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Fünf Ratsmitglieder, fünf Meinungen Zinsen: Chaos in der EZB

Von Senkungsdiskussion schon in zwei Wochen bis Abwarten nach der US-Zinswende ist alles dabei.

Tower der EZB im Frankfurter Ostend | Foto: Freepik

Die EZB steht in diesem Jahr sehr wahrscheinlich vor einer Wende ihrer qualitativen Geldpolitik. Die alles entscheidende Frage ist nur: Wann sinken die Zinsen? Und hier sind sich sowohl die Mitglieder des EZB-Rates als auch die EZB-Präsidentin, Christine Lagarde, uneins wie selten zuvor. Die Bandbreite der Forderungen reicht von Zinssenkungsdiskussionen schon auf der nächsten Sitzung am 7. März bis hin zum Abwarten, bis die US-Notenbank Fed ihre Zinswende vollzogen hat.

Die EZB und das Chaos bei den Zinsen

Am 14. September letzten Jahres hat die EZB ihren wichtigsten Schlüsselzins für die Refinanzierung von Banken in der Eurozone (Leitzins) letztmalig in dem aggressivsten Straffungszyklus ihrer Geschichte auf 4,5 Prozent angehoben:

Leitzinsen der EZB - Veränderung der Zinsen vom Jahr 2000 bis 2024
Grafik: www.leitzinsen.info

Auf den folgenden Zinssitzungen, inklusive der am 25. Januar 2024, tat die Europäische Zentralbank in Sachen Leitzins nichts. Seitdem sprießen die Spekulationen ins Kraut, wann in Anbetracht der ausgeprägten Wirtschaftsschwäche und der sich abkühlenden Inflation die „Währungshüter“ der Euro-Zone die Kredite wieder verbilligen.

Für Finanzmarktanleger, aber auch für Investitionen in der Realwirtschaft, vor allem im Immobiliensektor, ist diese Frage fundamental. Doch aus der EZB kommen dazu extrem widersprüchliche Signale von den Ratsmitgliedern und ihrer Präsidentin. Der ideologische geldpolitische Kampf zwischen Nord und Süd scheint neu entbrannt zu sein.

Die EZB-Chefin, Christine Lagarde, fokussiert sich auf die Entwicklung der Löhne und fand die jüngsten Daten „ermutigend“.

Der Präsident der Deutschen Bundesbank (BuBa), Dr. Joachim Nagel, warnt vor der Verlockung, die Zinsen zu früh zu senken.

Das EZB-Ratsmitglied und Chef der Österreichischen Nationalbank (OeNB), Robert Holzmann, rät dazu, die Zinsen besser später als zu früh zu senken. Erstaunlich ist dabei, wie spät: seiner Empfehlung nach erst, wenn die US-Notenbank Fed ihre Zinswende vollzogen hat. Und das, obwohl die Fundamentaldaten in den USA deutlich robuster sind als in der Euro-Zone, für die Holzmann zuständig ist.

Yannis Stournaras, der Gouverneur der Bank of Greece und ebenfalls EZB-Ratsmitglied, tendiert in Sachen Zinswende Richtung Juni, sofern sich die Inflationsrate dann deutlich in Richtung 2 Prozent bewegt hat (im Januar 2024 bei 2,8 Prozent p. a.).

Die radikalste Meinung, was den Zeitplan angeht, vertritt aktuell Mário Centeno, EZB-Ratsmitglied und Chef der Banco de Portugal.

Erste Senkungsdiskussionen bereits in zwei Wochen möglich

Laut Centeno muss die Europäische Zentralbank bereit sein, eine Senkung der Kreditkosten schon im nächsten Monat in Betracht zu ziehen, wenn die Daten dies erfordern. Aktuell sieht er dieses Ereignis gegenüber Bloomberg News noch als unwahrscheinlich an.

„März ist der Monat, in dem uns die größte Menge an neuen Daten vorliegt – einige Daten könnten uns dazu veranlassen, bereits im März über Zinssenkungen zu diskutieren“, sagte der Chef der portugiesischen Zentralbank in einem Interview. „Ich sage nicht, dass es wahrscheinlich ist, aber wir müssen offen dafür sein.“

Bei einer Rede im belgischen Gent, wo er in dieser Woche an einem Treffen europäischer Finanzminister und Zentralbankgouverneure teilnahm, sagte Centento: „Wenn wir wirklich datenabhängig agieren und von Treffen zu Treffen entscheiden, stehen uns alle Möglichkeiten offen. Wir müssen uns die Daten ansehen.“

Mário Centeno, EZB-Ratsmitglied und Chef der Banco Portugal

In weniger als zwei Wochen treffen sich die politischen Entscheidungsträger der EZB erneut, wobei dann die neuen Prognosen bereits auf dem Tisch liegen. Obwohl die meisten Ratsmitglieder eine Zinssenkung im Juni zu befürworten scheinen, schließen einige eine frühere Senkung der Zinsen nicht aus – was dazu beiträgt, die Wetten der Anleger auf eine frühere Lockerung am Leben zu erhalten.

Wachstum und Inflation unter den Prognosen

„Die Inflation lag in den letzten Monaten durchweg unter unseren Prognosen – und auch das Wachstum“, begründet Centeno seine Meinung. „Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Abwärtsrisiken, die wir in den letzten beiden Prognosen identifiziert haben, eingetreten sind“, sagte er. „Die Inflation könnte irgendwann in diesem Jahr sogar unter 2 Prozent liegen – wenn auch nur vorübergehend – und dann wird sie um die 2 Prozent schwanken – was wir wollen.“

Centeno ergänzte seine Haltung durch folgende Ausführungen:

„Wir haben jetzt ein erstes Quartal 2024, das noch nicht nach Wachstum aussieht. Deshalb verschieben wir die Erholung etwas. Positivere Aussichten werden durch die Erwartung niedrigerer Zinsen gestützt.“

Und Centero weiter: „Wir erwarten eine gewisse Erholung der Reallöhne und ich würde sagen, dass dies ein gutes Zeichen ist. Wir sollten uns davon nicht stören lassen. Meiner Ansicht nach wird das Lohnwachstum weiterhin mit der Preisstabilität vereinbar sein, wie es bisher der Fall war. Im Euroraum sanken die Reallöhne um bis zu 8 Prozent.“

Centero glaubt laut Bloomberg News nicht, „dass es gleichbedeutend ist, etwas länger durchzuhalten und dann schneller zu senken, weil man hiermit den Arbeitsmarkt aufs Spiel setzt und sich die Wirtschaft weiter seitwärts oder abwärts bewegt.“ Und er schiebt nach: „Die Nachfrage ist gering und die Wirtschaft wächst nicht. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, werden die Preise nicht steigen.“

FMW: Die gleichen Argumente könnten für Deutschland auch die beiden Vertreter unseres Landes im EZB-Rat, Isabel Schnabel und Joachim Nagel vorbringen. Nagel ist gleichwohl ein überzeugter Stabilitätspolitiker ganz in der Tradition der Bundesbank. Und so dürfte es auf den nächsten Sitzungen der EZB hinter verschlossenen Türen heiß her gehen.

Für Anleger bedeutet diese Uneinigkeit, dass die hereinkommenden Wirtschaftsdaten, vor allem zur Lohnentwicklung, der Inflation und dem Wirtschaftswachstum, von entscheidender Bedeutung sind, wann die Wende bei den Zinsen durch die EZB eingeläutet wird.

FMW/Bloomberg



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1 Kommentar

  1. Moin, moin,

    Chaos in der EZB, vielleicht wäre es besser zurück zur Bundesbank und D-Mark zu gehen. Die EZB und der Euro ist m.E. erledigt. Leider hält die etablierte Politik noch an diesem Währungsexperiment fest. Mal schauen, wann sich die ersten Länder wieder auf ihre ursprüngliche Währung zurück ziehen. Viele Länder mit unterschiedlichen Zinsinteressen können halt nicht unter einer Einheitswährung subsummiert werden.

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