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Der Öl-Crash: Das sind die Gewinner und Verlierer

Von Claudio Kummerfeld

Der Ölpreis hat sich in den letzten 12 Monaten halbiert. Auslöser sind einerseits der Fracking-Boom in den USA, wodurch diese inzwischen mehr Öl fördern als Saudi-Arabien. Andererseits sorgen die Saudis für weiter fallende Kurse, weil sie (wie sonst üblich) keine Reduzierung der Fördermenge vornehmen. Aber wer sind letztendlich die Gewinner und die Verlierer eines Ölpreises von nur noch 45 US-Dollar ?

Die Gewinner

Saudi-Arabien, Katar, Abu Dhabi & Kuwait
Die Ölscheichs haben noch nicht einmal verheimlicht, welches Ziel sie verfolgen – durch niedrige Ölpreise die gesamte Konkurrenz zurückdrängen und nicht lebensfähige „neue“ Konkurrenten, die viel zu teuer produzieren, somit automatisch aus dem Markt jagen (Ölsand in Kanada + Frackingindustrie). Selbst bei 45 US-Dollar fördert man auf der arabischen Halbinsel noch profitabel. die Staatshaushalte werden in diesen Ländern wohl in die Negativzone rutschen, aber strukturell fördert man halt immer noch in der Gewinnzone, und kann sehr lange niedrige Preise aussitzen.

Industrienationen mit realer industrieller Wertschöpfung
Länder, die tatsächlich produzieren (damit sind keine Investmentbüros in der Londoner City gemeint), profitieren umfassend. Nationen, die Autos, Schiffe, Flugzeuge und Maschinen produzieren, profitieren über direkte und indirekte Effekte. Zu nennen sind hier Länder wie Deutschland, China, Südkorea und Japan – obwohl der positive Öl-Effekt in Japan wohl aufgrund anderer negativer Faktoren untergehen wird.

Die globale Logistikbranche
Die gesamte Branche hat zwei große Kostenfaktoren – Treibstoff und Personal. Weltweit leiden alle Reedereien am selben Problem – die hohen Treibstoffpreise trieben (neben den Überkapazitäten an Schiffen) die Bilanzen in die Minuszone. Viele Reeder knapsen derzeit an der Schwelle zwischen Gewinn und Verlust herum. Durch den niedrigen Ölpreis könnte z.B. die Hamburger Reederei Hapag Lloyd für das Gesamtjahr 2015 positiv überraschen.

„Alt eingesessene“ Airlines
Airlines wie Air France oder British Airways ächzten seit Jahren unter dem Wettbewerbsnachteil, Öl „normal“ kaufen zu müssen und nicht zufällig einen Staat als Eigentümer zu haben, der gleichzeitig auch Ölproduzent ist. Jetzt kann man bei den Treibstoffkosten etwas durchschnaufen.

Die Verlierer

Fracking
Die US Fracking-Industrie produziert je nach Unternehmen zu Kosten um oder über dem aktuellen Marktpreis von 45 US-Dollar. 2015 werden einige Förderer wohl nicht überleben.

Russland
Man braucht jeden Petro-Dollar, den man kriegen kann, da man außer Öl und Gas fast nichts exportiert.

Die amerikanische Hedgefonds – und Junkbond-Industrie
Viele Hedgefonds und sonstige Investoren in den USA haben in den letzten Jahren massiv in extrem risikoreiche und hoch verzinste Anleihen (Junk Bonds) von Fracking-Unternehmen investiert. Da diese wahrscheinlich nach und nach wie Domino-Steine umfallen werden, sollte es in 2015 vermehrt zu Zahlungsausfällen am Erfüllungstag der Anleihen kommen.

Venezuela
Das Land war vor einem Jahr auch schon in einer prekären Lage – jetzt ist sie desaströs geworden. Das Land hängt ganz am Öl-Tropf. Die sozialistische Regierung wird wohl nicht mehr lange in der Lage sein die Bevölkerung ruhig zu stellen.

Die Öl Zuliefer-Industrie
Die dem Öl nachgelagerte Zuliefer-Industrie zeigt, wie viele indirekte Jobs am Öl hängen und was bei dauerhaft niedrigen Ölpreisen alles wegbricht. Letzte Woche verkündete der Öl-Ausrüster Schlumberger die Entlassung von 9.000 Mitarbeitern.

Kanada
Öl aus Ölsand herauszupressen, war jahrelang nur ein unrentabler Traum – er wurde erst Realität, als der Ölpreis stieg und stieg. Jetzt steht eine ganze Volkswirtschaft vor einem riesigen Problem, weil man sich voll auf den Ölboom eingestellt hat. Produktionskosten von ca. 80 US-Dollar bei einem Marktpreis von 45. Wie wir in unserem Artikel vom 22.12.2014 bereits schrieben, ist das ein echtes Problem für das ganze Land. Seit der Veröffentlichung dieses Artikels ist der Ölpreis um weitere 10 US-Dollar gesunken.

Es ist ein Phänomen, das sich oft wiederholt. Länder, die ihre Einnahmen über den Rohstoffexport bestreiten, haben schnell ernsthafte Probleme, wenn der Preis oder die Nachfrage für diesen Rohstoff einbricht. Sich nur auf seine Rohstoffe zu verlassen, kann in einer Katastrophe enden. Das erste richtige Opfer ist Venezuela. Mal sehen, wie sich der Ölpreis (angenommen er bleibt so in den nächsten Monaten) auf einige BIPs (Kanada) und Bilanzen (Hapag Lloyd, British Airways) auswirkt, die Anfang 2016 veröffentlicht werden.



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