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Wie Russland 2024 verstärkt Sanktionen aushebeln kann

Russland konnte bisher erstaunlich gut gegen westliche Sanktionen standhalten. Gerade beim Thema LNG könnte China verstärkt Hilfe bieten.

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Aktuell scheinen die jüngsten Sanktionen der USA gegen das Projekt Arctic LNG 2 des größten russischen LNG Produzenten Novatek zu wirken. Im knisternden Gebälk des LNG-Projektes zeigen sich Lieferverzögerungen und Transportengpässe. Zugleich gibt es Hinweise auf Umwege ähnlich wie beim großen Swift-Ausschluss und den Sanktionen gegen Rohöl und Ölprodukte aus Russland. Zahlungsmanöver und Schattenflotte lassen Präsident Wladimir Putin über Wirtschaftswachstum frohlocken. Im Sanktionsdschungel hat Russland weit mehr Manövrierfähigkeit an den Tag gelegt, als es sich die westliche Sanktionsallianz gedacht hatte. Für Novatek-Chef und Milliardär Leonid Michelson mag es nun ein Leichtes sein, mittels LNG-Schattenflotte das jüngste Sanktionshindernis zu umschiffen.

Russland fehlen LNG-Tanker der Eisklasse

Um das verflüssigte Erdgas vom neuen Werk Arctic LNG 2 auf der Halbinsel Gydan am russischen Nordmeer abzutransportieren, plante Novatek ursprünglich den Aufbau einer Flotte von 21 Arc7-Tankern für Russland. 15 dieser LNG-Tanker der Eisklasse sollten auf der Swesda-Werft an der Ostgrenze des Landes und sechs auf der südkoreanischen Werft von Hanwha Ocean (ehemals DSME) gebaut werden. Im Juni 2022 erklärte Michelson, dass der Vertrag mit Hanwha Ocean auf einen anderen Eigentümer übertragen werde. Doch wie es um den Bau und die Auslieferung der Tanker genau bestellt ist, ließ er offen.

Die Swesda-Werft kämpft derweil mit Verzögerungen. Da sie selbst nicht über das nötige technische Knowhow zum Bau solcher Spezialtanker verfügt, wurde 2020 der südkoreanische Maschinenbauunternehmen Samsung Heavy Industries beauftragt, die nötige technische Ausrüstung zu liefern. Im Juli teilte Werfteigner Rosneft mit, dass die drei Arc7-Tanker Alexey Kosygin, Pyotr Stolypin und Sergey Witte zu Wasser gelassen seien, und der weitere Ausbau laufe.

Aufgrund von Sanktionen stellte Samsung Heavy Industries die Produktion zur Ausrüstung von 10 der 15 LNG-Eistanker laut Medien ein. Die technische Ausrüstung von fünf Tankern will Samsung jedoch noch abschließen. Mit der Auslieferung der Tanker ans Projekt rechnet Michelson in diesem Jahr. Geplant war, dass die Spezialschiffe bis letzten März fertig sind und somit zum Produktionsstart der ersten Produktionslinie von Arctic LNG 2 Ende 2023 bereitstehen.

Die Gasverflüssigung auf Gydan ist gestartet

Im Dezember erklärte Vizepremier Alexander Nowak in einem russischen Fernsehinterview, dass die erste Produktionslinie von Arctic LNG 2 die Gasverflüssigung aufgenommen habe und die LNG-Lieferung von diesem Projekt noch im ersten Quartal 2024 starten sollen. Geplant ist, dass bis 2026 zwei Produktionslinien hinzu kommen, so dass Arctic LNG 2 eine Produktionskapazität von 19,8 Millionen Tonnen LNG im Jahr aufweist. Dies gilt als ein zentraler Baustein, dass Russland weggefallene Pipeline-Lieferungen kompensiert und bis 2035 am LNG-Weltmarkt einen Anteil von bis 20 Prozent erreicht.

Analysten vom russischen Investitionsberater BCS erklärten am 28. Dezember, dass die ersten Flüssiggaslieferungen aus dem Projekt für Januar geplant seien, was innerhalb der Fristen des Unternehmens liege. „Allerdings hat Novatek bisher weder von russischen noch von koreanischen Lieferanten LNG-Tanker der Eisklasse erhalten. Offensichtlich haben die Sanktionen diesen Fortschritt erheblich verlangsamt, aber wir glauben, dass Arctic LNG 2 die meisten der sieben Tanker für die erste Linie der Anlage im Jahr 2024 erhalten könnte, wenn auch später als erwartet“, so die Analysten.

Außerdem gehen sie davon aus, „dass Novatek langfristig in der Lage sein wird, die technologischen und logistischen Probleme infolge der Sanktionen zu lösen“, auch wenn die Fertigstellung der zwei noch ausstehenden Produktionslinien ohne importierte Technologie mehr Geld und Zeit erfordern sollte. Novatek selbst informierte seine Abnehmer über Verzögerungen zu den kommenden Flüssiggaslieferungen aus dem Arctic LNG-2-Projekt, die eine Folge der jüngsten US-Sanktionen vom letzten November waren.

China kritisiert Sanktionen

„China und Russland betreiben eine normale Handels- und Wirtschaftskooperation auf der Grundlage gegenseitigen Respekts, Gleichheit und gegenseitigen Nutzens, die keiner Einmischung oder Einschränkung durch Dritte unterliegen sollte“, sagte die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums Mao Ning am 26. Dezember. Fakten zeigten, dass Sanktionen und Druck keine Probleme lösten, sondern zu gegenteiligen Effekten führen könnten, antwortete sie auf die Frage, ob chinesische Unternehmen weiterhin am Arctic LNG 2-Projekt teilnehmen werden, und wenn nicht, welche Auswirkungen dies auf die russisch-chinesischen Beziehungen haben werde.

Chinas Engagement geht weit über die direkte Beteiligung an Energie-Megaprojekten in Russland hinaus. Das Land stellte 80 Prozent der Finanzierung für die Projekte Yamal-LNG und Arctic-LNG-2 Projekte bereit, darunter ein Darlehen in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar von chinesischen Kreditgebern im Jahr 2016. Im Gegenzug erhielten chinesische Unternehmen am Vorgängerprojekt Yamal LNG Schiffsverträge im Wert von 8,5 Milliarden Dollar. Dazu gehörte auch der Bau eines Arc7-Tankers. An mehr Verträgen hierzu zeigte das Land großes Interesse. Für China ist der Rückzug des Erzfeindes Südkorea und die abnehmende Präsenz japanischer Unternehmen ein Gewinn und verhilft zur Vormachtstellung in Russland. Kritik an Sanktionen ist mit Blick darauf eine Plattitüde des Sanktionsnutznießers China.

LNG-Schattenflotte, Umlademanöver und China bieten Russland Ausweg

Dass Schiffbaukapazitäten begrenzt sind, machte Victor Katona von Kpler deutlich. „Es wird nicht möglich sein, schnell neue Schiffe bei ausländischen Werften zu bestellen.“ Chinesische Werften hätten Verträge bis Ende 2025 und südkoreanische Werften bis 2026. Die einzige Chance sieht Katona darin, auf dem Gebrauchtmarkt LNG-Tanker zu kaufen. Doch sobald sich herumspreche, dass Novatek LNG-Tanker kauft, würden sich deren Kosten verdoppeln, wie es bei Öltankern und einem großen Kaufprogramm für russisches Öl Ende 2022 der Fall gewesen sei.

Nach Ansicht des Experten ist es als letztes Mittel möglich, Arc7-Tanker, die für Yamal LNG eingesetzt werden auch für den Betrieb von Arctic LNG-2 zu nutzen. Um Eistanker effizienter einsetzen zu können, sind in der Bucht von Murmansk und bei Kamtschatka je ein Spezialspeicherschiff für LNG installiert. Da diese seit September ebenfalls Sanktionen der USA unterliegen, kehrte Novatek zum LNG-Umschlag von Schiff zu Schiff in der Kilda-Straße in der Barentssee zurück. Diese Umlademanöver sind ein erster Schritt, die verhängten Sanktionen gegen Russland vom letzten Herbst zu umgehen. Finanzierungsmanöver sind gemessen an den technischen und logistischen Hindernissen gut handhabbar. Auch wenn die ausländischen Partner TotalEnergies, das japanische Konsortium aus Mitsui und JOGMEC sowie die chinesischen Firmen CNPC und CNOOC ihre Projektaktivität bei Arctic LNG 2 auf Eis gelegt haben, hält China in letzter Konsequenz fest und bietet Russland die nötige Plattform, Sanktionen im großen Maßstab auszuhebeln, sei dies finanziell oder technologisch.



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3 Kommentare

  1. OPEC+-Mitgliedsland Russische Föderation-Staatspräsident Dr. Wladimir Putin gefällt sich aktuell erneut in einer Rolle als energie- und rohstoffpolitische Dachpappe, indem er stolz darüber berichtet, daß sich die russische Wirtschaft in einem Strukturwandel befände, und Ölexporte für Russland nicht mehr den entsprechenden Stellenwert besitzen. Als Grund nennt Präsident Putin das russische Öl-Embargo. Allerdings bestand beim OPEC+-Mitgliedsland Islamische Republik Iran auch nach der einseitigen Aufkündigung des JCPOA-Deals durch den 45. US-Präsidenten Donald John Trump, die der Naher und Mittlerer Osten-Experte Michael Lüders als völkerrechtswidrig ansah, der politische Wille zugunsten von Ölexporten. Von daher fordere ich Arabische Republik Syrien-Staatspräsident Dr. Bashar-Hafiz al-Assad energie- und rohstoffpolitisch auf, daß er Dr. Putin wiederum auffordert, sich weiterhin zur syrisch-russischen Offshore-Ölförderung zu bekennen. In diesem Zusammenhang ist Russland auch aufgerufen, in BRICS darauf zu verweisen, daß US-Besatzungstruppen mit israelischer Unterstützung Erdöl aus/von Ölfeldern im Arabische Republik Syrien-Nordosten/Deir Al-Zor stehlen, und das Caesar-Gesetz alleine schon deswegen jeder Grundlage entbehrt.

    1. na, @Holger Voss, da werden die beiden Herrschaften aber tief beeindruckt sein und natürlich alles tun, was Sie für richtig halten.
      Aber vielleicht erinnern Sie Putin auch daran, dass die Sanktionen gegen Russland eingeführt wurden, weil er einfach seinen Nachbarn überfallen hat.

    2. Ich denke, wer Atom- Unterseeboote bauen kann, der wird auch Verflüssigungsanlagen und die dazugehörigen Tanker bauen können. Es dauert nur alles eben seine Zeit.
      In 2 oder 3 Jahren wird alles rund laufen, und Russland wird mit der Technologie am Weltmarkt auftreten. Es werden eine Menge Arbeitsplätze geschaffen, und Russland kann dann die Technologie innerhalb der Staaten verkaufen, die keine Sanktionen gegen Russland verhängen.
      Auch ja, der Ukraine-Krieg.
      Russland und die Ukraine können beide nicht den Krieg gewinnen, aber die Ukraine wird ihn soweit verlieren, dass große Gebiete an Russland abgetreten werden müssen.
      Bis dahingehend eine Lösung gefunden wird, wird gerade Deutschland noch einige Milliarden an Rüstungsgüter an die Ukraine liefern, die dort aber oft gar nicht ankommen, sondern auf dem Waffenmarkt weltweit angeboten werden.
      Aber was noch viel schlimmer ist: Es müssen noch viele Menschen bis dahin sterben.

      Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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