verrat an Europa. Banalität ersetzt den Versuch die Wahrheit zu erkennen. Letztendlich ist es auch eine Auseinandersetzung mit Gott.

  4. Die Zeit, die uns bleibt, ist nicht die Differenz zwischen der Anzahl der Sandkörner im oberen Teil der Sanduhr und jenen im unteren Teil, sonder die Anzahl der Sandkörner im oberen Teil der Sanduhr.

  5. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Lange Rede kurzer Sinn: Im Grunde geht’s bei der EZB nur um die Rettung der Südzone!

    1. @Sebastian

      Vordergründig mag das stimmen. Letztendlich bedeutet die Rettung der Südzone aber auch die Rettung der Nordzone. Die diesbezüglichen Zusammenhänge sind komplex und schwer verständlich.

  6. Nach der Flucht aus dem Euro kommt der Run auf den Euro. Nur Geduld

    Wer jetzt amerikanische Aktien kauft hat ggf. 20% Kursverlust wenn Eur/Usd wieder bei 1,2 in 2024.

  7. Die „Masters of the Universe“ in New York haben aus dem Euro einen Yen gemacht !! Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Welthandel Euro — 6-8 %
    Welthandel Dollar 60-70%

    bei vergleichbarer Einwohnerzahl ( benötigte Inlandswährungseinheiten)

    Ansonsten Prostmahlzeit!

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