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Endet unser Fiat-Geldsystem auch so? Wie Martin Luther die erste Wertpapier-Blase der Geschichte crashte

Die historisch erste Hyperinflation - und der Crash

Luther Wertpapierkollaps Blase

Die EURO-Blase ist epischen Ausmaßes – allerdings ist sie beileibe nicht die erste und schon gar nicht die größte, welche die Weltgeschichte sah: denn die erste große Blase brachte Martin Luther zum platzen! Diese Blase war die Gnaden- beziehungsweise Ablass-Blase am Vorabend der Reformation. Kein geringerer als der zuvor namenlose Mönch Martin Luther hat sie zum Platzen gebracht.

Throne wackeln, Regime wanken

Es ist im Grunde immer dasselbe: Throne wackeln und Regime wanken, sobald Institutionen und Regierungen die Notenpresse anwerfen, um mit frisch gedruckten Papierscheinen ihre Schulden zu begleichen. Die desaströsen Folgen sind zwar nicht sofort sichtbar, weil der kausale Zusammenhang zwischen uferloser Geldflut hier und den systemischen Verwerfungen dort durch einen Zeithorizont verschleiert wird, der Jahre und Jahrzehnte misst. Doch dafür sind die Folgen später dann umso verheerender.

Die Weltgeschichte kennt hierzu zahlreiche Beispiele: Die Anteilsscheine der Mississippi-Gesellschaft zerplatzten 1720 geräuschvoll in der sogenannten Mississippi-Blase und führten zum Beinahe-Bankrott der Banque Royale in Paris. Im Dezember 1789 zeichnete der französische Staat Papierscheine in Form von Assignaten, um die Schulden des Ancien Regimes zu finanzieren. Juni 1793 war das Papiergeld nur noch die Hälfte wert. In Deutschland erschütterte die Hyperinflation 1922/23 das Vertrauen der Mittelschicht in die junge Weimarer Republik in einem Maße, dass zehn Jahre später, in der Weltwirtschaftskrise, das demokratische System ohne nennenswerte Gegenwehr wie ein Kartenhaus einstürzte.

Martin Luther und die Mutter aller Blasen

Im Grunde waren alle diese Krisen Inszenierungen ein- und desselben Stücks. Seine Uraufführung erlebte es am Vorabend der Reformation, als das schrankenlose Drucken von Gnadenschatzanleihen, sogenannten Ablass- oder Beichtbriefen, 1517 Martin Luther auf den Plan rief. Keine 70 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg erlebte Europa seinen ersten Wertpapier-Kollaps. Wie kam es dazu?

Das Ablasssystem funktionierte wie eine Bank

Die monetäre Seite des vorreformatorischen Gnaden- beziehungsweise Ablasssystems wird sofort sichtbar, wenn wir „Gnade“ durch „Geld“ ersetzen. Denn das päpstliche Ablasssystem funktionierte im Grunde wie ein Kreditinstitut: Grundlage war der sogenannte Gnadenschatz der Kirche, den der Papst dank seiner Schlüsselgewalt jederzeit aufschließen konnte, um die Christenheit freigebig mit Gnade zu bedenken. Gnade war für den Christgläubigen deshalb existentiell, weil durch sie die Leidensfrist im Fegefeuer verkürzt werden konnte. Erst wenn die Strafe dort abgebüßt war, konnte der Gläubige überhaupt in den Himmel gelangen. Das Fegefeuer war zwar nicht die Hölle, aber ebenfalls ein Ort, der nach Pech und Schwefel roch. Je mehr Gnade der Gläubige vom Papst zugesprochen bekam, desto mehr Strafe im Fegefeuer wurde ihm erlassen. Diesen Nachlass an Leidenszeit im Fegefeuer nannten die Menschen Ablass.

Luther und die Blase: Ablasslizenzen an Dritte

In der Frühzeit, als das Fiatgnadensystem noch in den Kinderschuhen steckte, agierte Rom nach Art einer standortgebundenen Zentralbank. Wer Gnade aus dem Gnadenschatz der Kirche erhalten wollte, musste dazu in die Ewige Stadt kommen. Ab 1478 jedoch ging die Kurie im großen Stil dazu über, das Recht, Gnade von leichter Hand zu schöpfen, Institutionen und Plätzen auch außerhalb Roms zu übertragen. Europaweit erhielten einzelne Städte, Gnadenorte und Konvente die Lizenz, Fiatgnade unters Volk zu bringen. Gnadenemittent letzter Instanz blieb die Zentrale in Rom.

Verbriefung von Gnade folgenschwer

Als folgenschwar erwies sich die Praxis, dass flüchtige Papstgnade in Gestalt von Beicht- oder Ablassderivaten verbrieft wurde, sogenannten Beicht- beziehungsweise Ablassbriefen. Denn ein solcher Beicht- oder Ablassbrief konnte nun erstmals – und zwar auf unbegrenzte Zeitdauer – flüchtige verbal zugesprochene Gnade speichern. Mit dem Beichtbrief erwarb sein Besitzer gewissermaßen Buchgnade, die er – wann immer er wollte – in Realgnade einlösen konnte. Der Eintauschvorgang ist, rein abstrakt betrachtet, dem Einlösen einer Staatsanleihe in Geld vergleichbar. Wenn man so will, zeichnete die Papstkirche Gnadenschatzanleihen und brachte sie im großen Stil in Umlauf. Seit Erfindung des Papiers und vor allem des Buchdrucks (ab 1460 bricht sich die Erfindung Bahn) ging das problemlos vonstatten. Die ersten Massenauflagen, die wir kennen, betreffen Ablassquittungen oder Ablassbriefe. Der älteste erhaltene Druck Englands beinhaltet einen Ablassbrief.

Dynamisierung durch Buchdruck

Dynamisiert durch den Buchdruck strömte am Vorabend der Reformation Gnade in Form von Gnadenschatzanleihen unkontrolliert und massenhaft in das System. Als Folge der ungeheuren Ausweitung der Gnadenmenge bildete sich eine Blase, die Martin Luther mit seinen Thesen gegen den Ablass schließlich zum Platzen brachte. Ab 1523 brach das Ablasssystem im Reich und seinen Nebenländern zusammen. Später mehr oder weniger in ganz Europa. Den Systemkollaps detektieren Kirchenrechnungen schonungslos. Der Kollaps der Papstkirche erfolgte unvermittelt, mit ungeheurer Wucht und ohne nennenswerte Gegenwehr der überrumpelten kirchlichen Eliten. Die von Martin Luther eingeleitete Reformation war die umfassendste systemische Revolution, die Europa bis heute sah. Dieser größte Systemkollaps der Weltgeschichte erfolgte von innen heraus, ohne Einwirkung von außen, ohne Krieg, ohne eine katastrophale wirtschaftliche Rezession oder eine verheerende Seuche, zudem plötzlich, schlagartig, jäh!

Am Ende war alles ein Spuk

Man fand „alle Welt wie verwandelt“, klagt der päpstliche Nuntius auf dem Reichstag in Worms und wusste nicht weshalb. Ganz wie Johann Wolfgang Goethe in der berühmten Papiergeldszene in Faust II die Assignaten als Papiergespenst der Gulden entzauberte, entlarvte Martin Luther den Ablass als Papiergespenst der Gnade. Am Ende war alles nur ein Spuk! Der Schein (= Ablasszettel) erwies sich am Ende als Schein (= Illusion, Täuschung), so Hutten genialisch.

Warum „Blase“?

Zum Schluss noch die Frage: Ist die Metapher „Blase“ zur Beschriebung der welthistorischen Vorgänge um die Reformation hilfreich und zutreffend? Sie ist es unter verschiedenen Gesichtspunkten, nicht zuletzt deshalb, weil beim Aufblasen des Luftballons die Fläche seiner durchscheinenden Membran im Quadrat wächst. Die Verletzbarkeit wächst mit.

Als Martin Luther Europas erste Wertpapierblase mit lautem Knall zum Platzen brachte, erschien ein satirischer Dialog auf die päpstliche Bannandrohungsbulle, mit der Papst Leo X. 1520 den streitbaren Mönch mundtot machen wollte. Darin prophezeit der Augustiner und Vertraute von Martin Luther, Johannes Petzensteiner, besagter Papstbulle unter Anspielung auf lateinisch „Bulla = Wasserblase“ Wirkungslosigkeit gegenüber dem „Giganten Luther“. Die Ablass-„Blase“ musste irgendwann ja platzen, denn mehr Unrat konnte sie nicht aufnehmen, glaubte Hutten.

Die menschliche Blase ist übrigens auch eine „Ablassblase“..



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4 Kommentare

  1. …vielleicht lässt sich das auch mit dem CO2Handel vergleichen…

  2. Der Kollaps stand am Anfang, das Ender der „Blase“ führte zu 130 Jahren Krieg…

    Aus Wiki:

    []…Das Zeitalter der Reformation wird auch als „Zeitalter der Glaubensspaltung“ bezeichnet. Es nahm seinen Anfang im Jahr 1517 mit dem Thesenanschlag von Wittenberg durch Martin Luther, zu dessen Folgen auch der Bauernkrieg von 1525 zählte. Es ging mit dem Westfälischen Frieden von 1648 zu Ende. In diesem Zeitraum fanden Glaubenskämpfe statt, insbesondere die Kämpfe des deutschen Protestantismus gegen das katholische Kaisertum unter Kaiser Karl V. und die Verfolgungen der Hugenotten in Frankreich. Für die Zeit der Glaubenskämpfe von 1550 bis 1648…[]

    Eine der Folgen dieser Spaltung durfte ich in Belfast hautnah erleben, beeindruckend!

    Übrigens war der Westfälische Frieden von 1648 wegweisend für eine europäische
    Friedensordnung damaliger Zeit.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Westf%C3%A4lischer_Friede

    Die Kulisse dient aktuell dem G7-Außenministertreffen.

    Ich weite den Fokus etwas und weise hin auf:

    Karl Heinz Deschner – Kriminalgeschichte des Christentums

    Die Abhandlung umfaßt 10 Bände. Ich habe nur 3 Bände gelesen, reicht!

    Rezension eines Theologen: „Wie furchtbar der Glaubenseifer sein kann, ist in der ‚Kriminalgeschichte des Christentums‘ nachzulesen. Nach der Lektüre wirken all die Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Äbte, Theologen, Nonnen, Mönche und Priester von den ersten Anfängen der Kirche bis in die katholische Gegenwart wie eine Bande von Gangstern, deren verbrecherische Machenschaften sich hinter Weihrauchwolken verbergen.“

    Die aktuellen Diskussionen rund um den Klerus zeugen vielleicht von einem Ende
    dieses fragwürdigen 2000 Jahre dauernden Geschäftsmodells.

    1. https://www.fuw.ch/article/nmtm-die-geschichte-vom-barmherzigen-glaeubiger
      Nur, hier wird nicht erzählt, warum er so Barmherzig geworden ist. Der Kaiser musste vorher etwas versprechen, was auch gehalten hat, nähmlich Ungarn zu ruinieren, siehe dazu Mohács-Schlacht.

  3. Das ist wirklich eine sehr interessante Perspektive und ein guter Artikel, super!

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