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“Chimerica” zerbricht Zahlungsbilanz: Wie sich China vom Westen abwendet

China koppelt sich vom Westen ab
Foto: Diloka107 - Freepik.com

China koppelt sich zunehmend vom Westen ab – das zeigt die Diskrepanz zwischen der chinesischen Zahlungs- und der Handelsbilanz. De-Coupling und D-Risking sind keine Einbahnstrasse des Westens gegen China, sondern entwickelt sich zu einer Autobahn in beiden Richtungen. Historisch betrachtet birgt die zunehmende wirtschaftliche Trennung der Supermächte ein Risiko, da Isolation oft Konflikte begünstigt, während Integration zu mehr Stabilität und Frieden führt.

China und sein Handelsüberschuss: Verschwunden oder versteckt?

Als “Werkbank der Welt” ist China bekannt für seine massive Exportkraft, die Produkte “Made in China” in jeden Winkel des Globus bringt. Im Gegensatz dazu stehen die Importe, die deutlich geringer ausfallen und so zu einem beträchtlichen Handelsüberschuss führen. Für das Jahr 2023 verzeichnete die chinesische Zollbehörde einen Überschuss von 8,2 Milliarden Dollar. Doch ein Blick in die offizielle Zahlungsbilanz der Staatlichen Devisenverwaltung (SAFE) offenbart ein anderes Bild: Hier wird der Überschuss nahezu auf null geführt. Die brennende Frage, die sich nun stellt, ist: Wo ist Chinas Außenhandelsüberschuss geblieben?

Die Gründe für das Verschwinden von Chinas Handelsüberschuss könnten weitreichende Auswirkungen auf das globale Finanzgefüge haben. Einerseits könnte dies ein Indiz für eine strategische finanzielle Distanzierung Chinas von den USA sein, was sich auch in der zunehmenden Diversifizierung der chinesischen Währungsreserven widerspiegelt – weg vom US-Dollar und hin zu Goldinvestitionen.

Andererseits könnte es ein Zeichen für ein wachsendes Misstrauen chinesischer Unternehmen gegenüber dem Yuan sein, was sich darin äußert, dass Gewinne nicht mehr in das Heimatland repatriiert werden.

Rätsel um China und seine Währungsreserven: Theorien und Praktiken

Um das Mysterium des verschwundenen chinesischen Handelsüberschusses zu ergründen, gibt es mehrere Theorien. Die erste Überlegung ist, dass China möglicherweise große Mengen an Rohstoffen kauft und diese bezahlt, ohne sie sofort zu verwenden. Dies könnte dazu dienen, den Geldfluss aus dem Exportgeschäft zu verringern, was wiederum die offiziellen Währungsreserven unverändert lässt.

Die zweite Theorie betrifft Chinas Banken, die möglicherweise im Auftrag der Regierung handeln, um den Geldfluss zu steuern. Sie könnten Gelder in einer Weise bewegen, die nicht direkt als staatliche Aktivität erkennbar ist, was es schwierig macht, den tatsächlichen Stand der Währungsreserven zu bestimmen.

Die dritte und wahrscheinlichste Theorie ist, dass weniger ausländisches Kapital nach China fließt und gleichzeitig mehr chinesisches Kapital ins Ausland investiert wird. Dies könnte bedeuten, dass China versucht, seine wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen Ländern, insbesondere den USA, zu verringern.

Die dritte Theorie wird durch die schwachen Netto-FDI-Ströme gestützt, die im Jahr 2023 zu beobachten waren. Dies deutet darauf hin, dass China aktiv Wege sucht, seine finanzielle Abhängigkeit von den USA zu verringern. Laut einer Studie der OECD fielen die Investitionen ausländischer Geldgeber auf ein historisch niedriges Niveau von 190 Milliarden US-Dollar in 2022 auf nur noch 43 Milliarden US-Doller im letzten Jahr. Der Netto-Ausfluss an Investitionen lag bei 140 Milliarden US-Dollar.

Ein weiteres Szenario, das zur Erklärung des Rätsels um Chinas Handelsüberschuss beitragen könnte, ist das Verhalten der chinesischen Exporteure selbst. Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Unternehmen ihre Gewinne nicht in vollem Umfang nach China zurückführen. Dieses Phänomen könnte teilweise durch die Nutzung von Währungsswaps erklärt werden, bei denen Dollar-Einnahmen gegen Yuan getauscht und später zurückgetauscht werden, um die Dollar-Einnahmen letztendlich zu behalten. Diese Praxis deutet auf ein strategisches Kalkül hin, das auf ein tiefgreifendes Misstrauen gegenüber der eigenen Währung schließen lässt.

Die Zurückhaltung von Gewinnen im Ausland könnte als Absicherung gegen Währungsabwertung und als Reaktion auf die strengen Kapitalkontrollen Chinas interpretiert werden. Dieses Verhalten spiegelt nicht nur ein Misstrauen in die Stabilität des Yuan wider, sondern könnte auch als Vorsichtsmaßnahme gegenüber den unsicheren geopolitischen Entwicklungen und den wirtschaftspolitischen Entscheidungen der chinesischen Regierung gesehen werden.

De-Coupling: Keine Einbahnstraße

Die Konzepte des De-Couplings und De-Riskings sind längst keine Einbahnstraße des Westens mehr, die lediglich der Loslösung von Chinas Produktionsmacht dienten. Sie haben sich zu einer zweispurigen Autobahn entwickelt. Nicht nur der Westen sichert sich ab und sucht Distanz, sondern auch China zeigt zunehmend Anzeichen einer strategischen Abschottung. Diese Entwicklung ist ein deutliches Signal dafür, dass die wirtschaftlichen Supermächte beginnen, ihre eigenen Pfade zu beschreiten. Die einstige Chimäre “Chimerica”, in der Amerika Produkte aus China bezog und China im Gegenzug die amerikanischen Schulden finanzierte, scheint sich dem Ende zuzuneigen. Aktuell erleben wir eher den Handelskrieg 2.0.

Es ist eine Entwicklung, die mit Vorsicht zu betrachten ist. Die Geschichte lehrt uns, dass Isolation oft den Nährboden für Konflikte bildet, während Integration und Interaktion zu Stabilität und Frieden beitragen. In einer Welt, die immer stärker vernetzt und interdependent ist, könnte eine zunehmende wirtschaftliche Trennung der Supermächte zu einer Destabilisierung führen, die weit über ihre eigenen Grenzen hinausreicht.



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18 Kommentare

  1. Ja mit Sanktionen
    Typisches Ergebnis von Sanktionen.
    Welche Sanktionen haben gewirkt?
    Ausgenommen die US-Sanktionen auf Lebensmittel, die etwa 500.000 Kindern unter 5 Jahren im Irak das Leben gekoster haben. Was die US- Außenministerin als angemessen ansah. Aber sich dann wundern, dass man ihnen die Türme weggesprengt hat.
    China muss sich nun drauf vorbereiten, dass die asiatischen Verbdündeten der USA kriegstauglich gemacht werden, viele Waffen in den USA kaufen werden, und dann gegen China in den Krieg ziehen werden.
    Denn die technisch runtergekommene US- Armee, gepaart mit der Kampfmoral der Soldaten hat gezeigt, dass selbst die Mopedarmee in Afghanistan nicht besiegt werden konnte.

    Rückschlag für US-Sanktionen: Chinesische Wissenschaftler entwickeln optischen „McChip“ | Telepolis

    https://www.telepolis.de/features/Rueckschlag-fuer-US-Sanktionen-Chinesische-Wissenschaftler-entwickeln-optischen-McChip-9716392.html

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. @Helmut
      Sehen Sie, das ist ein perfektes Beispiel dafür, was ich vorhin mit unsachlichem Provozieren Ihrerseits meinte.
      https://finanzmarktwelt.de/gazprom-russland-milliardenloch-309368/#comment-176876
      Der Artikel beschreibt die strengen Kapitalkontrollen Chinas, strategische Abschottung, De-Coupling und De-Risking. Kein Wort von Sanktionen.

      Das scheint Sie aber nicht im Geringsten zu interessieren.
      Denn schon nach drei minimal kurzen Sätzen aus maximal vier Worten, von denen jeder einzelne den Begriff „Sanktionen“ enthält, sind Sie wieder angelangt bei den Schandtaten der USA, bei 500.000 toten Kindern, äußern ein gewisses Verständnis für die Anschläge von 9/11 und – Sie gestatten den Ausdruck – „labern substanzlos“ von asiatischen US-Verbündeten, die gegen China in den Krieg ziehen werden.

      Davon ist nichts sachlich, und vor allem inhaltlich in einem Paralleluniversum angesiedelt, was den Artikel betrifft. Und genauso läuft es leider fast immer bei Ihren Kommentaren.

    2. welch Wunder, @Helmut folgt der Alternative fuer Despoten und verbreitet jetzt Antiamerikanismus. Nun, Helmut, man kann das auch anders sehen, als Kriegsvorbereitungen. China will ja unebedingt Taiwan sich einverleiben – russian style, gegen den Willen der Bevoelkerung natuerlich – und im Suedchinesischen Meer versuchen sie ja auch mit allen Mitteln, ihr Terretorium zu vergroesern.
      Ach ja, wo war Ihr Aufschrei eigentlich, bei den Sanktionen Chinas gegen Australien oder Litauen z.B. oder bei dem „sanften Druck“, den China gegen die WHO angewendet hat? Kann mich nicht erinnern, dass Sie das je verurteilt haetten.
      Oder bei der Einmischung direkt in andere Laender, z.B. Myanmar? Oder die Einverleibung Tibets?
      Oder Sie, als Friedensfuerst, wie stehen Sie dazu, China kraeftig mithilft, dass Russland weiter Krieg in der Ukraine fuehrt? Und irgendwie gar nichts tut, um Russland zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Sollte doch Ihre Herzenzangelegenheit fuer einen Frieden in der Ukraine zu sorgen. Ach, ich vergass, nur die Ukraine ist Schuld und muss dafuer buessen, unbotmaessig gegen Russland gewesen zu sein.

      Ein willfaehriger Helfer der Alternative fuer Despoten – fuer Russland und China. Aber niemals fuer sein deutsches Vaterland

      1. grundsätzlich gebe ich ihnen recht.

        doch zu dieser Aussage von ihnen

        „China will ja unebedingt Taiwan sich einverleiben – russian style, gegen den Willen der Bevoelkerung natuerlich – und im Suedchinesischen Meer versuchen sie ja auch mit allen Mitteln, ihr Terretorium zu vergroesern“

        sollten sie die Wahlergebnisse der letzten Wahl nochmals nachlesen. mich hätten sie sehr erstaunt.

        .

        1. @Peter
          was war an den letzten Wahlen in Hinsicht auf die Wiedervereinigung erstaunlich? Der Vereinigungstracker zeigt, dass die Bevölkerung weder eine Vereinigung mit China noch die Unabhängigkeit will, sondern den status quo präferiert. Eine Vereinigung war auch nicht wirklich ein Thema im Wahlkampf. Oder was meinen Sie?

  2. Laut Statista summiert sich Chinas Handelsbilanzüberschuss von 2013 bis 2023 auf rund 6.000 Mrd. US-Dollar. Wo die abgeblieben sind, ist um einiges bedenklicher als die mikrige Umbuchung beim chinesischen Zoll.

    1. Die Handelsbilanzüberschüsse die in den Jahren 1948 bis 1971 in Deutschland erwirtschaftet worden sind, stecken in den über 3.000 Tonnen Gold, die immer wertvoller werden.
      Die Handelsbilanzüberschüsse, die Deutschland gegenüber den anderen EU-Ländern erwirtschaftet hat, werden in einem Billionenbetrag in den Target 2 Salden aufgetürmt. Und diese Billionen werden nicht verzinst, und lösen sich daher im Laufe der Jahre, durch die Inflation, in Nichts auf, oder werden durch immer weitere Handelsbilanzüberschüsse weiter erhöht.
      Wo sind eigentlich die Handelsbilanzüberschüsse von 1971, bis zur Einführung der Target 2 Salden geblieben? Oder die Handelsbilanzüberschüsse mit dem Rest der Welt.
      Genau: Und das wäre bei einer goldgedeckten Handelswährung nicht passiert. Deutschland hätte ein Vielfaches des heutigen Goldvermögens. Das dann locker davon ein Teil für z. B einen Renten-Fonds verwendet werden kann. Das so etwas im größeren Umfang funktioniert zeigt Norwegen. Und im kleineren Umfang hat es bei mir auch gut funktioniert.
      Kann es daher nicht sein, dass China seit vielen Jahren heimlich Unmengen an Gold hortet?

      Viele Grüße aus Andalusien Helmut

      1. Seit Anfang 2023 hat China laut goldreporter.de gut 314 Tonnen resp. 10 Mio. Unzen Gold gekauft. Selbst wenn das durchschnittlich 2.000 Dollar je Unze gekostet hat, sind das „nur“ 20 Mrd. Dollar bzw. rund 2% des in der selben Zeit aufgelaufenen Handelsüberschusses. Was wurde dann aus dem restlichen 98% ?

  3. Ich würde mal gerne wissen, wieviel Gold wirklich akumuliert wird. Denn China ist auch (wenn ich richtig informiert bin) weltgrößter förderer von Gold.

    Die chinesische Notenbank (PBoC) hatte ihre Goldreserven im Jahr 2023 um die Rekordmenge von 735 Tonnen Gold ausgeweitet. Bereits 2022 waren es 597 Tonnen. Darüber hinaus erwarben chinesische Privatinvestoren ca. 1.411 Tonnen Gold im vergangenen Jahr und allein im Januar 2024 waren es 228 Tonnen Gold.

    https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/warum-steigt-der-goldpreis-welche-rolle-china-spielt-und-welche-auswirkungen-das-hat,U8nn18d

    1. @Helmut
      warum fliegen Sie dann nicht nach Peking und zählen nach? Ich seh da eine win-win-situation: Sie befriedigen Ihre Neugier, die PBoC weiß auf die Unze genau, wieviel Gold sie tatsächlich hat und wir haben auf Wochen hinaus Ruhe vor Ihren Kommentaren, denn FMW verschwindet hinter der Golden Firewall bzw in den Tresoren haben Sie kein Empfang.

  4. De-coupling und de-risking, die gefährlichen Zauberwörter von Biden und van der Layer schaden nicht nur USA und Europa, sondern der Weltbevölkerung einschließlich China.
    Doller muss langsam weg und China macht den ersten richtigen und vorsichtigen Schritt, bravo!
    Europäer müssen daran arbeiten, selbstständig und werden und aus den Schatten der USA zu kommen.

    1. @Leon: Unqualifiziertes Kommentar, wenn ich vertikale Feindbilder durch horizontale ersetze, sind sie ja nicht weg. Es sind dann nur andere Feindbilder. Das De-Coupling entsteht völlig automatisch durch die politische Situation in China, da es dort keine Rechtssicherheit für ausländische Investitionen gibt. Natürlich kann man vom USD weg, jede andere Metrik wäre genauso gut, wenn sie bestimmte Mindeststandards genügen würde (Gold ja, Bitcoin nein). Weg vom USD heißt einfach weg von Exportüberschüssen, da gilt für China, Europa, Japan, Südostasien. Ich bin gespannt, wer anfängt.

  5. China wird sich Taiwan schnappen. Dann ist die Chipproduktion gefährdet. Dann hat der Westen ein weiteres Problem. China bekommt von Russland alles, was es an billiger Energie braucht. China ist damit autark. Amerika hat auch alles selbst. Europa wird zum Schlusslicht degradiert. irgendwann knallt es dann wo so richtig. Der 3. Weltkrieg kommt vielleicht nicht, aber die Ressourcen werden knapper. Wer wachsen will, wird Kriege führen oder zumindest an manchen Konflikten interessiert sein. Die Ukraine ist ja schon kein so schlechtes Geschäft für die US Waffenlobby.

  6. China wird Taiwan angreifen. Die USA wird wenig bis nichts machen. Die USA ist in sich selbst kaputt.

    1. Genau Wolfgang Jagsch,
      selbst die Mopedarmee in Afghanistan haben die Amis nicht mehr besiegen können. Und das mit deutscher Hilfe und Soldaten, die die Demokratie am Hindukusch verteidigen wollten.
      Geht deshalb nun die Demokratie in Deutschland den Bach ab?

      Viele Grüße aus Andalusien Helmut

      1. Da hat sich, @Helmut, die Rote Armee doch viel besser geschlagen und die Motorradarmee besiegt. Ach doch nicht? WIe das? Die haben doch mit 120,000 Soldaten permanent mehr als die Amis an den Hindukush geschickt. Die Amis haben mit 2.000 angefangen und zwischendurch mal auf 110.000 gekommen. Aber auf die Russen laesst Helmut natuerlich nichts kommen.

        1. Aber die Amis hatten sogar die gut ausgerüstete deutschen Soldaten dabei.
          Und die Russen sind abgezogen, und haben ihre Ausrüstung mitgenommen.
          Die Amis sind gerannt wie die Kanickel, und haben für zig Milliarden Militärausrustung für die Taliban zurückgelassen.
          Aber richtig: Keine Armee der Welt kann einen asymmetrische Krieg gewinnen. Weder die Russen noch die Amerikaner.
          Das war Vietnam 2.0

  7. grundsätzlich gebe ich ihnen recht.

    doch zu dieser Aussage von ihnen

    „China will ja unebedingt Taiwan sich einverleiben – russian style, gegen den Willen der Bevoelkerung natuerlich – und im Suedchinesischen Meer versuchen sie ja auch mit allen Mitteln, ihr Terretorium zu vergroesern“

    sollten sie die Wahlergebnisse der letzten Wahl nochmals nachlesen. mich hätten sie sehr erstaunt.

    .

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