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Coronakrise: Größter Schuldenanstieg – aber Zinsen rutschen in Euroland

Wir erleben in der Eurozone gerade wegen der Coronakrise den größten Schuldenanstieg der Geschichte. Gleichzeitig sinken die Zinssätze. Die Vergemeinschaftung von Schulden hat begonnen

Wir erleben in der Eurozone gerade wegen der Coronakrise den größten Schuldenanstieg in seiner Geschichte. Jegliche fiskalische Zurückhaltung weicht angesichts einer pandemischen Bedrohung der Volkswirtschaften. Gleichzeitig sinken die Zinssätze in den Mitgliedstaaten in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung der deutschen Bunds. Der letzte Auslöser war der große Wiederaufbaufonds, den die Gemeinschaft trotz des Widerstandes der sparsamen Fünf – Dänemark, Schweden, die Niederlande, Finnland und Österreich – beschlossen hat. Wittern die Märkte angesichts der Coronakrise eine Vergemeinschaftung der Schulden?

Coronakrise: Die Einführung des Euro und die Zinsen

Die Einführung der Gemeinschaftswährung am 1. Januar 1999 brachte für einige der elf Teilnehmerstaaten zunächst eine gewaltige Erleichterung bei der Bewältigung der Staatsschulden. Im Jahr 2000 musste man für italienische Langläufer kaum mehr bezahlen, als für die deutschen „Bunds: in etwa 5,5 Prozent. Etwa sechs Jahre zuvor lag der Zinssatz für die 10-Jährigen bei fast 14 Prozent. Waren da nicht noch die so genannten Maastricht-Verträge mit den Konvergenzkriterien für eine Aufnahme, die eine Höhe der Staatsverschuldung von max. 60 Prozent und eine Neuverschuldung von höchstens drei Prozent erlaubten? Doch wenn selbst das Vorbild Deutschland diese über mehrere Jahre nicht erfüllen konnte, wie dann Disziplin einfordern von den anderen Staaten?

Kurzum: Die Zinserleichterungen wurden erfreut mitgenommen, die Schuldenstände jedoch nicht zurückgeführt. In der Staatsschuldenkrise nach 2011 weiteten sich die Spreads aus, Griechenland stand am Rande des Bankrotts, bis man sich mit Umschuldungsprogrammen und Schuldenerlass zur Rettung Griechenlands und damit auch der Eurozone durchrang. Denn auch die Zinsaufschläge von Italien, Spanien, Portugal und teilweise auch die von Frankreich waren in die Höhe gesprungen.

Bis die Europäische Zentralbank, in Gestalt ihres Chefs, Mario Draghi in Aktion trat, der die mittlerweile mehrfach kopierten und psychologisch entscheidenden Worte sprach: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.” Die Folgen sind bekannt: Zinssenkungen auf null, massive Anleihekäufe bis zur erlaubten Obergrenze von 33 Prozent pro Staat und ein für nicht möglich gehaltener Verfall der Zinslandschaft, der in der Coronakrise gerade seinen Höhepunkt feiert.

Die Pandemie, PEPP und der Wiederaufbaufonds

Das Jahr 2020 wird nicht nur wegen des globalen Vormarschs eines Virus in die Geschichte eingehen als das Jahr der Coronakrise. In einer weltweiten Allianz einigten sich Staaten und Notenbanken zu bisher noch nie gesehenen und einmalig hohen Rettungsprogrammen. In Europa lautet der Name für das große Ankaufprogramm für Staatsanleihen und privater Schulden PEPP – Pandemic Emergency Purchase Programme – zunächst in Höhe von 750 Milliarden Euro, welches am 2. Juni nochmals um 600 Milliarden Euro aufgestockt wurde. Da es ausgerechnet die hoch verschuldeten südlichen Länder durch die Pandemie besonders hart getroffen hat – Italiens und Spaniens Bruttoinlandsprodukt sanken im zweiten Quartal um 13 beziehungsweise 18,5 Prozent – musste man noch einmal nachlegen, um einen Zinsanstieg für diese Länder zu verhindern. Der von Frankreich initiierte und hart umkämpfte Wiederaufbaufonds war der nächste Schritt, ein spezielles Konstrukt gemeinsamer Anleihen in Höhe von zunächst 750 Milliarden Euro.

Die Zinsen in der Eurozone – Limes gegen null

Der viel umkämpfte Wiederaufbaufonds hat eindeutig das Ziel gerade den Staaten zu helfen, die einerseits hoch verschuldet aber andererseits besonders schwer betroffen von der Coronakrise in Not geraten sind. Durch die Emission gemeinsamer Anleihen werden Schulden finanziert, die die EU aufnimmt und für die alle Mitglieder gemeinsam geradestehen. Zweifellos ist das der Einstieg in eine Vergemeinschaftung von Schulden im Euro-Raum. Investoren jubelten, speziell auch aus dem Ausland, weil man sich jetzt sicher ist, dass man die Eurozone unter allen Umständen beisammen halten will, auch wenn man früher beschlossenen Festlegungenzuwider handelt. Die Folge ist ein Absturz der Zinsen in Tiefen, die nichts mehr mit der Bepreisung von Risiko zu tun haben.

Es wurde in letzter Zeit schon öfters berichtet, wie tief die Zinsen für länger laufende Anleihen im Süden gefallen sind, zum Beispiel in Italien mit 0,78 Prozent für die 10-Jährigen – die also inzwischen genauso hoch stehen, wie die bisher sicherste Staatsanleihe der Welt, die 10-jährige US-Treasury. Aber es geht noch extremer: Für griechische Anleihen mit einer Laufzeit von sechs Monaten werden schon Minuszinsen bezahlt, in Italien akzeptieren Sparer schon vier Jahre Laufzeit mit Zinsen nahe null, in Spanien und Portugal muss man für eine positive Rendite schon Langläufer mit acht Jahren Laufzeit wählen. Dabei stellt sich die Frage: Ist ganz Europa durch die Notenbankpolitik in der Coronakrise auf dem Weg zu Nullzinsen, also zur Schuldenaufnahme zum Nulltarif? Wenn man sich eine Übersicht betrachtet, die die Zinsdifferenz auflistet, die europäische Staaten zu den abnorm niedrigen deutschen 10-jährigen Bund (circa minus 0,60 Prozent) zahlen müssen, so kann man nur zu dieser Schlussfolgerung gelangen.

Zinsaufschläge zu deutschen Langläufern, in Prozent:

Niederlande plus 0,11
Österreich plus 0,17
Belgien plus 0,25
Slowakei plus 0,26
Frankreich plus 0,29
Irland plus 0,37
Portugal plus 0,78
Spanien plus 0,80
Zypern plus 1,00
Italien plus 1,34
Griechenland plus 1,45

Nochmal, die Vergleichsbasis ist nicht null, sondern deutlich darunter.

Fazit

Die Politik der Notenbanken in der Coronakrise hat eine Situation geschaffen, in die wohl niemand jemals geraten wollte. „Point of no return?“ Staatsfinanzierung durch die Notenbanken?

Ist diese Entwicklung nicht auch der Einstieg in eine gemeinsame europäische Schuldenunion? Vermutlich ja, denn die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, zugleich Ex-Finanzminsterin von Frankreich, hat gerade erst in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Monde“ den Gedanken geäußert, man müsse über ein dauerhaftes konjunkturelles Stützungsinstrument nachdenken. Der Fonds in Höhe von 750 Milliarden Euro solle erhalten bleiben – damit er immer wieder verwendet werden kann, wenn außergewöhnliche Umstände eintreten. Wer soll eigentlich die auslaufenden und zu ersetzenden Anleihen von Italien und Griechenland kaufen, Staaten, die demnächst mit 200 beziehungsweise 160 Prozent zum BIP verschuldet sind, deren Staatsanleihen aber bereits fast keine Rendite mehr abwerfen?

Wie wird man dieses Programm wohl abkürzen?

 

Die Coronakrise lässt die Schulden explodieren, aber die Zinsen fallen



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3 Kommentare

  1. Erst haben die Notenbanker die Zinsrisiken für Staaten auf Null gesetzt in dem bei Nullzins jede Anleihe durch weitere Nullzins-Anleihen in beliebiger Höhe refinanziert werden können. Damit werden wohl Zinsen nur noch in Lehrbücher der Ökonomen eine Theorierolle spielen. Als nächstes ist der Liquiditätswahn der Notenbanker daran die Geldflut in die verbliebenen Assets wie Aktien etc. umzulenken. Damit steht auch die Zerstörung dieses Marktes mittelfristig bevor, indem die Kurs-Rendite-Verhältnisse von der Realität entkoppelt wurden/werden. Bereits hat der Markt begonnen, wichtige Verträge auf der Basis von realen Werten abzustellen, d.h. wieder den altbewährten Tauschhandel parallel als Absicherung zu nutzen. Damit wird wieder versucht im Markt wieder mit realen Werten Handel zu treiben und den neu geschaffenen Risiken der Notenbanker zu entgehen. Vermutlich werden die Notenbanker früher oder später versuchen in den Tauschhandel mit realen Gütern einzugreifen mit Handelsverboten von Gold etc. Dem entstehenden Kapitalsozialismus der Notenbanken wird man wie im Sozialismus in einer Gegenreaktion einen Parallelmarkt aufbauen, der als Überlebensstrategie unabdingbar sein wird. Erste Anzeichen sind bereits sichtbar.

  2. Sehr gut erkannt von M. Lohmann . Wenn dann Aktien und Immos auf überteuerten Niveaus nur noch 2% Rendite abwerfen aber ein hohes Preisrisiko beinhalten , ist dann der Dauer Leitspruch TINA auch hinfällig.
    Dann bleibt nur noch ein Umschichten auf den aufstrebenden Markt China, wo es sogar noch Zinsen gibt.
    Gemäss Bericht ist gerade auch Buffett daran in Japan einzusteigen.
    Fazit: Amerika muss und wird korrigieren und anfangs auch die anderen Märkte mitreissen.

  3. Kann die jetzige Aufregung fast schon nicht mehr verstehen.
    Natürlich,marktwirtschaftlich ist dies eine Katastrophe – zeigt aber eindeutig wohin es geht.Unsere Regierenden und die EZB,weltweit vernetzt in einer Agenda sind ja fleißig dabei diese umzusetzen.
    Planung des digitalen EUR wird real umgesetzt wahrscheinlich der 01.01.2021 sein.
    Über die Umsetzung dieses Systems,was in den angelsächsischen Länder höchstwahrscheinlich
    parallel erfolgen wird sind noch kleine Abstimmungsprobleme zu beseitigen.
    Nur dann dürften Schulden / Kreditvolumen kein Problem mehr darstellen.
    Kann mir nicht vorstellen,wie die Welt in irgendeiner Form gegenhalten könnte.Für die Meisten ist dies kein Problem – es ist ja schön „bequem“+Gewohnheit.
    Wie bei der Einführung des EUR (Preise DM=EUR) kommen wir schön in eine Abwertung,allerdings wahrscheinlich noch wesentlich herber.
    Dies wird erst der erste Schritt sein zum digitalen Menschen – alles andere ist doch
    „Old School“ – oder ??
    Schritt zwei wird dann entweder eine Datei auf Handy oder ein Chip auf eine andere Art sein mit Führerschein/Personalausweis/Impfpass und Krankenkassendaten.
    Ist doch schön bequem – oder ? Nachher,vielleicht nach ein bis zwei Jahren kommt dann das große Erwachen.Gegenwehr wahrscheinlich ausgeschlossen (weil unmöglich ?)

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