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Die Konfrontation mit Russland kommt

Die Finanzmärkte ignorieren die Risiken des Umbruchs in der Ukraine. Droht ein neuer Kalter Krieg mit Russland?

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – an diesen Satz Gorbatschows dürfte sich auch der Zar in Moskau, Wladimir Putin, erinnern. Für den russischen Machthaber sind die Ereignisse in der Ukraine – vorsichtig formuliert – unglücklich gelaufen. Mit der Absetzung von Janukowitsch sind nun in der Ukraine Fakten geschaffen, die Moskau in jeder Hinsicht beunruhigen müssen. Das hatte man sich an der Moskwa irgendwie anders vorgestellt: erst einmal die Spiele in Sotschi über die Bühne bringen, und dann in der Ukraine Fakten schaffen – so dürfte Putins Fahrplan gelautet haben. Aber jetzt ist alles anders: der sich abzeichnende Machtwechsel in der Ukraine ist für Russland eine akute Bedrohung, eine weitere Etappe des Zerfalls des einstigen sowjetischen Imperiums.

Was im Westen nicht gesehen wird: der Aufstand in der Ukraine ist wesentlich auch ein Aufstand gegen Russland, dessen (bisweilen unzuverlässiger) Satrap Janukowitsch war. Würde die Ukraine prowestlich, rückte der Westen direkt an die Grenze Russlands und gäbe den Machthabern in Moskau das Gefühl, eingekreist zu werden – ein Trauma, das historisch schon Deutschland im Vorfeld des Ersten Weltkriegs aggressiv gemacht hatte.

Lässt Putin zu, dass der Westen über Finanzhilfen eine Europa-orientierte Regierung etablieren kann, wäre das mehr als nur ein Gesichtsverlust für den präpotenten, kleinwüchsigen Putin. Doch es geht auch um handfeste Interessen: die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol auf der Krim – der Stolz Russlands und ein strategisches Faustpfand – hinge in der Luft. Die russisch-stämmige Bevölkerung, nicht nur im Osten der Ukraine, wäre – so die Wahrnehmung in Moskau – den in vor allem in der Westukraine starken rechten Kräften schutzlos ausgeliefert. Putin also muss und wird handeln, um eine Lösung im westlichen Sinne zu verhindern.

Verschärft wird die Situation zusätzlich durch die derzeitige ökonomische Schwäche Russlands: nichts zu sehen vom von Putin versprochenen Wirtschaftswachstum, der russische Rubel weiter im Sinkflug auf Allzeittiefs zum Dollar und zum Euro. Das einzige, was Russland mit seiner ineffektiven ökonomischen Struktur am Leben erhält, sind die derzeit noch hohen Preise für Gas und Öl…

Da müssen schnell Erfolge her – und so ist zu erwarten, dass Putin an den Nationalismus der Russen appellieren wird, um die Bevölkerung auf Linie zu halten. Selbst der ansonsten eher moderate Medwedjew kommentiert bereits in schrillen Tönen die Umbrüche in der Ukraine, und die Tonlage wird sich bald noch weiter verschärfen. Es geht jetzt aus russischer Sicht um Alles oder Nichts – Vorbote einer immer aggressiver werdenden Außenpolitik.

Dabei wissen auch die Machthaber in Moskau, dass sie gegenüber dem Westen am kürzeren Hebel sitzen. Wenn der Ölpreis drastisch fallen sollte, wäre Russland ausgeknockt. Zieht der Westen weiter Liquidität aus Russland ab – ein Prozess der derzeit schon in vollem Gange ist, wie der Rubelkurs signalisiert – droht das Land in eine noch dramatischere Lage zu geraten. Es wird für Putin also jetzt darum gehen, eine Drohkulisse aufzubauen – auch wenn der Westen weiß, dass der russische Bär stark angeschlagen ist. Aber gerade angeschlagene Bären sind besonders gefährlich..

Der erste Schritt dürfte eine militärische Verstärkung der Bastion in Sewastopol sein. Denkbar ist auch, dass Russland Syrien als Faustpfand in die Waagschale werfen wird, nach dem Motto: wenn in der Ukraine keine prowestliche Regierung kommt, sind wir bereit, in der Syrienfrage auf den Westen zuzugehen. Doch das wäre das günstigste denkbare Szenario..

Für die Finanzmärkte aber wird eine Zeit der Unruhe anbrechen. Geopolitische Risiken – die derzeit keine Rolle spielen – werden wieder ein dominierendes Thema an den Börsen. Darauf ist der Westen mental überhaupt nicht vorbereitet, umso heftiger dürfte daher die Reaktion der Märkte ausfallen. Es ist eine Art Fortsetzung des Kalten Krieges – wenngleich die faktischen Machtverhältnisse diesmal recht einseitig verteilt sind.

Dann schlägt erst einmal die Stunde der Bären – ausgelöst durch den angeschlagenen, wild um sich schlagenden russischen Bären..



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3 Kommentare

  1. Die Spiele von Sochi sind/waren der Dreh-und Angelpunkt für den von Außen gesteuerten und inszenieerten Umsrutz. Hätte RU interveniert, wären die beiden US-Zerstörer im Schwarzen Meer zu Hilfe gekommen, und die Spiele wären in einem Desaster geendet. Das wäre angesichts der aktuellen Lage nicht schlimm. Nur verstehe ich noch immer nicht die Schlafmützigkeit des Herrn Janukowitsch und des Herrn Putin. Ich hätte mir die Hände nicht binden lassen. Beim ersten Auftauchen von Aufständischen in Kiew hätte man das Militär einschalten und RU die provisorische Macht übernehmen müssen. Die Amis machen es doch auch, also warum nicht die schüchternen Russen? Angst vor der Weltmeinung? Finanzkonsequenzen? usw. Wer an das Gute des Westens gedacht hat ist ein Idiot und hat die Folgen zu tragen. Der ganze Umsturz war minutiös geplant und wurde geschickt zu einem Zeitpunkt umgesetzt, da die Augen nur nach Sochi blickten. Armes Russland, sich derart zu blamieren! Syrien war schon ein Reinfall, Genf war ein Reinfall, die Russen verschlafen aber auch alles. Traurig aber wahr.

  2. Vor allem im Industriegebiet des Ostens leben knapp 9 Millionen Russen.
    Stalin hat dieses für Rußland wichtige Industriegebiet mit der anektierten Ukraine und dem besetzten Ostpolen zusammengeschmissen.
    Die Ostpolen wurden in die Gebiete der vertriebenen Deutschen umgesiedelt.
    Wenn man gewachsene Strukturen zerstört, bekommt man auf Jahrhunderte Probleme, wie dieses Beispiel zeigt.
    Ukraine heißt übrigens Grenz-oder Militärgebiet.
    Ein russischer Minister hat heute bereits angedeutet, dass man auf den russischen Bevölkerungsanteil achten wird – und der beginnende Nationalismus der Ukrainer schlecht für Europa sei…

    1. den Osten und Süden hat nicht Stalin sondern Chrustschow der Ukraine geschenkt und zwar 1954! Geschenkt ist geschenkt? Russland sollte wirklich schnell handeln und sich sein Geschenk zurück holen. Der Agrarteil in der Westukraine kann überleben, fragt sich bloß wie!

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